Rezension Annelie Wendeberg – Tiefer Fall

“Tiefer Fall” ist der zweite Teil einer Reihe von Krimis von Annelie Wendeberg, die im viktorianischen England des späten 19. Jahrhunderts spielen. Wendeberg verknüpft darin geschickt das Schicksal ihrer Protagonistin Anna Kronberg mit den Figuren von Arthur Conan Doyle – allen voran mit Sherlock Holmes. Teil 2 setzt nahtlos dort fort, wo Teil 1 endet – man muss aber “Teufelsgrinsen” nicht gelesen oder gehört haben, um in “Tiefer Fall” einzusteigen (meiner Meinung nach).

Zum Inhalt:

Anna Kronberg ist es zusammen mit Sherlock Holmes gelungen, den verbrecherischen “Club” auszuheben, der mit bakteriologischer Kriegsführung Geld und Macht erreichen wollte. Als Konsequenz muss sie jedoch ihre Tarnung als Dr. Anton Kronberg aufgeben und sich verstecken. Professor Moriarty gelingt es jedoch, sie aufzuspüren. Er erpresst sie für ihn zu arbeiten, um einen Pest-Erreger für einen kommenden Krieg zu kultivieren. Ein Katz- und Mausspiel beginnt, das Anna notgedrungen akzeptieren muss, um ihren Vater zu retten …

Meine Meinung:

Ich hatte im Vorfeld schon einige Meinungen gelesen, dass der zweite Teil im Verhältnis zum ersten nicht so gut sein sollte. Ich würde das so nicht stehenlassen, eher sagen, der zweite Teil ist anders. Anders als der erste Teil, der deutlich mehr Schwerpunkt auf die Handlung gelegt hat. Im Verhältnis ist der zweite Teil deutlich ruhiger und präsentiert uns sehr ausführlich den Erzfeind von Sherlock Holmes – James Moriarty.

Vielfach wurde auch kritisiert, dass hier Sherlock Holmes nur eine kleinere Rolle einnimmt, das stimmt auch, er ist hier eigentlich die meiste Zeit ein Nebencharakter, aber ich fand das nicht schlimm, sondern plausibel. Wenn Anna eine Gefangene von Moriarty ist, kann sie von Glück sprechen, dass sie überhaupt Gelegenheit bekommt, Kontakt zu Holmes aufzunehmen … Trotzdem hat er in meinen Augen eine tragende Rolle in diesem Roman, die man aber – da man ja mit Kronberg mitlebt und mitfiebert – erst so nach und nach enthüllt bekommt.

Die Nebenrolle von Holmes macht aber auch die Bühne frei für etwas, was mich an diesem Buch am meisten faszinierte – die Beziehung zwischen Kronberg und Moriarty. Beide stehen sich in nichts nach, wenn es darum geht, den anderen zu manipulieren. Als Leser merkt man relativ rasch, dass da aber noch mehr ist. Zwei Charaktere, die es gewohnt sind, sich zu nehmen, was sie wollen – wer wird am Ende wohl als Sieger daraus hervorgehen?

Im Gegensatz zu den klassischen Doyle-Romanen, wo Moriarty zwar als Erzfeind von Holmes eingeführt wird und dort leider relativ blaß bleibt, gibt Wendeberg Moriarty in “Tiefer Fall” sehr viel Raum. Das erlaubt einen genaueren Blick auf seinen Charakter und sein kriminelles Genie. Und obwohl man die längste Zeit seine Methoden und Ziele verabscheut, ist ab und zu auch Raum für Menschlichkeit bei ihm, weswegen man verstehen kann, warum Anna ihm zuerst geplant, dann bis zu einem gewissen Grad freiwillig entgegenkommt.

Ich kann gut verstehen, warum viele an diesem Roman kritisiert haben, dass Anna hier als ein komplett anderer Charakter im Vergleich zum ersten Teil beschrieben. Ich kann ihre Entwicklung aber gut nachvollziehen. Die permanente Furcht, Moriarty könnte ihrem Vater etwas antun, ihre Arbeit, die überall überwacht wird, die Psycho-Spielchen mit Moriarty – wer würde da nicht irgendwann einmal zermürbt werden? Das Stockholm-Syndrom gab es zwar zu jener Zeit noch nicht unter diesem Namen (vermute ich), es hat aber bestimmt schon damals genau solche Situationen gegeben.

Auch der Schluss hat mir sehr gut gefallen – einige Dinge werden dabei klarer, trotzdem bleibt noch einiges offen, was Raum für den nächsten Teil lässt, der im Oktober auf Deutsch erscheinen wird. Und wer sich übrigens schon bei Teil 1 gefragt hat, warum Watson nie über Anna geschrieben hat, bekommt gegen Ende die Antwort :).

Jetzt noch kurz zum Hörbuch: Esther Schweins liest schon wie bei Teil 1 gekonnt und routiniert und verleiht den unterschiedlichen Charakteren unterschiedliche Nuancen. Vor allem die Tonlage von Moriarty fand ich sehr gelungen, mit ihrer Stimme verleiht Schweins Moriarty noch mehr Charisma, das einen als Hörer zeitweise schon ein bisschen erschauern lässt … Verführung pur!

Für Fans von ungekürzten Hörbüchern ist die Fassung wahrscheinlich nichts, denn das Hörbuch hat eine Länge von 6 Stunden und 18 Minuten und trägt den Vermerk “gekürzt”. Ob und wieviel fehlt, kann ich aber nicht beurteilen, ich hatte nicht den Eindruck, dass hier wirklich viel gekürzt worden ist. Fehler oder abgehackt klingenden Passagen sind mir beim Hören nicht aufgefallen.

Mein Fazit:

Ein spannender, aber eher ruhig erzählter Krimi, der weniger Wert auf die Handlung als auf den Tiefgang legt. Das psychologische Katz- und Mausspiel zwischen Kronberg und Moriarty macht hier die Stärke des Romans aus.

  • ★★★★
Loading Likes...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.