Rezension Heather Morris – Der Tätowierer von Auschwitz

Ich erinnere mich, dass ich schon zu Beginn dieses Jahres das erste Mal auf dieses Buch aufmerksam wurde, als es auf Englisch auf einem Blog (glaube ich) vorgestellt wurde. Das Thema fesselte mich sofort, denn Auschwitz ist nun mal nicht unbedingt ein Ort, den man mit dem Kennen und Lieben Lernen zweier Menschen verbindet.

Aus diesem Grund wanderte es einmal auf meine Merkliste, mit dem Hintergedanken es zu lesen, wenn es als Taschenbuch erscheinen würde … Umso überraschter war ich ehrlich gestanden, als ich es im August bereits auf Deutsch – und auch als Hörbuch –  entdeckte.

Der Klappentext:

1942 wurde Lale Sokolov nach Auschwitz deportiert. Seine Aufgabe war es, Häftlingsnummern auf die Unterarme seiner Mitgefangenen zu tätowieren, jene Nummern, die später zu den eindringlichsten Mahnungen gegen das Vergessen gehören würden. Er nutzte seine besondere Rolle und kämpfte gegen die Unmenschlichkeit des Lagers, vielen rettete er das Leben. Dann eines Tages tätowierte er den Arm eines jungen Mädchens – und verliebte sich auf den ersten Blick in Gita. Eine Liebesgeschichte begann, an deren Ende das Unglaubliche wahr werden sollte: Sie überlebten beide.

Eindringlich erzählt Heather Morris die bewegende, wahre Geschichte von Lale und Gita, die den Glauben an Mut, Liebe und Menschlichkeit nie verloren.

Meine Meinung:

Die Geschichte von Lale und Gita ist bemerkenswert, gar keine Frage – und ich sehe das Buch auch als einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen. Es gibt wohl nur ganz wenige Bücher, die von jemandem inspiriert sind, der das Grauen an diesem Ort erlebt und – vor allem – überlebt hat.

Trotzdem hatte ich beim Hören so meine Probleme: Das Eindringliche, das im Klappentext erwähnt wird, habe ich sehr oft einfach nicht spüren können. Der Erzählstil des Buches ist in meinen Augen fast zu sachlich gehalten, trotz der vielen Dialoge, die die Autorin eingefügt hat.

Aus diesem Grund habe ich mich immer wieder gefragt, was ich hier vor mir habe, ein Sachbuch, das Sequenzen eines Romans enthält, oder einen belletristischen Roman, der sich sehr strikt an die Erinnerungen Lales hält. Für mich ist hier irgendwie eine Mischung aus beidem herausgekommen …

Diese Sachlichkeit ist es auch, die mir den Zugang zeitweise sehr schwierig gemacht hat. Irgendwie hatte ich erwartet, mehr Gefühle zu durchleben, stattdessen gingen viele Szenen einfach an mir vorbei, obwohl sie eigentlich etwas in mir hätten auslösen müssen. Nicht einmal die aufkeimende Liebe zu Gita wurde auf diese Weise für mich transparent, irgendwie lernt Lale Gita kennen (soweit man in Auschwitz überhaupt von “Kennenlernen” sprechen kann) und ist dann ruckzuck in sie verliebt, obwohl er recht lange nur sehr wenig von ihr weiß.

Ich möchte aber nicht nur kritisieren, denn wenn Lales Erinnerungen korrekt sind, gab es auch kleine Funken von Menschlichkeit in Auschwitz. Menschen, die im Geheimen versucht haben, den Lagerinsassen zu helfen, und sie vielleicht nicht retten, aber ihnen zumindest das Leben in Form von geschmuggelten Lebensmitteln und Medikamenten leichter machen konnten.

Gerade diese kleinen Momente ließen mich dran bleiben, die Neugier, wer von den Nebenfiguren es denn schaffen würde. Ein Gefühl, das mich leider weniger mit den Hauptfiguren verbunden hat, da ich ja schon vor dem Lesen wusste, dass sie Auschwitz, seine Krankheiten und Foltern überleben würden …

Gut gefallen hat mir auch das Nachwort der Autorin, wo sie das Kennenlernen von Lale als altem Mann schildert. Hier merkt man ihr an, dass ihr Lales Leben wohl doch sehr nah gegangen sein muss, denn sie spricht von einer Lektion in Menschlichkeit … Wenige Worte nur, aber sie konnten mich mehr berühren als das Buch selbst (Obwohl die Geschichte natürlich notwendig ist, um zu verstehen, was die Autorin mit dem Nachwort sagen möchte).

Abgerundet wird das Hörbuch von einigen Anmerkungen, die das weitere Schicksal der beiden Liebenden schildern. Ein sehr passender Abschluss, den es hat mich durchaus interessiert, wie es Gita und Lale nach der Nazi-Zeit ergangen ist. Und damit einher geht auch ein Kompliment an den HörbucHHamburg Verlag, denn oft werden solche Dinge dem Hörbuch-Fan ja leider unterschlagen.

Mein Fazit:

Ich vergebe 4 Sterne aufgerundet, denn summa summarum hat “Der Tätowierer von Auschwitz” bei mir sehr gemischte Gefühle erzeugt. Ich maße mir nicht an zu urteilen, ob die Autorin diesen sachlichen Schreibstil absichtlich gewählt hat (woraus zumindest aus dem Nachwort zu schließen ist), aber so richtig nah ging mir das Buch tatsächlich erst durch das Nachwort …

  • ★★★★
  • Hörbuch
  • 439 Minuten
  • HörbucHHamburg
  • 978-3869524092
Loading Likes...

8 Gedanken zu „Rezension Heather Morris – Der Tätowierer von Auschwitz

  1. Auf diese Rezension habe ich mich schon gefreut, als du mir gesagt hast sie wäre schon in den Startlöchern.
    Irgendwie schade, dass es Dich emotional nicht so abholen konnte wie es Du Dir gewünscht hast, aber vielleicht war diese Schachlichkeit gleichzeitig auch ein kleiner Schutzmechanismus der Autorin, oder man hat es absichtlich so gehalten, um das Buch und die darin beschriebenen Schicksale „verkraften“ zu können?
    Ich habe diesbezüglich immer Probleme bei dieser Thematik. Ich möchte weiterlesen, möchte den Betroffenen dadurch Respekt erweisen, indem ich mich mit ihnen und ihren Schicksalen beschäftige und es nicht vergessen wird, was sie durchmachen mussten…und gleichzeitig kann ich nicht weiterlesen, weil es mich einfach so mitnimmt. Ich befinde mich da also immer in einem kleinen Dilemma.

    Das Buch landet jetzt jedoch fix auf meiner WL.

    Danke für die Rezension!

    Liebe Grüße aus dem Norden,
    Conny

    1. Liebe Conny,

      das mit dem Schutzmechanismus hab ich mir auch schon überlegt. Eben ob es Absicht war, um die Leserschaft nicht zu sehr mitzunehmen. Ich habe das nur nicht so ausführlich in der Rezi niedergeschrieben :D.

      Dass du dich mit solchen Stoffen schwertust, verstehe ich. Ich habe auch gemerkt, dass ich nach dem Lesen einer solchen Geschichte erst einmal wieder eine Pause brauche. Das sind keine Bücher, die man eben mal so nebenher liest, über viele denke ich auch einige Zeit nach dem Lesen noch immer nach …

      Liebe Grüße
      Ascari

  2. Hm, diese Sachlichkeit lässt mich jetzt schon zögern. Eben habe ich mich noch gefreut, dass es das Buch als Hörbuch gibt, aber so wie du es jetzt beschreibst, da kommen mir Zweifel. Vielleicht hat die Autorin bewusst den Abstand gewählt, um Lale und Gita nicht unbewusst zu verkitschen? Die Gefahr besteht bei Liebesgeschichten doch immer. Ich überlege mir das mit dem Hörbuch noch, schön, dass der Verlag diesmal die zusätzlichen Inhalte verarbeitet hat – das hat man wirklich selten.

    Liebe Grüße,
    Nicole

    1. Dass die Autorin das wahrscheinlich absichtlich gemacht hat, könnte schon sein … Wenn du dir nicht sicher bist, ob du es lesen oder hören sollst: Hör dir einfach mal die Hörprobe bei Audible oder Amazon an, da bekommst du recht schnell ein Gefühl dafür, ob dir die Lesung zusagt (Es geht nämlich das ganze Hörbuch in der Machart weiter).

      Ja, das mit den Anmerkungen und dem Nachwort findet man selten, deswegen war es mir es auch wert, es in der Rezension zu erwähnen :).

      Liebe Grüße
      Ascari

  3. Hallo Ascari!

    Schade, dass dich das Hörbuch nicht gefesselt hat. Ich habe das Buch gelesen und es in einem Rutsch gelesen.
    Ja, die Verliebtheit ging etwas schnell und ich hatte das Gefühl, dass hier etwas ausgespart wurde.
    Obwohl man sehr viel erfährt, habe ich es nicht als Sachbuch wahrgenommen, sondern als äußerst spannende Biographie.

    Liebe Grüße
    Sabrina

    1. Liebe Sabrina,

      ich fand das auch schade, denn ich hatte mich wirklich auf das Buch gefreut. Vielleicht waren aber auch die Erwartungen nach “Frankfurt verboten” einfach zu hoch … Und sicher hast du recht, es wäre wahrscheinlich sinnvoller gewesen, es als Biographie wahrzunehmen, aber so wurde es – zumindest für mich – nicht vermarktet …

      Liebe Grüße
      Ascari

  4. Liebe Ascari,

    Schade, dass dir das Buch nicht ganz so gut gefallen hat, wie du es dir erhofft hattest. Mit dem teilweise sachlichen Schreibstil kann ich dir zustimmen. Aber diese unglaubliche Geschichte hat mich trotzdem tief bewegt und erschüttert –nicht unbedingt wegen des Schreibstils, aber einfach wegen der Geschichte selbst. Da brauchte es für mich gar keine tollen Stilmittel oder emotionale Phrasen. Noch verstärkt wurde das emotionale Erleben bei mir durch meinen Besuch der Gedenkstätte Auschwitz. Ich weiß natürlich nicht, wie ich das Buch sonst empfunden hätte. Und beim Hörbuch ist das ja vielleicht noch mal anderes.
    Aber schön, dass sie auch den Epilog und die Nachworte mit ins Hörbuch aufgenommen haben. Die fand ich auch sehr interessant.

    Liebe Grüße, Julia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.