Rezension

Rezension Ken Follett – Kingsbridge. Der Morgen einer neuen Zeit

Ehrlich gestanden hätte ich nicht gedacht, dass Ken Follett noch ein viertes Mal eine Geschichte in und um Kingsbridge erzählen würde. Denn mit “Das Fundament der Ewigkeit” hatte ich das Gefühl, jetzt ist alles gesagt, was zu sagen ist. Die Idee, ein Prequel zu “Die Säulen der Erde” zu schreiben, machte mich allerdings doch neugierig, noch einmal die Welt von Kingsbridge zu betreten.

Ich bin zwar persönlich nicht ganz so ein Fan des Covers, im Vergleich zu den anderen Ausgaben aus der Reihe hebt sich das Schwarz schon ganz schön gewaltig ab im Vergleich zu dem Beige der früheren Bücher, aber da das Buch ja am Ende der “Dark Ages” angesiedelt ist, vermute ich, dass es es auch optisch einen Bezug zu der Zeit darstellen soll.

Der Klappentext:

England im Jahr 997. Im Morgengrauen wartet der junge Bootsbauer Edgar auf seine Geliebte. Deshalb ist er der Erste, der die Gefahr am Horizont entdeckt: Drachenboote. Jeder weiß: Die Wikinger bringen Tod und Verderben über Land und Leute. Edgar versucht alles, um die Bürger von Combe zu warnen. Doch er kommt zu spät. Die Stadt wird beinahe völlig zerstört. Viele Menschen sterben, auch Edgars Familie bleibt nicht verschont. Die Werft der Bootsbauer brennt nieder. Edgar bleibt nur ein Ausweg: ein verlassener Bauernhof in einem Weiler fern der Küste. Während Edgar ums Überleben kämpft, streiten andere um Reichtum und Macht in England. Unter ihnen: der gleichermaßen ehrgeizige wie skrupellose Bischof Wynstan, der idealistische Mönch Aldred und Ragna, die Tochter eines normannischen Grafen …

Meine Meinung:

Es ist mittlerweile schon fast typisch für einen Follett: Unter 1000 Seiten kommt man hier nicht weg, auch das ungekürzte Hörbuch kann eine stolze Länge von fast 29 Stunden aufweisen. Vergleichbar aus dem Genre sind wohl nur die Bücher von Daniel Wolf …

Ken Follett geht in diesem Kapitel seiner Kingsbridge-Serie aber mehrere Jahrhunderte weiter in die Vergangenheit zurück, als Wolf es bisher getan hat. “Kingsbridge. Der Morgen einer neuen Zeit” beginnt nämlich im Jahr 997, geht aber “nur” bis ins Jahr 1007, was – im Gegensatz zu den Erzählzeiträumen in seinen früheren Büchern – eher kurz gehalten ist.

Follett-typisch erleben wir diese Zeit aus der Sicht von verschiedenen Figuren. Da ist einmal Edgar, dritter und jüngster Sohn eines Bootsbauers, der zu Beginn der Geschichte eigentlich mit seiner Geliebten ein neues Leben beginnen möchte und dabei zufällig die Landung der Wikinger beobachtet, die sein bisheriges Leben durch ihren Überfall komplett auf den Kopf stellen.

Dann gibt es die junge, kluge und eigensinnige Ragna, die es sich in den Kopf gesetzt hat, den angelsächsischen Edelmann Wilf zu heiraten, und dies auf recht unkonventionelle Weise durchsetzt. In England angekommen, muss sie allerdings rasch lernen, dass nicht alle aus ihrer neuen Familie von dieser Heirat angetan sind, an vorderster Front Wilfs Halbbrüder Wigelm und Wynstan.

Letzterer ist als Bischof innerhalb der Kirchenhierarchie aufgestiegen, machtgierig und ist darüber alles andere als erbaut, dass es nun eine neue Herrin auf der Burg seines Bruders gibt. Er muss allerdings auch an einer anderen Front kämpfen, denn da ist noch Aldred, der homosexuelle Mönch, der selbst einen gewissen Ehrgeiz an den Tag legt und dem das gottlose Treiben in Wynstans Einflussbereich ein Dorn im Auge ist.

Im Zentrum des Geschehens steht dabei im Verlauf der Geschichte immer mehr der kleine Ort Dreng’s Ferry, der sich nach und nach – nicht zuletzt dank Aldred und Edgar – von einem kleinen unbedeutenden Weiler mit ein paar Hütten zu einem aufsteigenden, wohlhabenden Ort mausert.

Follett nimmt sich viel Zeit, diese Geschichte zu erzählen, es braucht also meiner Meinung nach vor allem im ersten Abschnitt der Geschichte (Insgesamt gibt es vier davon) etwas Geduld, ehe es möglich ist, alle Zusammenhänge zwischen den Figuren zufriedenstellend zu erfassen. Dann aber habe ich mich dabei ertappt, wie es mir zunehmend immer schwerer fiel, das Buch wegzulegen, und immer mehr in die Geschichte eingetaucht bin 🙂 .

Der Autor nimmt sich allerdings auch kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die damaligen Grausamkeiten zu beschreiben. Wer hier empfindlich ist, sollte die fraglichen Passagen vielleicht lieber überblättern. Gleichzeitig entwirft Follett aber auch ein vollständiges Bild jener Zeit, im Guten wie im Schlechten.

Zusammen mit Ragna, die ja in die Fremde um der Liebe willen zieht, lernt der Leser das Leben in England um diese Zeit kennen, die Gerichtsbarkeit, den damaligen christlichen Glauben, der einige Dinge lang nicht so eng sah wie der heutige, das Münzwesen, die Unsicherheit im Land wegen der Wikinger-Überfälle … Folletts Figuren machen es möglich, dies alles aus unterschiedlichen Perspektiven zu beobachten und zu verinnerlichen.

Wer “Die Säulen der Erde” kennt, wird außerdem ebenfalls seine Freude haben zu sehen, wie sich Dreng’s Ferry immer mehr zu dem Ort entwickelt, der dem Leser in Folletts zweitbekanntestem Buch (nach der “Nadel”) begegnet – und der sowas wie die unveränderliche Konstante darstellt, um den sich alle Schicksale drehen.

Gegen Ende gab es allerdings ein Ereignis, das sich mir persönlich nicht so ganz erschlossen hat. Da gelang es mir nicht, die Motive der handelnden Personen zu ergründen und warum sie taten, was sie taten. Das dürfte jetzt zwar etwas kryptisch klingen, das ist mir bewusst. Aber ich wollte es trotzdem erwähnen, da Follett gewöhnlich seine Figuren so gestaltet, dass man weiß, warum sie tun, was sie tun.

Mein Fazit:

“Kingsbridge. Der Morgen einer neuen Zeit” ist ein Follett, wie man ihn kennt (und liebt). Es ist ein ganz großes Abenteuer in einer Zeit, von der heute nur noch wenig bekannt ist. Es ist Unterhaltung gepaart mit einem Einblick in ein Stück englische Geschichte, das massiven gesellschaftlichen Umbrüchen unterworfen war. Und es ist wie meist bei Follett ein ganz klassischer Kampf von Gut gegen Böse. Wer sowas mag, kann bedenkenlos zu dem Buch greifen!

  • ★★★★
  • E-Book
  • 1018 Seiten
  • Bastei Lübbe
  • 978-3-7325-9422-1
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8 Kommentare

  • Livia

    Hallo liebe Ascari

    Von Ken Follett habe ich im Teenie-Alter “Die Säulen” der Erde und “Die Nadel” gelesen, sonst habe ich nie mehr zu einem Buch von ihm gegriffen, obwohl ich das vielleicht wieder einmal machen sollte. Vielleicht sollte ich mir einmal einen Überlick über sein Werk verschaffen und mir dann gezielt etwas auswählen, deine Rezension macht nämlich Lust auf mehr von Ken Follett.

    Alles Liebe
    Livia

    • Ascari

      Hallo Livia,

      wenn es dir ein Trost ist: Ich hab noch lange nicht alles von Ken Follett gelesen, was er geschrieben hat, vor allem viele seiner älteren Bücher kenne ich nicht. Aber ich gebe zu, gerade die “Kingsbridge”-Bücher habe ich ins Herz geschlossen. Wobei wohl “Die Säulen der Erde” immer mein Lieblingsbuch bleiben wird – es fasziniert mich auch heute noch, was die Menschen des Mittelalters auf sich genommen haben, um eine Kathedrale zu bauen … Wenn du Lust auf eine richtig detailverliebte Geschichte hast, die sich über mehrere Jahre bzw. Jahrzehnte erstreckt, kann ich dir auch die Jahrhundert-Trilogie sehr ans Herz legen 🙂 .

      Liebe Grüße
      Ascari

  • Aleshanee

    Schönen guten Morgen!

    Ich mochte die ersten beiden Teile der Reihe sehr! Der dritte Band hat mich dann leider etwas enttäuscht, deshalb weiß ich noch nicht, ob ich den vierten Band lesen werde.

    Den Vergleich mit Daniel Wolf hast du angebracht wegen der Länge? Weil Rebecca Gablés Waringham Reihe, da sind die Bücher auch immer so um die 1000 Seiten dick 😉

    Liebste Grüße, Aleshanee

    • Ascari

      Hallo Aleshanee!

      Stimmt, den Vergleich hab ich wegen der Länge gezogen 😀 … Wobei du natürlich mit Rebecca Gablé auch recht hast, deren Bücher hab ich allerdings noch nicht gelesen. Nachdem es mittlerweile so viele Bände der Waringham-Saga gibt, ist mir da der Überblick abhanden gekommen, wo und wie man einsteigen sollte …

      Wenn du “Die Säulen der Erde” gemocht hast, kann ich dir sein neues Buch aber wirklich empfehlen! Es spielt dieses Mal fast ausnahmslos wieder in England (okay, und ein bisschen in Frankreich) – und ich fand es richtig schön zu beobachten, wie so nach und nach das Setting aus “Die Säulen” entsteht 🙂 . Ich hatte nach dem Lesen von “Kingsbridge” dann auch mächtig Lust, mir “Die Säulen” nochmal anzuhören – einfach um die Geschichte weiterzuverfolgen 😀 .

      Liebe Grüße
      Ascari

      • Aleshanee

        Naja, “wo” es spielt ist mir jetzt nicht so wichtig, mir ging es beim dritten Band wirklich um die Umsetzung und über was er geschrieben hat, da waren einige Kritikpunkte dabei …
        Aber ich werd es mir auf jeden Fall überlegen 🙂

        • Ascari

          Ich hab mir eben nochmal deine Rezi und deine Kritikpunkte zu “Fundament …” durchgelesen. Der Schreibstil ist mir jetzt nicht negativ aufgefallen, aber weil du es schon erwähnt hast: Er wiederholt sich in “Kingsbridge” schon auch an der einen oder anderen Stelle. Allerdings ist es mir nicht als zu negativ aufgefallen, es war für mich noch vertretbar …

          Liebe Grüße
          Ascari

  • Gabi

    Bei solchen Reihen bin ich immer versucht, alle Bände (nochmal) zu lesen. Auch wenn es keine direkten Fortsetzungen sind, ist es doch eine verlockende Aussicht, sich für 4000 Seiten aus der Gegenwart zu verabschieden. Ich mag es sehr, wie ausführlich Follett erzählt, aber man muss schon Zeit und Muße haben, sich darauf einzulassen.
    Und bei solchen “Türstoppern” ist die Hörversion immer mein Favorit.
    Du hast mir auf jeden Fall bestätigt, dass Kingsbridge auf meiner Hör-Liste bleiben muss.
    Liebe Grüße
    Gabi

    • Ascari

      Hallo Gabi!

      Ich habe die Hörfassungen dieser Saga (Kann man glaub ich mittlerweile schon mit gutem Gewissen so nennen, denke ich) sehr geliebt, vor allem die mit Joachim Kerzl, auch wenn sie gekürzt waren. Mittlerweile gibt es ja auch ungekürzte Versionen mit Tobias Kluckert – und ich gebe zu, ich war versucht, mir “Kingsbridge” als Hörbuch anzuhören. Allerdings scheint es dieses Mal nur die Fassung mit Kluckert zu geben – und irgendwie atmet mir der hier ein bisschen zu laut ein. Deswegen bin ich dann doch zum E-Book gewechselt … Ich will dich aber natürlich nicht vom Hören abhalten, denn ansich ist Kluckerts raue Stimme toll 🙂 .

      Liebe Grüße
      Ascari

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