Rezension Lize Spit – Und es schmilzt

“Und es schmilzt” fiel mir schon vor einer ganzen Weile wegen der unterschiedlichen – und zum Teil recht geheimnisvollen – Rezensionen auf. Als ich es dann in der Bücherei bei den Neuzugängen entdeckte, nahm ich es mit, um meine Neugier zu stillen.

Der Klappentext:

Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt.
Mit geschlossenen Augen hätte Eva damals den Weg zu Pims Bauernhof radeln können. Sie könnte es heute noch, obwohl sie viele Jahre nicht in Bovenmeer gewesen ist. Hier wurde sie zwischen Rapsfeldern und Pferdekoppeln erwachsen. Hier liegt auch die Wurzel all ihrer aufgestauten Traurigkeit.
Dreizehn Jahre nach dem Sommer, an den sie nie wieder zu denken wagte, kehrt Eva zurück in ihr Dorf – mit einem großen Eisblock im Kofferraum.

Meine Meinung:

Ich weiß nicht genau, ob ich mir dieses Buch ausgeliehen hätte, wenn ich mich im Vorfeld etwas mehr damit auseinandergesetzt hätte. Bei einem Punkt gebe ich aber meinen Mitrezensenten recht: Dieses Buch ist nach herkömmlichen Mustern schwierig zu beschreiben und zu bewerten. Und ich verstehe sofort, wenn man mir sagt, dass dieses Buch polarisiert.

Gerade der Schreibstil ist ein gutes Beispiel dafür, denn die einen finden ihn toll, die anderen – auf deren Seite ich mich hier leider auch stellen muss – finden ihn ausschweifend und langweilig.

Wobei ich “langweilig” tatsächlich erklären muss, denn eigentlich hätte er mir gefallen, wenn ich mich nicht irgendwann durch die schiere Menge an Text erschlagen gefühlt hätte. 100 Seiten weniger, gefühlte tausend Details weniger, die kaum oder wenig zur Geschichte beigetragen haben – und ich hätte die Geschichte wahrscheinlich als sehr viel intensiver empfunden.

In gewisser Weise muss ich aber anerkennen, dass er zur Geschichte passt, dieser Stil. Diese ausschweifenden Details geben auch hervorragend wieder, wie sehr sich die Ich-Erzählerin in ihrer Familie verloren gekommen sein muss, wie sehr sie sich von ihr distanziert hat, um zu überleben. Es ist also irgendwie nachvollziehbar, warum das Buch erzählt wird, wie es erzählt wird – und trotzdem sorgte genau diese Schreibweise dafür, dass es mich überhaupt nicht abholen konnte.

Wäre ich meinen üblichen Lesegewohnheiten treugeblieben, hätte ich es wahrscheinlich außerdem nach 100 Seiten zur Seite gelegt … Ein Teil von mir blieb allerdings neugierig, wollte wissen, wie es weitergeht, was an diesem Buch dran ist, dass es zum Teil so gelobt, zum Teil so verrissen wird. Also habe ich das Buch teils gelesen, teils überflogen, immer auf der Suche nach dem, was noch kommen sollte.

Was allerdings tatsächlich im Leben von Eva schiefgegangen ist, erfährt der Leser erst auf den letzten 100 Seiten (Was heißt, dass man sich 400 Seiten durch jede Menge Andeutungen und Ausschweifungen “arbeiten” muss). Interessanterweise drängte sich mir auf einmal der Gedanke an Patrick Süßkinds “Parfum” auf, ein Buch, das ja ebenfalls sehr oft wegen seiner Gewaltdarstellung thematisiert wurde.

Wie bei Süßkind sehe ich auch bei diesem Buch eine extrem distanzierte Darstellung der Gewalt, eine Gewalt, die ich deswegen zwar wahrgenommen habe, die mich gleichzeitig aber auch nicht berührt hat. Überhaupt bleibt alles irgendwie auf Distanz, auch für die Figuren konnte ich deswegen keine Sympathie, geschweige denn Empathie entwickeln. Etwas, was für mich sehr oft ein großer Minuspunkt ist.

Wie bereits aber zu Beginn gesagt, “Und es schmilzt” war für mich nicht so leicht zu bewerten. Es kommt für meinen Geschmack sehr viel darin vor, was ich nicht mag, aber es ist definitiv kein Buch, das man so schnell vergisst. Hier heißt es wohl wirklich: Selber lesen und eigene Meinung bilden!

Mein Fazit:

“Und es schmilzt” ist definitiv kein Buch, dass Sympathien aufbauen möchte. Der Schreibstil, die Figuren, deren Beziehungen zueinander – das alles wirkt wie ein kalter Winter, der nicht enden möchte. Wer sich darauf einlassen kann, wird das Buch mögen. Für mich war es genau darum aber sehr, sehr schwierig, einen Zugang zu dem Buch zu finden.

  • ★★★★★
  • Gebunden
  • 512 Seiten
  • S. Fischer
  • 978-3103972825
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11 Gedanken zu „Rezension Lize Spit – Und es schmilzt

  1. Obwohl es dir nicht gefallen hat, hast du es exzellent rezensiert. Eine wunderbare Buchbesprechung vor der man den Hut ziehen muss! Und ich werde um das Buch einen Bogen machen …

    Liebe Grüße,
    Nicole

    1. Danke dir! Ich habe den ersten Entwurf für diese Rezension fast unmittelbar nach dem Beenden des Buchs geschrieben – zu einem Zeitpunkt, als meine Erinnerungen noch sehr frisch waren …

      Liebe Grüße
      Ascari

  2. Also bei diesem Buch weiß ich wirklich nicht, ob ich es lesen möchte oder nicht. Deine Rezi macht mich auch nicht schlauer. 😀
    Ich glaube, ich lasse das mal lieber sein und widme mich anderen Büchern. Mein SuB wird es mir danken. Hihi.

    Ich wünsche dir einen wunderschönen Abend!

    *knuff*

    1. Liebe Steffi,

      einfach in die Leseprobe hineinlesen! Denn du bekommst schon auf den ersten Seiten ein recht gutes Gefühl dafür, was dich stilistisch in dem Buch erwartet. Aber wenn ich nicht sicher bin, ob mich ein Buch wirklich interessiert, lasse ich es auch meistens sein, gebe ich zu. Dafür gibt es einfach zu viele andere Bücher, die spannender klingen 😀 …

      Liebe Grüße und ein gemütliches, langes Lesewochenende!
      Ascari

  3. Hi!

    Vielen Dank für deine Rezi! Ich hab jetzt schon einige gelesen und sie ziehen mich hin und her.
    Lesen werde ich es aber auf jeden Fall, da lässt mich meine Neugier einfach nicht los, das fängt schon bei dem Cover an, aber auch der Klappentext macht mich neugierig. Allerdings erst seit ich weiß, oder auch nicht weiß, dass da einiges dahintersteckt.

    Auf welche Seite ich mich schlagen werde, mal schauen. Manchmal weiß man es ja einfach nicht, denn bestimmte Bücher oder Themen werden von einigen total gelobt und sind tief gerührt, andere wiederum finden es schrecklich oder langweilig.

    Ich finde du hast dein Gefühl beim Lesen sehr gut rübergebracht und ich bin gespannt, wie es mir dabei ergehen wird. Es wird allerdings noch etwas dauern bis ich dazu komme, aber ich bin fest entschlossen 😉

    Liebste Grüße, Aleshanee

    1. Liebe Aleshanee,

      na, dann bin ich neugierig, wie es dir mit dem Buch ergehen wird. In meinen Augen zeigt ja schon die Leseprobe recht gut, worauf man sich beim Lesen einlässt … 😀

      Ich drück dir auf jeden Fall die Daumen, dass es dir mit dem Buch besser geht als mir!

      Liebe Grüße
      Ascari

  4. Sehr sehr schade! Ich kann deine Kritikpunkte zwar verstehen, die du auch absolut gelungen herausgearbeitet hast, kann ihnen aber nicht zustimmen. Insoweit nicht zustimmen, weil ich es ganz anders empfunden habe. Ich fand den Schreibstil, die Distanz, sehr passend – zur Protagonistin, zur Geschichte. Diese hätte intensiv(er) erzählt werden können, aber genau das wäre nicht Eva gewesen.
    Mich hat das Buch direkt abgeholt und einzig einen Hinweis seiten des Verlages/der Autorin hätte ich mir gewünscht!

    Ich bin definitiv gespant was noch von der Autorin kommt! Hab einen gemütlichen Abend (=

    1. Ja, ich schätze, das nimmt wohl auch jeder Leser anders wahr :). Eines ist aber auf jeden Fall sicher: Mit jedem gelesenen (und rezensierten) Buch fällt mir es leichter zu erklären, warum mir etwas gefällt und warum nicht. Das muss aber selbstverständlich nicht für andere gelten, deswegen finde ich es gut, dass wir immer wieder mal konträrer Meinung zu einem Buch sind! Verschiedene Blickwinkel eben – und ich habe noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass wir auch mal beide ein- und dasselbe Buch gut finden ;).

      Liebe Grüße und einen erfolgreichen Start in die neue Woche!
      Ascari

      1. Absolut. Auch das macht Bücher aus, die unterschiedlichen Dinge die ins Auge fallen, stören und ähnliches. Ich glaub ich hatte das schon mal geschrieben? Besonders wenn man unterschiedlicher Meinung ist, gibt es den feinsten Austausch finde ich. Wobei es speziell bei diesem Buch nicht unbedingt einfach ist. Die Art wie die Geschichte erzählt wird, das was darin passiert – aber eine hervorragende Grundlage um über Familiensysteme und andere Themen ins Gespräch zu kommen

  5. Von diesen recht geheimnisvollen Rezensionen habe ich auch ein paar gelesen – ich finde es schon gut, dass nicht zu viel verraten und erklärt wird, wenn man dadurch einfach zu viel vom Buch preisgibt. Aber das heißt wohl, dass man sich wirklich selbst ein Bild machen soll.
    Die ganzen positiven und auch die kritischen Anmerkungen betreffen Dinge, die mich bei manchen Büchern stören, bei anderen wieder nicht. Es kommt auch sehr darauf an, ob meine Lesestimmung es zulässt, dass ich mich mit “anstrengenden” Büchern befassen kann. Deshalb fand ich Deine Rezension sehr hilfreich, weil sie nochmal einen weiteren Eindruck und eine Facette dazugefügt hat. Das Buch bleibt weiter auf meiner Leseliste, wenn auch nicht ganz oben, und ich warte darauf, dass mich die Lust auf diese Art Buch packt.

    LG Gabi

    1. Liebe Gabi,

      Da sagst du was! Für dieses Buch braucht man ganz sicher die richtige Stimmung. Vielleicht wäre ich auch anders an die Geschichte herangegangen, wenn ich vorher gewusst hätte, was mich da – vom Stil her – erwartet. Aber ich bekenne mich frei heraus zur Neugier, daher hab ich es eben einfach ausgeliehen, als es mich da mit seinem grünen Buchschnitt “anlächelte” :D.

      Hab einen guten Start in die neue Woche und liebe Grüße,
      Ascari

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