Rezension

Rezension Louise O’Neill – Du wolltest es doch

Eigentlich habe ich es Janna von KeJas Wortrausch zu verdanken, dass ich dieses Buch jetzt doch noch gelesen habe. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass das Buch bei seinem deutschsprachigen Erscheinen vor zwei Jahren einiges an Staub in der Community aufgewirbelt hat. Nicht nur wegen des Themas, sondern auch wegen der Protagonistin Emma, die alles andere als die klassische Heldin eines Jugendbuchs ist. Damals habe ich zwar die Leseprobe gelesen, fand den Anfang aber nicht fesselnd genug, als dass ich unbedingt dran bleiben wollte … Tja, manchmal braucht es eben die richtige Zeit für das richtige Buch.

Der Klappentext:

Emma ist hübsch und beliebt, die Jungs reißen sich um sie. Und sie genießt es, versucht, immer im Mittelpunkt zu stehen: Das Mädchen, das jeden herumkriegt. Bis sie nach einer Party zerschlagen und mit zerrissenem Kleid vor ihrem Haus aufwacht. Klar, sie ist mit Paul ins Schlafzimmer gegangen. Hat Pillen eingeworfen. Die anderen Jungs kamen hinterher. Aber dann? Sie erinnert sich nicht, aber die gesamte Schule weiß es. Sie haben die Fotos gesehen. Ist Emma wirklich selber schuld? Was hat sie erwartet – Emma, die Schlampe in dem ultrakurzen Kleid?

Meine Meinung:

Puuuuuh! “Du wolltest es doch” ist wirklich nicht einfach. Ein Buch, das gleich mehrere Themen zur Sprache bringt, die in der Vergangenheit oft totgeschwiegen wurden. Sexismus, Vergewaltigung, Victim Blaming, Slut Shaming und noch einiges mehr.

Jetzt verstehe ich auch, warum es in diesem Kontext vielen so schwer gefallen ist, für Emma Sympathien zu empfinden. Denn – und das rechne ich der Autorin sehr positiv an – Emma verhält sich einfach nicht so, wie man es von ihr erwarten würde. Sie ist hochmütig, oberflächlich, sie stiehlt, sie ist eine Zicke … die Liste könnte man noch durch ein paar weitere Punkte ergänzen. Und trotzdem habe ich mich irgendwann beim Lesen ertappt, dass sie mir eigentlich leid tat.

“Der Moment vor dem ersten Kuss ist für mich beinahe besser als der Sex. Beim Sex kann ich mich nicht wirklich fallen lassen, weil ich mich zu sehr auf mein Aussehen konzentriere und darauf, wie ich dafür sorgen kann, dass der Typ mit mir den besten Sex seines Lebens hat […].”

Seite 97

Denn irgendwann merkt man, dass sie es einfach nicht anders kennt, da ihre Eltern den Schein in der Familie bis zum Exzess perfektioniert haben. Das perfekte Leben, die perfekte Karriere – dem wird einfach alles untergeordnet. Kein Wunder, dass man irgendwann den Eindruck bekommt, dass selbst Emma ihr Leben eigentlich nur “schauspielert”.

Echte Gefühle gibt es selten und tauchen nur in ganz wenigen Szenen auf. Und selbst dann sind sie so subtil in Szene gesetzt, dass Emma es nicht einmal bemerkt, so sehr ist sie damit beschäftigt, allen die tolle Freundin und die begehrenswerte Frau vorzuspielen. Auf mich wirkte das ganz so, als ob sie sich permanent von außerhalb die Liebe holen muss, die sie zuhause nicht bekommt … Ich wage sogar zu behaupten, dass dies mitverantwortlich dafür ist, dass Emma auf der fraglichen Party die Drogen eingeworfen hat. Die “perfekt krasse” Emma eben, die es allen zeigen will.

“Wir dachten, du wärst ein anständiges Mädchen, ein Mädchen, dem man vertrauen kann, Emma. Wir dachten, wir hätten dir beigebracht, wie man sich benimmt.”

Seite 187

Die Tat selbst blendet die Autorin aus, was ich gut finde. Denn der Fokus der Geschichte liegt nicht darauf, sondern auf dem, was danach geschieht, womit Emma fertig werden muss – und wobei ihre Familie sie schmählich im Stich lässt. Hier merkt man wirklich, wie sehr auch die Eltern dabei scheitern, hinter ihrer Tochter zu stehen und sie zu unterstützen, weil es einfach nicht in ihre “heile” Welt passt.

An manchen Stellen wirkt die Geschichte zwar nicht ganz aktuell, da mehrere Mal darauf hingewiesen wird, dass Emmas Geschichte in Verbindung mit den sozialen Medien so etwas wie einen Präzedenzfall darstellt. Trifft das wirklich zu, wenn das Buch 2015 (im englischen Original) erschienen ist?

“Röcke, knapp bis unter den Po, Tops, die bis zum Bauchnabel ausgeschnitten sind, und alle trinken sie viel zu viel und stolpern besoffen durch die Straßen. Diese Mädchen legen es doch drauf an, dass irgendwelche Kerle über sie herfallen, und dann kriegen sie das große Heulen.”

Seite 196

Ich hatte jedenfalls beim Lesen den Eindruck, dass die Geschichte etwas früher entstanden sein muss (Welche Jugendliche benutzen denn noch iPods mittlerweile?), es nimmt ihr allerdings nicht die Aktualität. Denn: Unsere Gesellschaft hat in diesem Kontext noch einiges zu lernen – und ich ertappte mich selbst einige Male beim Lesen bei Gedanken, die ich früher nicht in Frage gestellt habe.

In dem Kontext fand ich es auch passend, dass das Buch endet, wie es endet. Es wäre bei Emmas Hintergrund und dem Verhalten ihrer Familie einfach nur ein Wunder gewesen. Nicht dass ich es gutheiße, was Emma tut, aber es ist ein realistisches Ende. Ein Ende, so wie es leider immer wieder vorkommt.

Mein Fazit:

“Du wolltest es doch” ist kein einfacher Stoff, ganz und gar nicht, da die Autorin sich bemüht, das Szenario möglichst realistisch zu zeichnen. Aber selbst als Erwachsene*r kann man hier trotz einiger Längen zu Beginn viel aus der Geschichte mitnehmen, um die eigene Einstellung zu den im Buch behandelten Themen zu hinterfragen.

  • ★★★★
  • Gebunden
  • 368 Seiten
  • Carlsen
  • 978-3551583864
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8 Kommentare

  • Tanja von Der Duft von Büchern und Kaffee

    Hallo liebe Ascari,
    das Buch hatte ich auch schon mal im Blick. Irgendwie ist es mir dann aber wieder in Vergessenheit geraten. Ein Fehler, wie es scheint. Man merkt deiner Rezension an, wie sehr die Geschichte berührt, wie sie teilweise vielleicht auch Stück weit verstört.
    Ich mag es, wenn Geschichten zum Nachdenken anregen und das scheint hier durchaus gegeben.

    Ich wünsche dir einen schönen und entspannten Sonntag.

    Liebe Grüße
    Tanja

    • Ascari

      Hallo Tanja,

      ja, das tut sie wirklich, die Geschichte. Zum Nachdenken anregen, meine ich. Ich habe zwar etwas gebraucht, um in das Buch reinzukommen, aber ich wurde durchaus dafür belohnt :).

      Liebe Grüße
      Ascari

  • Janna | KeJasWortrausch

    Und ich hab mit der Geschichte nciht einmal begonnen … wird aber im neuen Jahr nachgeholt!

    Da ich es noch nicht gelesen habe, kann ich so viel natürlich nicht dazu sagen, aber gerade weil Emma anscheinend sehr spaltet, will ich es lesen! Ein Opfer oder ein:e Überlebende:r muss nicht sympathisch sein, um glaubhaft zu sein oder solch eine Tat erfahren zu müssen. Und das es im Jugendbuch-Genre/Bereich, wie auch immer, erschien finde ich ebenfalls gut, da eben Vergewaltigungen bis heute taburisiert werden, trotz der #metoo-Bewegung und sich die Geschichte laut deinem Einstieg noch mit weiteren Problematiken auseinandersetzt.

    Wie gut das ich es schon hier habe, sonst wärst du jetzt für den Kauf verantwortlich (=

    Muckelige Grüße!

    • Ascari

      Liebe Janna,

      ich bin wirklich froh, dass du mich dazu gebracht hast, es mir in der Bücherei auszuleihen und zu lesen. Da hätte ich doch etwas verpasst, denke ich. Und gerade weil die Protagonistin nicht dem üblichen Klischee entspricht, ein “nettes Mädchen” zu sein, finde ich es gut. Denn damit wird es realistisch, wird es zu etwas, was jedem passieren kann, egal welchen Charakter ein Mensch hat.

      Dir auch liebe Grüße!
      Ascari

  • Livia

    Liebe Ascari

    Das Tolle bei diesem Buch ist: ohne es zu lesen, weiss man sofort, woran man ungefähr ist. Der Titel und das Cover sind im Prinzip die perfekte Triggerwarnung und so kann man sich immer noch überlegen, ob man das Buch lesen will, oder nicht.

    Obwohl ich die Themen heftig finde, habe ich doch schon viel Gutes gehört und das Buch ist schon länger auf meiner Wunschliste. Ich hoffe, dass ich bald einmal dazu greifen kann.

    Ganz liebe Grüsse
    Livia

    • Ascari

      Liebe Livia,

      es ist kein einfaches Buch, also keines, was man mal eben so nebenbei liest, beendet und dann zur Seite legt. Es ist ein Buch, das auch hinterher zum Nachdenken und Reflektieren anregt. Aber ich gebe dir recht: Der Titel ist schon eine sehr gute Triggerwarnung, was in etwa auf einen zukommt. Es geht dann aber noch einen Schritt weiter, weil Emmas Fall zunehmend die Öffentlichkeit spaltet … Mehr sage ich jetzt aber bewusst nicht.
      Bin gespannt, was du dazu sagen wirst!

      Liebe Grüße
      Ascari

  • LeseWelle

    Hallo Ascari!
    Ich wollte schon länger mal bei deiner Rezension zu “Du wolltest es doch” vorbeischauen, aber bis jetzt hatte ich leider keine Zeit dafür. Nun ist es soweit und durch deine Rezension bin ich wieder voll in dem Buch drin.
    Auch ich hatte an vielen Stellen Mitleid mit Emma, denn ich sehe es genauso wie du, ihre Eltern leben ihr das “perfekte” Leben vor und genauso möchte sie auch sein. Schön und begehrenswert und Hauptsache der Mann findet einen gut.
    Das Ende ist wirklich sehr passend, weil es traurigerweise so oft genauso passiert, aber trotzdem wünscht man sich natürlich was anderes.
    Ich finde das Buch sehr wichtig und kann es nur weiterempfehlen!
    Liebe Grüße
    Diana

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