Rezension

Rezension Lundberg & Cavanagh – Unter weiten Adlerschwingen

Anlässlich des diesjährigen #IndieAuthorDayDE habe ich mich zum ersten Mal an ein Genre gewagt, von dem ich tatsächlich noch nie etwas gelesen habe: Gay Romance. Aber der berühmte Tellerrand ist ja schließlich nicht dazu da, um ihn anzuschauen, sondern um über ihn hinweg zu blicken.

Vor einiger Zeit wurde mir Svea Lundberg empfohlen, falls ich einmal etwas aus diesem Bereich lesen wollte. Gesagt, gestöbert, und mit Hilfe von Kindle Unlimited stieß ich auf dieses Buch, das sie zusammen mit Màili Cavanagh geschrieben hat. Beide Autorinnen sind wohl in diesem Genre keine Unbekannten, aber für mich war das im wahrsten Sinn des Wortes ein kleiner Sprung ins kalte Wasser 😁.

Der Klappentext:

Pine Ridge Reservation, August 2018

Armut, Drogen, Gewalt, Suizide – Mit dem grausamen Alltag im Indianerreservat will sich Chayton Callahan nicht abfinden. Weniger noch, als er seine Cousine Janice eines Abends auf einem abgelegenen Schrottplatz findet – missbraucht und halb totgeprügelt. Aus bitterer Erfahrung weiß Chayton, dass die hiesige Stammespolizei nichts gegen Janice’ Peiniger wird ausrichten können, sollte es sich wie befürchtet um einen Weißen handeln. Chayton sieht nur eine Chance: Er muss einen Agenten des FBI überzeugen, sich des Falles anzunehmen.

Doch Special Agent Logan Harris ist nicht freiwillig bei der Indian Country Crimes Unit gelandet. Schuld waren seine große Klappe und seine direkte Art, Missstände offen anzusprechen. Als sich die beiden Männer zum ersten Mal begegnen, ist schnell klar, dass Welten aufeinanderprallen. Hätten Chayton und Logan nicht ein gemeinsames Ziel, würden sie einander aus dem Weg gehen – oder miteinander ins Bett. Eine Zusammenarbeit scheint unmöglich, doch die wenigen Indizien legen nahe, dass der Täter bald sein nächstes Opfer finden wird. Und so versuchen Chayton und Logan gegenseitige Anziehung und Abneigung gleichermaßen beiseitezuschieben, um in der Trostlosigkeit des Reservats eine weitere Tragödie zu verhindern …

Meine Meinung:

Die Geschichte ist abwechselnd aus der Perspektive von Logan und Chayton geschrieben, wobei es mit Chayton losgeht. Chayton hat es nicht leicht, als Lakota kennt er die Probleme seines Volkes nur allzu gut. Als junger Mann hat er die Chance genutzt zu studieren, jetzt lebt er aber wieder im Reservat, um den jungen Angehörigen seines Stammes zu helfen, aus der Armut auszubrechen. Dabei kümmert er sich liebevoll um seine Familie und seine Tiere, geht ganz in der Verantwortung für sie auf.

Logan dagegen ist ein ganz anderer Typ. Eher hitzköpfig, stur und schon mal mit dem Kopf durch die Wand kämpft er unerbittlich für seine Überzeugungen und ist zunächst alles anderes als begeistert, als er in das Reservat mehr oder weniger strafversetzt wird. Trotzdem glaubt er an Recht und Gerechtigkeit deswegen scheut er nicht davor zurück, im Gegensatz zu seinen weißen Kollegen den Fall aufklären zu wollen.

“Er genoss die Stille, die noch herrschte, bevor die Touristen wie jeden Tag zu Tausenden in Bussen hierhergekarrt wurden und wie Heuschreckenschwärme über sie herfielen. Sie begafften ihn und seine Brüder und Schwestern wie Tiere im Zoo. Fotografierten sie, ohne um Erlaubnis zu fragen; fassten sie an, als wären sie Wesen von einem frenden Planeten.”

Chaytons Leben im Reservat – ca. 6 %

Nachvollziehbar, dass dies zunächst einmal in einen ganz gewaltigen Culture Clash mündet, als Chayton und Logan einander das erste Mal begegnen. Trotzdem spürt man als Leser:in schon bald, dass die beiden einander trotz ihrer kulturellen Unterschiede mögen, auch wenn sie dies zunächst zu verbergen versuchen. Das gemeinsame Interesse, den Fall aufzuklären und denjenigen zu finden, der Chaythons Cousine das angetan hat, schweißt die beiden jedoch enger und intimer zusammen, als ihnen (zunächst) lieb ist.

Neben den beiden Hauptfiguren sind es vor allem die Fakten rund um das Leben im Reservat, die dieses Buch für mich sehr interessant gemacht haben. Mir war bewusst, dass die meisten Ureinwohner in Amerika heute in Reservaten leben und dass es ihnen finanziell nicht gut geht, aber ich habe nicht gewusst, dass das Pine Ridge Reservat tatsächlich zu den ärmsten Regionen der gesamten USA gehört. Das Sterbe-Alter der meisten Menschen liegt hier unter 60 Jahren!

“Die Kindersterblichkeit hier liegt um 300 Prozent höher als im restlichen Amerika. Die Selbstmordrate um 150 Prozent. 85 Prozent der Menschen hier haben Alkoholprobleme. Inzest. Häusliche Gewalt. Suizid. Vergewaltigungen. Mord. Das ist hier an der Tagesordnung.”

Chayton zu Logan – ca. 34 %

Lundberg und Cavanagh scheuen sich hier nicht, das Leben im Reservat schonungslos offen zu zeigen. Die Depression, die Resignation, das verlorene kulturelle Erbe sind in jeder Zeile spürbar – in diesem Kontext habe ich vor allem Chayton sehr bewundert, wie hartnäckig er daran festhält, sich und sein Volk nicht aufzugeben. Gerade die kleinen Fragen (Reicht das Geld noch bis zum Ende des Monats? Muss ich jagen gehen, um genügend zu essen zu haben?) sind Dinge, die wir hier uns als im Wohlstand lebende Menschen wohl genauso wenig vorstellen können wie Logan, als er das erste Mal im Reservat eintrifft.

Das Desinteresse der weißen Behörden trägt außerdem das Seine dazu bei, dass die indigene Bevölkerung Logans Hilfe zunächst mit Ablehnung und Skepsis gegenüber steht. Erst nach und nach gelingt es ihnen, die längst überfälligen Untersuchungen der eigenständig sichergestellten Beweismittel durchführen zu lassen, was zu weiteren grauenerregenden Erkenntnissen führt.

“Wir müssen mit der Zeit gehen, aber wir dürfen unsere Traditionen nicht vergessen. Unsere Herkunft. Unsere Werte. Unsere Bräuche. Unsere Sprache. Wir können nicht zurück. Doch wir dürfen uns aber auch nicht eine Lebensweise aufdrängen lassen, die nicht die unsere ist.”

Chayton über die Zukunft – ca. 36 %

Den Schreibstil fand ich in diesem Zusammenhang sehr gelungen, ich habe nicht feststellen können, wer hier welchen Teil der Geschichte geschrieben hat. Was mir jedoch etwas unangenehm aufgefallen ist, ist das unreflektierte Verwenden diverser rassistisch konnotierter Begriffe wie beispielsweise “Roth***”. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass es keine durchgehend einheitliche Bezeichung für die Lakota gab. Zeitweise wechselten die Bezeichnungen jüngeren Datums mit älteren sogar innerhalb der einzelnen Absätze, was mich immer wieder beim Lesen stocken ließ.

Darüber hinaus passieren gegen Ende einige Dinge, die für meinen Geschmack doch ein klein wenig unrealistisch gewirkt haben. Zwar erhöht dies durchaus die Spannung in einem sehr temporeichen Finale, ich habe mich aber die ganze Zeit gefragt, wie das überhaupt möglich sein kann … Und auch den Epilog fand ich persönlich ein klein wenig zu positiv geschildert, da wäre in meinen Augen weniger mehr gewesen.

Mein Fazit:

Ich denke, ich habe instinktiv ein sehr gutes Buch für meinen ersten Ausflug in ein neues Genre erwischt. Ich bin schon bei Hetero-Geschichten einfach nicht für reine Liebesgeschichten zu haben, aber diese Mischung aus einem interessanten Setting, einer guten Portion Crime und zwei sehr unterschiedlichen Typen konnte mich trotz einiger Kritikpunkte auf jeden Fall abholen.

  • ★★★★
  • Taschenbuch
  • 476 Seiten
  • Traumtänzer-Verlag
  • 978-3-947031-23-8
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5 Kommentare

  • Gabi

    Liebe Ascari,

    hach, das freut mich sehr, dass der Ausflug in eines meiner Lieblingsgenres für Dich so positiv verlaufen ist. Ich als Gay Romance Fan bin natürlich beim Lesen Deiner Rezension gleich wieder angefixt, vor allem, weil ich von Svea Lundberg noch nichts gelesen habe und entsprechend neugierig bin.
    Und das bestätigt auch mich darin, sich immer mal lesetechnisch ins kalte Wasser zu stürzen und auch zu Büchern zu greifen, die außerhalb der eigenen Lieblingsgenres liegen.

    Liebe Grüße
    Gabi

    • Ascari

      Liebe Gabi!

      Ich habe tatsächlich geschafft, eine Autorin (bzw. in diesem Fall ein Autorinnen-Duo) zu finden, die du noch nicht kennst? Wui, das kann ich ja fast nicht glauben … So wie ich dich kenne, dürfte dir dieses Buch aber bestimmt auch gefallen – es ist ja “Gay Crime”, wie ich in der Zwischenzeit gelernt habe 😁.

      Liebe Grüße
      Ascari

      • Gabi

        Liebe Ascari,
        ich kann es selbst nicht fassen, dass Du eine Autorin bzw. zwei gelesen hast, die ich als DIE Genrekennerin 😉 noch nicht gelesen habe. Und das, wo die Kombination mit Crime zu meinen Lieblingen gehört!
        Völlig erschütterte Grüße 😉
        Gabi

  • Aleshanee

    Schönen guten Morgen!

    So ein Ausflug ins Unbekannt kann durchaus erfrischend sein. Ich mag das zwischendurch auch – wobei mich jetzt Gay Romance so gar nicht anspricht. Was aber nicht an “Gay” liegt, sondern schlicht an “Romance” 😉

    Verpackt allerdings in einer guten Geschichte darfs durchaus auch bei mir zwischendurch mal romantisch zugehen. Der Hintergrund hier ist definitiv interessant und wie es vielen Menschen dort geht, ist schrecklich und können wir kaum nachvollziehen.

    Zitat: Reicht das Geld noch bis zum Ende des Monats?
    Also das gibts allerdings bei uns auch oft genug, bei vielen. Selbst bei mir.

    Liebste Grüße, Aleshanee

    • Ascari

      Hallo Aleshanee!

      Ich hab mir nach dem Lesen die Mühe gemacht, ein wenig nachzurecherchieren bzw. mir auf Google Maps diese Gegend und die Stadt anzuschauen, in der die Geschichte spielt. Mit Street View wird das alles auf einmal sehr lebendig … Ich bin ja auch nur gelegentlich in dem Genre unterwegs, ich brauche genau wie du eine gute “Verpackung”, aber von der hab ich bei dieser Geschichte reichlich bekommen. 😊👍

      Liebe Grüße
      Ascari

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