Rezension

Rezension Nancy Springer – Der Fall des verschwundenen Lords

Diese insgesamt sechsteilige Reihe um Enola Holmes, die kleine Schwester des bekannten Detektivs, ist mir ehrlich gestanden schon früher begegnet. Bisher hat es aber einfach nicht gepasst, die Bücher genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Trailer von Netflix für die Verfilmung des ersten Buchs hat mich aber erinnert, da war ja noch was … Denn der machte mich nun doch neugierig. Ein junges Mädchen, das bei seiner Mutter fern von gesellschaftlichen Zwängen aufgewachsen ist und das sich nicht so ohne weiteres anpassen will – das klingt eben einfach nur sympathisch :).

Der Klappentext:

Als Enola, die jüngere Schwester von Sherlock Holmes, entdeckt, dass ihre Mutter verschwunden ist, macht sie sich sofort auf die Suche nach ihr. Sie reist dafür heimlich nach London, aber nichts hätte sie darauf vorbereiten können, was sie hier erwartet: Sie wird in die Entführung eines Lords involviert, muss vor mörderischen Gaunern fliehen und sich gleichzeitig vor ihren beiden scharfsinnigen älteren Brüdern verstecken, die auf der Suche nach ihr sind, um sie in ein Internat zu stecken. Wird sie es zwischen all dem Chaos schaffen, ihre Mutter zu finden, den Lord zu retten und dem Internat zu entkommen?

Meine Meinung:

Leider sind bisher nur die ersten beiden Bücher auf Deutsch als Hörbuch erschienen, trotzdem hat diese Geschichte, vorgetragen von Luisa Wietzorek, auch als Hörbuch ihren Charme. Denn der Sprecherin gelingt es durchaus, den einzelnen Figuren eigene Stimmen zu geben, auch wenn sich manche etwas … eigenwillig anhören. Auf diese Weise bekommen vor allem die Nebenfiguren noch zusätzlich Charakter, beispielsweise die Personen, denen Enola in London auf der Straße begegnet.

Auch wenn die Reihe im Sherlock-Holmes-Kosmos spielt, sollte eines einem bewusst sein: Der Fokus der Geschichte liegt ganz klar auf der jungen, etwas altklugen, aber durchaus gewitzten Protagonistin. Mycroft und Sherlock wirken in diesem ersten Band eher wie die Erwachsenen, die wir als Kinder alle gehasst haben, weil sie nur Regeln und Vorschriften im Kopf haben. Trotzdem gibt eine Szene Hoffnung, dass es zumindest zwischen Sherlock und Enola im Verlauf der Serie eine Annäherung geben wird …

“Du kommst bestens allein zurecht, Enola.”

Enolas Mutter vor ihrem Verschwinden

Enola selbst erscheint mir ein wenig widersprüchlich. Zwar ist sie für ihr Alter sehr selbständig und lässt sich nicht so leicht ein X für ein U vormachen, gleichzeitig hat sie aber auch eine etwas naive Vorstellung von der großen, fernen Stadt London. Anfangs macht sie deswegen einige Fehler, die man ihr aber trotzdem verzeiht – denn woher soll sie es auch besser wissen?

Beim Versuch, die Pläne ihrer Brüder zu durchkreuzen, stolpert sie gleich in erstes großes Abenteuer in der fremden Stadt. Und trifft dabei auf eine weitere bekannte Figur aus den Doyle’schen Romanen. Welche das ist, verrate ich jetzt bewusst nicht. Selbst lesen und herausfinden, ist das Motto :).

Bei ihrem ersten Fall geht es um einen jungen Lord, der offensichtlich nicht ganz freiwillig verschwunden ist. Oder doch? Enola kann nicht anders und beginnt auf ihre Art zu ermitteln, die ihrem bekannten großen Bruder jedoch nichts nachsteht. In zumindest einem Aspekt fühlte ich mich hier durchaus an das literarische Vorbild erinnert, ein gewisses Schmunzeln hat sich da beim Hören mehr als einmal auf mein Gesicht geschlichen.

Zwei kleine Kritikpunkte habe ich trotzdem: Die Beschreibungen der Damenbekleidung jener Zeit sind zwar durchaus interessant, in meinen Augen aber auch fast ein wenig zu detailverliebt. Ein bisschen weniger hätte es hier auch getan, auch wenn Enola diese für sie unbequemen Dinge durchaus zu ihrem Vorteil zu nutzen weiß.

Das Ende ist für meinen Geschmack außerdem fast ein bisschen zu schnell da. Da hätte sich die Autorin ruhig noch Zeit für eine oder zwei Szenen mehr nehmen können, um das etwas runder und weniger rasch abzuschließen. Aber gut, es ist ja auch der erste Band, da ist auf jeden Fall noch Potenzial nach oben vorhanden.

Die Geschichte endet außerdem mit einem kleinen Cliffhanger, der auf jeden Fall den gewünschten Effekt hatte: Ich wollte am liebsten sofort weiterhören, um zu erfahren, ob und wie es mit Enola und ihren Brüdern weitergeht. Denn: Jetzt wird es ja offensichtlich erst so richtig interessant!

Mein Fazit:

“Der Fall des verschwundenen Lords” ist eine Geschichte, die sich primär an junge Leseratten richtet, die aber auch für junggebliebene Erwachsene durchaus einen gewissen Charme haben dürfte! Sherlock Holmes-Fans sollten sich darauf einstellen, dass der berühmte Detektiv in dieser Reihe eher nur eine Nebenrolle hat …

  • ★★★★
  • Hörbuch
  • 249 Minuten
  • Der Hörverlag
  • 978-3-8445-3372-9
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11 Kommentare

  • Aleshanee

    Hey, wie schön dass es dir gefallen hat!
    Der erste Band hat mich auch noch nicht 100%ig überzeugt, aber es wird noch besser 😀 Hab schon alle vier Bände gelesen!
    Bin auch sehr gespannt auf den Film, der ab 23. September auf Netflix läuft. Wirst du dir den auch anschauen?

    Liebste Grüße, Aleshanee

    • Ascari

      Hey 🙂

      Eigentlich hab ich ja wegen der Verfilmung angefangen, die Bücher zu lesen :). Und du hast recht, so viel kann ich schon sagen, so richtig erwischt hat es mich eigentlich erst mit Band 2 … Dafür dann aber wirklich heftig! Es ist, als ob Sherlock Holmes auf einmal eine junge Irene Adler als Familienmitglied bekommt :D.
      Ich hatte es eigentlich bereits nach dem Trailer vor. Der sah schon recht vielversprechend aus, obwohl ich mit der Vorstellung von Henry Cavill in der Rolle von Sherlock so ein bissl meine Probleme hatte (Sherlock Homes und gutaussehend – das ist so … naja … ungewöhnlich halt). Jetzt aber erst recht, wo ich die Bücher kenne. Auch wenn ich schon durch den Trailer festmachen kann, dass sie einiges geändert haben (Im Buch-Original ist der verschwundene Lord ja offensichtlich noch ein Kind, dieser Lord dagegen …).

      Liebst,
      Ascari

      • Aleshanee

        Ahhh ok, ich hab die Reihe sehr gerne gelesen und Band 2-4 fand ich wirklich richtig gut!!!

        Die Verfilmung, ja, natürlich freut es mich, weil ich mir Buchverfilmungen einfach gerne anschaue, aber der Trailer – da merkt man schon wieder “Hollywood” anstatt dem tollen britischen Flair, den die Bücher haben. Aber ich lass mich mal überraschen…

        • Ascari

          Ich bewundere dich, dass du nach dem vierten Band aufhören konntest! Ich bin dann auf Englisch umgestiegen … Ein Jahr warten, bis der letzte Band auf Deutsch rauskommt? Oh Gott, nee, ich wär wohl gestorben vor Ungeduld xD . Jetzt wollen noch die restlichen Rezis geschrieben werden, denn wenigstens einmal will ich ne Reihe vollständig auf meinem Blog vorstellen 🙂 .

  • Livia

    Hey liebe Ascari

    Das klingt doch sehr spannend. Ich würde das Buch zwar definitiv lieber lesen als hören, aber ich werde mir die Reihe auf jeden Fall einmal näher ansehen, die ging nämlich bisher immer ein wenig an mir vorbei.

    Alles Liebe und herzlichen Dank für den Tipp
    Livia

    • Ascari

      Hi Livia 🙂

      Lesen ist völlig in Ordnung! Ich bin ja mit Band 3 dann auch auf die Bücher gewechselt, ging nicht anders. Aber ich würde zum Anfangen auf jeden Fall die ersten beiden Bücher empfehlen – so richtig genial wird die Reihe meiner Meinung nach erst mit Band 2 :). Werde die Tage dann die nächsten Rezensionen dazu schreiben …

      Liebe Grüße und gern geschehen!
      Ascari

  • Tanja von Der Duft von Büchern und Kaffee

    Hallo liebe Ascari,
    Krimi ist leider ein Genre, das mir nicht so liegt. Allerdings lese ich dennoch sehr gerne Rezensionen dazu. Ich freue mich, dass du so unterhaltsame Lesestunden mit Enola Holmes hattest. Alleine das, was du über die Protagonistin schreibst – selbständig und klug einerseits, aber andererseits auch ein wenig spontan und abenteuerlustig (was die Reise nach London angeht) – hat mir sehr gefallen. Überhaupt finde ich London als Setting sehr genial. Die Sache mit der detaillierten Beschreibung der Kleidung hätte mich vermutlich auch nur bis zu einem gewissen Punkt interessiert ;o)

    Eine sehr schöne Rezension von dir

    Liebe Grüße
    Tanja

    • Ascari

      Hallo Tanja,

      danke für dein liebes Kompliment! Bist du sicher, dass das nichts für dich ist? Immerhin ist es für junge Leseratten – da kommt zwangsläufig nicht so viel “Crime” drin vor 🙂 …

      Liebe Grüße
      Ascari

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