Rezension Naomi Alderman – Die Gabe

“Die Gabe” ist in gewisser Weise das Buch, das ich immer schreiben wollte, hätte ich die Geduld und den Ehrgeiz, selbst einen Roman zu verfassen. Die Idee, wie unsere Gesellschaft wäre, wenn die Frauen die Macht hätten … Diese Vorstellung hat mich irgendwie schon immer fasziniert. Deswegen war ich auch schon sehr gespannt darauf, was Naomi Alderman daraus gemacht hatte.

Dr Klappentext:

Es sind scheinbar gewöhnliche Alltagsszenen: ein nigerianisches Mädchen am Pool. Die Tochter einer Londoner Gangsterfamilie. Eine US-amerikanische Politikerin. Doch sie alle verbindet ein Geheimnis: Von heute auf morgen haben Frauen weltweit die Gabe – sie können mit ihren Händen starke elektrische Stromstöße aussenden. Ein Ereignis, das die Machtverhältnisse und das Zusammenleben aller Menschen unaufhaltsam, unwiederbringlich und auf schmerzvolle Weise verändern wird.

Meine Meinung:

Naomi Alderman erzählt ihre Geschichte in – sagen wir – Episoden. Dies wird gerade dadurch deutlich, dass das Buch in verschiedene zeitliche Abschnitte (beispielsweise “Noch zehn Jahre”) unterteilt ist und dass die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt wird.

Das bedeutet, dass vieles eigentlich nur angerissen und nicht im Detail auserzählt wird – etwas, was mich doch an der einen oder anderen Stelle ein wenig gestört hat. Die einzelnen Figuren beispielsweise bekommen dadurch verhältnismäßig wenig Tiefe, wirken eher wie ein Mittel zum Zweck, die Entwicklung der Geschichte voranzutreiben.

Trotzdem gelingt es der Autorin sehr gut, ihr Gedankenspiel darzustellen. Was wäre, wenn Männer von heute auf morgen das schwächere Geschlecht sind? Was wäre, wenn Männer Sexismus, Vergewaltigung und Gewalt von Frauen ausgesetzt wären? Sind Frauen die besseren Mächtigen? Diese und noch mehr Fragen beantwortet die Autorin in meinen Augen durchaus zufriedenstellend, auch wenn mich manche ihrer Ideen nicht so ganz überzeugen konnten.

Dabei beschönigt die Autorin nichts, gerade bei den Vergewaltigungsszenen musste ich schon ein- oder zweimal schlucken. Wer hier empfindlich reagiert, sollte die entsprechenden Abschnitte vielleicht lieber überblättern oder gleich ganz einen Bogen um das Buch machen. Besonders die zweite Hälfte des Buch (Ja, ich weiß, es ist ein leichter Spoiler) wirkte auf mich aus diesem Grund eher deprimierend.

Hat man anfangs noch Sympathien für die Frauen, die sich gegen männliche Vorherrschaft, Frauenhandel und Missbrauch zur Wehr setzen, kippt die Stimmung zusehends. Das Ende und die Botschaft, die dieses Ende aussendet, fand ich persönlich recht zwiespältig. Natürlich verstehe ich, dass die Geschichte nur ein Bild, eine Idee sein soll, aber ein Teil von mir weigert sich einfach, die dargestellten Dinge als gegeben hinzunehmen. Und zwar egal, ob nun Männer oder Frauen an der Macht sind.

Was mir jedoch durchaus gefallen hat, sind die Rahmenhandlung bzw. die Einschübe: Zwischen den Abschnitten beispielsweise finden sich Zeichnungen, Auszüge aus alten Dokumenten, E-Mails, die darauf schließen lassen, dass es sich bei dem Roman um eine Art geschichtlichen Erlebnisbericht handelt, der auf wissenschaftlichen Forschungsergebnissen beruht. Das macht den Roman ein ganzes Stück realistischer, auch wenn man natürlich weiß, dass man eine fiktive Geschichte vor sich hat.

Ich gebe zu, dass ich an “Die Gabe” doch recht hohe Erwartungen hatte, die sich für mich aber nur teilweise erfüllt haben. Zu viele Dinge fand ich an diesem Buch einfach … befremdlich. Dinge, wo ich nicht weiß, zu welchem Zweck die Autorin sie in die Geschichte eingearbeitet hat.

Wer meine Tweets verfolgt hat, die ich im Rahmen der #bbfliest Leserunde auf Twitter gepostet habe, wird wissen, was ich meine (Die anderen können sie nachlesen, einfach in der Suche den Hashtag eingeben). Dies lässt mich nun leider doch nur drei Sterne vergeben, obwohl ich mich wirklich auf dieses Buch gefreut habe.

Mein Fazit:

“Die Gabe” war für mich in Summe ein recht zwiespältiges Buch, einiges fand ich sehr gut umgesetzt, einiges dagegen gefiel mir so ganz und gar nicht. Auch mit dem Ende konnte ich mich nicht so wirklich anfreunden … Trotzdem fand (und finde) ich die Idee zu diesem Buch einfach großartig.

  • ★★★★★
  • Klappenbroschur
  • 480 Seiten
  • Heyne
  • 978-3453319110
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23 Gedanken zu „Rezension Naomi Alderman – Die Gabe

  1. Das Buch hätte mich auch gereizt, aber jetzt bin ich eher unsicher. Ich hab es nicht so mit Vergewaltigungsszenen und das klingt ja doch eher heftig. Da der Ausgang des (Gedanken-) Experiments (Frauen missbrauchen ihre körperliche Überlegenheit genauso) schon vorweg genommen wird, kann ich es mir wohl schenken. 🙂

    Liebe Grüße,
    Mona

    1. Liebe Mona,

      dass es dich gereizt hätte, kann ich schon verstehen. Ging mir ja auch so. Aber es kamen darin auch einige Sachen vor, die ich einfach nicht gut fand. Zum Ausgang des Buchs wurde ja eh schon recht viel gespoilert, leider, ich habe mich da schon bemüht, nicht zu viel zu verraten, aber wie immer ist es natürlich eine Gratwanderung. Zu beschreiben, was einem nicht gefallen hat, ohne auf den Inhalt einzugehen, ist nicht so einfach – aber da sag ich einer erfahrenen Rezensentin ja eh nix Neues, stimmt’s? 😉

      Liebe Grüße
      Ascari

  2. Hallo Ascari,

    deine Rezension finde ich sehr gelungen und ich finde es gut, dass du darauf hinweist, dass das Buch durchaus verstörende Szenen beinhaltet.
    Wie du ja bereits auf meinem Blog gelesen hast, steht das Buch ganz oben auf meiner Liste der Dystopien, die ich noch lesen möchte.

    Ich hab schon einige zwiegespaltene Rezensionen zu diesem Buch gelesen, die mich doch zum Zweifeln gebracht haben…auch deine reiht sich da ein.
    Andererseits finde ich es immer spannend Bücher zu lesen, die nicht durchgehend positiv bewertet wurden und mir dann meine eigene Meinung zu bilden. Ich bleibe also dennoch weiter gespannt auf das Buch! 🙂 Die Ausgangssituation ist einfach zu interessant, um es nicht zu lesen!

    Viele Grüße
    Ricy

    1. Liebe Ricy,

      ich bin sowieso immer der Meinung, dass selber lesen immer noch das Beste ist, um herauszufinden, ob man ein Buch mag oder nicht :).

      Ich bin aber umgekehrt auch immer dankbar, wenn andere Leute in ihren Rezis auf Trigger-Szenen hinweisen. Einfach um zu wissen, womit ich rechnen muss. In dem Fall hatten mich diese Szenen allerdings doch recht kalt erwischt, ich hatte nicht erwartet, dass die Autorin da kein Blatt vor den Mund nimmt … Ich wünsch dir aber trotzdem viel Spaß mit dem Buch und bin dann schon auf deine Meinung dazu gespannt!

      Liebe Grüße
      Ascari

  3. Hey Ascari,

    Eine interessante Rezension zum Buch. Ich hatte den Klappentext noch nie wirklich gelesen, deshalb hatte ich mir unter dem Buch etwas ganz anderes vorgestellt. Deine Tweets dazu habe ich aber teilweise gelesen, deswegen wusste ich das mit den Stromstößen noch.
    Schade, dass dir das Buch letztendlich nicht ganz so gut gefallen hat.

    LG, Moni

    1. Liebe Moni,

      letztlich war es eigentlich das Ende, dass es für mich persönlich runtergezogen hat. Mir ist aber auch klar, dass das sehr, sehr subjektiv ist, manch anderer Leser wird vielleicht genau dieses Ende mögen. Eines möchte ich dabei aber auch festhalten: 3 Sterne ist für mich noch immer eine gute Bewertung, so ist das nicht :).

      Liebe Grüße
      Ascari

  4. Mich konnte das Buch leider auch nicht wirklich begeistern. Ich hätte mir etwas mehr Balance gewünscht, denn nicht jeder wird seine Gabe missbraucht haben.

    LG
    Sonja

    1. Es war an manchen Stellen schon etwas einseitig, gell? Aber vermutlich ging es der Autorin darum, Extreme darzustellen und aufzuzeigen, was daraus entstehen kann. Trotzdem ging für mich dabei vieles verloren, viele interessante Details blieben dabei einfach auf der Strecke …

      Liebe Grüße
      Ascari

  5. An diesem Buch kommt man im Internet gerade ja nicht vorbei und es wird ganz schön gehypt. Deshalb habe ich wie du auch ganz schön hohe Erwartungen dran und kann verstehen, ist aber dann immer schwer das die Bücher da dann wirklich mithalten. Somit schade, dass “Die Gabe” dir nicht komplett zugesagt hat. Möchte das Buch persönlich aber trotzdem noch lesen und mir mal selbst ein Bild machen, denn die Prämisse ist sehr interessant und bietet auch viel Potenzial. Etwas problematsich könnte für mich hier aber auch die fehlende Tiefe der Hauptfiguren sein, denn sowas ist mir auch wichtig, gerade in Büchern wie diesen, die doch eine sehr ernste thematik aufgreifen.

    Lg nicole #litnetzwerk

    1. Liebe Nicole,

      lies es! Ich bin immer neugierig darauf, wie andere ein Buch wahrnehmen, das ich selbst gelesen habe. Und ich kann dann ja schon mal sagen, ich bin gespannt auf deine Meinung dazu :).

      Liebe Grüße
      Ascari

  6. Du weißt ja, dass ich Eure Kommentare auf Twitter verfolgt habe und mir da schon Zweifel kamen, ob dieses Buch nun doch so toll ist, wie ich es mir erwartet hätte. Die Thematik finde ich mutig, interessant und fernab vom Mainstream der Dystopien. Leider scheint es doch ein bissl an der Umsetzung zu hapern. Trotzdem behalte ich dieses Buch weiterhin im Hinterkopf und auch weiterhin auf meiner WL.
    Danke für die tolle und ehrliche Rezension, und ich freue mich jetzt schon wieder auf Euer nächstes #bbfliest-Projekt. Ich amüsiere mich da immer köstlichst *g*
    Liebe Grüße
    Conny

    1. Ich bin sowieso immer der Meinung, nur selbst lesen hilft einem herauszufinden, ob man ein Buch wirklich mag oder nicht. Im Sommer wird da übrigens auch eine weitere interessante Dystopie von Fischer herauskommen, die thematisch in eine ähnliche Kerbe schlägt – “Vox” heißt sie. Hab den Klappentext gelesen und war sofort neugierig :D.

      Liebe Grüße
      Ascari

  7. Die Tweets zu #bbfliest habe ich verfolgt und im Laufe der Zeit so meine Zweifel entwickelt, ob das Buch halten kann, was ich mir davon erwarte.

    Bei Deiner Einleitung habe ich heftig genickt, denn ich finde es auch ein sehr interessantes Gedankenspiel, was wäre wenn die Frauen schon immer das Sagen gehabt hätten, wie sähe unsere Welt jetzt aus, welche Moral und Ethik würde herrschen, wie wäre das Zusammenleben gestaltet? Sicher kann man dazu gewisse Voraussagen treffen, denn so individuell wie man als Mensch gerne sein würde 😉 gibt es doch “typisch weibliche” und “typisch männliche” Verhaltensweise und Eigenschaften, die zwar nicht immer, aber doch häufiger dem einen Geschlecht zugeordnet werden als dem anderen. Wobei ich nicht weiß, wie sehr Vererbung und wie stark Erziehung da eingreifen.

    Das jetzige System einfach umzudrehen, fände ich furchtbar langweilig. Man müsste sich eben Gedanken machen, was an einem Matriarchat anders wäre. Mehr langwierige Diskussionsrunden statt Boxvereinen? Förderung von Teamarbeit statt Konkurrenzdenken?

    Selbst wenn das Buch keine Alternative liefert, die man zu 100 % glaubhaft und vielleicht auch nicht wünschenswert sieht, wäre es schon gut, wenn es ein paar Denkanstöße liefern würde. Ich konnte aus Deiner Rezension nicht so ganz entnehmen, ob das so ist und Du ein paar Dinge für Dich herausziehen konntest?

    LG Gabi

    1. Liebe Gabi,

      ich erlaube mir mal dich zu zitieren:

      Das jetzige System einfach umzudrehen, fände ich furchtbar langweilig. Man müsste sich eben Gedanken machen, was an einem Matriarchat anders wäre. Mehr langwierige Diskussionsrunden statt Boxvereinen? Förderung von Teamarbeit statt Konkurrenzdenken?

      Das ist nämlich genau das, was ich in diesem Buch vermisst habe. Ich wollte es nur nicht so offen hinschreiben, weil ich das schon als Spoiler empfunden habe … Da hätte man einfach mehr aus dem Thema machen können, als eben einfach nur die Machtverhältnisse umkehren und den Frauen männliche Verhaltensweisen aufdrücken. Mag ja sein, dass manche Frauen so handeln würden, aber bestimmt nicht alle.

      Ich kann in dem Zusammenhang zwar verstehen, dass die Autorin ihr Gedankenspiel bis zum bitteren Ende durchspielen wollte, aber ich halte das auch für unrealistisch. Da fehlte mir einfach die Differenzierung, die Unterscheidung zwischen guten und schlechten Menschen, und zwar egal welchen Geschlechts … Und dystopische Geschichten leben für mich auch davon, dass sie eine möglichst realistische Geschichte unter bestimmten Voraussetzungen erzählen. Daher konnte ich mich mit dem Ende überhaupt nicht anfreunden, das war mir irgendwie zu platt, zu schwarzweiß. Ich hoffe, du verstehst, was ich sagen will?

      Liebe Grüße
      Ascari

      1. Es kann natürlich gut sein, dass sich die Menschheit ganz anders entwickelt hätte, wenn schon immer die Frauen das Sagen gehabt hätten. Aggressivere Frauen mit Ellenbogen-Mentalität hätten sich vielleicht durchgesetzt und im Laufe der Generationen wären die Frauen durch Evolution und Erziehung ganz genauso geworden, wie heute die Männer sind. Das zu schildern ist sicher einfacher als eine Gesellschaft zu kreieren, die von “typisch weiblichen” Eigenschaften bestimmt ist. Aber das ist auch für mich zu kurz gegriffen und viel von der Grundidee des Buches wird da sicher verschenkt.
        Aber ich rede hier ja nur in der absoluten Theorie, denn ich hab das Buch nicht gelesen. Neugierig darauf bin ich jetzt doch geworden. Mal sehen, ob ich es irgendwo günstig abstauben kann, dann lese ich es vielleicht doch nicht. Ich gebe aber zu, dass es keine wirklich hohe Priorität hat 🙂
        LG Gabi

  8. Ich wollte ja mitlesen, hatte es dann zeitlich einfach nicht geschafft. Meine Leseplanung war leider zu voll! Das Buch habe ich mir ja als engl. eBook gekauft und bin immer noch sehr gespannt, ob ich zum einen alles verstehen werde und ob ich zum anderen zu denen gehören werde, die das Buch super finden oder doch einiges zu kritisieren haben.

    GlG vom monerl

    1. Ich glaube, das schaffst du auf Englisch! Ich hab mal in die Leseprobe hineingelesen, das Englisch kam mir jetzt nicht so extrem schwierig vor. Und logisch, dass du mich jetzt neugierig gemacht hast auf deine kommende Meinung dazu ;).

      Liebe Grüße
      Ascari

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