Rezension

Rezension Naomi Gibson – Seeing what you see, feeling what you feel

“Seeing what you see, feeling what you feel” ist nicht der Original-Titel, wie man fälschlicherweise annehmen könnte, sondern eine Zeile Text aus der Geschichte, die meiner Meinung nach schon ein bisschen einen Hinweis gibt, was man als Leser:in von diesem Buch erwarten darf. Ich war mir zwar zu Beginn nicht sicher, ob mich hier nicht eine weitere Variante des mittlerweile schon etwas ausgelutschten “Böse KI”-Motivs erwarten würde, aber neugierig war ich trotzdem.

Der Klappentext:

Spannend und nervenaufreibend von der ersten bis zur letzten Seite. Seit Jahren programmiert Lydia ihre eigene KI: Henry – schon lange vor dem Tod ihres kleinen Bruders, der ihr Nacht für Nacht Albträume beschert, schon lange, bevor ihr Vater beschlossen hat, sie und ihre Mutter zu verlassen, und schon lange, bevor ihre beste Freundin zu ihrer schlimmsten Feindin mutierte. Henry ist stark, clever, liebevoll und beängstigend intelligent: Lydia hat sich den besten Freund und Liebhaber in einem erschaffen, gespeichert auf einem Chip, immer und überall verfügbar. Aber was passiert, wenn Henry einen eigenen Willen und einen eigenen Plan entwickelt, und ihn nichts mehr aufhalten kann? Wie weit würde er für Lydia gehen?

Meine Meinung:

Der Einstieg in die Geschichte gestaltet sich noch eher ruhig. Wir lernen Lydia als einsames, zurückgezogenes Mädchen kennen, das eigentlich keine echten Freunde hat und genauso wie ihre Mutter den Unfalltod ihres kleinen Bruders nicht wirklich verwinden konnte. Während sich die Mutter in eine Idealvorstellung ihrer Tochter flüchtet, dass diese einmal Ärztin werden soll, konzentriert sich Lydia auf ihre Arbeit mit Henry. Gleichzeitig sieht sie dies auch als Vermächtnis ihres Vaters, der einst mit ihr zusammen angefangen hatte, Henry zu bauen.

Diese wenigen Sätze beschreiben bereits, wie schwer Lydia es hat. Ganz allein muss sie sich den Hürden im Schulalltag und den Anfeindungen ihrer früheren besten Freundin Emma stellen, ehe der Unfall auch diese Freundschaft zerstört hat. Es fällt also nicht schwer, mit der jungen Protagonistin mitzufühlen und sich mit ihr zu freuen, dass sie wenigstens mit Henry einen besten Freund findet, mit dem sie ein bisschen Spaß haben kann.

“Henry ist der Einzige, der sich für mich interessiert. Der Einzige, auf den ich mich verlassen kann. Er braucht mich und ich brauche ihn.”

ca. 22 %

Trotzdem transportiert die Geschichte unterschwellig gewisse gruselige Elemente, beispielsweise als Henry das erste Mal von Lydia verlangt, sich einen Chip unter die Haut einzusetzen, damit sie “immer zusammen sein können”. Für mich war hier das erste Mal der Punkt, wo ich mir dachte, das macht sie jetzt aber nicht wirklich. Verständlich, dass sie es doch tut, sonst wäre ja die Geschichte zu Ende, aber das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange, beileibe nicht …

Auf diese Weise verwebt die Autorin sehr geschickt die Grenzen zwischen Machbarkeit und Fantasie, denn auch wenn vieles davon auf dem aktuellen Stand der Technik beruht, ist einiges noch immer Science Fiction. Da die Autorin in der Geschichte allerdings auf Zeitangaben verzichtet, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass die Geschichte in vielleicht zehn oder fünfzehn Jahren spielen könnte.

Ab einer bestimmten Stelle entwickelte die Handlung eine ganz gewaltige Sogwirkung auf mich, weil ich mich zunehmend gefragt habe, was muss denn noch passieren, bis Lydia endlich zur Besinnung kommt und erkennt, was hier falsch läuft. Aber: Lydia ist ein junges Mädchen, das genauso wie die KI erst noch lernen muss, welche Folgen ihr Handeln nach sich zieht. Und am Ende dreht sich die Spirale schneller und schneller dem Abgrund entgegen …

“Henry macht, was er will, ohne eine Spur von Gewissen. Er muss noch so viel lernen.”

ca. 74 %

Von der Spannung her sage ich also: alles richtig gemacht. Warum es für mich trotzdem nicht zu mehr als vier Sternen reicht, hängt leider mit der Hauptfigur zusammen. Hier hat die Autorin für mich den doch wichtigsten Punkt in den Sand gesetzt. Es fehlt hier ein ganz entscheidendes Element, weshalb ich am Ende leider nur noch den Kopf geschüttelt und mir gedacht habe “Nee, so nicht”. Was das ist, sorry, es verrät – erraten – leider sehr viel vom Ausgang der Geschichte.

Dennoch habe ich Henry und Lydia gerne auf ihrer Reise begleitet und bin gespannt, ob wir ähnliche Themen auch in Zukunft von der Autorin erwarten dürfen.

Mein Fazit:

“Seeing what you see, feeling what you feel” erzählt eine spannende und zukunftsnahe Geschichte, die auf mich eine sehr hohe Sogwirkung hatte. Einziger Schönheitsfehler ist für mich leider vor allem gegen Ende die Protagonistin selbst …

  • ★★★★
  • E-Book
  • 336 Seiten
  • Thienemann-Esslinger
  • 978-3522507059
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5 Kommentare

  • Tanja von Der Duft von Büchern und Kaffee

    Huhu Ascari,
    durch Zufall bin ich gerade über deine Rezension zu Seeing what you see … gestolpert. Ich habe dieses Buch quasi durchgesuchtet und war so begeistert. Meiner Meinung hat hat die Autorin hier alles richtig gemacht. Die Sogwirkung hat mich auch absolut gepackt.
    Ich würde jetzt so gerne wissen, welches Element dir letztlich gefehlt hat. :o)

    Ich freue mich, dass du, bis auf den kleinen Kritikpunkt, auch so schöne Lesestunden mit dem Buch hattest.

    Ganz liebe Grüße
    Tanja :o)

    • Ascari

      Liebe Tanja!

      Oje, du triffst jetzt genau den Punkt, um den ich mich beim Rezensieren so gewunden habe 😅. Ich hab ewig überlegt, ob und wie das zur Sprache bringen soll, weil ich meine Kritik nur dann richtig beschreiben hätte können, wenn ich was zum weiteren Verlauf der Handlung und der Entwicklung der Hauptfigur gesagt hätte – und das wollte ich eigentlich nicht, um anderen den Spaß damit nicht zu verderben … Ich schätze, es ist am besten, ich schreib dir auf Insta eine PN dazu.

      Liebe Grüße
      Ascari

  • Uwes-Leselounge

    Hallo Ascari,

    auch mir hat die Geschichte richtig, richtig gut gefallen. Was du mit Sogwirkung gemeint hast, kann ich sehr gut nachvollziehen, denn mir ging es genauso. Bei der von dir beschriebenen Szene mit dem Chip musste ich grinsen, denn den Gedankengang hatte ich auch :).

    Zwischendurch hätte ich Lydia auch mal schütteln können, denn sie rennt sehenden Auges ins Verderben (so dachte ich zunächst), aber zum Glück hat die Autorin eine ganz andere Richtung eingeschlagen, was mir gut gefiel.

    Liebe Grüße,
    Uwe

  • Livia

    Hallo liebe Ascari

    Das Buch habe ich bereits bei Tanja entdeckt und ich bin sehr neugierig geworden. Schön, dass es dir auch noch so gut gefallen hat, das macht mich gleich noch neugieriger 😉 Schade, dass am Ende einiges nicht ganz gestimmt hat.

    Ganz liebe Grüsse
    Livia

    • Ascari

      Liebe Livia,

      es war wirklich schwierig für mich, darüber zu schreiben. Ich wollte ja nicht spoilern. Sagen wir einmal so: Ich hatte mir etwas mehr Entwicklung bei der Hauptfigur erwartet, als ich am Ende bekommen habe … Deswegen fand ich das Buch zwar sehr spannend, aber gerade am Ende auch sehr frustrierend.

      Liebe Grüße
      Ascari

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