Rezension

Rezension Nora Bendzko – Die Götter müssen sterben

Ich mag Mythen und Sagen, seit ich denken kann. Aus dem Grund war ich auf der Stelle Feuer und Flamme, als ich zum ersten Mal hörte, dass Nora Bendzko ein Buch über Amazonen schreiben würde. Ich durfte vor einiger Zeit auch schon eines ihrer Galgenmärchen lesen, aber hallo, das hier klang einfach noch einmal um ein ganzes Stück spannender. Ich glaube, das letzte Mal, dass die Amazonen in einer Geschichte sehr präsent waren, war in “Xena”, der Fantasy-Serie aus den 90ern, die ich wirklich sehr gern angeschaut habe. Es war also meiner Meinung nach schon lange überfällig, dass diese selbstbestimmt lebende Frauengruppe – egal ob Mythos oder nicht – ihren Weg zurück ins Fantasy-Genre findet.

Der Klappentext:

Troja wird fallen – und die Götter müssen sterben! So besagt es eine Prophezeiung von Artemis selbst., der mächtigen Göttin der Jagd, Herrin des Mondes und Hüterin der Frauen. Wenn die prunkvolle Stadt in Schutt und Asche liegt und das Schicksal der Götter besiegelt ist, sollen die Amazonen die Welt beherrschen. Doch Artemis segnet ausgerechnet Areto, die keine Kriegerin ist, mit ihren Kräften. Wie kann eine wie soe der Macht einer Göttin würdig sein? Aretos Erwählung spaltet die Amazonen in zwei Lager – ein Konflikt, der ihrem Volk im Trojanischen Krieg den Untergang bringen könnte.

Meine Meinung:

Mit etwas mehr als 500 Seiten legt Nora Bendzko gleich ein ordentliches Schwergewicht als Verlagsdebüt vor. Aufgeteilt in fünf Gesänge (was den klassischen griechischen Epen nachempfunden ist) erzählt sie die Geschichte von drei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist einmal Areto, aufgewachsen bei den Griechen, die in Wirklichkeit nichts anderes als frei sein will, frei von Vater und ungeliebtem Ehemann, die ihr ein Leben als treue Ehefrau an der Seite ihres Mannes aufzwingen wollen. Sie bewundert die Amazonen, aus diesem Grund freundet sie sich mit Antiope an, der von Theseus nach Athen verschleppten Amazonenprinzessin.

“In ihren kühnsten Träumen sah Areto sich selbst, wie sie als Amazone mit dem Tod ritt. Fort von allen Zwängen, in einem Regen aus Blut und Knochensplittern, ungeheuerlich frei.”

Buchbeginn

Weiters wird Clete vorgestellt, eine Kriegerin, die bei den Amazonen aufgewachsen ist und den Beinamen Schildhaut trägt. Sie dient Königin Penthesileia, die gezwungen ist, einige schwere Entscheidungen zu treffen, was den schon länger andauernden Krieg in Troja betrifft. Das Schicksal aller drei Frauen wird von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt, als Artemis persönlich Areto auserwählt, ihre Favoritin zu sein – so viel kann ich wohl verraten, da dies auch im Klappentext vorkommt.

Eines möchte ich gleich mal vorab sagen: Wer sich erwartet, hier eine neue Version des trojanischen Kriegs zu lesen, wird bitter enttäuscht werden. Denn der Krieg kommt zwar vor, spielt aber lange Zeit eher eine untergeordnete Rolle. Dafür nimmt sich die Autorin viel Zeit, ihre Figuren und die Beziehungen zueinander bei den Amazonen einzuführen. Außer der Göttin Artemis, dessen Sicht sie in der Ich-Position schildert, werden dabei alle Erlebnisse abwechselnd aus der dritten Person geschildert, was dazu führt, dass einzelne Rückblenden der Heldinnen nicht immer sofort als solche erkennbar sind.

Die ganz große Stärke des Buchs sind dabei ganz sicher die vielen diversen (Neben)Figuren, die bei den Amazonen ohne Benachteiligungen und Einschränkungen leben dürfen, auch in der Liebe ist alles erlaubt, was gefällt, Asexualität wird genauso wie Polyamorie dargestellt. Dabei ist die Autorin auch nicht prüde und lässt uns gleich mehrmals am Intimleben der Amazonen teilhaben, dies nur als Ergänzung zu der Triggerwarnung, die gleich zu Beginn des Buches in die Geschichte eingeflochten wurde.

“Ganz gleich, wer ihr seid und woher ihr kommt, die Göttinnen schützen euch. Vielselige, Frauen und Männer, Sklaven und Freie […] … Uns alle braucht es, damit das Volk der Amazonen besteht. Wir alle sind Kriegerinnen im Herzen.”

S. 100

Die griechischen “Helden” und Götter kommen im Vergleich allerdings weit weniger gut weg, angefangen bei Theseus, der sich als Tyrann aufspielt, über Zeus, der als Vergewaltiger bezeichnet wird, bis hin zu Herakles und Achilles. Dies fand ich etwas schade, nicht dass die Ereignisse nicht den historischen Epen entsprechen würden, aber die Darstellung fand ich etwas einseitig. Hier hätte ich mir definitiv mehr Grauschattierungen gewünscht, besonders weil die Autorin im Nachwort betont, bei manchen Details ihre Fantasie genutzt zu haben …

Schwächen sehe ich außerdem bei den Motiven der handelnden Figuren. Warum tun sie, was sie tun? Warum wird diese oder jene Nebenfigur eingeführt, außer um divers zu sein? Was trägt sie zum Fortgang zur Handlung bei? Für meinen Geschmack verstrickt sich die Autorin fast ein bisschen zu sehr darin, möglichst viele verschiedene Schicksale darzustellen, die von dem Krieg in der einen oder anderen Form beeinflusst werden. Vielleicht wäre in diesem Kontext eine Auflistung der handelnden Personen zu Beginn des Buches eine gute Ergänzung gewesen, weil ich mich zeitweise damit schwergetan habe, mir alle Namen zu merken.

In diesem Zusammenhang war ich außerdem froh, zumindest ein gewisses Grundwissen über die griechische Götterwelt und den trojanischen Krieg zu besitzen, weil mir das einige Dinge beim Lesen sehr erleichtert hat. Vieles wird vor allem gegen Ende sehr rasch erzählt, manches wird für meinen Geschmack auch nicht aufgelöst. Mit diesen offenen Fragen wäre also eine Fortsetzung durchaus möglich, jedoch ist die Geschichte der Amazonen den Worten der Autorin nach auserzählt.

Mein Fazit:

“Die Götter müssen sterben” nimmt sich viel Zeit, um das Schicksal dreier Amazonen zu erzählen, die im und um den trojanischen Krieg gelebt und gekämpft haben. Besonders die diversen Figuren machen das Buch zu einem Vorreiter in diesem Genre, ich finde einige Aspekte der Handlung und die Charakterisierung einzelner Nebenfiguren aber noch verbesserungswürdig.

  • ★★★★
  • Broschiert
  • 512 Seiten
  • Knaur
  • 978-3-426-52611-8
Loading Likes...

9 Kommentare

  • Aleshanee

    Schönen guten Morgen!

    Vielen Dank für den Einblick in diese Geschichte. Irgendwie reizt es mich, aber irgendwie weiß ich auch nicht, ob es mich tatsächlich begeistern könnte. Ich denke, dass ich hier doch ein bisschen etwas anderes erwartet hätte und deine Kritikpunkte auch bei mir negativ auffallen würden …

    Ich wünsch dir noch einen schönen Sonntag!

    Liebste Grüße, Aleshanee

    • Ascari

      Liebe Aleshanee,

      ich würde in diesem Fall ganz diplomatisch sagen: Einfach reinlesen 🙂 . Ich denke, du merkst eh recht schnell, ob dir die Geschichte und Noras Stil gefallen oder nicht. Ich gebe zu, ich hatte mir ein bisschen was anderes erwartet, vielleicht hat mir deswegen das eine oder andere Detail auch nicht so gefallen …

      Liebe Grüße
      Ascari

  • Livia

    Hallo liebe Ascari

    Das klingt wirklich spannend und ich denke, ich werde deinen Tipp an Aleshanee ebenfalls befolgen und einfach einmal reinlesen. Dann merkt man ja meistens ziemlich gut, ob der Stil passt oder nicht.

    Vielen Dank für die sehr detaillierte Buchvorstellung
    Livia

  • Moni2506

    Hey Ascari,

    wenn wir mal das gleiche Buch gelesen haben, dann muss ich dich natürlich auch verlinken. Ich sehe vieles ähnlich wie du. Ich kenne mich mit griechischer Mythologie so gar nicht aus und gerade zum Schluss war ich sehr überfordert, wer da nun gegen wen kämpft und wer auf welche Seite gehört.
    Und auch was du zu den Figuren sagst, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Ich mochte es noch sehr, wie die Götter in Erscheinung getreten sind. Das hatte für mich immer was sehr atmosphärisches.
    Meine Rezension geht es Anfang August online. Das an dieser Stelle noch zur Info.

    LG, Moni

    • Ascari

      Liebe Moni!

      Weil ich neugierig war, habe ich ja einige deiner Lese-Updates dazu gelesen, das weißt du 🙂 … Bin gespannt, was du am Ende dazu sagen wirst, die Meinungen sind auf Goodreads ja recht zwiegespalten, wobei ich einige Kritikpunkte durchaus nachvollziehen kann, auch wenn ich sie persönlich jetzt nicht als so schwerwiegend empfunden habe.

      Liebe Grüße
      Ascari

  • oceanloveR

    Ahoi Ascari,

    bei der Namenliste gebe ich dir absolut Recht, das wäre wirklich hilfeich gewesen (zumal die Namen sich ja auch für das ungeübte Auge auch häufig ähnlich lesen…)! Mich konnte das Buch ansonsten vollends überzeugen – wenn du magst, hier meine Rezension 🙂

    Liebe Grüße
    Ronja von oceanloveR

    • Ascari

      Hallo Ronja!

      Sorry für die späte Reaktion, aber ich musste deinen Kommentar erst mal aus dem Spam-Ordner rausziehen, das waren für WordPress zu viele Links im Text … Deine Rezi lese ich gerne 🙂 .

      Liebe Grüße
      Ascari

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.