Rezension

Rezension Philip Kerr – 1984.4

Wenn mich nicht alles täuscht, wurde ich auf dieses Buch durch die Rezensionen einer anderen Bloggerin aufmerksam. Das Cover und sein offener Bezug zu George Orwells “1984” fesselten jedenfalls sofort meine Aufmerksamkeit. Dann geriet das Buch eine Zeit lang in Vergessenheit, ehe ich es in der Jugendbuch-Abteilung meiner Bücherei wieder entdeckte. Eingezogen ist schlussendlich dann aber als Hörbuch, weil der Sprecher Josef Vossenkuhl mich stellenweise an einen meiner Lieblingssprecher erinnerte.

Der Klappentext:

Wir schreiben das Jahr 2034. Der Staat hat die völlige Kontrolle über Leben und Tod, der geheimnisvolle “Winston” wacht über alle. Die 16-jährige Florence arbeitet aus voller Überzeugung für den sogenannten Senior Service, dessen Aufgabe es ist, ältere Menschen zu enttarnen und zu töten, die sich weigern, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, um Platz für die Jüngeren zu machen. Doch dann verliebt sich Florence in Eric. Und sie beginnt, das System in Frage zu stellen.

Meine Meinung:

Für ein Buch, das offiziell ab 14 Jahren ist, musste ich gleich beim ersten Satz schon mal schlucken … Oder bin ich einfach nur ein zu sensibles Gemüt mittlerweile? Ich fand das jedenfalls gleich eine ziemliche Schockszene, auch wenn man dann lernt, dass es hier erst einmal um eine Simulation geht.

“Florence richtete ihre Waffe auf den Kopf des alten Mannes, der vor ihr kniete und seine vergilbten Hände erhoben hatte; dann drückte sie, ohne zu zögern, ab.”

Buchbeginn

Florence ist 15 und es ist ihr gelungen, einen der der begehrten Jobs als Ruhezustandsvollstreckerin, kurz RUV, zu bekommen, der nur bis 21 ausgeübt werden kann. Dies bedeutet für sie, da sie aus eher einfachen Verhältnissen kommt, eine Möglichkeit aufzusteigen, da man ihr über weite Strecken zu verstehen gibt, dass sie das Zeug dazu hat, zu einer Anführerin aufzusteigen. Der Preis dafür ist nicht weniger, als sich zu einer gnadenlosen Tötungsmaschine ausbilden zu lassen … Erst als Florence etwa zur Hälfte des Buchs Eric Blair kennenlernt, wird ihr bewusst, dass sie so nicht weiterleben möchte und sie setzt alles aufs Spiel, um Eric heimlich wiedersehen zu können.

Aus diesem Grund konzentriert sich die erste Hälfte des Buchs auf das System und auf Florence, während die zweite Florence’ und Erics Gefühle beleuchtet und den ersten zarten Widerstand beleuchtet, den die beiden beginnen, um sich treffen zu können. In weiterer Konsequenz teilt dies die Geschichte aber auch in zwei Hälften, in eine, die ich richtig genial fand, und in eine, die eher meh umgesetzt wurde.

“Nur wenn wir alle zustimmen, unser Leben zu beenden, sobald wir nicht mehr nützlich sind, können wir sicherstellen, dass wir für die Gesellschaft nicht zur Last werden.”

ca. 56 %

Während Kerr das unmenschlich agierende System, in dem nicht mehr nützliche Menschen einfach ausgemerzt werden, mit seiner distanzierten und kühlen Erzählweise noch grausamer wirken lässt, zieht derselbe Stil die Liebesgeschichte ziemlich den Bach hinunter – und leider greift der Autor auch noch zu einem Stilmittel, das schon generell im Jugenbuch-Genre sehr stark ausgewalzt wurde: Instalove. Das ist etwas, was man meiner Meinung nach deutlich intelligenter hätte lösen können, beispielsweise indem der Autor Eric schon früher in den Plot eingebaut hätte …

Während Florence anfangs als Teil des Systems sehr, sehr glaubwürdig wirkt, konnte ich mit ihrer Wandlung quasi vom Saulus zum Paulus weniger anfangen. Es gibt zwar bereits erste Anzeichen, die starke Anspielungen auf das Originalbuch von Orwell beinhalten, aber so richtig schlüssig wirkte die Wandlung nicht auf mich …

Diese Anspielungen sind es aber wohl auch, mit denen gerade Fans des Originals sicher ihren Spaß haben dürften. Ich habe das Buch zwar einmal gelesen, es ist aber schon einige Zeit her. Dank Wikipedia konnte ich immerhin einiges auffrischen und damit auch Dinge erkennen, die mir sonst vermutlich verborgen geblieben wären (Beispielsweise ist Eric Blair der bürgerliche Name von George Orwell).

“Seien Sie glücklich in Ihrer Arbeit. Und denken Sie immer dran: Winston beobachtet Sie.”

ca. 11 %

Darüber hinaus sind mir zwei Patzer bei der Übersetzung aufgefallen, da ist anfangs einmal von einem “Me Channel” die Rede, während später von einem Ich-Kanal erzählt wird (Das soziale Medium, das in diesem System zugelassen ist), ein zweiter Fehler ist durch eine Abkürzung etwas besser verschleiert worden, ist mir aber trotzdem aufgefallen.

Das Ende der Geschichte ist – na, sagen wir – etwas gewöhnungsbedürftig und sicher nicht das, was den Erwartungen entspricht. Ich bin hier ja selbst recht wählerisch, aber zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass ich damit leben konnte. Ich schätze, dass Kerr damit ein ganz bestimmtes Ziel verfolgt hat, auf das ich jetzt allerdings wegen Spoiler-Gefahr nicht näher eingehen werde.

Josef Vossenkuhl als Sprecher des Hörbuchs sagte mir bisher noch nichts, stellenweise erinnerte mich seine Stimme ein bisschen an den Sprecher von Robert De Niro. Es gelingt ihm aber, durch seine Sprechweise gleichzeitig den eher nüchternen Stil des Autors zu unterstreichen und den handelnden Personen mehr Tiefe zu verleihen, aus diesem Grund kann ich mit gutem Gewissen vier Sterne für das Hörbuch vergeben.

Mein Fazit:

“1984.4” ist quasi die moderne Jugendbuch-Variante von George Orwells “1984”, Kerr nimmt sich aber einige Freiheiten, um das Buch jüngeren Lesern nahezubringen. Nicht alle dieser Stilmittel sind gut, jedoch konnten mich sowohl das Setting als auch die vielen Anspielungen auf das Original sehr begeistern.

  • ★★★★
  • Hörbuch
  • 503 Minuten
  • Sound Neverrest
  • B08SVVVHZ9
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2 Kommentare

  • Livia

    Hallo liebe Ascari

    Deine vielschichtige Rezension gefällt mir sehr gut, sie lässt wirklich super erahnen, worauf man sich bei diesem Buch einlässt. Ich habe 1984 immer noch nicht gelesen (aber immerhin “Animal Farm”) und möchte das sehr gerne einmal tun. 1984.4 sollte man dann vielleicht am besten direkt anschliessend lesen, ja? Damit man auch alle Anspielungen versteht und sich vor allem noch erinnert 😉

    Alles Liebe
    Livia

    • Ascari

      Hallo Livia!

      Ja, das ist sicher eine gute Idee, denn dann sind die Erinnerungen noch ganz frisch – und es fällt dir vermutlich dann noch mehr auf als mir :D.

      Liebe Grüße
      Ascari

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