(Kurz)Rezension Ruth Kaufmann – Die lange Nacht der gelben Sterne

“Die lange Nacht der gelben Sterne” ist ein Buch, das dank Selfpublishing das Licht der Welt erblicken durfte. Entdeckt habe ich es, als ich mir die Ausstellung “Bertl & Adele” angeschaut habe, die das Leben zweier jüdischer Kinder während der NS-Zeit in Graz nachzeichnet.

Der Klappentext:

Ruth Kaufmann zeichnet in diesem Buch den Lebensweg ihres Vaters nach – eines Überlebenden, der die gegen die Juden gerichteten Vernichtung, Verfolgung und Vertreibung während der NS-Zeit überlebte.

Meine Meinung:

Bertl bekommt zu seinem neunten Geburtstag von seiner Großmutter ein Tagebuch geschenkt. Nichts Außergewöhnliches, möchte man meinen. Aber Bertl ist Jude und lebt mit seiner Familie in Graz. 1933 ist die Welt noch verhältnismäßig in Ordnung und Bertl notiert beispielsweise, dass er seinen Hund sehr lieb hat. Die Schatten der Zeit werden jedoch länger, plötzlich darf er nicht mehr in sein geliebtes Augartenbad gehen, wird er wegen seines Judentums gehänselt. Und dann auf einmal heißt es, Österreich gehört nun zu Deutschland, und die Synagoge in der Stadt geht in Flammen auf …

Ich gebe zu, ich wurde auf dieses Tagebuch erst durch die Ausstellung aufmerksam. Auszüge davon werden nämlich in Plakatgröße präsentiert. Die Einträge mögen einfach und schlicht geschrieben sein (Schließlich ist der Verfasser anfangs ein Kind), aber gerade diese einfachen Worte üben einen ganz eigenen Zauber aus. Als Leser weiß man schließlich, wohin sich die Geschichte entwickeln wird – das Kind dagegen versteht nicht, warum ihm sein Umfeld immer feindseliger gegenüber steht …

Dann findet die Reichskristallnacht statt und für Bertls Familie beginnt eine Odyssee, während der Bertl erwachsen werden muss, für die typischen Gefühle der Pubertät ist (fast) keine Zeit.

Bertls Einträge werden zu diesem Zeitpunkt kürzer, die Pausen dazwischen länger, vieles bleibt ungesagt – und trotzdem hat man das Gefühl, dass zwischen den Zeilen jede Menge erzählt wird. Ein Schicksal, wie es wohl viele Flüchtlinge jener Zeit erlebt haben und dass gerade deswegen Parallelen zur Gegenwart aufweist.

Mein Fazit:

Kein NS-Schicksalsbuch im herkömmlichen Sinn, weil man im Nachwort außerdem einen Sachtext zu lesen bekommt, wie viele Juden vertrieben wurden – und wie wenige wieder in die alte Heimat zurückgekommen sind. Auf jeden Fall empfehlenswert, auch für den Schulunterricht für Jüngere!

  • ★★★★
  • Taschenbuch
  • 194 Seiten
  • CreateSpace
  • 978-1522820185
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7 Gedanken zu „(Kurz)Rezension Ruth Kaufmann – Die lange Nacht der gelben Sterne

    1. Liebe Anja,

      wenn du gerne Bücher im Tagebuchstil – so wie das Anne Frank Tagebuch – liest, ist es bestimmt etwas für dich. Mich hat es schon deswegen sehr berührt, weil ich die erwähnten Orte hier in Graz natürlich kenne …

      Liebe Grüße
      Ascari

  1. Liebe Ascari,
    da bist du ja wirkich über ein außergwöhnliches Buch gestolpert! Es passt sehr zu meinem derzeitigen Lesen. Ich werde es mir merken. Dieses Jahr habe ich auch “Das Tagebuch der Anne Frank” gelesen. Dieses wäre eine interessante Ergänzung aus österreichischer Sicht. Danke.
    GlG vom monerl

    1. Liebe Monerl!

      Es ist – glaube ich – doch ein bisschen anders als das Tagebuch der Anne Frank. Das ist doch ein längeres, recht detailliertes Buch im Vergleich gewesen … Für mich war es auf jeden Fall etwas Besonderes, weil es natürlich einen direkten Bezug zu meiner Heimat hat.

      Liebe Grüße
      Ascari

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