Rezension Ruth Ware – Im dunklen, dunklen Wald

Eigentlich war ich mir nicht sicher, ob mich dieses Buch wirklich interessiert. Aber dann kam die dunkle Lesenacht und im Vorfeld war so viel Begeisterung zu spüren, dass ich nicht widerstehen konnte, mich anzuschließen. Und da ich noch ein Guthaben für ein Hörbuch offen hatte, dachte ich mir, schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe :).

Zum Inhalt:

Nora ist 26, Schriftstellerin und hat zu ihren früheren Freundinnen aus der Schulzeit keinen Kontakt mehr. Umso mehr ist sie erstaunt, als eines Tages ein E-Mail eintrudelt, in dem sie zum Junggesellinnenabschied ihrer ehemaligen besten Freundin Clare aus Kindertagen eingeladen wird. Obwohl ihr unwohl bei dem Gedanken ist, sagt sie zu, das Wochenende mit ihr größtenteils fremden Leuten in einem einsamen Haus mitten im nordenglischen Wald zu verbringen … Eine Entscheidung, die sie schon bald bitter bereuen wird.

Meine Meinung:

Die ersten Kapitel dieses Romans habe ich wirklich sehr, sehr rasch durchgehört – nicht zuletzt dank der Stimme von Julia Nachtmann, der Sprecherin dieses Hörbuchs. Dieses eher tiefe und ruhige Timbre verleiht dem Hörbuch eine ganz eigene und für diese Geschichte sehr passende Stimmung. Obwohl am Anfang eigentlich nicht sehr viel passiert, schafft Nachtmann es, dass man schon bei dem E-Mail sich fragt, was wohl kommen wird, welcher Thrill einen erwarten wird.

Das erste Drittel dieses Buches fand ich wirklich großartig. Ruth Ware schildert hier das Treffen und Kennenlernen der unterschiedlichen Figuren und die erste Zeit in der Hütte im Wald miteinander. Besonders den Dialogen konnte ich hier sehr viel abgewinnen. Die gegenseitigen Antipathien treten schon sehr bald zutage, werden aber nur sehr subtil ausgeführt. Ein gutes Beispiel ist die Hauptfigur Nora, die zu Schulzeiten noch Lee genannt wurde. Obwohl sie mehrmals darum bietet, nicht mehr Lee genannt zu werden, wird dies gekonnt von den anderen ignoriert.

Leider konnte die Autorin das Niveau für mich nicht bis zum Ende des Buches halten. Für meinen Geschmack verliert sie sich vor allem im Mittelteil in vielen Details, die die Handlung eher schlecht als recht vorwärts bringen. Viele Andeutungen, wenig Konkretes, nur weitere Andeutungen. Dies war auch der Punkt, wo ich gemerkt habe, dass ich mit den Figuren nicht warm wurde … Wirklich jeder hatte etwas an sich, was sie oder ihn unsympathisch machte, auch die Hauptfigur Nora.

Mit der Zeit wurde meine Abneigung gegen sie sogar noch stärker, weil sie immer wieder jammerte, warum sie und jenes nicht tun wollte, aber nichts unternahm, die für sie unangenehme Situation zu verbessern. Ich hatte sogar den Eindruck, dass sie genau merkte, dass sie dabei von den anderen manipuliert wurde – und es bewusst geschehen ließ. Besonders gegen Ende merkte man das noch einmal sehr deutlich, wo ich ihr am liebsten zugerufen hätte: Tu es nicht, das ist ein Fehler! Und natürlich tut sie es trotzdem und reitet sich damit rein …

Das Buch hätte eigentlich alles, was es für einen zugegebenermaßen fast klassisch anmutenden Thriller braucht, aber die Autorin lotet in meinen Augen nicht aus, was die Geschichte hergeben würde. Vergleicht man die Entwicklung der Handlung mit einem fahrenden Auto, kommt es viel zu lange aus dem zweiten Gang nicht heraus, um dann erst im letzten Drittel recht abrupt in den vierten bzw. in den fünften Gang zu schalten. Die anfangs erwähnten Geheimnisse versprechen dabei außerdem mehr, als sie halten können.

Die Auflösung war für mich leider keine übermäßig große Überraschung … Wenn sogar ich (wo ich fast immer daneben liege, wer der Täter ist) eine Idee habe, was passiert sein dürfte, ist das kein Pluspunkt für den Krimi-Anteil der Geschichte. Zugute halten muss ich allerdings, dass ich der Geschichte trotz der Sprünge von Ort und Zeit gut beim Hören folgen konnte.

Mein Fazit:

“Im dunklen, dunklen Wald” ist für mich eine Geschichte, die stark angefangen hat, sich dann aber in meinen Augen zu vielen Details verloren hat. Zu viel Hin und Her, was nicht die Spannung fördert, sondern mich eher ungeduldig werden ließ … Den dritten Stern gibt’s für die großartige Lesung, die sich vor allem für dunkle Abend- und Nachtstunden im Herbst und Winter empfiehlt :).

  • ★★★★★
  • Hörbuch
  • 634 Minuten
  • Der Audio Verlag
  • 978-3862318315
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9 Gedanken zu „Rezension Ruth Ware – Im dunklen, dunklen Wald

  1. Was war ich gespannt auf deine Rezension!

    Abgesehen von deinen Nora-Eindrücke erging es uns ähnlich & doch ganz anders … Begeisterter Einstieg für mich, um im zweiten Mittelteil nochmals mit Spannung aufzuwarten ~ Ich muss ja nun auch nicht meine Rezi hier wiederholen 😀

    Aber ich kann deine Bewertung absolut nachvollziehen & fands toll, das du dich zum mitlesen|hören bei der #dunklelesenacht entschieden hattest, war ein toller Abend [Nacht] 😉

    Ganz liebe Grüße!

  2. Ich fand es auch sehr spannend, wie unterschiedlich – und auch wieder nicht – wir alle dasselbe Buch wahrgenommen haben :).
    Und ja, es war ein toller Abend, da kann ich nur beipflichten!

    Liebe Grüße
    Ascari

  3. Liebe Nisnis,

    jetzt habe ich deine Rezi nochmal gelesen, um auch ja keinen Blödsinn zurückzuschreiben ;). Und du hast recht, wir teilen in vielen Punkten dieselbe Meinung. Du warst allerdings etwas freundlicher, was die Sterne angeht :D. Ich hätte das Buch vielleicht auch besser bewertet, wenn mich Nora mit der Zeit nicht soooo geärgert hätte … Aber Charaktere, die sehenden Auges in den Untergang laufen, haben bei mir meistens einen schweren Stand.

    Liebe Grüße
    Ascari

  4. Eine tolle Rezension, die ich ganz gut nachempfinden kann.
    Ich hatte es ja auch als Hörbuch gehört und hätte es als Buch wohl definitiv abgebrochen.
    Bei Hörbüchern bin ich etwas toleranter und wie Du schon in dem anderen Beitrag erwähnst, die Sprecherin riss einiges raus 🙂
    Es ist aber auch interessant auf verschiedenen Blogs zu sehen, wie die Meinungen auseinander gehen.
    Liebe Grüße
    Ela

  5. Hallo Ela!

    Ja, das ist mir auch aufgefallen, wie unterschiedlich die Leser das Buch wahrgenommen haben … Ob ich es als Buch abgebrochen hätte? Gute Frage. Ich weiß es nicht.

    Liebe Grüße
    Ascari

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