Rezension

Rezension Ursula Poznanski – Cryptos

Wenn man sich seit einiger Zeit auf etwas verlassen kann, dann das, dass es im Sommer wieder etwas Neues für Jugendliche von Ursula Poznanski zu lesen gibt. Wobei ich ja sicher nicht die einzige bin, die mittlerweile ihre Jugendbücher fast lieber liest als ihre Bücher für Erwachsene. Denn: Die Autorin beherrscht es meistens wie kaum jemand sonst, einen schon nach den ersten Seiten so in ihre Geschichte zu ziehen, dass es schwerfällt, das Buch zur Seite zu legen. Wobei ich schon sagen muss, dass bei mir bei “Cryptos” dieses Mal nicht ganz so eine starke Sogwirkung eingesetzt hat, wie ich es von früheren Büchern kenne.

Der Klappentext:

Wohin gehen wir, wenn wir nirgendwo mehr hinkönnen?

Kerrybrook ist Janas Lieblingswelt: Ein idyllisches Fischerdorf mit viel Grün und geduckten Häuschen. Es gibt Schafe, gemütliche Pubs und vom Meer her weht ein kühler Wind. Manchmal lässt Jana es regnen. Meistens dann, wenn es an ihrem Arbeitsplatz mal wieder so heiß ist, dass man kaum mehr atmen kann.
Jana ist Weltendesignerin. An ihrer Designstation entstehen alternative Realitäten, die sich so echt anfühlen wie das reale Leben: Fantasyländer, Urzeitkontinente, längst zerstörte Städte. Aber dann passiert ausgerechnet in Kerrybrook, der friedlichsten Welt von allen, ein spektakuläres Verbrechen. Und Jana ist gezwungen zu handeln …

Meine Meinung:

Im Jugendbuch-Bereich kennt man Ursula Poznanski eigentlich für ihre technik-lastigen Themen, für die sie gern männliche Protagonisten einsetzt. “Cryptos” tanzt hier ein wenig aus der Reihe, folgt eher der Tradition der “Eleria”-Trilogie, wo ebenfalls ein Mädchen um das Überleben in einer dystopischen Welt kämpft.

“In den alternativen Welten fühlt das Leben sich so viel besser an. Als hätte die Realität ein Upgrade bekommen.”
2%

Jana ist 17 und ist gleichzeitig die jüngste Weltendesignerin bei Mastermind, der Firma, in dessen Auftrag sie bereits drei Welten entworfen und designt hat. Wie alle Mitarbeiter ist sie dazu angehalten zu verfolgen, wenn es irgendwelche Auffälligkeiten gibt – und dies passiert bereits nach den ersten Seiten, denn die virtuellen Bewohner von Kerrybrook verschwinden auf einmal aus dem System und niemand weiß, was ihnen zugestoßen ist. Gleichzeitig wird klar, dass auch in der realen Welt merkwürdige Dinge geschehen …

“Ich liebe es, Spielwiesen für andere zu erschaffen und dann zu sehen, wie sie sie mit Leben füllen. Früher hießen die Designer Creators, und genauso fühle ich mich.”
15%

Mit Jana konnte ich mich sofort identifizieren, sie liebt ihren Beruf, ist mit Herz und Seele dabei und scheut auch nicht davor zurück, unbequeme Fragen zu stellen, um das Rätsel zu lösen. Gleichzeitig ist sie ihren Freunden gegenüber loyal und nimmt auch Risiken in Kauf, um diese zu beschützen. Diese Eigenschaften muss sie in der Geschichte gleich mehrmals unter Beweis stellen, denn Poznanski schenkt ihr nichts, vor allem das erste Drittel der Geschichte ist sehr rasant geschrieben und beschert damit auch dem Leser durchaus ein gewisses Herzrasen …

Dann kommt es jedoch zu einem Schnitt – und die Geschichte wird auf einer anderen Ebene weitererzählt. Hier war für mich ehrlich gestanden auch das erste Mal der Punkt erreicht, wo ich nicht ganz verstanden habe, warum Jana die komplett neue Situation so widerspruchslos und ohne Zweifel akzeptiert. Wäre ein normaler Mensch hier nicht misstrauisch und würde erst einmal eine ganze Menge Fragen stellen?

Das größte Problem habe ich aber nach dem Beenden des Buchs damit, zwei verschiedene Informationen miteinander unter einen Hut zu bekommen, die man im Verlauf der Geschichte erfährt.

SPOILER

Zu Beginn heißt es, alle Mastermind-Mitarbeiter sind dazu angehalten, Ausfälle zu prüfen. Später erfährt man, dass diese Ausfälle schon seit drei Jahren immer wieder vorkommen. Da frage ich mich schon, warum in dieser langen Zeit erst jemand wie Jana kommen muss, um hier genauer nachzufragen. Haben sich alle früheren Weltendesigner mit so traurigen Aussagen abspeisen lassen, wie sie Jana zu Beginn zu hören bekommt?

Darüber hinaus beantwortet die Autorin meiner Meinung nach auch die Frage nicht, wovon die Menschen in dieser zukünftigen Welt leben, um sich ihren Aufenthalt in der virtuellen Welt zu finanzieren. Ich weiß, das klingt vermutlich ein wenig öde, aber ich konnte mir von Anfang an Janas Arbeitgeber Mastermind nicht als das große, menschenfreundliche Unternehmen vorstellen, als dass es sich wohl präsentieren dürfte. Und wer das Buch bereits kennt, weiß ja schon, wohin die Reise in diesem Zusammenhang geht …

In Summe lässt mich darum dieses Buch etwas zwiegespalten zurück. Es ist eine gute und mitreißende Geschichte, wie man sie als Poznanski-Fan kennt und liebt, trotzdem habe ich aber den Eindruck, dass einige Details in der Geschichte im Zusammenhang mit dem Setting nicht ausreichend durchdacht worden sind. Das schmälert zwar die Spannung nicht, hinterlässt aber auch nach dem Ende des Buchs einen gewissen Nachgeschmack auf der Zunge …

Mein Fazit:

Ursula Poznanski liefert mit “Cryptos” auch für Erwachsene eine durchaus spannende Geschichte ab, die aber einige Fragen aufwirft, die meiner Meinung nach in der Geschichte nicht besonders gut beantwortet worden sind. Wer sich daran nicht stört, wird aber mit dem Buch ganz sicher uneingeschränkt seinen Spaß haben!

  • ★★★★
  • E-Book
  • 448 Seiten
  • Loewe
  • 978-3732014637
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10 Kommentare

  • Tintenhain

    Hi, wie schön, deine Rezension zu lesen. Mir hatte das Buch ja sehr gut gefallen, wobei auch bei mir noch Fragen offen geblieben sind, zumindest hätte ich noch Diskussionsbedarf gehabt. Ich habe mich auch gefragt, wer das Ganze irgendwie am Laufen hält und finanziert. Der Energiebedarf ist ja immens und das System, in dem alle nur den lieben langen Tag in einem Behälter liegen und durch virtuelle Welten reisen, muss ja auch gebaut, installiert und gewartet werden. Einfach nur, weil der Staat sich seiner Bevölkerung verpflichtet fühlt, kann es nicht sein, denn die Macht, so habe ich es verstanden, haben die Konzerne und die sind normalerweise an Profit interessiert und nicht daran “nutzlose Esser” durchzufüttern. Auch habe ich nicht verstanden, was an der neuen Lösung so toll sein soll. Sind sie nicht schon vorher mal auf die Idee gekommen, dass die Experten sich austauschen und versuchen, eine bessere Welt zu schaffen? Mir war das Ende tatsächlich ein wenig zu viel Optimismus, aber es ist andererseits auch ein Jugendbuch.

    Liebe Grüße
    Mona

    • Ascari

      Hi Mona!

      Ich geb zu, ich hab ein wenig mit mir gerungen, ob ich eine Rezension schreiben soll oder nicht. Aber es hat mir einfach keine Ruhe gelassen, weil die Fragen mir auch nach dem Lesen immer wieder durch den Kopf gegangen sind 😀 … Aber schön, dass es nicht nur mir so gegangen ist, dass bestimmte Dinge (unbeantwortete) Fragen hinterlassen haben. Ich habe ja auch die Sache mit dem Realitätsstopp nicht ganz verstanden, warum ihn manche machen müssen und manche nicht (Im Gefängnis anscheinend ist er ja doch nicht notwendig), nur wollte ich das nicht auch noch in die Rezi mit hineinnehmen.

      Was das Ende angeht, pflichte ich dir bei. Und wenn man es genau nimmt, hätte eigentlich der Firmenchef für das, was er geplant hat, nicht so glimpflich davonkommen dürfen. Würde jemand im echten Leben so etwas planen, würde er bestimmt lebenslänglich ins Gefängnis kommen – ohne Wenn und Aber.

      Liebe Grüße
      Ascari

  • monerl

    Liebe Ascari,

    ich habe ja schon lange auf eine Dystopie aus der Feder der Autorin gewartet, da die “Eleria”-Trilogie so wunderbar war. Aber ich konnte “Erebos” schon nicht leiden und hab´s abgebrochen. Deshalb denke ich, dass dieses Buch letztendlich wieder nichts für mich ist… 😀
    Aber 4 Sterne sind ja auch sehr gut. Es sieht so aus, alles hättest du Lesespaß gehabt. 🙂
    GlG, monerl

    • Ascari

      Liebe Monerl!

      Oh Mann, wie kann man denn “Erebos” nicht mögen? 😀
      Für mich wird es wohl immer das beste Buch aus ihrer Feder bleiben, auch wenn jetzt schon einige Dinge aus technischer Sicht nicht mehr ganz aktuell sind … Aber okay, die Themen sind nicht jedermanns bzw. jederfraus Sache, das ist mir schon klar. Da kommt wohl der IT-Freak in mir wieder durch …

      Wir haben uns ja schon in der Zwischenzeit ein bissl über das Buch unterhalten, das heißt, du weißt jetzt, wie ich zu dem Buch stehe. Ich hatte übrigens die ganze Zeit ein gewisses Dejavu beim Lesen, denn irgendwo ist mir genau dieselbe Idee mit den virtuellen Welten, in die man sich aus der Realität flüchtet, schon mal begegnet in jüngerer (Lese)Zeit, mir fällt nur nicht mehr ein, welches Buch das war.

      Ganz liebe Grüße!
      Ascari

  • Nicole

    Hallo Ascari,

    insgesamt klingt dieser neue Weltenentwurf von Poznanski wirklich gut. Ich bin schon sehr auf das Buch gespannt. Ein bisschen zweifeln lässt mich jetzt das Diskussionspotential bzw. die offenen Fragen. Es scheint wohl, dass der Rahmen nicht rund genug geworden ist. So etwas vertrage ich manchmal gar nicht. Mal schauen, wie es dann ist.

    Liebe Grüße,
    Nicole

    • Ascari

      Hi Nicole,

      ich habe ein bisschen was von dieser Diskussion schon mitbekommen, wo Mona (Tintenhain) und Verena vom Lieblingsleseplatz das Buch vorgestellt haben. Das war aber auch, bevor ich “Cryptos” gelesen habe. Damals dachte ich mir nicht viel dabei, das Problem war nur, dass mir das während des Lesens wieder eingefallen ist – und dann sind mir selbst noch ein paar Dinge aufgefallen.

      Ich würde dir deswegen aber trotzdem zum Lesen raten, wenn es dich interessiert! Denn vielleicht fallen dir zwar auch ein paar Dinge auf, stören dich aber weniger 😀 …

      Liebe Grüße
      Ascari

  • Tanja von Der Duft von Büchern und Kaffee

    Hallo liebe Ascari,
    da ist man mal einige Zeit nicht auf deinem Blog und schon hat sich so viel geändert. Ich finde dein “neues” Blogdesign – by the way – sehr genial <3

    Aber nun zu deiner Rezension: Ich bin auch ein großer Fan von U.P. Jugendbüchern. Wobei ich gestehen muss, dass ich ein wenig hinterherhinke, was das Lesen ihrer Werke angeht. Cryptos klingt von der Idee her sehr genial. Deine Kritikpunkte sind nachvollziehbar, würden mich aber auch nicht daran hindern das Buch lesen zu wollen. Ich danke dir für diese schöne Rezension, die bei mir gerade die Lust geschürt hat, endlich mal wieder ein Buch der Autorin zu lesen.

    Ich wünsche dir einen schönen Start ins Wochenende.

    Liebe Grüße
    Tanja

    • Ascari

      Hallo, liebe Tanja!

      alles neu macht der August 😉 . Dachte mir, ich nutze den Sommer dafür, dem Blog mal einen neuen Anstrich mit etwas mehr Farbe zu geben. Daaaanke für dein liebes Kompliment!

      Wie du gesehen hast, hab ich dem Buch ja trotz meiner Kritikpunkte vier Sterne gegeben. Gerade die Welten, die sich die Autorin einfallen hat lassen (und die zeitweise fast nur nebenbei eingestreut werden), haben es schon in sich. Ich hab auf jeden Fall wie die meisten mittlerweile einen gewissen Favoriten – als ich den Namen gelesen hab, musste ich als Krimi-Leseratte einfach nur schmunzeln :D.

      Ich wünsch dir viel Spaß mit “Cryptos” – und natürlich auch ein schönes Wochenende!

      Ganz liebe Grüße
      Ascari

  • Tina

    Einen wunderschönen guten Abend,

    als sehr unabhängige Leserin (noch nie von Ursula ein Buch gelesen, aber schon einen Haufen Rezensionen zu ihren Büchern) möchte ich einen Gedanken zu deinem Spoiler abgeben:
    Angst. Angst lässt Menschen vor der Wahrheit zurückschrecken. Den Schein über ein perfektes System wahren, das ist doch bei Dystopien das Ding. Oder etwa nicht?

    Auf jeden Fall hast du mir einen guten Eindruck vermittelt.

    Liebe Grüße
    Tina

    • Ascari

      Hi Tina!

      Denselben Gedanken hatte ich in der Zwischenzeit auch … Ist ja immer schon so gewesen, dass Menschen schweigen, wenn sie Angst um oder vor etwas haben. Trotzdem finde ich das Argument ein wenig schwach – und es bleibt die Frage, warum ausgerechnet eine Jugendliche als erste aktiv wird. Aber okay, vielleicht sollte ich mir nicht so viele Gedanken machen 😀 …

      Liebe Grüße
      Ascari

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