Rezension

Rezension Veit Heinichen – Entfernte Verwandte

Kennt ihr das, dass ihr euch mit jemandem über einen Autor und seine Bücher unterhaltet und dann ein paar Stunden später draufkommt, dass genau dieser Autor wieder ein neues Buch geschrieben hat? Genau so ging es mir hier mit Veit Heinichen und seinem Buch “Entfernte Verwandte”, dem mittlerweile elften Roman mit dem Triestiner Commissario Proteo Laurenti als Hauptfigur. Eigentlich dachte ich ja, dass der Autor seinen Commissario nach “Borderless” leise in (Buch)Pension schicken würde, aber dem ist Gott sei Dank nicht so.

Der Klappentext:

Commissario Laurenti wird in das Dorf Prosecco gerufen. Vor dem Partisanen-Mahnmal auf dem Karst, wo der Opfer der Nazi-Besatzung und des Faschismus gedacht wird, liegt ein Toter. Es gibt Hinweise auf eine Mordserie. Und Laurenti ahnt, dass jemand gekommen ist, um über die Geschichte zu richten. Ausgerechnet in einer Zeit, da der Populismus im Aufwind ist. Die Ermittlungen führen zu den ältesten Bürgern Triests. Vielleicht können ihre Erinnerungen helfen, eine weitere Tat zu verhindern. Doch in der Hafenstadt pflegt jeder seine eigene Wahrheit, und das nächste Opfer ist irgendwo da draußen.

Meine Meinung:

Ich habe versucht mich zu erinnern, wann ich meinen ersten Laurenti gelesen habe. Auch wenn es mittlerweile schon der elfte Fall ist, hat Veit Heinichen nicht jedes Jahr ein neues Buch geschrieben. So gesehen begleite ich diese Buchreihe (oder sie mich?) schon ein ganzes Stück meines Lebens. Jetzt einen neuen Laurenti zu lesen, fühlt sich entsprechend fast ein bisschen wie ein Nachhausekommen an, treue Leser:innen wissen nach der langen Zeit einfach, was sie bekommen.

Hier bekommt man im Allgemeinen ein ausgezeichnet recherchiertes Buch, dass die Zusammenhänge von Politik, Wirtschaft und Geschichte in der Region aufzeigt – im Guten wie im Schlechten. Die Figur des Laurenti ist dabei der Aufhänger für einen eher ruhig erzählten Krimi, in dessen Verlauf sich genau diese Zusammenhänge den Leser:innen erschließen. Dabei ist der Commissario ist ein Familienmensch, der es liebt, gut zu essen und zu trinken. Aus diesem Mix ergibt sich in der Regel eine Geschichte, auf dessen Spuren Fans schon seit Jahren Triest und seine Umgebung sowohl geografisch als auch kulinarisch erforschen können.

“Die Ruhe ist trügerisch. Die Vergangenheit bricht immer wieder auf.”

Laurenti über die Vergangenheit – ca. 13 %

Auch dieses Mal bleibt der Autor seinem Schema treu, der Auslöser für die Handlung liegt dieses Mal aber weit in der Vergangenheit – genauer gesagt in der Zeit zwischen 1943 und 1945, als die Nazis auf triestinischem Boden ein Vernichtungslager angelegt haben, das auch heute noch als einziges KZ auf italienischem Boden gilt. Eine Tatsache, die mir tatsächlich vor dem Lesen des Buchs nicht bewusst war. Das fragliche Gebäude steht aber heute noch in der Nähe des Hafens und kann auch besichtigt werden – das nur als kleiner Exkurs :).

Während Laurenti mit neuen und alten Kolleg:innen ermittelt, werden einzelne Passagen immer wieder aus der Sicht der Täter:innen erzählt, die auf ein altes Tagebuch zurückgreifen, in denen die Zeit der Gräuel in und um Triest beschrieben wird. Grundsätzlich sind diese Teile sehr interessant, man lernt einiges über die Ereignisse dieser Zeit in der Region. Allerdings nimmt das der Geschichte leider auch einen großen Teil der Spannung, da bekannt ist, wer die beiden Personen sind und was sie antreibt. Das Motiv empfinde ich in diesem Kontext als eher schwach, es ist nichts, was einem nicht in irgendeiner Form schon einmal in einem anderen Krimi begegnet ist.

“Nora, erzähle und setze dich ein dafür, dass niemand die Demokratie als Luxus empfindet, den man sich in Zeiten der Krise nicht leisten könne.”

Auszug aus dem Tagebuch – ca. 60 %

Trotzdem macht das Buch wieder einmal Lust, in Gedanken durch die Straßen von Triest zu streifen, bei der Gran Malabar auf ein Glas Wein vorbeizuschauen, auf der Piazza Unità zu sitzen und virtuell Laurentis Spuren in der Stadt zu folgen. Wenn Heinichen etwas beherrscht, dann das Lebensgefühl dieser Stadt zu transportieren, inklusive der Eigenheiten der Triestiner, die Heinichen im Zusammenhang mit Laurentis Familie immer wieder so vortrefflich porträtiert.

Langjährige Fans werden außerdem die eine oder andere Anspielung auf frühere Erlebnisse Laurentis in diesem Buch entdecken, auch wenn das Buch ohne Vorkenntnisse gelesen werden kann. Liebgewonnene Figuren wie Marietta, Laurentis Sekretärin, Chefinspektorin Pina Cardareto oder Ziva Ravno, die kroatische Staatsanwältin, haben hier ebenfalls wieder ihren Auftritt und unterstützen Laurenti bei seiner Arbeit.

Mein Fazit:

Als langjährige Leserin von Heinichens Büchern war es mir eine echte Freude, wieder einmal in einen neuen Laurenti abtauchen zu dürfen. Die Vermischung zwischen Geschichte, Politik, Wirtschaft und triestinischem Lebensgefühl versteht der Autor wie kein anderer zu porträtieren. Der Krimi-Aspekt tritt dieses Mal in meinen Augen aber noch deutlicher als früher in den Hintergrund.

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 320 Seiten
  • Piper
  • 978-3-492-99926-7
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2 Kommentare

  • Livia

    Hallo liebe Ascari

    Die Reihe kenne ich noch gar nicht, aber ich werde sie mir einmal ansehen. Aktuell komplettiere ich aber schon mehrere Krimireihen, um sie dann (irgendwann einmal) der Reihe nach zu lesen, also muss dieses Projekt wohl noch ein wenig warten 😉 Ich werde es aber im Hinterkopf behalten.

    Ganz liebe Grüsse
    Livia

    • Ascari

      Hallo Livia!

      Die Reihe gibt es mittlerweile schon sehr lange, ich weiß gar nicht mehr genau, wann der erste Band ursprünglich bei dtv erschienen ist (Dürfte irgenwann in den Nuller Jahren gewesen sein? 🤔). Der Autor schreibt aber nur alle zwei Jahre etwa ein neues Buch, deswegen gibt es noch nicht mehr als diese 11 Bände … Bei uns gehört Heinichen mit den Laurenti-Krimis zu den regelmäßigen Besetzern der Bestsellerliste, ich weiß aber nicht genau, wie bekannt er eigentlich in Deutschland oder der Schweiz ist.

      Liebe Grüße
      Ascari

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