Rezension

Rezension Will Hill – After the Fire

Das Cover zu diesem Buch ist auffällig. Komplett in Rot, mit dem plakativen Titel und einem Haus, das aus lauter Streichhölzern zusammengesetzt ist. Selbst wenn man eigentlich nicht so bewusst darauf achtet, es bleibt einem im Gedächtnis.

Der Klappentext lies mich dann erst einmal schlucken, denn “After the Fire” ist kein zuckersüßer Flausch, wie man ihn im Bereich Jugendbuch oft findet. Ganz und gar nicht. Aber lest selbst.

Der Klappentext:

Der einzige Weg aus der Dunkelheit ist, ein Feuer zu entzünden
Schwer verletzt liegt die 17-jährige Moonbeam im Krankenhaus und sieht sich einem Psychologen und einem FBI-Agenten gegenüber. Sie, die zu den wenigen Überlebenden nach der schrecklichen Brandkatastrophe gehört, soll erzählen, wie das Leben war auf der Farm der Gotteslegionäre.

Wie ist es zu dem schrecklichen Feuer gekommen, wie zu der Schießerei zwischen den Gotteslegionären und der Polizei? So viele sind gestorben. Zögerlich öffnet sich Moonbeam, glaubt, dass man ihr helfen will, und fängt an zu erzählen, wie das Leben vor dem Feuer war und wie das Leben sich danach anfühlt. Eine Sache aber kann sie nicht erzählen. Doch sie muss aussprechen, was sie getan hat, will sie nicht daran zerbrechen.

Meine Meinung:

“After the Fire” ist kein Buch für Zartbesaitete, der Autor beschönigt nichts. Das zeigt sich schon auf den ersten Seiten, wenn der Leser die Protagonistin Moonbeam durch Rauch und Feuer auf dem Areal der Gotteslegionäre begleitet, verzweifelt auf der Suche nach den Baracken, um die eingesperrten Kinder ihrer Gemeinschaft zu befreien. Schon diese erste Szene zeigt auf, was einen hier erwartet …

“Man spricht nicht mit Leuten von draußen. Niemals.”
3%

Danach geht es aber erst einmal etwas ruhiger weiter, denn Moonbeam wacht zuerst im Krankenhaus, dann in einem Therapie-Zentrum auf. Ein rotes Sofa ist ihr Platz, wo sie dem Arzt und Psychiater Robert Hernandez erzählen soll, wie es zu der Katastrophe kommen konnte … Für Moonbeam eine unerträgliche Situation, da sie noch immer die Stimme von Father John im Kopf hat, der ihr verbietet, mit den Menschen von draußen, den Dienern der Schlange, zu sprechen.

Mit der Zeit wird es allerdings einfacher für Moonbeam, über die Jahre in der Basis zu sprechen. Dies merkt man schon daran, dass die Szenen, die der Autor mit “Davor” tituliert hat, mehr Tiefe bekommen und länger werden. Auf der anderen Seite steht das “Danach”, die Szenen in der Gegenwart, wo Moonbeam lernt, nach und nach sich den Ereignissen zu stellen, die sie bei der Legion Gottes erlebt hat.

Auf diese Weise begleitet auch der Leser Moonbeam immer weiter in Moonbeams Welt hinein – und was man da zu lesen bekommt, ist alles andere als leichter Tobak. Missbrauch, Terror, Folter, Strafen für alles und jedes, wenn sich die Gläubigen nicht so verhalten, wie Father John dies möchte. Gespräche, wo man mit jedem Satz herausliest, wie sehr Moonbeam auf der Hut ist, das Falsche zu sagen.

“Ich zögere, weil ich nicht sicher bin, was darauf die richtige Antwort ist. Wer mit dem Propheten spricht […], lernt schnell, dass es oft nicht die ist, die man selbst für die richtige hält.”
34%

Der Autor beschreibt dies alles aus der Ich-Perspektive von Moonbeam mit eher nüchternen und kurzen Sätzen. Ein Stil, mit dem ich mich anfangs noch schwer tat, der aber irgendwann verständlich wurde. Ein Stil, den Moonbeam nutzt, um sich selbst zu schützen, wenn sie von diesen Erlebnissen erzählt. Eine Distanz, die notwendig ist, um nicht dabei vollends zusammenzubrechen und um weiter zu leben, um zu überleben.

Und auch wenn es zwischendurch einige Dinge gab, die ich bei dieser Geschichte etwas unglaubwürdig, etwas zu glatt fand, war es trotzdem etwas Besonderes, Moonbeam durch ihr ganz persönliches Tal der Hölle zu begleiten, immer weiter vorzudringen, bis wirklich nichts mehr verborgen geblieben ist. Zwar wirkte Moonbeam auf diese Weise an manchen Stellen deutlich reifer und verantwortungsbewusster als so mancher Erwachsene, aber das tat dem Lesesog keinen Abbruch.

“Vielleicht tut es mir gut, so viel von der Wahrheit zu sagen, wie ich ertragen kann.”
41%

Eines muss ich auch sagen: Das große Geheimnis, worauf das Buch lange zusteuert, war für mich keines. Es war etwas, was ich schon relativ früh vermutete, denn für mich ergab nichts anderes wirklich Sinn. Trotzdem war es nachvollziehbar, warum Moonbeam darüber lange nicht sprechen wollte …

Das Ende dagegen war etwas, was ich mir zwar gewünscht habe, wo ich mir aber nicht sicher war, ob ich es bekommen würde. Denn: Der Autor verzichtet über lange Strecken auf die typischen Elemente eines Jugendbuchs wie beispielsweise eine Liebesgeschichte, was ich wirklich sehr erfrischend fand. Es hätte hier einfach nicht reingepasst, an einen Ort, wo permanent die Angst zuhause ist.

“Die Gesegneten unter uns, die auf dem rechten Weg wandeln, werden schon bald gegen die Diener der Schlange kämpfen, und wenn die Zeit gekommen ist, wird die Rache des Herrn ein unvergesslicher Anblick sein.”
14%

Als ich schlussendlich das Buch zugeklappt habe, musste ich erst einmal durchatmen. “After the Fire” weckte eine ganze Menge an Gefühlen in mir, die ich erst einmal für mich persönlich verarbeiten musste. Im Bewusstsein, dass der Autor für sein Buch die Ereignisse der Belagerung von Waco 1993 als Vorlage verwendet hatte, machte ich mich auf die Suche nach Informationen dazu – und habe dabei noch einmal ein gewisses Aha-Erlebnis gehabt.

Ich würde auch jedem anderen Leser dazu raten, diese Recherche erst nach dem Lesen des Buches zu machen. Denn erst hinterher erschließen sich so manche Details, woran man erkennen kann, wo der Autor den historischen Ereignissen gefolgt ist oder wo er Dinge verändert hat. Sieht man sich beispielsweise Bilder von David Koresh an, dem Sektenführer, ist unschwer erkennbar, woher Hill das Aussehen von Father John genommen hat …

Weiterführende Links:

Seite des Verlags zum Buch
Die Branch Davidians und die Belagerung von Waco
Witness To Waco – MSNBC Documentary 2009 Cult David Koresh Branch Davidians
(Video, englisch)

Mein Fazit:

“After the Fire” ist kein Buch für zwischendurch. Ganz und gar nicht. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, darf sich auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle einstellen … Gerade deswegen ist es aber ein wichtiges Buch, dass es auch verdient hat, von einem erwachsenen Publikum wahrgenommen und gelesen zu werden!

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 480 Seiten
  • dtv
  • 978-3423438049
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9 Kommentare

  • Christin

    Mir ist gestern (?) schon das Cover bei dir aufgefallen auf twitter. Also ja, es ist bleibt im Gedächtnis!
    Jugendbücher sind äußerst selten was für mich und meist les ich sie auf englisch, aber hier hast mich echt neugierig gemacht. Ich merk es mir mal vor 😀

    • Ascari

      Hi!
      Ich hab’s auf Goodreads vorher gesehen :). Wobei ich zugeben muss, dass mir das englische Cover fast noch nen Hauch besser gefällt als das deutsche … Meiner Meinung ist das ein Jugendbuch, wo man das “Jugend” eigentlich ausklammern kann. Ja, es hat eine jugendliche Protagonistin und ja, es ist vom Stil her wie ein Jugendbuch geschrieben, aber das Thema ist durchaus für Erwachsene geeignet.
      Hoffe, es findet auch seinen Weg auf deinen SuB ;), denn das Buch hat meiner Meinung nach schon mehr Aufmerksamkeit verdient, als es bis jetzt bekommen hat.
      Man liest sich!

      • Christin

        Ich gucke mal nicht meinen SUB an XD
        Aber bei der nächsten englischen Bestellung wird es sicher dabei sein :3
        Die lesen sich immer flotter weg als die für “Erwachsene”.

  • monerl

    So, nun habe ich diese Rezi auch gelesen und kann deine Begeisterung förmlich heraushören, nicht nur herauslesen! Obwohl ich wirklich keine Jugendbücher mehr lese, hast du mich mit deinen Worten zum Buch nun gefangen genommen! Werde es mir gleich mal als eBook laden. Bin sehr gespannt auf das Horror-Setting und die Erlebnisse der Protagonistin!
    Mir sagt die Belagerung von Waco jetzt auf Anhieb gar nichts. Sollte es? Zumindest werde ich deinem Rat folgen und die Links dazu erst nach dem Lesen anschauen. Danke für den Tipp!
    GlG, monerl

    • Ascari

      Hi Monerl!

      Wann darf ich mit deiner Rezi rechnen? Nee, Scherz 😉
      Wie du gelesen hast, war Waco 1993, ich konnte mich noch dunkel dran erinnern, aber ich glaube, es hat deutlich mehr Staub in den USA aufgewirbelt als bei uns. Die meisten Dokus, die man jetzt dazu findet, sind so vor zwei Jahren – zum 25jährigen Gedenktag – entstanden. Und das dürfte sicher auch mit ein Grund für den Autor gewesen sein, das Buch zu schreiben, das halte ich nicht für einen Zufall, dass das englische Original genau 2018 erschienen ist …

      Liebe Grüße
      Ascari

  • Janna | KeJas.Wortrausch

    Oha, ewig nicht mehr bei dir gewesen o.O Werd dich mal in meinem Feedly-Reader packen (keine Ahnung, warum das nicht schon längst geschehen ist!)

    Dank Gabi bin ich hier gelandet und wäre mir das Buch nicht bereits begegnet, hätten mich ihre Worte nicht angezuckert, dann hätte deine Rezension das Buch umgehend auf meine Wunschliste katapultiert <3

    Ich bin bei Jugendbüchern vorsichtig geworden, lese solche Titel schon äußerst selten und meist packen sie mich nicht. Dein Satz ("Der Autor verzichtet über lange Strecken auf die typischen Elemente eines Jugendbuchs wie beispielsweise eine Liebesgeschichte, was ich wirklich sehr erfrischend fand. Es hätte hier einfach nicht reingepasst, an einen Ort, wo permanent die Angst zuhause ist.") relativiert meine Befürchtung und es ist ein Titel, den ich mir definitiv im Verlauf diesen Jahres holen werde!

    Mukkelige Grüße!

      • Ascari

        Liebe Janna,

        ich würde mich freuen, wenn dich das Buch auch so packen kann wie mich :). Ich bin nämlich nach wie vor der Meinung, dass es ein bisschen mehr Aufmerksamkeit vertragen könnte … Der ganze Zuckerflausch in dem Bereich ist ja mehr oder weniger eh ein Selbstläufer in unserer Community, aber ich bin froh, dass es doch immer wieder Bücher gibt, die da aus der Masse herausragen, weil sie sich mal mit anderen Themen auseinandersetzen!
        Das Problem mit dem Reader konnten wir ja erfolgreich beheben. Wenn’s nochmal Probleme gibt, sag mir einfach Bescheid, okay?

        Liebst,
        Ascari

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