Rezension Margaret Atwood – Die Zeuginnen

Margaret Atwood: Die ZeuginnenIch gebe zu, ich habe den Hype und die Geheimhaltung, der rund um “Die Zeuginnen”, das “langerwartete Sequel” zu “Der Report der Magd” erst mitbekommen, als das Buch erschienen ist.

Erst dann habe ich das erste Mal mir die Mühe gemacht, mir einen Überblick darüber zu verschaffen, was alles in den Medien zu diesem Buch geschrieben worden ist. Und das war eine ganze Menge, die letztlich wie immer nur einem einzigen Zweck gedient hat – nämlich die Erwartungen in die Höhe zu schrauben.

Die Entstehung der Serie habe ich zugegebenermaßen mit einer gewissen Skepsis verfolgt, ich bin mittlerweile kein großer Fan mehr davon, wenn erfolgreiche Bücher um jeden Preis verfilmt werden müssen, weil die Verfilmungen fast immer hinter den Büchern zurückbleiben.

Trotzdem habe ich mir die erste Staffel vor einer Weile angesehen und musste am Ende einräumen, dass die Serie das Buch bzw. dessen Botschaft hervorragend ergänzt, wenn nicht sogar erweitert. Allerdings verspürte ich zu dem damaligen Zeitpunkt nicht das Bedürfnis, nach der ersten Staffel weiterzuschauen, da ich das offene Ende vom “Report” eigentlich nicht ruinieren wollte …

Der Klappentext:

“Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht.” – Als am Ende vom Report der Magd die Tür des Lieferwagens und damit auch die Tür von Desfreds “Report” zuschlug, blieb ihr Schicksal für die Leser und Hörer ungewiss. Was erwartete sie: Freiheit? Gefängnis? Der Tod? Das Warten hat ein Ende! Mit “Die Zeuginnen” nimmt Margaret Atwood den Faden der Erzählung fünfzehn Jahre später wieder auf, in Form dreier explosiver Zeugenaussagen von drei Erzählerinnen aus dem totalitären Schreckensstaat Gilead.

Meine Meinung:

Der deutsche Klappentext beginnt tatsächlich mit dem letzten Satz aus dem Report, dem Satz, der offenließ, wie es um das Schicksal der Magd bestellt war. Dieser Satz suggeriert allerdings auch, dass man in der Lage ist, dem neuen Buch problemlos zu folgen, auch wenn man nur den “Report der Magd” als Buch kennt. Was – wie ich erst nach dem Hören festgestellt habe – eigentlich nicht den Tatsachen entspricht.

Denn um das unmissverständlich klarzusellen: In “Die Zeuginnen” geht es um einiges, das man als Fan der Serie kennt, als reiner Buchleser jedoch nicht, da das neue Buch auf vieles eingeht, was erst in der zweiten Staffel der Serie erzählt wird.

Aus diesem Grund ist man als reiner Leser bzw. Hörer gezwungen, sich vor allem am Anfang einiges zusammen zu reimen. Auch wird nicht sofort klar, wer die drei unterschiedlichen Personen sind, die in diesem Buch mehr oder weniger ihre Lebensgeschichte aus der Ich-Perspektive schildern.

Die Sprecherinnen für das Hörbuch wurden übrigens meiner Meinung nach in diesem Kontext nicht gut gewählt, da vor allem die beiden Sprecherinnen für die jungen Erzählerinnen fast zu ähnlich klingen. Da beim Wechsel der Perspektive außerdem nie der Name der Person fällt, der nun erzählt, habe ich mir mit der Zeit eine kleine Eselsbrücke gebaut, da das A aus dem einen Zeugenbericht auch gleichzeitig dem Anfangsbuchstaben des Names einer der Erzählerinnen entspricht. Damit wurde es leichter, der Geschichte zu folgen.

Der bereits erwähnte Perspektivenwechsel führt allerdings nach und nach doch zu einer gewissen Neugier, wie es weiter geht. Denn die Autorin versteht es recht geschickt, gerade bei interessanten Passagen zum nächsten Zeugenbericht überzugehen: Da ist einmal das Mädchen, das in Gilead aufwächst, kaum mehr Erinnerungen an seine (leibliche) Mutter hat, stattdessen mit einem Märchen groß wird, wie seine aktuelle Mutter es den bösen Hexen entrissen hat.

Dann gibt es ein weiteres Mädchen, das Gilead nur aus der Schule kennt, weil es in Kanada bei Pflegeeltern aufwächst. Und quasi dazwischengestreut den wohl interessantesten Anteil der Geschichte, nämlich den einer älteren Frau, die das grauenerregende System in Gilead bewusst mitträgt und damit am Leben erhält. Die Namen möchte ich jetzt bewusst nicht nennen, aber wer die Serie kennt, kann sich vermutlich sowieso zusammenreimen, um wen es geht.

Die erste Hälfte des Buchs baut damit gezielt eine gewisse Spannung auf, die allerdings in der zweiten Hälfte für meinen Geschmack recht lieblos aufgelöst wurde. Da geht auf einmal vieles zu glatt und zu einfach, gerade unter dem Gesichtspunkt, dass sich eine der drei Protagonistinnen wirklich sehr, sehr dumm verhält. In einem Gilead, das wir in “Der Report” erlebt haben, hätte sie vermutlich nicht mal einen Tag in Freiheit überlebt.

Was mir gegen Ende außerdem auch ein wenig sauer aufgestoßen ist, ist die Tatsache, dass eigentlich zu viele Fragen beantwortet wurden. Offene Fragen, offene Beziehungen, fast alles löst sich am Schluss in gewisses Happy End-Wohlgefallen auf, das vor allem der Original-Geschichte irgendwie unwürdig ist.

War “Der Report” in der Tradition der großen dystopischen Romane noch gesellschaftskritisch wie kaum ein anderes Buch in den 1980er Jahren, ist “Die Zeuginnen” in meinen Augen eher ein nett gemeinter Versuch, die angefangenen Geschichten (sowohl im Buch als auch in der Serie) zu einem lieben, netten und freundlichen Ende zusammenzuführen.

Aus diesem Grund ist “Die Zeuginnen” zwar nett zu lesen (bzw. zu hören), reicht aber lange nicht heran an das, was die Autorin seinerzeit mit “Der Report” geschaffen hat. Ich persönlich sehe es eher als eine Verbeugung der Autorin vor den vielen Fans der Geschichte, die vor allem durch die Serie entstanden sind. Daher: Man kann das Buch lesen, muss aber nicht.

Mein Fazit:

“Die Zeuginnen” ist ein nettes (Hör)Buch, das durchaus einige interessante Perspektiven zu Gilead ergänzt, die bisher in dieser Form nicht so bekannt waren. In Summe reicht es allerdings nicht an das Original aus den 1980ern heran, da vor allem das Ende für meinen Geschmack zu sehr eine Verbeugung vor den Fans darstellt.

  • ★★★★★
  • Hörbuch
  • 788 Minuten
  • HörbucHHamburg
  • 978-3869524337
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Rezension Nadine Erdmann – CyberWorld 7.0 “Bunker 7”

Da ist er nun, der letzte und abschließende Band der “CyberWorld”-Reihe von Nadine Erdmann. Lange haben wir geduldig gewartet, bis die Autorin uns man Ende doch mit der Information überrascht hat, dass das Buch Anfang August erscheinen würde.

Nun ist mir fast ein bisschen weh ums Herz, denn diese Reihe durfte ich von Anfang begleiten, habe mit den Kids mitgefühlt, gelitten und mich mit ihnen gefreut. Unvergessen ist hier für mich Band 5, denn da hat uns die Autorin wirklich einiges zugemutet …

Gerade diese lange Geschichte machte mich natürlich ganz besonders neugierig, was sich die Autorin für “Bunker 7” ausgedacht hat.

Der Klappentext:

Sommerferien!
Was könnte da mehr Spaß machen als ein paar Tage Spannung und Action in einem neuen CyberPark? “Bunker 7” verspricht Endzeit-Nervenkitzel vom Feinsten beim Kampf ums nackte Überleben. Doch schon bald müssen Jemma, Jamie, Zack und ihre Freunde feststellen, dass sie sich diesem Kampf nicht nur im Spiel stellen müssen …

Meine Meinung:

Der Klappentext ist ja für meinen Geschmack dieses Mal recht kurz gehalten, aber ich denke, wer bisher sich durch alle Abenteuer von Jemma, Jamie, Zack und ihren Freunden erfolgreich “gearbeitet” hat, wird auch zu diesem Band greifen – ganz gleich, was die Autorin als Teaser veröffentlicht.

Ich hatte zwar anfangs ein paar kleine Probleme, alle Namen wieder richtig zuzuordnen (Ich habe einfach kein Gedächtnis für so etwas), aber dann kam ich sehr schnell wieder in die Geschichte hinein, nachdem es erst einmal Klick gemacht hatte, wer wer war.

Sehr, sehr genial fand ich in diesem Band das Setting. Dieser CyberPark kann sich ja nun wirklich sehen lassen, eine Mischung aus Dystopie, Endzeit und Steampunk. Hier hat es wirklich Spaß gemacht, unsere Helden auf ihren Missionen zu begleiten, auch wenn es dieses Mal nicht primär darumgeht, möglichst viele Gegner zu besiegen (obwohl das durchaus vorkommt), sondern eher Erkundungsmissionen durchzuführen. Besonders die erste Hälfte der Geschichte hat mir deswegen sehr viel Freude beim Lesen bereitet.

Interessanterweise kam für mich der erste Knick genau an dem Punkt, an dem es wirklich so richtig fesselnd hätte werden können. Denn diesen Thriller-Teil der Geschichte hat die Autorin in gerade mal sechs (von 34) Kapiteln abgearbeitet, was in meinen Augen einfach zu schnell vonstatten gegangen ist. Kaum ist die Spannung nämlich da, reagieren unsere Helden schon ziemlich professionell und die Bedrohung ist schon wieder vorbei, ehe für mich überhaupt ein gewisses Gefühl für die Gefahr beim Lesen entstanden ist.

Denn eines habe ich hier schmerzlich vermisst: Wo waren die Gefühle, die Ängste, erneut in eine solche Situation zu geraten? Wie gehen die Eltern damit um, dass ihre Kinder sich schon wieder in dieser Situation befinden, die der aus Band 5 doch irgendwie ähnelt? Es tut mir eigentlich leid, das sagen zu müssen, aber das entspricht nicht dem hohen Niveau, das ich mittlerweile von der Autorin gewohnt bin.

Das Ende schlussendlich ließ mich mit etwas gemischten Gefühlen zurück. Einerseits war es ein passendes Ende, andererseits habe ich die ganze Zeit noch auf einen Twist gewartet, der nicht kam. Mag auch sein, dass ich mir vom Finale einfach etwas anderes erwartet habe. Dass ich möglicherweise zu hohe Erwartungen hatte. Denn “Bunker 7” ist durchaus eine tolle Geschichte, sie führt nur alle offenen Enden meiner Meinung nach zu schnell zu einem Ende. Es ist wirklich selten, dass ich das sage, aber diese Geschichte hätte durchaus noch länger sein dürfen …

Eine Kleinigkeit möchte ich noch gesamt zu der Reihe sagen: Sie ist mit Abstand eine der besten, die mir in den letzten Jahren im Jugendbuch-Bereich begegnet ist. Eigentlich gehöre ich ja nicht mehr unbedingt in diese Zielgruppe, aber ich fand es einfach schön, mich auch mal abseits der ziemlich breit gewalzten Romantasy-Wege zu bewegen. Manche Kleinigkeit mochte in der langen Zeit vielleicht für mich nicht immer stimmig sein, aber in Summe hat es sehr viel Spaß gemacht, in den letzten drei Jahren diese Buchreihe verschlingen zu dürfen.

Mein Fazit:

CyberWorld 7.0 bringt in meinen Augen aus ganz unterschiedlichen Gründen ein etwas durchwachsenes Ende für diese wirklich großartige Reihe. Trotzdem hat es Spaß gemacht, “unsere” Kids ein letztes Mal auf ihren Cyber-Abenteuern zu begleiten.

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 340 Seiten
  • Greenlight Press
  • 978-3958343689
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Rezension Jürgen Albers – Erased

Albers ErasedGut eineinhalb Jahre nach dem Erscheinen von seinem Debüt “Crossroads” legt Jürgen Albers mit “Erased” nun den Nachfolger vor. Zeitlich zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs angesiedelt, wechselt der Schauplatz nun von den Kanalinseln nach England, wo Norcott, in der Zwischenzeit zum Superintendent aufgestiegen, ein verhältnismäßig beschauliches Leben mit seiner Frau Vicky führt.

Der Klappentext:

März 1947: Nach einem der härtesten Winter in der britischen Geschichte, bahnt sich endlich ein warmer Frühling an. Sehnsüchtig erwartet von einem Land, das immer noch vom Krieg gezeichnet ist.

Superintendent Charles Norcott von New Scotland Yard hofft ebenfalls auf ein wenig Erholung vom Alltag: er wird als Dozent an die Universität Oxford ausgeliehen. Eigentlich soll Norcott dort Verwaltungsfachkräfte ausbilden, aber schon bald erreicht ihn ein zusätzlicher Auftrag. Im Physikalischen Institut der Universität reißt eine Serie von Zwischenfällen nicht ab. Will jemand die geheime Forschung sabotieren oder handelt es sich nur um eine Verkettung unglücklicher Umstände? Kaum hat der Superintendent die ersten vorsichtigen Ermittlungen angestellt, zerreißt eine Bombe die Stille der friedlichen Universitätsstadt.

Meine Meinung:

Eines möchte ich zu Beginn gleich einmal klarstellen: “Erased” spielt zwar zeitlich nach “Crossroads”, erzählt aber eine gänzlich andere Geschichte. Verständlicherweise enthält das Buch Anspielungen auf den ersten Band, die Handlung ist aber gänzlich unabhängig davon. Wer “Crossroads” also nicht kennt, kann trotzdem problemlos zu “Erased” greifen.

Wie bereits bei “Crossroads” merkt man auch diesem Buch an, dass der Autor sehr viel Zeit in die Recherche gesteckt hat. Ich bin zwar beileibe kein Experte für zeitgeschichtliche Details, aber die Namen einiger historischer Persönlichkeiten, die sehr geschickt in die Handlung eingeflochten wurden, haben selbst mir etwas gesagt. So lässt Albers Norcott in Oxford beispielsweise auf bekannte Schriftsteller wie C.S. Lewis oder Dorothy L. Sayers treffen und mit ihnen über Bücher sprechen.

Sehr gut gefallen hat mir auch die Atmosphäre in Oxford, hier spürt man beim Lesen richtig die Erhabenheit des Ortes, den die lange Geschichte der Universitätsstadt mit sich bringt. Das macht richtig Lust darauf, die Stadt zu besuchen und sich ein bisschen treiben zu lassen, den Flair dieses Ortes kennenzulernen …

Positiv hervorheben möchte ich auch das Nachwort bzw. das Glossar am Ende des Buches, in dem der Autor darauf eingeht, was Fakten und Fiktion sind, und einige der historischen Persönlicheiten kurz vorstellt. Das findet man eigentlich eher selten in historischen Romanen – und darf für meinen Geschmack auch gerne noch ein bisschen ausführlicher stattfinden, da ich gerne den historischen Eckdaten einer Geschichte nachrecherchiere.

Leider bringt “Erased” aber auch einiges mit, was mir nicht so gut gefallen hat. Vielleicht bin ich hier in den Augen mancher Leute etwas pingelig, aber ich konnte nicht erkennen, was und wie das eingangs im Buch erwähnte Korrektorat gearbeitet hat.

Die Groß/Kleinschreibung, die sehr großzügige Kommasetzung, die diversen Flüchtigkeitsfehler und vor allem die zeitweise unfreiwillig spaßige Silbentrennung (auszug-leichen statt auszu-gleichen beispielsweise) ließen mich beim Lesen gleich mehrmals innehalten und aus dem Lesefluss kommen. Ganz ehrlich: Hier sollte ziemlich bald noch einmal nachgebessert werden, denn wenn einem diese Fehler schon ab der ersten Seite begegnen, wirft das kein gutes Licht auf das Buch.

Womit ich dieses Mal ebenfalls meine Probleme hatte, war der Schreibstil. Denn ich hatte mehr als einmal den Eindruck, dass der Autor sich beim Schreiben nicht entscheiden konnte, ob er nun lieber der Zeit entsprechend mit heute veralteten Wörtern und Ausdrücken arbeiten oder eine moderne Sprache verwenden wollte. So bin ich immer wieder hängengeblieben, wenn mir zwischen den großteils sehr locker und flüssig geschriebenen Zeilen auf einmal Absätze entgegensprangen, die eher alten, poetisch angehauchten Werken entnommen worden sein könnten.

Bei einigen Szenen hätte ich mir außerdem etwas mehr Dramatik gewünscht. Vieles wurde einfach nur indirekt erzählt oder in einigen kurzen Sätzen abgehandelt, obwohl es genau diese Dinge gewesen wären, die dieser als Cosy Crime einzustufenden Geschichte noch etwas mehr Pfeffer verliehen hätten. Die beispielsweise im Klappentext als Spannungselement erwähnte Bombe verpufft nach ihrem Knall bereits leider nach wenigen Zeilen – und die Geschichte geht mit derselben Ruhe weiter wie bisher.

Aus diesen Gründen bleibt für mich am Ende ein etwas durchwachsener Eindruck dieses Buches und das schale Gefühl, dass diese Geschichte ihr durchaus vorhandenes Potenzial nicht ausreichend genutzt hat. Was ich zugegebenermaßen sehr, sehr schade finde, weil ich mich wirklich auf diese Geschichte gefreut habe.

Mein Fazit:

Es schmerzt mich wirklich, es zu sagen, aber “Erased” bleibt im Vergleich zu “Crossroads” hinter seinem Vorgänger zurück. Einiges in der Geschichte wirkte auf mich nicht ausgereift, obwohl das Buch alles hat, was es für gute Unterhaltung in dem speziellen Genre braucht.

  • ★★★★★
  • Taschenbuch
  • 388 Seiten
  • TWENTYSIX
  • 978-3740761790
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Rezension Jennifer Wellen – Drei Küsse für ein Cottage

Was läge näher, als im Sommer lockerleichte und humorvolle Romane zu lesen? Egal, ob Urlaub oder nicht: Jennifer Wellen trägt dazu bei, mich gerade in der warmen Jahreszeit einfach mal geistig fallen lassen zu können … Seit ihrem Erstling “Katerfrühstück mit Aussicht” verfolge ich mittlerweile, was die Autorin veröffentlicht. Deswegen habe ich mich auch gefreut, als ich erfahren habe, dass es dieses Jahr wieder etwas Neues aus ihrer Feder geben würde.

Der Klappentext:

Milly kann ihr Glück kaum fassen: Endlich ist ihr Traum vom eigenen Cottage zum Greifen nahe! Doch die Sache hat einen Haken – den ebenso charmanten wie dreisten Besitzer Nolan, der das Häuschen lieber gewinnbringender verkaufen will. Allerdings schlägt er sich gerade mit einem lästigen Problem herum: Seine Familie in New York will ihn schon lange unter der Haube sehen, da käme eine Scheinfreundin für die Geburtstagsfeier seines Bruders also genau recht. Milly ist bereit, ihm auszuhelfen, natürlich ohne Küsse oder sonstige Verpflichtungen! Doch beide haben ihre Rechnung ohne die Liebe gemacht – und dass Gefühle immer alles viel komplizierter machen als geplant …

Meine Meinung:

Bereits auf den ersten Seiten lernen wir Milly als resolute junge Frau kennen, die weiß, was sie will, und die aus ihrem Leben etwas machen will. Auch wenn sie aus finanziellen Gründen immer noch zuhause mit Stiefvater und Stiefschwester zusammenlebt, die beide auf ihre Art absolut nichts auf die Reihe bekommen. Die Schwester ist es deswegen auch, der Milly die nähere Bekanntschaft zum männlichen Protagonisten des Buchs – Nolan – verdankt.

So weit, so gut. Unmoralische Angebote kennen wir ja spätestens seit Robert Redford und Demi Moore, dieses Mal geht es immerhin um eine Reise nach New York, zu der Milly nicht Nein sagen kann. Spätestens hier ist klar: “Drei Küsse für ein Cottage” ist ein Sommermärchen, denn in der Realität wäre wohl Schluss, denn seien wir ehrlich, welche Frau würde wohl mit einem wildfremden Mann in ein anderes Land fliegen, den sie nicht kennt?

Aber wenn man sich darauf einlassen kann, stehen einem einige unterhaltsame Seiten bevor, wenn auch die Autorin für meinen Geschmack dieses Mal tiefer als sonst in die Klischeekiste greift. Hier hätte ich mir tatsächlich ein bisschen mehr Grau und weniger Schwarzweiß bei den Figuren gewünscht. Denn die nette und freundliche Familie von Nolan, obwohl sie reich sind, die zickige und biestige Ex-Freundin, die sowohl Milly als auch Nolan das Leben schwer macht – das sind alles Charakterisierungen, die wir in der einen oder anderen Form schon in vielen Liebesromanen hatten.

Trotzdem blinzelt an der einen oder anderen Stelle immer wieder der Humor der Autorin durch, den ich bereits bei ihrem ersten Buch lieben gelernt habe, manch einem mag es vielleicht kitschig erscheinen, aber ich fand es irgendwie niedlich, dass Milly den Grübchen ihres Angebeteten Namen gibt – Ernie und Bert werden mich jetzt wohl noch eine Weile verfolgen :).

Sehr gut gefallen hat mir auch, quasi nebenbei einiges über Orchideen zu lernen. Zwar kenne ich natürlich die “Standard”-Blumen, die man wirklich überall zu kaufen bekommt, allerdings war mir nicht klar, wie viele verschiedene Orchideen-Arten es gibt, auch wenn mir zumindest die Arten, die bei uns in den Alpen wachsen, bekannt sind. Wobei ich es dabei doch in einem Roman vorziehe, normale deutsche und nicht ihre fachwissenschaftlichen Namen zu lesen …

Den Schluss des Romans fand ich insgesamt etwas zwiespältig, es war irgendwie fast ein bisschen zu gewollt, das allerletzte Drama, das eigentlich hätte vermieden werden können, wenn sich unsere Milly ein klein wenig vernünftiger und nicht gar so kleinmädchenhaft benommen hätte. Das passte in meinen Augen irgendwie nicht so ganz zu der Frau, als die sie anfangs vorgestellt wurde …

Mein Fazit:

Im Vergleich zu den früheren Romanen fällt “Drei Küsse für ein Cottage” wegen der übermäßigen Klischees ein wenig ab, aber es hat trotzdem Spaß gemacht, Milly und Nolan auf ihrem Weg zueinander zu begleiten. Perfekte Urlaubslektüre für Fans von Liebesgeschichten!

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 283 Seiten
  • dotbooks Verlag
  • B07PBDP9PZ
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Rezension Ursula Poznanski – Vanitas

“Vanitas. Schwarz wie die Erde” ist das jüngste Buch aus der Feder von Erfolgsautorin Ursula Poznanski. Nach den letzten vier Kaspary-Wenninger-Büchern betritt allerdings nun eine ganz neue Protagonistin die Bühne, um die Leser- bzw. Hörerherzen zu erobern.

Eine, von der wir nicht einmal wissen, wie sie wirklich heißt. Denn Carolin, wie sie sich zur Zeit der Handlung nennt, hat offensichtlich in der Vergangenheit unter einem anderen Namen gelebt …

Der Klappentext:

Auf dem Wiener Zentralfriedhof ist die Blumenhändlerin Carolin ein so gewohnter Anblick, dass sie beinahe unsichtbar ist. Ebenso wie die Botschaften, die sie mit ihren Auftraggebern austauscht, verschlüsselt in der Sprache der Blumen – denn ihre größte Angst ist es, gefunden zu werden. Noch vor einem Jahr war Carolins Name ein anderer; damals war sie als Polizeispitzel einer der brutalsten Banden des organisierten Verbrechens auf der Spur. Kaum jemand weiß, dass sie ihren letzten Einsatz überlebt hat. Doch dann erhält sie einen Blumengruß, der sie zu einem neuen Fall nach München ruft – und der sie fürchten lässt, dass sie ihren eigenen Tod bald ein zweites Mal erleben könnte…

Meine Meinung:

Ehe es losgeht, die obligatorische Warnung: Diese Rezi kann Spuren von Spoilern enthalten! 😉

Da ich aktuell fast lieber höre als lese (Es lässt sich einfach besser mit meinem aktuellen Lebens- bzw- Lernrhythmus vereinbaren), habe ich mir nach “Thalamus” auch “Vanitas” als Hörbuch geholt. Und auch wenn mich der Klappentext jetzt nicht unbedingt sofort abholen konnte, dachte ich mir, eine neue Poznanski bedeutet endlich wieder ein neues Buch einer Lieblingsautorin.

“Vanitas” ist für mich allerdings der Beweis dafür, dass es manchmal auch mit den Büchern der Lieblingsautoren nicht so recht klappen will. Dabei hätte das Buch eigentlich alles, was es braucht, um eine tolle Geschichte zu erzählen. Eine Protagonistin, die in ihrer Vergangenheit offensichtlich etwas Schreckliches erlebt hat (wie man so nach und nach durch diverse Andeutungen erfährt), einen Krimi, wo es jede Menge Verdächtige gibt und einen wunderbaren Schreibstil, der es mir ermöglicht hat, die Geschichte relativ zügig durchzuhören.

Warum habe ich dann dieses Mal nicht so richtig in die Geschichte gefunden?  Ich vermute, es ist das, was ich vor allem bei Poznanskis Jugendbüchern so schätze – ein Geheimnis, wo man recht lange im Dunkeln tappt, worum es eigentlich geht. Diese Rätselspannung, dieses Mitfiebern wollte sich dieses Mal einfach nicht ergeben. Immer wieder tauchte der eine oder andere Spannungsmoment auf, nur um im nächsten Augenblick wieder zu verpuffen und im Geplänkel bzw. in einem Dialog mit einer der verdächtigen Figuren unterzugehen.

Apropos Figuren: Es ist selten, wenn ich das sage, aber ich habe es bei diesem Buch bis zum Schluss nicht geschafft, die männlichen Protagonisten, die alle irgendwie Dreck am Stecken haben, auseinanderzuhalten. Sie waren für mich einfach zu wenig greifbar, um sie dauerhaft verlässlich in mein Gedächtnis beim Hören einzuordnen.

Carolin selbst ist durchaus interessant angelegt, allerdings sind auch mir die Unstimmigkeiten aufgefallen, die bereits von anderen Bloggern bemängelt wurden. Eine Frau, die sich anfangs vor lauter Angst privat nicht mehr aus dem Haus traut und dann später in ihrem neuen “Job” immer wieder rausgeht, um Recherchen anzustellen? Wo waren da die Panikattacken, mit denen Carolin zu Beginn zu kämpfen hatte. Darüber hinaus konnte ich viele ihrer Entscheidungen einfach nicht nachvollziehen, denn wenn ich mich verstecken wollte, entscheide ich mich doch nicht dafür, als Gast auf eine Gala zu gehen, wo es vor Presse und Reportern nur so wimmelt?

Luise Helm als Sprecherin kannte ich bisher für Ursula Poznanskis Bücher noch nicht, aber sie macht ihre Sache gut, auch wenn noch Potenzial nach oben vorhanden ist (Ein klein wenig lebendiger hätte sie meiner Meinung nach die Figuren sprechen lassen können). Der sächsische Akzent für eine der Figuren war allerdings wirklich ein nettes Goodie, das hat mich einige Male zum Lächeln gebracht.

Lange Zeit habe ich geschwankt, ob ich drei oder vier Sterne vergeben soll (Ich runde ja in der Regel auf), aber das Finale hat es dann in meinen Augen reingerissen. Es tut mir leid, das schreiben zu müssen, aber das war für mich wie “Gas geben und dann den Motor abwürgen”, die Spannung war von einem Moment auf den anderen für mich komplett gestorben. Möglich, dass das damit zusammenhängt, dass “Vanitas” als Auftakt zu einer Reihe bezeichnet wird, aber ich kann mir im Moment nicht vorstellen, dass wir die verdächtige Familie aus diesem Buch im zweiten Teil wiedersehen werden, dafür gab es einfach zu viele Anspielungen auf Carolins Vorleben …

Alles in allem ist dieses Buch für mich ein etwas durchwachsener Start in eine neue Reihe, aber Carolin halte ich grundsätzlich für eine durchaus interessante Figur, die man noch ausbauen kann. Da ich außerdem weiß, wozu die Autorin in der Lage ist, bin ich geneigt abzuwarten, was der nächste Band bringen wird.

Mein Fazit:

Eigentlich tut es mir in der Seele weh, einem Buch von Ursula Poznanski “nur” drei Sterne zu geben, aber vier erscheinen mir hier einfach zuviel. Dafür gab es für mich dieses Mal leider zu wenig Spannung, zu viele Längen und Wiederholungen beim Plot und eine Hauptfigur, die für mich nicht immer stimmig war …

  • ★★★★★
  • Hörbuch
  • 695 Minuten
  • Argon Verlag
  • B07MXB1T21
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Rezension Neal Shusterman – Scythe “Die Hüter des Todes”

Auch wenn die letzten Wochen mit ziemlich viel neuem Wissen gepflastert waren, habe ich meinen Bücherkonsum doch nicht gänzlich gegen Null gehen lassen.

Denn: Gott sei Dank gibt es Hörbücher! Das hat nach einem langen Tag doch noch geklappt, abends wenigstens eine halbe Stunde Hören dranzuhängen, um von einem anstrengenden Tag wieder runterzukommen.

Der Klappentext:

Unsterblichkeit, Wohlstand, unendliches Wissen.
Die Menschheit hat die perfekte Welt erschaffen – aber diese Welt hat einen Preis.

Citra und Rowan leben in einer Welt, in der Armut, Kriege, Krankheit und Tod besiegt sind. Aber auch in dieser perfekten Welt müssen Menschen sterben, und die Entscheidung über Leben und Tod treffen die Scythe. Sie sind auserwählt, um zu töten. Sie entscheiden, wer lebt und wer stirbt. Sie sind die Hüter des Todes. Aber die Welt muss wissen, dass dieser Dienst sie nicht kalt lässt, dass sie Mitleid empfinden. Reue. Unerträglich großes Leid. Denn wenn sie diese Gefühle nicht hätten, wären sie Monster.

Als Citra und Rowan gegen ihren Willen für die Ausbildung zum Scythe berufen werden und die Kunst des Tötens erlernen, wächst zwischen den beiden eine tiefe Verbindung. Doch am Ende wird nur einer von ihnen auserwählt. Und dessen erste Aufgabe wird es sein, den jeweils anderen hinzurichten …

Meine Meinung:

Eines muss man Neal Shusterman lassen: Er hat wirklich viele tolle Ideen! Gerade in Bezug auf eine Gesellschaft, in der die Menschen unsterblich geworden sind. Was ist gut daran? Was weniger? Und ist es wirklich erstrebenswert, unsterblich zu sein? Viele Fragen, wo der Leser bzw. Hörer dazu aufgerufen wird, sich darüber Gedanken zu machen, ob der Traum vom ewigen Leben wirklich so erstrebenswert ist …

Sehr gut gefallen haben mir auch die vielen kleinen Anspielungen auf die sogenannte “Sterblichkeitsära”, sprich auf unsere Gesellschaft von heute, der Shusterman in gewisser Weise einen Spiegel vorhält. Manchmal ernsthaft, manchmal humorvoll, aber immer fein dosiert. Manchmal sogar so fein, dass ich mich kurz gefragt habe, ob ein jugendlicher Leser diese Anspielungen wirklich immer erfassen kann, aber egal. Es macht die Geschichte zu etwas, was man wie die Asterix-Comics sowohl als junger als Mensch als auch als Erwachsener konsumieren kann.

Den Schwachpunkt dieses ersten Teils sehe ich allerdings in der Geschichte und in Folge in den Figuren. Die Geschichte selbst jedoch konnte mich nämlich erst gegen Ende so richtig einfangen, vor allem die erste Hälfte plätscherte in meinen Augen relativ lange dahin. Die Rückblicke der ehrenwerten Scythe Curie waren zwar interessant, in Summe beim Hören aber auch anstrengend, da sie nicht wirklich etwas zur Handlung beitrugen.

Bei den Figuren hat der Autor in meinen Augen eigentlich nur einer Figur etwas mehr Tiefe gegeben, nämlich Citra. Rowan (der mir von den beiden Protagonisten besser gefallen hat) kam vor allem in der zweiten Hälfte des Buchs für meinen Geschmack viel zu kurz. Seine charakterliche Wandlung war für mich daher nicht so gut nachvollziehbar wie Citras.

Trotzdem ist das Buch schon deswegen bemerkenswert, weil es aus der Menge der derzeit so populären (aber immer nach denselben Mustern gestrickten) Jugend-Dystopien ausbricht. Auch das Ende kommt ohne nennenswerten Cliffhanger aus, obwohl man natürlich wissen möchte, wie es mit Citra und Rowan weitergeht.

Noch ein paar Worte zum Hörbuch: Torsten Michaelis trägt diese Geschichte fast allein, die übrigen Sprecher kommen nur dann zu Wort, wenn die Auszüge aus den Tagebüchern der Scythe vorgelesen werden. Für meinen Geschmack hätte der Lesung ein bisschen mehr Feuer nicht geschadet, aber Michaelis macht seine Sache gut und man kann ihm ohne Probleme folgen.

Mein Fazit:

Der erste Teil der “Scythe”-Trilogie stellt für mich eine Geschichte mit Stärken, aber auch Schwächen dar, daher vergebe ich gut gemeinte drei Sterne. Potenzial nach oben ist für die Fortsetzungen definitiv vorhanden!

  • ★★★★★
  • Hörbuch
  • 731 Minuten
  • Argon
  • 978-3839815649
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Rezension Christina Dalcher – Vox

Ich weiß gar nicht mehr, wann genau ich das erste Mal auf das Buch aufmerksam wurde, aber es liegt schon eine Weile zurück … Was ich aber noch genau weiß, ist, dass ich nach dem Lesen des Klappentexts auf der Stelle Feuer und Flamme für diese Geschichte war. Was für eine großartige Idee!

Deswegen beschloss ich auch, eine Leserunde zu “Vox” auf meinem Blog zu veranstalten, um es gemeinsam zu lesen und unsere Eindrücke zu diskutieren.

Der Klappentext:

In einer Welt, in der Frauen nur hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, bricht eine das Gesetz. Das provozierende Überraschungsdebüt aus den USA, über das niemand schweigen wird!
Als die neue Regierung anordnet, dass Frauen ab sofort nicht mehr als hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, will Jean McClellan diese wahnwitzige Nachricht nicht wahrhaben – das kann nicht passieren. Nicht im 21. Jahrhundert. Nicht in Amerika. Nicht ihr.
Das ist der Anfang.
Schon bald kann Jean ihren Beruf als Wissenschaftlerin nicht länger ausüben. Schon bald wird ihrer Tochter Sonia in der Schule nicht länger Lesen und Schreiben beigebracht. Sie und alle Mädchen und Frauen werden ihres Stimmrechts, ihres Lebensmuts, ihrer Träume beraubt.
Aber das ist nicht das Ende.
Für Sonia und alle entmündigten Frauen will Jean sich ihre Stimme zurückerkämpfen.

Meine Meinung:

“Der Roman, den jede Frau lesen muss” – das sagt zumindest der S.Fischer-Verlag, der das Buch bei uns auf dem Markt gebracht hat. Nun, ich sage: Nein! Warum, erkläre ich noch. Schauen wir erst einmal auf die Zutaten zu diesem dystopischen Roman, bei dem leider in der Endversion der Brief an die Leser und das Interview mit der Autorin weggefallen sind …

Beides fand ich durchaus interessant, denn die Autorin verrät darin auch, dass sie den Roman nicht unbedingt als feministischen Roman sieht, sondern eher als Gedankenspiel, was mit einer Gesellschaft passiert, wo auf einmal die Hälfte der Menschen nicht mehr sprechen darf. Als Linguistin ist die Autorin schließlich vom Fach, weiß, wovon sie schreibt.

Die Geschichte beginnt für meinen Geschmack durchaus spannend, wir lernen die Protagonistin Jean, 43, verheiratet, Mutter von vier Kindern, ehemals renommierte Neurolinguistin, kennen. Das Verhältnis zu ihrem Mann Patrick ist aber nach siebzehn Jahren Ehe nicht mehr das, was es mal war. Besonderes Sorgenkind ist die jüngste Tochter Sonia, die genau wie ihre Mutter dank des Wortzählers an ihrem Handgelenk kaum sprechen darf.

In Rückblenden wird erzählt, wie es zur Entstehung dieses Systems kam, Jean macht sich dabei mehr als einmal Vorwürfe, dass sie selbst im Gegensatz zu ihrer Freundin und Aktivistin Jackie nicht aktiv geworden ist. Der Alltag ist zu einem großen Schweigen geworden, der Frauen zurück an den Herd zwingt und der den Ehemännern, Vätern und Brüdern die Entscheidungsgewalt über ihre Frauen gibt.

Dies zeigt sich vor allem in den vielen kleinen Szenen, die die erste Hälfte des Romans dominieren, denn Jean darf im Grunde nichts mehr tun außer den Haushalt führen und (schweigend!) für ihre Familie da sein … Eine Begebenheit nach der anderen reiht sich aneinander, wo man sich als Leserin am liebsten übergeben würde, so viel Ungerechtigkeit ist entstanden – und niemand ist (zunächst) da, an den Jean sich wenden kann. Selbst ihr ältester Sohn Steven wendet sich von ihr ab, beeinflusst von der umfassenden Gehirnwäsche des Systems.

Wie in jeder guten Geschichte passiert allerdings etwas, was dafür sorgt, dass Jean sich einige Freiheiten zurück erkämpfen kann: Der Bruder des Präsidenten ist auf Jeans Fähigkeiten als Wissenschaftlerin angewiesen. Jean nutzt die Chance, um wieder in Kontakt mit ihrem alten Forscher-Team zu kommen, begegnet dabei auch ihrem italienischen Kollegen Lorenzo wieder, mit dem sie etwas mehr als nur die Arbeit verbindet.

Ab hier etwa setzte allerdings auch das Gefühl ein, mich immer mehr in der Handlung zu verlieren, nicht mehr mitzukommen … Viel zu viel blieb an der Oberfläche, ließ die Gefühle und das Grauen des Anfangs vermissen. Das Verständnis für die Motivation der Figuren, bestimmte Dinge zu tun, entglitt mir zunehmend. Stattdessen immer mehr Geheimnisse, immer mehr Fragen – und immer mehr Ungereimtheiten.

Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, zwei verschiedene Autoren haben an dieser Geschichte geschrieben. Einer, der sich Zeit genommen hat, einen wirklich beklemmenden, angsteinflößenden Anfang zu schaffen, aber auch einer, der anscheinend unter Zeitdruck gestanden hat, den Roman möglichst rasch zu einem Ende zu bringen.

Apropos Ende: Das Ende wurde von meinen Mitlesern in der Leserunde recht unterschiedlich wahrgenommen. Mir gefiel es grundsätzlich schon, wenn da allerdings nicht das große Aber wäre: Es wird viiiiel zu rasch erzählt! Dadurch wirkt es wie fast die gesamte zweite Hälfte des Romans eher lieblos und nur runtergeschrieben.

Dies ließ mich nach dem Beenden des Buches tatsächlich erst einmal ratlos zurück. Denn wie bewertet man ein Buch, dass man zu Beginn absolut fesselnd, spannend, grausam und traurig fand, das also jede Menge Gefühle ausgelöst hat, dann aber so absolut abstürzt, dass man am liebsten das Ende einfach vergessen und verdrängen möchte? Der Anfang verdient meiner Meinung nach problemlos vier Sterne, das Ende allerdings eher zwei …

Mein Fazit:

“Starker Anfang, schwaches Ende” – so könnte man “Vox” wohl am besten beschreiben, wenn man sich auf die vielbeschworenen 100 Wörter pro Tag für Frauen beschränken muss. Die Idee finde ich auch jetzt immer noch großartig, das letzte Drittel des Buchs möchte ich jedoch am liebsten aus meinem Gedächtnis streichen …

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 400 Seiten
  • S. Fischer
  • 978-3103974072
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