Rezension Christina Dalcher – Vox

Ich weiß gar nicht mehr, wann genau ich das erste Mal auf das Buch aufmerksam wurde, aber es liegt schon eine Weile zurück … Was ich aber noch genau weiß, ist, dass ich nach dem Lesen des Klappentexts auf der Stelle Feuer und Flamme für diese Geschichte war. Was für eine großartige Idee!

Deswegen beschloss ich auch, eine Leserunde zu “Vox” auf meinem Blog zu veranstalten, um es gemeinsam zu lesen und unsere Eindrücke zu diskutieren.

Der Klappentext:

In einer Welt, in der Frauen nur hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, bricht eine das Gesetz. Das provozierende Überraschungsdebüt aus den USA, über das niemand schweigen wird!
Als die neue Regierung anordnet, dass Frauen ab sofort nicht mehr als hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, will Jean McClellan diese wahnwitzige Nachricht nicht wahrhaben – das kann nicht passieren. Nicht im 21. Jahrhundert. Nicht in Amerika. Nicht ihr.
Das ist der Anfang.
Schon bald kann Jean ihren Beruf als Wissenschaftlerin nicht länger ausüben. Schon bald wird ihrer Tochter Sonia in der Schule nicht länger Lesen und Schreiben beigebracht. Sie und alle Mädchen und Frauen werden ihres Stimmrechts, ihres Lebensmuts, ihrer Träume beraubt.
Aber das ist nicht das Ende.
Für Sonia und alle entmündigten Frauen will Jean sich ihre Stimme zurückerkämpfen.

Meine Meinung:

“Der Roman, den jede Frau lesen muss” – das sagt zumindest der S.Fischer-Verlag, der das Buch bei uns auf dem Markt gebracht hat. Nun, ich sage: Nein! Warum, erkläre ich noch. Schauen wir erst einmal auf die Zutaten zu diesem dystopischen Roman, bei dem leider in der Endversion der Brief an die Leser und das Interview mit der Autorin weggefallen sind …

Beides fand ich durchaus interessant, denn die Autorin verrät darin auch, dass sie den Roman nicht unbedingt als feministischen Roman sieht, sondern eher als Gedankenspiel, was mit einer Gesellschaft passiert, wo auf einmal die Hälfte der Menschen nicht mehr sprechen darf. Als Linguistin ist die Autorin schließlich vom Fach, weiß, wovon sie schreibt.

Die Geschichte beginnt für meinen Geschmack durchaus spannend, wir lernen die Protagonistin Jean, 43, verheiratet, Mutter von vier Kindern, ehemals renommierte Neurolinguistin, kennen. Das Verhältnis zu ihrem Mann Patrick ist aber nach siebzehn Jahren Ehe nicht mehr das, was es mal war. Besonderes Sorgenkind ist die jüngste Tochter Sonia, die genau wie ihre Mutter dank des Wortzählers an ihrem Handgelenk kaum sprechen darf.

In Rückblenden wird erzählt, wie es zur Entstehung dieses Systems kam, Jean macht sich dabei mehr als einmal Vorwürfe, dass sie selbst im Gegensatz zu ihrer Freundin und Aktivistin Jackie nicht aktiv geworden ist. Der Alltag ist zu einem großen Schweigen geworden, der Frauen zurück an den Herd zwingt und der den Ehemännern, Vätern und Brüdern die Entscheidungsgewalt über ihre Frauen gibt.

Dies zeigt sich vor allem in den vielen kleinen Szenen, die die erste Hälfte des Romans dominieren, denn Jean darf im Grunde nichts mehr tun außer den Haushalt führen und (schweigend!) für ihre Familie da sein … Eine Begebenheit nach der anderen reiht sich aneinander, wo man sich als Leserin am liebsten übergeben würde, so viel Ungerechtigkeit ist entstanden – und niemand ist (zunächst) da, an den Jean sich wenden kann. Selbst ihr ältester Sohn Steven wendet sich von ihr ab, beeinflusst von der umfassenden Gehirnwäsche des Systems.

Wie in jeder guten Geschichte passiert allerdings etwas, was dafür sorgt, dass Jean sich einige Freiheiten zurück erkämpfen kann: Der Bruder des Präsidenten ist auf Jeans Fähigkeiten als Wissenschaftlerin angewiesen. Jean nutzt die Chance, um wieder in Kontakt mit ihrem alten Forscher-Team zu kommen, begegnet dabei auch ihrem italienischen Kollegen Lorenzo wieder, mit dem sie etwas mehr als nur die Arbeit verbindet.

Ab hier etwa setzte allerdings auch das Gefühl ein, mich immer mehr in der Handlung zu verlieren, nicht mehr mitzukommen … Viel zu viel blieb an der Oberfläche, ließ die Gefühle und das Grauen des Anfangs vermissen. Das Verständnis für die Motivation der Figuren, bestimmte Dinge zu tun, entglitt mir zunehmend. Stattdessen immer mehr Geheimnisse, immer mehr Fragen – und immer mehr Ungereimtheiten.

Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, zwei verschiedene Autoren haben an dieser Geschichte geschrieben. Einer, der sich Zeit genommen hat, einen wirklich beklemmenden, angsteinflößenden Anfang zu schaffen, aber auch einer, der anscheinend unter Zeitdruck gestanden hat, den Roman möglichst rasch zu einem Ende zu bringen.

Apropos Ende: Das Ende wurde von meinen Mitlesern in der Leserunde recht unterschiedlich wahrgenommen. Mir gefiel es grundsätzlich schon, wenn da allerdings nicht das große Aber wäre: Es wird viiiiel zu rasch erzählt! Dadurch wirkt es wie fast die gesamte zweite Hälfte des Romans eher lieblos und nur runtergeschrieben.

Dies ließ mich nach dem Beenden des Buches tatsächlich erst einmal ratlos zurück. Denn wie bewertet man ein Buch, dass man zu Beginn absolut fesselnd, spannend, grausam und traurig fand, das also jede Menge Gefühle ausgelöst hat, dann aber so absolut abstürzt, dass man am liebsten das Ende einfach vergessen und verdrängen möchte? Der Anfang verdient meiner Meinung nach problemlos vier Sterne, das Ende allerdings eher zwei …

Mein Fazit:

“Starker Anfang, schwaches Ende” – so könnte man “Vox” wohl am besten beschreiben, wenn man sich auf die vielbeschworenen 100 Wörter pro Tag für Frauen beschränken muss. Die Idee finde ich auch jetzt immer noch großartig, das letzte Drittel des Buchs möchte ich jedoch am liebsten aus meinem Gedächtnis streichen …

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 400 Seiten
  • S. Fischer
  • 978-3103974072
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Rezension Mick Finlay – Arrowood

“Arrowood” machte mich ehrlich gestanden wegen seines Covers neugierig. Die Silhouette des Herrn mit Zylinder und Stock und der Zusatz “In den Gassen von London” ließen mich auf einen Krimi schließen, der im historischen London spielt :). Der Klappentext tat dann sein Übriges dazu, mich zu überzeugen, diesem Buch eine Chance zu geben.

Der Klappentext:

Privatdetektiv William Arrowood ist ein Mann vieler Talente – und einiger Laster. Die Tagelöhner und Straßenmädchen im armen South London können sich keinen besseren Detektiv leisten und kommen daher mit allen Anliegen zu ihm. Voller Verachtung und Neid blickt er über die Themse auf seinen bekannten Kollegen Sherlock Holmes und dessen betuchte Klientel.

Auch Arrowoods neuester Fall scheint nicht geeignet zu sein, ihn berühmt zu machen: Eine junge Französin bittet darum, ihren verschwundenen Bruder aufzuspüren. Doch hinter dem simplen Auftrag verbergen sich weit mehr Geheimnisse und Leichen, als Arrowood für möglich hielt. Und so führen ihn seine Ermittlungen von den Tiefen der Londoner Unterwelt bis in höchste Regierungskreise …

Meine Meinung:

Die Idee, einen direkten Konkurrenten zu Sherlock Holmes zu schaffen, der aber offensichtlich auf andere Methoden als der bekannte Detektiv setzt, faszinierte mich von Anfang an. Und ein klein wenig bedient sich der Autor auch der Methodik eines Sir Arthur Conan Doyle, indem er dem kauzigen Arrowood einen Assistenten namens Norman Barnett zur Seite stellt, der aus der Ich-Person die Geschichte erzählt.

Zugegeben: Als Sherlock-Fan zu lesen, dass jemand Sherlock und seine Methoden nicht mag, ist schon ein bisschen harter Tobak. Aber gleichzeitig amüsierte mich dies auch und ich war gespannt darauf, welche Geschichte uns und welchen Fall seinen beiden Helden der Autor servieren würde. Der Auftakt liest sich auch sehr gut, denn die Klientin scheint Arrowood und Barnett gegenüber von Anfang an nicht ganz aufrichtig zu begegnen.

Das Problem an diesem Buch ist in meinen Augen leider die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird. Es gibt immer wieder einzelne spannende Momente, aber keiner davon war für mich sooo fesselnd, dass ich das Buch nicht dazwischen für einige Zeit weglegen konnte.

Wobei das Buch eigentlich beste Voraussetzungen hätte, eine tolle Geschichte zu erzählen, denn der Autor hat das Talent, das frühere London in seiner ganzen Vielfalt auferstehen zu lassen. Armut, Gewalt, Verbrechen – dies war in einigen Vierteln der Stadt an der Tagesordnung. Ein Schmelztiegel an Kulturen und Interessen trug wohldazu bei, die Stadt zeitweise in einen Hexenkessel an Emotionen zu verwandeln.

Sehr gut gefallen haben mir auch die Figuren, die der Autor geschaffen hat. Angefangen bei dem zeitweise recht jähzornigen William Arrowood, der zwar ein guter Menschenkenner ist, aber ab und zu auch seinen Gefühlen einmal zu oft freien Lauf lässt, über den sympathischen Assistenten Norman Barnett, der mehr ein Partner als ein Assistent für Arrowood ist, bis hin zu Neddy, dem Straßenjungen, der für Arrowood und Barnet immer wieder kleine Aufträge erledigt. Auch Ettie, Arrowoods Schwester, konnte mir das eine oder andere Schmunzeln entlocken.

Das Ende fand ich persönlich ein wenig durchwachsen. Zwar werden alle offenen Fragen zur Zufriedenheit des Leser beantwortet, nur kam es für meinen Geschmack ein wenig abrupt. Ein klein wenig Tempo hier rauszunehmen, wäre nicht verkehrt gewesen. Auch fand ich das Schicksal des Antagonisten ein wenig schade, das war für meinen Geschmack ein wenig … unspektakulär.

Mein Fazit:

“Arrowood” ist für meinen Geschmack eine Geschichte mit einer guten (und witzigen) Idee, die aber beim Ausarbeiten ein wenig ins Straucheln geraten ist. Das authentische Setting und die sympathischen Figuren haben für mich allerdings das Buch trotzdem lesenswert gemacht.

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 400 Seiten
  • HarperCollins
  • 978-3959677479
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(Kurz)Rezension Petra Hartlieb – Ein Winter in Wien

Petra Hartlieb ist mir schon seit ihrem Buch “Meine wundervolle Buchhandlung” ein Begriff. Dass sie allerdings nun auch angefangen hat, Romane mit historischem Setting zu schreiben, ist irgendwie bis jetzt an mir vorbeigegangen. “Ein Winter in Wien” dürfte nämlich der Auftakt zu einer mehrbändigen Geschichte werden, die Fortsetzung “Wenn es Frühling wird in Wien” ist dieses Jahr im Februar erschienen.

Der Klappentext:

Um 1910. Marie arbeitet als Kindermädchen bei einer angesehen Familie im Wiener Cottage-Viertel. Eines Tages wird sie vom Herrn des Hauses zur nahegelegenen Buchhandlung geschickt, um ein Buch abzuholen. Doch sie kommt mit leeren Händen, völlig durchnässt vom Schnee, zurück. Der Band sei noch nicht eingetroffen, Buchhändler Oskar bringe ihn so bald wie möglich persönlich vorbei. Als Oskar am gleichen Nachmittag am Haus in der Sternwartestraße klingelt, hat er gleich zwei Bücher dabei: eines für den Herrn Schnitzler und das andere für Marie, mitsamt einer persönlichen Notiz an das Fräulein. Er möchte sie gerne wiedersehen…

Meine Meinung:

Petra Hartlieb hat einen einfachen und recht schnörkelosen Schreibstil, der es einem aber nicht schwer macht, sich in die Haut des jungen Mädchens Marie zu versetzen, das die freiwerdende Stelle als Kindermädchen bei den Schnitzlers ergattert.

Marie selbst ist auf einem Bauernhof großgeworden, daher erscheint ihr die neue Arbeit in Wien als echter Glücksgriff. Die zweijährige Lili und der neunjährige Heini freunden sich schnell mit ihr an und zusammen mit der Familie erlebt Marie, dass das Leben auch aus anderen Dingen als harter Arbeit, Schlägen und Schweigen besteht.

Maries Leben nimmt eine erneute Wendung, als sie den jungen Buchhändler Oskar kennenlernt, der sich von ihr sofort angezogen fühlt. Marie dagegen ist zurückhaltend, hat sie doch sehr wohl verstanden, dass es für sie nicht von Vorteil ist, in ihrer Situation sich auf eine Liebelei einzulassen …

Für sich gesehen gibt der Inhalt eigentlich nicht viel her, trotzdem ertappte ich mich irgendwann beim Lesen, dass sich die Geschichte langsam, aber sicher in mein Herz schlich, auch wenn ich mehrmals das Gefühl hatte, dass aufgrund der Kürze des Romans vieles auf der Strecke blieb. Hartlieb gelingt es trotzdem wunderbar, das Leben der Menschen jener Zeit einzufangen und darin das zarte Pflänzchen der Gefühle einzubetten, die sich hier langsam, aber sicher zwischen Marie und Oskar entwickeln.

Es kommt aber auch das Leben der Familie Schnitzler auf den 176 Seiten nicht zu kurz. Wir erfahren, dass Schnitzler vor seiner Ehe kaum etwas anbrennen hat lassen, Sohn Heinrich wurde sogar noch unehelich geboren. Die kleine Lili dagegen ist Schnitzlers Augenstern, der Vater kümmert sich trotz seiner Arbeit und seinen gesellschaftlichen Aktivitäten rührend um beide Kinder.

Warum ich keine vier Sterne vergebe, hängt aber leider mit dem Ende zusammen. Denn das Buch hat eigentlich keines, die Geschichte friert mehr oder weniger in der letzten Szene einfach ein. Und das ist etwas, was ich absolut nicht leiden kann und was ich für sehr ungeschickt halte, da ich mit einem ziemlich unzufriedenen Gefühl den Deckel vom Reader zuklappen musste.

Mein Fazit:

“Ein Winter in Wien” ist eine zarte und sehr zurückhaltende Liebesgeschichte, eingebettet in das Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts. Den Wermutstropfen stellt für mich leider das ungeschickte Ende dar, das mir doch ein wenig die Freude an dem Buch verdorben hat …

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 176 Seiten
  • Rowohlt Digitalbuch
  • 978-3-644-31551-8
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Rezension Naomi Alderman – Die Gabe

“Die Gabe” ist in gewisser Weise das Buch, das ich immer schreiben wollte, hätte ich die Geduld und den Ehrgeiz, selbst einen Roman zu verfassen. Die Idee, wie unsere Gesellschaft wäre, wenn die Frauen die Macht hätten … Diese Vorstellung hat mich irgendwie schon immer fasziniert. Deswegen war ich auch schon sehr gespannt darauf, was Naomi Alderman daraus gemacht hatte.

Dr Klappentext:

Es sind scheinbar gewöhnliche Alltagsszenen: ein nigerianisches Mädchen am Pool. Die Tochter einer Londoner Gangsterfamilie. Eine US-amerikanische Politikerin. Doch sie alle verbindet ein Geheimnis: Von heute auf morgen haben Frauen weltweit die Gabe – sie können mit ihren Händen starke elektrische Stromstöße aussenden. Ein Ereignis, das die Machtverhältnisse und das Zusammenleben aller Menschen unaufhaltsam, unwiederbringlich und auf schmerzvolle Weise verändern wird.

Meine Meinung:

Naomi Alderman erzählt ihre Geschichte in – sagen wir – Episoden. Dies wird gerade dadurch deutlich, dass das Buch in verschiedene zeitliche Abschnitte (beispielsweise “Noch zehn Jahre”) unterteilt ist und dass die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt wird.

Das bedeutet, dass vieles eigentlich nur angerissen und nicht im Detail auserzählt wird – etwas, was mich doch an der einen oder anderen Stelle ein wenig gestört hat. Die einzelnen Figuren beispielsweise bekommen dadurch verhältnismäßig wenig Tiefe, wirken eher wie ein Mittel zum Zweck, die Entwicklung der Geschichte voranzutreiben.

Trotzdem gelingt es der Autorin sehr gut, ihr Gedankenspiel darzustellen. Was wäre, wenn Männer von heute auf morgen das schwächere Geschlecht sind? Was wäre, wenn Männer Sexismus, Vergewaltigung und Gewalt von Frauen ausgesetzt wären? Sind Frauen die besseren Mächtigen? Diese und noch mehr Fragen beantwortet die Autorin in meinen Augen durchaus zufriedenstellend, auch wenn mich manche ihrer Ideen nicht so ganz überzeugen konnten.

Dabei beschönigt die Autorin nichts, gerade bei den Vergewaltigungsszenen musste ich schon ein- oder zweimal schlucken. Wer hier empfindlich reagiert, sollte die entsprechenden Abschnitte vielleicht lieber überblättern oder gleich ganz einen Bogen um das Buch machen. Besonders die zweite Hälfte des Buch (Ja, ich weiß, es ist ein leichter Spoiler) wirkte auf mich aus diesem Grund eher deprimierend.

Hat man anfangs noch Sympathien für die Frauen, die sich gegen männliche Vorherrschaft, Frauenhandel und Missbrauch zur Wehr setzen, kippt die Stimmung zusehends. Das Ende und die Botschaft, die dieses Ende aussendet, fand ich persönlich recht zwiespältig. Natürlich verstehe ich, dass die Geschichte nur ein Bild, eine Idee sein soll, aber ein Teil von mir weigert sich einfach, die dargestellten Dinge als gegeben hinzunehmen. Und zwar egal, ob nun Männer oder Frauen an der Macht sind.

Was mir jedoch durchaus gefallen hat, sind die Rahmenhandlung bzw. die Einschübe: Zwischen den Abschnitten beispielsweise finden sich Zeichnungen, Auszüge aus alten Dokumenten, E-Mails, die darauf schließen lassen, dass es sich bei dem Roman um eine Art geschichtlichen Erlebnisbericht handelt, der auf wissenschaftlichen Forschungsergebnissen beruht. Das macht den Roman ein ganzes Stück realistischer, auch wenn man natürlich weiß, dass man eine fiktive Geschichte vor sich hat.

Ich gebe zu, dass ich an “Die Gabe” doch recht hohe Erwartungen hatte, die sich für mich aber nur teilweise erfüllt haben. Zu viele Dinge fand ich an diesem Buch einfach … befremdlich. Dinge, wo ich nicht weiß, zu welchem Zweck die Autorin sie in die Geschichte eingearbeitet hat.

Wer meine Tweets verfolgt hat, die ich im Rahmen der #bbfliest Leserunde auf Twitter gepostet habe, wird wissen, was ich meine (Die anderen können sie nachlesen, einfach in der Suche den Hashtag eingeben). Dies lässt mich nun leider doch nur drei Sterne vergeben, obwohl ich mich wirklich auf dieses Buch gefreut habe.

Mein Fazit:

“Die Gabe” war für mich in Summe ein recht zwiespältiges Buch, einiges fand ich sehr gut umgesetzt, einiges dagegen gefiel mir so ganz und gar nicht. Auch mit dem Ende konnte ich mich nicht so wirklich anfreunden … Trotzdem fand (und finde) ich die Idee zu diesem Buch einfach großartig.

  • ★★★★★
  • Klappenbroschur
  • 480 Seiten
  • Heyne
  • 978-3453319110
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(Kurz)Rezension Michaela Grünig & Marc Girardelli – Abfahrt in den Tod

“Abfahrt in den Tod” ist das Debüt eines neuen Autorenteams, bestehend aus Michaela Grünig und Marc Girardelli. Letzterer dürfte vor allem den älteren Semestern unter uns bestimmt noch als sehr erfolgreicher Skifahrer bekannt sein 🙂 .

Der Klappentext:

Der erfolgreiche Abfahrtsläufer Marc Gassmann erlebt nach einer Verletzung die letzte gute Saison seiner Karriere. In seinem “Paradelauf” am Lauberhorn liegt er in Führung, der Sieg ist greifbar nah – bis eine Drohne genau hinter ihm auf die Piste stürzt. Zufall oder Mordanschlag? Mit Kantonspolizistin Andrea wird ausgerechnet seine Ex-Freundin mit der Aufklärung des Falls beauftragt. Harmonie? Fehlanzeige. Doch als sich ein weiterer Anschlag auf Marc ereignet, beginnt die gemeinsame Jagd nach einem mysteriösen Unbekannten …

Meine Meinung:

Das Buch startet unmittelbar mit einer sehr plastischen Beschreibung von Marc Gassmanns Rennen. Als Leser bekommt man damit ein sehr gutes Gefühl, wie es sein muss, im Starthäuschen zu stehen und sich in knapp fünf Minuten einen Berghang hinunterzuwerfen. Geschwindigkeiten bis zu 160 km/h sind schließlich kein Pappenstiel, nicht einmal, wenn man im Auto eine solche Geschwindigkeit hat …

Abfahrtsläufer sind moderne Gladiatoren. Wie im alten Rom ergötzten sich die Massen vor Ort und an den Bildschirmen an ihrem Wagemut und Können.
2%

Ich gebe zu, ich hätte das wohl nie so formuliert, aber ich denke, es ist bestimmt etwas Wahres daran. Ich bin zwar persönlich absolut kein Fan davon, mir Skirennen im TV anzugucken, aber neben Fußball ist der Skisport sehr, sehr präsent in den österreichischen Medien, man kommt da eigentlich kaum drum herum, ob es einem nun gefällt oder nicht.

Der Kriminalfall ist in meinen Augen jetzt nicht so herausragend, vor allem die Ermittlerin stellte sich zeitweise schon etwas naiv an. Aber das ist meiner Meinung auch nach nicht das, was dieses Buch interessant macht: Das Besondere ist der Blick hinter die Kulissen, den man normalerweise nicht bekommt. Wetten beispielsweise, knallharte Sponsoring-Verträge und Doping sind Dinge, die wohl eher hinter vorgehaltener Hand Thema sind – und selten ihren Weg an die Öffentlichkeit finden.

Mein Fazit:

“Abfahrt in den Tod” ist ein Krimi, der in meinen Augen vor allem von seinem Setting und weniger von seiner Handlung lebt. Wer sich darauf einlassen kann, wird aber auf jeden Fall gut unterhalten.

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 256 Seiten
  • Emons Verlag
  • 978-3740800512
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Rezension Ray Celestin – Höllenjazz in New Orleans

Nach “Der zweite Reiter” ist dies gleich das zweite Buch, wo ich mich in das Jahr 1919 begebe, aber nicht nach Europa, sondern in die USA, genauer gesagt nach New Orleans. Ray Celestin nimmt den Leser mit in eine Stadt, die vom Jazz und vom ersten Weltkrieg geprägt ist, die aber auch kurz vor dem Beginn der Prohibition steht (die immerhin doch bis 1933 Bestand hatte).

Rassismus, und Diskriminierung sind an der Tagesordnung. Mitten in diesen Hexenkessel hinein setzt der Autor seine Figuren und scheut sich dabei auch nicht, auf wahre Begebenheiten zurückzugreifen.

Der Klappentext:

New Orleans, 1919: Der mysteriöse »Axeman-Mörder« versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Seine Waffe ist eine Axt, sein Markenzeichen Tarotkarten, die er bei seinen Opfern hinterlässt. Detective Michael Talbot ist mit dem Fall betraut und verzweifelt an der Wendigkeit des Killers. Der ehemalige Polizist Luca D’Andrea sucht ebenfalls nach dem Axeman – im Auftrag der Mafia. Und Ida, die Sekretärin der Pinkerton Detektivagentur, stolpert zufällig über einen Hinweis, der sie und ihren besten Freund Louis Armstrong mitten in den Fall hineinzieht. Als Michael, Luca, Ida und Louis der Identität des Axeman immer näherkommen, fordert der Killer die Bewohner von New Orleans heraus: Spielt Jazz – sonst komme ich, um euch zu holen.

Ray Celestin ist ein brillanter Debütroman gelungen, der sich in einer Mischung aus Fakten und Fiktion um eine der spannendsten und geheimnisvollsten Mordfälle der nordamerikanischen Geschichte rankt.

Meine Meinung:

Im Grunde verspricht der Klappentext eine Art Mischung aus Thriller und Krimi, denn Ermittler, Serienmörder, geheimnisvolle Hinweise – das sind alles Dinge, wie man aus einer solchen Geschichte kennt. Trotzdem hat Piper das nicht schlecht gelöst, indem der Verlag auf das Cover “Roman” geschrieben hat. Denn der Roman besitzt zwar alles, was man von einem Thriller kennt – und irgendwie ist es doch keiner. Warum? Weil Celestin trotz der Ermittlungen nicht unbedingt den Schwerpunkt der Geschichte auf das Herausfinden des Täters lenkt.

Im Gegenteil: Er beschreibt das Leben seiner drei Protagonisten sehr anschaulich, daher bekommt man als Leser sehr schnell ein Gefühl dafür, wie es gewesen sein muss, zu Beginn der Zwanziger Jahre in New Orleans zu leben. Die Konflikte zwischen den unterschiedlichen Ethnien sind allgegenwärtig und mitten in diesem Hexenkessel mischt auch noch Axeman mit. Er ist quasi der Katalysator, der dafür sorgt, dass Michael, Luca und Ida tun, was sie tun, aber er ist eigentlich eher eine Randfigur.

Was ich zu Beginn nicht wusste, war, dass Celestin hier auf wahre Tatsachen zurückgegriffen hat. Eine kurze Recherche bei Wikipedia zeigte mir allerdings recht schnell, dass der Autor einige Details sehr frei interpretiert hat, die Tarotkarten beispielsweise sind reine Erfindung, genauso auch wie die Beschreibung der Opfer. Trotzdem drängen sich recht schnell Parallelen zu Jack the Ripper und dem Zodiac-Killer auf, die ja ebenfalls Briefe geschrieben haben …

Der Brief des Axeman ist historisch, den der Autor gleich zu Beginn verwendet. Eine gute Entscheidung, denn das macht neugierig und auch die drei Hauptfiguren fand ich gut angelegt. Auch das bereits erwähnte Bild von New Orleans zeichnet der Autor sehr anschaulich, keine Frage. Nur darüber hinaus tritt das Krimi-Element irgendwie nach einer gewissen Zeit in den Hintergrund. Man begleitet zwar alle drei bei ihren Nachforschungen, trotzdem hat man nicht das Gefühl, sie wirklich aktiv beim Zusammentragen von Informationen zu begleiten.

Was sich mir beispielsweise gar nicht erschlossen hat, ist die Nebenfigur von Louis Armstrong. Die Eckdaten seines Lebens sind vermute ich richtig dargestellt (vorausgesetzt es stimmt, was ich gelesen habe), allerdings trägt er eigentlich nicht wirklich zu der Geschichte bei, ist nicht viel mehr als ein freundlicher und liebenswerter Begleiter von Ida. Hier konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Celestin ihn nur verwendet hat, um einige Leser mehr anzusprechen, weil bekannter Name. Gebraucht hätte es seine Figur eigentlich nicht.

Das Finale schließlich ist für meinen Geschmack fast etwas zu gewollt. Der Autor serviert uns einen Täter (der in Wirklichkeit genau wie der Ripper und der Zodiac auch nie gefunden wurde), vermutlich, um den Erwartungen der Leser zu entsprechen. Trotzdem war es durchaus spannend zu lesen und in gewisser Weise auch nachvollziehbar.

Mein Fazit:

“Höllenjazz in New Orleans” ist für mich irgendwie durchwachsen, anders kann ich es nicht ausdrücken. Es gab einiges, was mir gefallen hat, aber auch einiges, was ich nicht so gut gelöst fand. Potenzial ist in meinen Augen aber vorhanden, lassen wir uns daher überraschen, was der Autor in Zukunft abliefern wird.

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 512 Seiten
  • Piper
  • 978-3492990035
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Rezension Thomas Brezina – Alte Geister ruhen unsanft

Wer kennt sie nicht, die Abenteuer der Knickerbocker-Bande von Thomas Brezina? Gerade bei uns in Österreich ist der Name einer ganzen Generation von Kindern bekannt, die mittlerweile erwachsen geworden sind. Unter diesem Gesichtspunkt ist es auch nachvollziehbar, dass der Autor einen Schritt weiter gegangen ist und in seinem neuen Buch “Alte Geister ruhen unsanft” seine jungen Helden erwachsen werden hat lassen.

Zum Inhalt:

Ein Streit hat dazu geführt, dass die Freundschaft von Lilo, Poppi, Axel und Dominik zerbrochen ist. Jahrelang haben die vier keinen Kontakt mehr zueinander, bis eines Tages verschiedene Nachrichten die Knickerbocker auf einer abseits gelegenen Insel wieder zusammenführen.

Abgeschnitten von der Außenwelt, ohne Verbindung zum Festland, haben sie allerdings keine Zeit, ihre alten Konflikte heraufzubeschwören, denn innerhalb kurzer Zeit bestimmen unheimliche Ereignisse ihren Aufenthalt …

Meine Meinung:

Ich vermute, im Gegensatz zu vielen anderen Lesern bin ich jemand, dem die Knickerbocker-Bande (und ihr Autor) zwar etwas sagt, der aber trotzdem nie einen Roman gelesen hat. Bekanntlich gibt es aber für alles ein erstes Mal, daher sagte ich nicht Nein, als ich gefragt wurde, ob ich Lust hätte, das neue Buch von Thomas Brezina zu lesen :).

Die Geschichte beginnt mit einer kurzen Einleitung, wie es dazu kam, dass die vier Kinder getrennte Wege gegangen sind. Ein geheimnisvoller Schatten bewegte sich dabei schon damals im Hintergrund und hatte ein Auge auf die Freunde, ließ sie sogar überwachen und ausspionieren.

Zwanzig Jahre später erreichen Briefe von Poppi ihr Ziel. Sie bittet ihre Freunde, sich mit ihr auf einer einsam gelegenen Insel in der Nähe von Brighton zu treffen, um sie ein letztes Mal zu sehen, bevor sie stirbt. Dominik, Lilo und Axel reisen an – nur um festzustellen, dass es Poppi gut geht, von Krankheit keine Spur. Aber offensichtlich hat jemand sehr viel Interesse daran, die vier auf der Insel festzuhalten …

Dieser geheimnisvolle und gruselige Ansatz sorgt auf jeden Fall dafür, dass man nach der Einleitung recht schnell in die Geschichte reinkommt – und bald will man genauso wie die vier Freunde wissen, was eigentlich los ist. Zu Beginn erinnerte das Setting zwar ein wenig an Christies “Und dann gab’s keines mehr”, aber das legte sich Gott sei Dank schnell. Gerade das erste Drittel empfand ich als sehr spannend und ich konnte fast nicht aufhören zu lesen.

Der recht einfach gehaltene Schreibstil hat zur Folge, dass man durch die etwas mehr als 400 Seiten mehr oder weniger fast fliegt. Der Schreibstil macht meiner Meinung auch aus, dass das Buch eher für jugendliche Leser geeignet ist, auch wenn erwachsene Leser angesprochen werden sollen.

Vielleicht ist dies mit ein Grund, warum ich mich lange Zeit schwertat mit der Vorstellung, wie alt Lilo, Axel, Poppi und Dominik nun wirklich sind. Selbstverständlich erfährt man, was sie in der Zwischenzeit getan haben, welchen Beruf sie ergriffen haben, aber an vielen Stellen hatte ich das Gefühl, sehr junge Menschen vor mir zu haben … Ich rechnete mir aus, dass sie Anfang 30 sein müssten, trotzdem wirkten sie nicht unbedingt wie Erwachsene auf mich. Da fehlte mir einfach eine gewisse Reife bei dem, was sie beim Lösen der Rätsel dachten und taten.

Auch das Finale konnte mich nur mäßig begeistern. Dafür dass es sehr lange aufgebaut wurde, wurden diese Ereignisse für meinen Geschmack fast etwas lieblos auf wenigen Seiten abgehandelt. Hier wäre definitiv mehr drin gewesen! Aber vermutlich ist das bereits ein Zugeständnis an weitere Bücher, die der Autor mit seinen erwachsenen Helden schreiben möchte.

Im Nachhinein hinterlässt das Buch bei mir etwas zwiespältige Gefühle, denn einen Roman für Erwachsene hat Brezina meiner Meinung nach nicht unbedingt geschrieben. Jüngere Leser und Fans der Knickerbocker-Bande werden mit “Alte Geister ruhen unsanft” aber trotzdem ihren Spaß haben, da der Autor viele Anspielungen auf frühere Fälle der Bande eingebaut hat.

Mein Fazit:

“Alte Geister ruhen unsanft” ist in meinen Augen nicht unbedingt ein Roman für Erwachsene. Das lag für mich vor allem an der Kombination des Schreibstils und der Figuren, die eher jüngere Leser begeistern wird. Junge und alte Knickerbocker-Fans werden aber bestimmte ihre Freude mit dem Buch haben.

  • ★★★★★
  • Gebunden
  • 416 Seiten
  • Ecowin
  • 978-3711001610
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