(Kurz)Rezension Petra Hartlieb – Ein Winter in Wien

Petra Hartlieb ist mir schon seit ihrem Buch “Meine wundervolle Buchhandlung” ein Begriff. Dass sie allerdings nun auch angefangen hat, Romane mit historischem Setting zu schreiben, ist irgendwie bis jetzt an mir vorbeigegangen. “Ein Winter in Wien” dürfte nämlich der Auftakt zu einer mehrbändigen Geschichte werden, die Fortsetzung “Wenn es Frühling wird in Wien” ist dieses Jahr im Februar erschienen.

Der Klappentext:

Um 1910. Marie arbeitet als Kindermädchen bei einer angesehen Familie im Wiener Cottage-Viertel. Eines Tages wird sie vom Herrn des Hauses zur nahegelegenen Buchhandlung geschickt, um ein Buch abzuholen. Doch sie kommt mit leeren Händen, völlig durchnässt vom Schnee, zurück. Der Band sei noch nicht eingetroffen, Buchhändler Oskar bringe ihn so bald wie möglich persönlich vorbei. Als Oskar am gleichen Nachmittag am Haus in der Sternwartestraße klingelt, hat er gleich zwei Bücher dabei: eines für den Herrn Schnitzler und das andere für Marie, mitsamt einer persönlichen Notiz an das Fräulein. Er möchte sie gerne wiedersehen…

Meine Meinung:

Petra Hartlieb hat einen einfachen und recht schnörkelosen Schreibstil, der es einem aber nicht schwer macht, sich in die Haut des jungen Mädchens Marie zu versetzen, das die freiwerdende Stelle als Kindermädchen bei den Schnitzlers ergattert.

Marie selbst ist auf einem Bauernhof großgeworden, daher erscheint ihr die neue Arbeit in Wien als echter Glücksgriff. Die zweijährige Lili und der neunjährige Heini freunden sich schnell mit ihr an und zusammen mit der Familie erlebt Marie, dass das Leben auch aus anderen Dingen als harter Arbeit, Schlägen und Schweigen besteht.

Maries Leben nimmt eine erneute Wendung, als sie den jungen Buchhändler Oskar kennenlernt, der sich von ihr sofort angezogen fühlt. Marie dagegen ist zurückhaltend, hat sie doch sehr wohl verstanden, dass es für sie nicht von Vorteil ist, in ihrer Situation sich auf eine Liebelei einzulassen …

Für sich gesehen gibt der Inhalt eigentlich nicht viel her, trotzdem ertappte ich mich irgendwann beim Lesen, dass sich die Geschichte langsam, aber sicher in mein Herz schlich, auch wenn ich mehrmals das Gefühl hatte, dass aufgrund der Kürze des Romans vieles auf der Strecke blieb. Hartlieb gelingt es trotzdem wunderbar, das Leben der Menschen jener Zeit einzufangen und darin das zarte Pflänzchen der Gefühle einzubetten, die sich hier langsam, aber sicher zwischen Marie und Oskar entwickeln.

Es kommt aber auch das Leben der Familie Schnitzler auf den 176 Seiten nicht zu kurz. Wir erfahren, dass Schnitzler vor seiner Ehe kaum etwas anbrennen hat lassen, Sohn Heinrich wurde sogar noch unehelich geboren. Die kleine Lili dagegen ist Schnitzlers Augenstern, der Vater kümmert sich trotz seiner Arbeit und seinen gesellschaftlichen Aktivitäten rührend um beide Kinder.

Warum ich keine vier Sterne vergebe, hängt aber leider mit dem Ende zusammen. Denn das Buch hat eigentlich keines, die Geschichte friert mehr oder weniger in der letzten Szene einfach ein. Und das ist etwas, was ich absolut nicht leiden kann und was ich für sehr ungeschickt halte, da ich mit einem ziemlich unzufriedenen Gefühl den Deckel vom Reader zuklappen musste.

Mein Fazit:

“Ein Winter in Wien” ist eine zarte und sehr zurückhaltende Liebesgeschichte, eingebettet in das Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts. Den Wermutstropfen stellt für mich leider das ungeschickte Ende dar, das mir doch ein wenig die Freude an dem Buch verdorben hat …

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 176 Seiten
  • Rowohlt Digitalbuch
  • 978-3-644-31551-8
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(Kurz)Rezension Alex Beer – Die rote Frau

“Die rote Frau” ist nach “Der zweite Reiter” bereits das zweite Buch, das Alex Beer im historischen Wien kurz nach dem Ersten Weltkrieg ansiedelt. “Die rote Frau” baut dabei auf den Ereignissen aus dem ersten Buch auf, kann in meinen Augen aber auch noch ohne Vorwissen gelesen bzw. gehört werden.

Der Klappentext:

Wien, 1920: Während die Stadt immer noch mit den Folgen des Krieges zu kämpfen hat, wird August Emmerich endlich in die Abteilung “Leib und Leben” versetzt.

Doch während seine Kollegen dort den aufsehenerregenden Mordfall an dem beliebten Stadtrat Richard Fürst bearbeiten, müssen Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter den Babysitter für die berühmte Schauspielerin Rita Haidrich spielen, die um ihr Leben fürchtet. Dabei stoßen sie jedoch nicht nur auf eine ominöse Verbindung zu Fürst, sie kommen einem perfiden Mordkomplott auf die Spur, das bis in die höchsten Kreise reicht. Und Rita soll das nächste Opfer sein …

Vielstimmig und typisch wienerisch gelesen von Cornelius Obonya.

Meine Meinung:

Ich gestehe, ich habe eine Zeit lang gezögert, ob ich “Die rote Frau” wirklich hören wollte. Der Hinweis “gekürzt” lässt mich bei Büchern doch immer wieder zurückschrecken, vor allem bei denen, von denen ich mir einiges verspreche. Der Hinweis aus dem Klappentext – wienerisch gelesen – hat es aber mehr als wett gemacht. Cornelius Obonya hat es drauf!

Man merkt ihm an, dass er in diesem Bereich sowohl als Schauspieler als auch als Sprecher (In Österreich kennt man seine Stimme vor allem durch diverse Natur-Dokus, die er aus dem Off begleitet) sehr viel Erfahrung mitbringt. Eine ganze Menge unterschiedlicher Stimmlagen und Dialekte verkörperte er so überzeugend, wie ich es schon lange nicht mehr bei einem Sprecher gehört habe.

Dies machte es mir nicht schwer, mich von ihm ein weiteres Mal in das Wien der Nachkriegsjahre entführen zu lassen. “Die rote Frau” setzt dabei dort ein, wo wir August Emmerich und Ferdinand Winter in “Der zweite Reiter” verlassen haben: Sie sind in die Abteilung “Leib und Leben” gewechselt.

Doch die beiden haben es dabei nicht leicht, denn statt Fälle zu lösen, werden sie von ihren neuen Kollegen als Sekretärinnen missbraucht und als “Krüppelbrigade” bezeichnet. Emmerichs Starrsinn – und natürlich ein Mord – helfen ihm aber auch hier, sich gegen alle Widrigkeiten zu behaupten und auf eigene Faust verschiedenen Spuren zu folgen.

Ich weiß, ich habe es schon bei “Der zweite Reiter” geschrieben, aber ich wiederhole mich gern: Die Autorin versteht es auch in dieser Geschichte sehr geschickt, das Wien dieser Zeit in all seinen Facetten lebendig werden zu lassen. Wer bereits im ersten Teil die beiden Protagonisten lieben gelernt hat, wird sich freuen, denn Alex Beer erzählt ihre Leben unterhaltsam weiter, wenn ich auch an einigen Stellen das Gefühl hatte, dass Ferdinand Winter dieses Mal etwas zu kurz kam.

Den Krimi selbst fand ich an einigen Stellen ein wenig haarsträubend, auch die Auflösung kam für meinen Geschmack ein klein bisschen zu schnell und vor allem zu “phantastisch”. Wie schon bei Teil 1 lässt auch hier Alex Beer eine Kleinigkeit offen, weshalb es bestimmt interessant sein wird zu sehen, was sich die Autorin für die Zukunft der beiden Figuren ausdenken wird.

Mein Fazit:

Trotz einiger kleiner Schönheitsfehler spreche ich auch für die Fortsetzung gerne wieder eine Empfehlung für alle aus, die sowohl historische Krimis als auch den Wiener Schmäh mögen :). Und eine besonders lobende Erwähnung gibt es für diese tolle Lesung, die mich wirklich überraschen konnte!

  • ★★★★
  • Hörbuch
  • 479 Minuten
  • Random House Audio
  • 978-3837141313
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Rezension Sophie Oliver – Die Gentlemen vom Sebastian Club

Derzeit haben es mir historische Krimis (wieder einmal) angetan. Deswegen zögerte ich auch nicht lange, als ich “Die Gentlemen vom Sebastian Club” entdeckte.

Mit viktorianischen Krimis verbinde ich meistens Geschichten in London, finsteren Gassen, Nebelschwaden, Grusel, aber auch interessante Figuren, die in irgendeiner Form ihrer Zeit voraus sind, da das 19. Jahrhundert ja einen enormen gesellschaftlichen Umschwung mit sich gebracht hat.

Zum Inhalt:

1895 erschüttert eine Mordserie London, die Opfer scheinen auf den ersten Blick nicht wirklich etwas gemeinsam zu haben. Da Scotland Yard mit den Ermittlungen nicht weiterkommt, schalten sich die ehrenwerten Mitglieder vom Sebastian Club ein und suchen auf eigene Faust nach dem Täter. Mit dabei: Freddie Westbrook, ein neues Mitglied, das ein eigenes Geheimnis hat …

Meine Meinung:

Sophie Oliver schafft es, den Leser innerhalb kürzester Zeit in ihre Geschichte zu ziehen. Der Hauptfigur Freddie verpasst sie dabei einen sehr interessanten Hintergrund, der Freddie anders denken und handeln lässt als die meisten Personen dieser Zeit. Durch die Verbindungen des Onkels Lord Philip Dabinott wird Freddie gleich zu Beginn in den “Gentlemen’s Club” aufgenommen und in die Ermittlungen hineingezogen.

Und dieser Fall hat es in sich: Ein geheimnisvoller Unbekannter foltert seine Opfer auf der Suche nach einer bestimmten Information mit Daumenschrauben, ehe er sie tötet und dann an einem anderen Ort ablegt. Als Leser ist man zu Beginn den Ermittlern noch ein klein wenig voraus, dies legt sich aber nach und nach. Wer ist der Unbekannte? Und wonach sucht er? Diese Fragen ziehen sich vor allem in der ersten Hälfte wie ein roter Faden durch die Geschichte.

Neben dem Krimi bekommt man aber auch jede Menge Informationen über das London dieser Zeit quasi nebenher serviert. Ganz gleich, ob man die Ermittler auf ihren Wegen oder bei ihren Recherchen begleitet, man merkt dem Buch an, dass die Autorin sehr viel Zeit in die Recherche gesteckt hat, um die Stadt in dieser Epoche lebendig werden zu lassen. Und einmal mehr drängte sich mir der Gedanke auf, dass man es sowohl als Frau als auch ohne Geld nicht leicht gehabt hat …

Der Schreibstil ist einfach, die Geschichte lässt sich somit sehr schnell und flüssig lesen, auch wenn ich mir an der einen oder anderen Stelle ein paar Details mehr gewünscht hätte. Am deutlichsten stach mir das bei den Dialogen ins Auge, die manchmal für meinen Geschmack etwas abrupt endeten. Das erhielt zwar die Spannung, kam für mich zeitweise aber etwas holprig rüber.

Das Finale konnte für mich allerdings mit einer kleinen Überraschung aufwarten, das hätte ich so in dieser Form nicht erwartet. Allerdings sollte man sich auf einen Cliffhanger gefasst machen, denn das Ende leitet eigentlich schon zu einer neuen Geschichte über, die es so in dieser Form im Moment (noch?) nicht gibt.

Mein Fazit:

Wer einen lockerleicht und flüssigen Krimi sucht, der im viktorianischen Zeitalter spielt, kann mit diesem Buch nicht viel falsch machen.

  • ★★★★
  • E-Book
  • 280 Seiten
  • Dryas Verlag
  • 978-3941408999
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(Kurz)Rezension Ellen Sandberg – Die Vergessenen

Auf „Die Vergessenen“ von Ellen Sandberg wurde ich bereits vor einiger Zeit durch verschiedene Blogger aufmerksam. Da das Thema Euthanasie im dritten Reich auch in meinen Augen immer wieder zu kurz kommt, war ich froh, als ich entdeckte, dass es das Buch auch als Hörbuch (wenn auch gekürzt) gibt.

Der Klappentext:

Das Böse verjährt nie
Manolis Lefteris erhält 2013 den Auftrag, geheimnisvolle Akten in seinen Besitz zu bringen. Er ahnt nicht, dass er im Begriff ist, ein Verbrechen aufzudecken, das weit in der Vergangenheit liegt. Die Spur führt ihn zu Kathrin Mändler, die sich, als sie 1944 eine Stelle als Krankenschwester annimmt, zum ersten Mal in ihrem Leben nützlich fühlt. Als sie dem charismatischen Arzt Karl Landmann begegnet, merkt sie zu spät, worin seine Arbeit besteht und dass diese das Leben vieler Menschen bedroht – auch ihr eigenes.
Gelesen von Thomas M. Meinhardt.

Meine Meinung:

Ellen Sandberg gelingt es meiner Meinung nach hervorragend, die Vergangenheit (Kathrin als junges Mädchen in Winkelberg) mit der Gegenwart zu verknüpfen, wo sich Kathrins Nichte Vera daran macht, die Ereignisse von damals aus dem Dunkel des Vergessens und der Geheimnisse zu ziehen. Gleichzeitig arbeitet sie die Figur von Manolis Lefteris hinein, der zwar in Deutschland aufgewachsen, durch seinen griechischen Vater aber selbst in die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg hineingesogen worden ist.

Dieses Gespann ist es auch, was die Geschichte wirklich interessant macht, denn die Erinnerungen von Kathrin an 1944 nehmen einen weniger hohen Anteil in der Geschichte ein, als es zunächst den Anschein hat. Beide Protagonisten kommen im Verlauf der Geschichte in der Gegenwart an ihre Grenzen und müssen Entscheidungen treffen, wie sie mit dem umgehen, was sie erfahren.

Der Leser ist immer hautnah dabei, deswegen fiel es mir gegen Ende wirklich schwer, die beiden gehen zu lassen. Ein gewisses Gefühl blieb, dass es da noch mehr zu erzählen gibt, dass das Ende eigentlich erst ein Anfang ist.

Zum Hörbuch: Thomas Reinhardt liest das Hörbuch meiner Meinung nach sehr gut, die Kürzungen sind mir beim Hören nicht wirklich aufgefallen. Und bei einer Länge von gut zehn Stunden kann eigentlich auch nicht vieles gekürzt worden sein …

Mein Fazit:

Eine spannend inszenierte Geschichte, die in meinen Augen eigentlich nach einer Fortsetzung schreit, da in meinen Augen nicht alle offenen Fragen zufriedenstellend beantwortet wurden.

  • ★★★★
  • Hörbuch
  • 607 Minuten
  • Der Hörverlag
  • 978-3844527186
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(Kurz)Rezension Ruth Kaufmann – Die lange Nacht der gelben Sterne

“Die lange Nacht der gelben Sterne” ist ein Buch, das dank Selfpublishing das Licht der Welt erblicken durfte. Entdeckt habe ich es, als ich mir die Ausstellung “Bertl & Adele” angeschaut habe, die das Leben zweier jüdischer Kinder während der NS-Zeit in Graz nachzeichnet.

Der Klappentext:

Ruth Kaufmann zeichnet in diesem Buch den Lebensweg ihres Vaters nach – eines Überlebenden, der die gegen die Juden gerichteten Vernichtung, Verfolgung und Vertreibung während der NS-Zeit überlebte.

Meine Meinung:

Bertl bekommt zu seinem neunten Geburtstag von seiner Großmutter ein Tagebuch geschenkt. Nichts Außergewöhnliches, möchte man meinen. Aber Bertl ist Jude und lebt mit seiner Familie in Graz. 1933 ist die Welt noch verhältnismäßig in Ordnung und Bertl notiert beispielsweise, dass er seinen Hund sehr lieb hat. Die Schatten der Zeit werden jedoch länger, plötzlich darf er nicht mehr in sein geliebtes Augartenbad gehen, wird er wegen seines Judentums gehänselt. Und dann auf einmal heißt es, Österreich gehört nun zu Deutschland, und die Synagoge in der Stadt geht in Flammen auf …

Ich gebe zu, ich wurde auf dieses Tagebuch erst durch die Ausstellung aufmerksam. Auszüge davon werden nämlich in Plakatgröße präsentiert. Die Einträge mögen einfach und schlicht geschrieben sein (Schließlich ist der Verfasser anfangs ein Kind), aber gerade diese einfachen Worte üben einen ganz eigenen Zauber aus. Als Leser weiß man schließlich, wohin sich die Geschichte entwickeln wird – das Kind dagegen versteht nicht, warum ihm sein Umfeld immer feindseliger gegenüber steht …

Dann findet die Reichskristallnacht statt und für Bertls Familie beginnt eine Odyssee, während der Bertl erwachsen werden muss, für die typischen Gefühle der Pubertät ist (fast) keine Zeit.

Bertls Einträge werden zu diesem Zeitpunkt kürzer, die Pausen dazwischen länger, vieles bleibt ungesagt – und trotzdem hat man das Gefühl, dass zwischen den Zeilen jede Menge erzählt wird. Ein Schicksal, wie es wohl viele Flüchtlinge jener Zeit erlebt haben und dass gerade deswegen Parallelen zur Gegenwart aufweist.

Mein Fazit:

Kein NS-Schicksalsbuch im herkömmlichen Sinn, weil man im Nachwort außerdem einen Sachtext zu lesen bekommt, wie viele Juden vertrieben wurden – und wie wenige wieder in die alte Heimat zurückgekommen sind. Auf jeden Fall empfehlenswert, auch für den Schulunterricht für Jüngere!

  • ★★★★
  • Taschenbuch
  • 194 Seiten
  • CreateSpace
  • 978-1522820185
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Rezension Ray Celestin – Höllenjazz in New Orleans

Nach “Der zweite Reiter” ist dies gleich das zweite Buch, wo ich mich in das Jahr 1919 begebe, aber nicht nach Europa, sondern in die USA, genauer gesagt nach New Orleans. Ray Celestin nimmt den Leser mit in eine Stadt, die vom Jazz und vom ersten Weltkrieg geprägt ist, die aber auch kurz vor dem Beginn der Prohibition steht (die immerhin doch bis 1933 Bestand hatte).

Rassismus, und Diskriminierung sind an der Tagesordnung. Mitten in diesen Hexenkessel hinein setzt der Autor seine Figuren und scheut sich dabei auch nicht, auf wahre Begebenheiten zurückzugreifen.

Der Klappentext:

New Orleans, 1919: Der mysteriöse »Axeman-Mörder« versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Seine Waffe ist eine Axt, sein Markenzeichen Tarotkarten, die er bei seinen Opfern hinterlässt. Detective Michael Talbot ist mit dem Fall betraut und verzweifelt an der Wendigkeit des Killers. Der ehemalige Polizist Luca D’Andrea sucht ebenfalls nach dem Axeman – im Auftrag der Mafia. Und Ida, die Sekretärin der Pinkerton Detektivagentur, stolpert zufällig über einen Hinweis, der sie und ihren besten Freund Louis Armstrong mitten in den Fall hineinzieht. Als Michael, Luca, Ida und Louis der Identität des Axeman immer näherkommen, fordert der Killer die Bewohner von New Orleans heraus: Spielt Jazz – sonst komme ich, um euch zu holen.

Ray Celestin ist ein brillanter Debütroman gelungen, der sich in einer Mischung aus Fakten und Fiktion um eine der spannendsten und geheimnisvollsten Mordfälle der nordamerikanischen Geschichte rankt.

Meine Meinung:

Im Grunde verspricht der Klappentext eine Art Mischung aus Thriller und Krimi, denn Ermittler, Serienmörder, geheimnisvolle Hinweise – das sind alles Dinge, wie man aus einer solchen Geschichte kennt. Trotzdem hat Piper das nicht schlecht gelöst, indem der Verlag auf das Cover “Roman” geschrieben hat. Denn der Roman besitzt zwar alles, was man von einem Thriller kennt – und irgendwie ist es doch keiner. Warum? Weil Celestin trotz der Ermittlungen nicht unbedingt den Schwerpunkt der Geschichte auf das Herausfinden des Täters lenkt.

Im Gegenteil: Er beschreibt das Leben seiner drei Protagonisten sehr anschaulich, daher bekommt man als Leser sehr schnell ein Gefühl dafür, wie es gewesen sein muss, zu Beginn der Zwanziger Jahre in New Orleans zu leben. Die Konflikte zwischen den unterschiedlichen Ethnien sind allgegenwärtig und mitten in diesem Hexenkessel mischt auch noch Axeman mit. Er ist quasi der Katalysator, der dafür sorgt, dass Michael, Luca und Ida tun, was sie tun, aber er ist eigentlich eher eine Randfigur.

Was ich zu Beginn nicht wusste, war, dass Celestin hier auf wahre Tatsachen zurückgegriffen hat. Eine kurze Recherche bei Wikipedia zeigte mir allerdings recht schnell, dass der Autor einige Details sehr frei interpretiert hat, die Tarotkarten beispielsweise sind reine Erfindung, genauso auch wie die Beschreibung der Opfer. Trotzdem drängen sich recht schnell Parallelen zu Jack the Ripper und dem Zodiac-Killer auf, die ja ebenfalls Briefe geschrieben haben …

Der Brief des Axeman ist historisch, den der Autor gleich zu Beginn verwendet. Eine gute Entscheidung, denn das macht neugierig und auch die drei Hauptfiguren fand ich gut angelegt. Auch das bereits erwähnte Bild von New Orleans zeichnet der Autor sehr anschaulich, keine Frage. Nur darüber hinaus tritt das Krimi-Element irgendwie nach einer gewissen Zeit in den Hintergrund. Man begleitet zwar alle drei bei ihren Nachforschungen, trotzdem hat man nicht das Gefühl, sie wirklich aktiv beim Zusammentragen von Informationen zu begleiten.

Was sich mir beispielsweise gar nicht erschlossen hat, ist die Nebenfigur von Louis Armstrong. Die Eckdaten seines Lebens sind vermute ich richtig dargestellt (vorausgesetzt es stimmt, was ich gelesen habe), allerdings trägt er eigentlich nicht wirklich zu der Geschichte bei, ist nicht viel mehr als ein freundlicher und liebenswerter Begleiter von Ida. Hier konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Celestin ihn nur verwendet hat, um einige Leser mehr anzusprechen, weil bekannter Name. Gebraucht hätte es seine Figur eigentlich nicht.

Das Finale schließlich ist für meinen Geschmack fast etwas zu gewollt. Der Autor serviert uns einen Täter (der in Wirklichkeit genau wie der Ripper und der Zodiac auch nie gefunden wurde), vermutlich, um den Erwartungen der Leser zu entsprechen. Trotzdem war es durchaus spannend zu lesen und in gewisser Weise auch nachvollziehbar.

Mein Fazit:

“Höllenjazz in New Orleans” ist für mich irgendwie durchwachsen, anders kann ich es nicht ausdrücken. Es gab einiges, was mir gefallen hat, aber auch einiges, was ich nicht so gut gelöst fand. Potenzial ist in meinen Augen aber vorhanden, lassen wir uns daher überraschen, was der Autor in Zukunft abliefern wird.

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 512 Seiten
  • Piper
  • 978-3492990035
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Rezension Alex Beer – Der zweite Reiter

“Der zweite Reiter” ist ein Klassiker für ein Buch, das mir zwar bereit durch einige Rezensionen unterkam, das ich aber trotzdem erst durch unser Krimi-Festival “Fine Crime” so wirklich wahrnahm. Zwar bekam die Autorin nur sechs Minuten Zeit, ihr Buch vorzustellen, aber das Setting machte mich trotz der kurzen Zeit sofort neugierig.

Zum Inhalt:

Die Zeit ist 1919, der Schauplatz der Geschichte Wien. Der Erste Weltkrieg ist verloren, Österreich-Ungarn endgültig untergegangen. Wien ist von Armut und Hunger geprägt. Trotzdem lebt und arbeitet Rayonsinspektor August Emmerich hier, versucht Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten. An seiner Seite sein neuer und unerfahrener Assistent Ferdinand Winter. Zusammen werden sie in eine Reihe von Todesfällen verwickelt, die alles andere als einfache Selbstmorde  sind …

Meine Meinung:

Ich sage es gleich einmal vorab: Wer sich für historische Krimis begeistern kann, kann mit diesem Buch nicht viel falsch machen! Die Autorin versteht es meisterhaft, das Wien dieser Zeit einzufangen, das so unmittelbar nach dem Krieg wirklich schlimm gewesen sein muss … Kaum Lebensmittel, kaum Arbeit, Wucherpreise, Armut, wohin das Auge blickt. Dazwischen die wenigen, die es geschafft haben, von der Situation zu profitieren: Schleichhändler (also Schmuggler), Zuhälter, Kriegsgewinnler.

An diesem von sozialen Spannungen geprägten Ort lernen wir August Emmerich kennen, einen Polizisten, der eigentlich einen Schleichhändler dingfest machen soll, aber davon träumt, in die Abteilung “Leib und Leben” zu wechseln und Morde aufzuklären. Um seinem Vorgesetzten Ergebnisse zu liefern, lässt er schon mal Fünfe gerade sein – anfangs sehr zum Verdruss seines jungen Assistenten, der den Krieg nur als Beamter erlebt hat und noch sehr grün hinter den Ohren ist.

Emmerich ist auf seine Weise sehr geradlinig, er hat eine ganz eigene Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit, die ihn mir gleich zu Beginn sehr sympathisch machte. Bei Winter, seinem Assistenten, brauchte ich etwas länger, um ihn zu mögen, aber letztendlich weiß er, wem seine Loyalität gehört und hat trotz seiner Unerfahrenheit einige Ideen, die den beiden bei ihren Ermittlungen helfen.

Die dritte Hauptfigur ist – wenn man das so sagen kann – die Stadt Wien und ihre Bewohner selbst. Neben der sehr bildhaften Sprache verwendet Beer auch immer wieder vereinzelt wienerische Ausdrücke, die die Dialoge noch lebendiger machen. Leser, die des Wienerischen aber nicht mächtig sind, müssen keine Angst haben, die Bedeutung der Wörter erschließt sich ohne Probleme aus dem Kontext.

Ganz ohne Probleme kommt aber auch hier das Privatleben des Ermittlers nicht aus, denn Emmerich muss mit der Situation fertigwerden, dass der Ehemann seiner Lebensgefährtin – obwohl für tot erklärt – auf einmal wieder quicklebendig vor der Tür steht. Dies ist nicht neu (Die Frau will natürlich als gute Christin bei ihrem Ehemann bleiben, obwohl sie ihn mittlerweile nicht mehr liebt), ist aber nachvollziehbar.

Das Finale selbst ist spannend und interessant erzählt, die Karten werden für die Protagonisten zumindest zum Teil neugemischt und ich bin gespannt, wie die Autorin dies in “Die rote Frau” weiterspinnen wird, der im Mai erscheinen wird.

Mein Fazit:

Alex Beer versteht es, das Wien kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zu beschreiben und einen interssanten Krimi zu erzählen, dessen Helden sich ganz bewusst zwischen Gut und Böse bewegen. Für Fans von historischen Krimis ein Muss!

  • ★★★★
  • Gebunden
  • 384 Seiten
  • Limes
  • 978-3809026754
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