(Kurz)Rezension Ellen Sandberg – Die Vergessenen

Auf „Die Vergessenen“ von Ellen Sandberg wurde ich bereits vor einiger Zeit durch verschiedene Blogger aufmerksam. Da das Thema Euthanasie im dritten Reich auch in meinen Augen immer wieder zu kurz kommt, war ich froh, als ich entdeckte, dass es das Buch auch als Hörbuch (wenn auch gekürzt) gibt.

Der Klappentext:

Das Böse verjährt nie
Manolis Lefteris erhält 2013 den Auftrag, geheimnisvolle Akten in seinen Besitz zu bringen. Er ahnt nicht, dass er im Begriff ist, ein Verbrechen aufzudecken, das weit in der Vergangenheit liegt. Die Spur führt ihn zu Kathrin Mändler, die sich, als sie 1944 eine Stelle als Krankenschwester annimmt, zum ersten Mal in ihrem Leben nützlich fühlt. Als sie dem charismatischen Arzt Karl Landmann begegnet, merkt sie zu spät, worin seine Arbeit besteht und dass diese das Leben vieler Menschen bedroht – auch ihr eigenes.
Gelesen von Thomas M. Meinhardt.

Meine Meinung:

Ellen Sandberg gelingt es meiner Meinung nach hervorragend, die Vergangenheit (Kathrin als junges Mädchen in Winkelberg) mit der Gegenwart zu verknüpfen, wo sich Kathrins Nichte Vera daran macht, die Ereignisse von damals aus dem Dunkel des Vergessens und der Geheimnisse zu ziehen. Gleichzeitig arbeitet sie die Figur von Manolis Lefteris hinein, der zwar in Deutschland aufgewachsen, durch seinen griechischen Vater aber selbst in die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg hineingesogen worden ist.

Dieses Gespann ist es auch, was die Geschichte wirklich interessant macht, denn die Erinnerungen von Kathrin an 1944 nehmen einen weniger hohen Anteil in der Geschichte ein, als es zunächst den Anschein hat. Beide Protagonisten kommen im Verlauf der Geschichte in der Gegenwart an ihre Grenzen und müssen Entscheidungen treffen, wie sie mit dem umgehen, was sie erfahren.

Der Leser ist immer hautnah dabei, deswegen fiel es mir gegen Ende wirklich schwer, die beiden gehen zu lassen. Ein gewisses Gefühl blieb, dass es da noch mehr zu erzählen gibt, dass das Ende eigentlich erst ein Anfang ist.

Zum Hörbuch: Thomas Reinhardt liest das Hörbuch meiner Meinung nach sehr gut, die Kürzungen sind mir beim Hören nicht wirklich aufgefallen. Und bei einer Länge von gut zehn Stunden kann eigentlich auch nicht vieles gekürzt worden sein …

Mein Fazit:

Eine spannend inszenierte Geschichte, die in meinen Augen eigentlich nach einer Fortsetzung schreit, da in meinen Augen nicht alle offenen Fragen zufriedenstellend beantwortet wurden.

  • ★★★★
  • Hörbuch
  • 607 Minuten
  • Der Hörverlag
  • 978-3844527186
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(Kurz)Rezension Ruth Kaufmann – Die lange Nacht der gelben Sterne

“Die lange Nacht der gelben Sterne” ist ein Buch, das dank Selfpublishing das Licht der Welt erblicken durfte. Entdeckt habe ich es, als ich mir die Ausstellung “Bertl & Adele” angeschaut habe, die das Leben zweier jüdischer Kinder während der NS-Zeit in Graz nachzeichnet.

Der Klappentext:

Ruth Kaufmann zeichnet in diesem Buch den Lebensweg ihres Vaters nach – eines Überlebenden, der die gegen die Juden gerichteten Vernichtung, Verfolgung und Vertreibung während der NS-Zeit überlebte.

Meine Meinung:

Bertl bekommt zu seinem neunten Geburtstag von seiner Großmutter ein Tagebuch geschenkt. Nichts Außergewöhnliches, möchte man meinen. Aber Bertl ist Jude und lebt mit seiner Familie in Graz. 1933 ist die Welt noch verhältnismäßig in Ordnung und Bertl notiert beispielsweise, dass er seinen Hund sehr lieb hat. Die Schatten der Zeit werden jedoch länger, plötzlich darf er nicht mehr in sein geliebtes Augartenbad gehen, wird er wegen seines Judentums gehänselt. Und dann auf einmal heißt es, Österreich gehört nun zu Deutschland, und die Synagoge in der Stadt geht in Flammen auf …

Ich gebe zu, ich wurde auf dieses Tagebuch erst durch die Ausstellung aufmerksam. Auszüge davon werden nämlich in Plakatgröße präsentiert. Die Einträge mögen einfach und schlicht geschrieben sein (Schließlich ist der Verfasser anfangs ein Kind), aber gerade diese einfachen Worte üben einen ganz eigenen Zauber aus. Als Leser weiß man schließlich, wohin sich die Geschichte entwickeln wird – das Kind dagegen versteht nicht, warum ihm sein Umfeld immer feindseliger gegenüber steht …

Dann findet die Reichskristallnacht statt und für Bertls Familie beginnt eine Odyssee, während der Bertl erwachsen werden muss, für die typischen Gefühle der Pubertät ist (fast) keine Zeit.

Bertls Einträge werden zu diesem Zeitpunkt kürzer, die Pausen dazwischen länger, vieles bleibt ungesagt – und trotzdem hat man das Gefühl, dass zwischen den Zeilen jede Menge erzählt wird. Ein Schicksal, wie es wohl viele Flüchtlinge jener Zeit erlebt haben und dass gerade deswegen Parallelen zur Gegenwart aufweist.

Mein Fazit:

Kein NS-Schicksalsbuch im herkömmlichen Sinn, weil man im Nachwort außerdem einen Sachtext zu lesen bekommt, wie viele Juden vertrieben wurden – und wie wenige wieder in die alte Heimat zurückgekommen sind. Auf jeden Fall empfehlenswert, auch für den Schulunterricht für Jüngere!

  • ★★★★
  • Taschenbuch
  • 194 Seiten
  • CreateSpace
  • 978-1522820185
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Rezension Ray Celestin – Höllenjazz in New Orleans

Nach “Der zweite Reiter” ist dies gleich das zweite Buch, wo ich mich in das Jahr 1919 begebe, aber nicht nach Europa, sondern in die USA, genauer gesagt nach New Orleans. Ray Celestin nimmt den Leser mit in eine Stadt, die vom Jazz und vom ersten Weltkrieg geprägt ist, die aber auch kurz vor dem Beginn der Prohibition steht (die immerhin doch bis 1933 Bestand hatte).

Rassismus, und Diskriminierung sind an der Tagesordnung. Mitten in diesen Hexenkessel hinein setzt der Autor seine Figuren und scheut sich dabei auch nicht, auf wahre Begebenheiten zurückzugreifen.

Der Klappentext:

New Orleans, 1919: Der mysteriöse »Axeman-Mörder« versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Seine Waffe ist eine Axt, sein Markenzeichen Tarotkarten, die er bei seinen Opfern hinterlässt. Detective Michael Talbot ist mit dem Fall betraut und verzweifelt an der Wendigkeit des Killers. Der ehemalige Polizist Luca D’Andrea sucht ebenfalls nach dem Axeman – im Auftrag der Mafia. Und Ida, die Sekretärin der Pinkerton Detektivagentur, stolpert zufällig über einen Hinweis, der sie und ihren besten Freund Louis Armstrong mitten in den Fall hineinzieht. Als Michael, Luca, Ida und Louis der Identität des Axeman immer näherkommen, fordert der Killer die Bewohner von New Orleans heraus: Spielt Jazz – sonst komme ich, um euch zu holen.

Ray Celestin ist ein brillanter Debütroman gelungen, der sich in einer Mischung aus Fakten und Fiktion um eine der spannendsten und geheimnisvollsten Mordfälle der nordamerikanischen Geschichte rankt.

Meine Meinung:

Im Grunde verspricht der Klappentext eine Art Mischung aus Thriller und Krimi, denn Ermittler, Serienmörder, geheimnisvolle Hinweise – das sind alles Dinge, wie man aus einer solchen Geschichte kennt. Trotzdem hat Piper das nicht schlecht gelöst, indem der Verlag auf das Cover “Roman” geschrieben hat. Denn der Roman besitzt zwar alles, was man von einem Thriller kennt – und irgendwie ist es doch keiner. Warum? Weil Celestin trotz der Ermittlungen nicht unbedingt den Schwerpunkt der Geschichte auf das Herausfinden des Täters lenkt.

Im Gegenteil: Er beschreibt das Leben seiner drei Protagonisten sehr anschaulich, daher bekommt man als Leser sehr schnell ein Gefühl dafür, wie es gewesen sein muss, zu Beginn der Zwanziger Jahre in New Orleans zu leben. Die Konflikte zwischen den unterschiedlichen Ethnien sind allgegenwärtig und mitten in diesem Hexenkessel mischt auch noch Axeman mit. Er ist quasi der Katalysator, der dafür sorgt, dass Michael, Luca und Ida tun, was sie tun, aber er ist eigentlich eher eine Randfigur.

Was ich zu Beginn nicht wusste, war, dass Celestin hier auf wahre Tatsachen zurückgegriffen hat. Eine kurze Recherche bei Wikipedia zeigte mir allerdings recht schnell, dass der Autor einige Details sehr frei interpretiert hat, die Tarotkarten beispielsweise sind reine Erfindung, genauso auch wie die Beschreibung der Opfer. Trotzdem drängen sich recht schnell Parallelen zu Jack the Ripper und dem Zodiac-Killer auf, die ja ebenfalls Briefe geschrieben haben …

Der Brief des Axeman ist historisch, den der Autor gleich zu Beginn verwendet. Eine gute Entscheidung, denn das macht neugierig und auch die drei Hauptfiguren fand ich gut angelegt. Auch das bereits erwähnte Bild von New Orleans zeichnet der Autor sehr anschaulich, keine Frage. Nur darüber hinaus tritt das Krimi-Element irgendwie nach einer gewissen Zeit in den Hintergrund. Man begleitet zwar alle drei bei ihren Nachforschungen, trotzdem hat man nicht das Gefühl, sie wirklich aktiv beim Zusammentragen von Informationen zu begleiten.

Was sich mir beispielsweise gar nicht erschlossen hat, ist die Nebenfigur von Louis Armstrong. Die Eckdaten seines Lebens sind vermute ich richtig dargestellt (vorausgesetzt es stimmt, was ich gelesen habe), allerdings trägt er eigentlich nicht wirklich zu der Geschichte bei, ist nicht viel mehr als ein freundlicher und liebenswerter Begleiter von Ida. Hier konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Celestin ihn nur verwendet hat, um einige Leser mehr anzusprechen, weil bekannter Name. Gebraucht hätte es seine Figur eigentlich nicht.

Das Finale schließlich ist für meinen Geschmack fast etwas zu gewollt. Der Autor serviert uns einen Täter (der in Wirklichkeit genau wie der Ripper und der Zodiac auch nie gefunden wurde), vermutlich, um den Erwartungen der Leser zu entsprechen. Trotzdem war es durchaus spannend zu lesen und in gewisser Weise auch nachvollziehbar.

Mein Fazit:

“Höllenjazz in New Orleans” ist für mich irgendwie durchwachsen, anders kann ich es nicht ausdrücken. Es gab einiges, was mir gefallen hat, aber auch einiges, was ich nicht so gut gelöst fand. Potenzial ist in meinen Augen aber vorhanden, lassen wir uns daher überraschen, was der Autor in Zukunft abliefern wird.

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 512 Seiten
  • Piper
  • 978-3492990035
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Rezension Alex Beer – Der zweite Reiter

“Der zweite Reiter” ist ein Klassiker für ein Buch, das mir zwar bereit durch einige Rezensionen unterkam, das ich aber trotzdem erst durch unser Krimi-Festival “Fine Crime” so wirklich wahrnahm. Zwar bekam die Autorin nur sechs Minuten Zeit, ihr Buch vorzustellen, aber das Setting machte mich trotz der kurzen Zeit sofort neugierig.

Zum Inhalt:

Die Zeit ist 1919, der Schauplatz der Geschichte Wien. Der Erste Weltkrieg ist verloren, Österreich-Ungarn endgültig untergegangen. Wien ist von Armut und Hunger geprägt. Trotzdem lebt und arbeitet Rayonsinspektor August Emmerich hier, versucht Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten. An seiner Seite sein neuer und unerfahrener Assistent Ferdinand Winter. Zusammen werden sie in eine Reihe von Todesfällen verwickelt, die alles andere als einfache Selbstmorde  sind …

Meine Meinung:

Ich sage es gleich einmal vorab: Wer sich für historische Krimis begeistern kann, kann mit diesem Buch nicht viel falsch machen! Die Autorin versteht es meisterhaft, das Wien dieser Zeit einzufangen, das so unmittelbar nach dem Krieg wirklich schlimm gewesen sein muss … Kaum Lebensmittel, kaum Arbeit, Wucherpreise, Armut, wohin das Auge blickt. Dazwischen die wenigen, die es geschafft haben, von der Situation zu profitieren: Schleichhändler (also Schmuggler), Zuhälter, Kriegsgewinnler.

An diesem von sozialen Spannungen geprägten Ort lernen wir August Emmerich kennen, einen Polizisten, der eigentlich einen Schleichhändler dingfest machen soll, aber davon träumt, in die Abteilung “Leib und Leben” zu wechseln und Morde aufzuklären. Um seinem Vorgesetzten Ergebnisse zu liefern, lässt er schon mal Fünfe gerade sein – anfangs sehr zum Verdruss seines jungen Assistenten, der den Krieg nur als Beamter erlebt hat und noch sehr grün hinter den Ohren ist.

Emmerich ist auf seine Weise sehr geradlinig, er hat eine ganz eigene Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit, die ihn mir gleich zu Beginn sehr sympathisch machte. Bei Winter, seinem Assistenten, brauchte ich etwas länger, um ihn zu mögen, aber letztendlich weiß er, wem seine Loyalität gehört und hat trotz seiner Unerfahrenheit einige Ideen, die den beiden bei ihren Ermittlungen helfen.

Die dritte Hauptfigur ist – wenn man das so sagen kann – die Stadt Wien und ihre Bewohner selbst. Neben der sehr bildhaften Sprache verwendet Beer auch immer wieder vereinzelt wienerische Ausdrücke, die die Dialoge noch lebendiger machen. Leser, die des Wienerischen aber nicht mächtig sind, müssen keine Angst haben, die Bedeutung der Wörter erschließt sich ohne Probleme aus dem Kontext.

Ganz ohne Probleme kommt aber auch hier das Privatleben des Ermittlers nicht aus, denn Emmerich muss mit der Situation fertigwerden, dass der Ehemann seiner Lebensgefährtin – obwohl für tot erklärt – auf einmal wieder quicklebendig vor der Tür steht. Dies ist nicht neu (Die Frau will natürlich als gute Christin bei ihrem Ehemann bleiben, obwohl sie ihn mittlerweile nicht mehr liebt), ist aber nachvollziehbar.

Das Finale selbst ist spannend und interessant erzählt, die Karten werden für die Protagonisten zumindest zum Teil neugemischt und ich bin gespannt, wie die Autorin dies in “Die rote Frau” weiterspinnen wird, der im Mai erscheinen wird.

Mein Fazit:

Alex Beer versteht es, das Wien kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zu beschreiben und einen interssanten Krimi zu erzählen, dessen Helden sich ganz bewusst zwischen Gut und Böse bewegen. Für Fans von historischen Krimis ein Muss!

  • ★★★★
  • Gebunden
  • 384 Seiten
  • Limes
  • 978-3809026754
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Rezension Dieter David Seuthe – Frankfurt verboten

Das erste Mal wurde ich auf dieses Buch bereits letztes Jahr im Herbst aufmerksam, als Verlegerin Anya Schutzbach die Geschichte auf der Frankfurter Buchmesse vorstellte. Bereits damals dachte ich mir, das ist eine Geschichte, die ich lesen muss. Das Thema hörte ich zwar nicht unbedingt nach leichter Unterhaltung an, aber ich bin der Meinung, dass wir solche Geschichten brauchen, um nicht zu vergessen, was Hass und Rassismus anrichten können.

Zum Inhalt:

Elise Herrmann ist ein junges Mädchen, das schon in jungen Jahren als aufstrebende Pianistin auf sich aufmerksam macht. Mit Hilfe eines Stipendiums gelingt es ihr, einen Ausbildungsplatz am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt zu bekommen. Gleichzeitig erlebt sie mit Max von Hochem das erste Mal, was es bedeutet, verliebt zu sein. Das Leben könnte so schön sein, wenn es nicht 1929 wäre – und Elise nicht Jüdin …

Meine Meinung:

Wie findet man für etwas Worte, was man sich heute nur noch schwer vorstellen kann, wenn man nicht im Deutschland der 30er und 40er gelebt hat? Dieter David Seuthe ist es mit seinem Buch “Frankfurt verboten” jedenfalls gelungen. Seine schlichte Sprache zieht einen sehr schnell in das Buch, in das Leben der jungen Leute in Frankfurt.

Die Geschichte startet 1929 in Bad Ems, einem Ort in der Nähe von Frankfurt: Elise ist jung und unerfahren, aber leidenschaftliche Pianistin, mit einem Talent, mit dem sie die Gefühle ihrer Mitmenschen erreichen kann. Gleichzeitig ist sie Jüdin, lebt allerdings nicht wirklich nach jüdischen Traditionen …

Ihr Jugendfreund Arno hilft ihr, ein Konzert für ihre erblindende Großmutter Louise zu organisieren. Alles läuft gut, wären da nicht die Nationalsozialisten, die sich nicht zu schade sind, das Konzert zu mit Pfiffen und Buhrufen zu stören. Elise ist verstört, denn sie kann nicht verstehen, was sie diesen Leuten getan hat. Dieses Unverständnis stellt Seuthe meiner Meinung nach sehr gut dar, Elise ist nicht unbedingt ein politischer Mensch, ist bis jetzt sehr behütet aufgewachsen.

Dies ändert sich mit ihrem Umzug nach Frankfurt, wo sie auch ihre erste Liebe Max kennenlernt. Der junge Mann ist Arier, hat glänzende Aussichten, als Jurist Karriere zu machen. Es ist mehr oder weniger Liebe auf den ersten Blick. Gleichzeitig gewinnt Elise neue Freunde, die von überall her gekommen sind, um in Frankfurt Musik zu studieren. Das Frankfurt dieser Zeit ist liberal, Homosexuelle müssen sich nicht mehr verstecken, Jazz und Swing werden in eigenen Musikkellern gespielt, auch wenn Elise eher eine klassische Karriere anstrebt.

Aber die Schatten werden länger, denn Hitler ergreift die Macht – und Elise muss auf einmal feststellen, dass ihresgleichen nicht mehr in Deutschland, ihrem Deutschland, das sie als Heimat betrachtet, erwünscht ist. Max versucht alles, sie zu schützen, aber kurz bevor Elise ihr Debüt geben kann, wird es jüdischen Künstlern verboten, in Frankfurt aufzutreten. Frankfurt verboten, diese zwei Worte begleiten Elise von nun an – und die Maschen werden immer enger.

Seuthe beschreibt abwechselnd als auktorialer Erzähler als auch in Form von Briefen, wie Elise diese Zeit erlebt. Gerade diese Briefe sind es auch, die mich zeitweise zu Tränen gerührt haben. Eigentlich möchte sie ja nichts anderes machen, als Klavier zu spielen (und auch Schüler zu unterrichten), aber die Nazis boykottieren sie, wo sie nur können, bedrohen sie sowohl mit psychisch als auch physisch. Max versucht dabei alles, ihr zu helfen, tritt dafür sogar in die NSDAP ein, aber die Angst ist vor allem nach 1933 allgegenwärtig.

Gleichzeitig wird das Frankfurt der Vorkriegszeit wieder lebendig, Straßen, Plätze und Orte werden anschaulich beschrieben, wo Elise wohnt und arbeitet. Gerade wenn man die Stadt ein bisschen kennt, kann man gar nicht anders, als das Gefühl zu haben, Frankfurt von einer anderen – längst vergangenen – Seite kennenzulernen. Der Autor weist beispielsweise im Nachwort daraufhin, dass es das Hoch’sche Konservatorium in der von ihm beschriebenen Straße wirklich gegeben hat …

Ab einem gewissen Punkt wird zwar das Ende vorhersehbar, aber trotzdem ist es nicht weniger traurig. Daher kann ich nur sagen: Taschentücher bereitlegen, wer dieses Buch lesen will! Und vielleicht nebenher Grönemeyers “Mensch” hören – dieses Lied ging mir jedenfalls die ganze Zeit beim Lesen im Kopf herum …

Mein Fazit:

“Frankfurt verboten” ist in meinen Augen ein sehr schönes, trauriges, aber auch wichtiges Buch. Mit einfachen Worten gelingt es dem Autor eindringlich darzustellen, wie das Leben im Frankfurt der 30er Jahre für die Juden unter den Nazis gewesen sein muss … Taschentücheralarm!

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 370 Seiten
  • Weissbooks
  • 978-3863370237
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Rezension John Boyne – The Boy at the Top of the Mountain

Seit “Der Junge auf dem Berg” auf Deutsch erschienen ist, juckte es mich, das Buch zu lesen. Da der Schreibstil nicht so schwer ist, entschied ich mich für die englische Ausgabe als E-Book, die bereits 2015 herausgekommen ist (laut Goodreads). Das hat übrigens durchaus einen Grund, warum ich das erwähne, aber dazu später mehr …

Zum Inhalt:

Der kleine Pierrot wächst in Frankreich auf, bis 1936 verliert er zunächst seinen Vater, dann auch seine Mutter. Im Waisenhaus bleibt er jedoch nicht lange, denn seine Tante Beatrix erbarmt sich seiner und holt ihn zu sich. Als Hauswirtschafterin hat sie selbst in diesen von Krisen geschüttelten Zeiten einen guten Beruf, doch der Arbeitsplatz ist der Berghof, der legendäre Hof, wo Adolf Hitler zusammen mit Eva Braun immer wieder seine Zeit verbringt …

Meine Meinung:

Ehe ich auf das Buch eingehe, muss ich noch etwas vorausschicken: Ich habe Boynes “Der Junge im gestreiften Pyjama” nicht gelesen, kenne nur die Verfilmung, deren Ende mich aber durchaus schockiert hat. Mit entsprechend gemischten Gefühlen ging ich an die Lektüre dieses neuen Buchs, in dem Boyne wieder zum Thema Faschismus und Rassismus schreibt, allerdings aus der Sicht der Täter, nicht der Opfer.

In “Der Junge auf dem Berg” (Ich werde jetzt für das bessere Verständnis den deutschen Titel verwenden) entwirft Boyne ein Szenario, wie es in der damaligen Zeit tagtäglich vorgekommen ist: Junge Menschen werden mit nationalsozialistischem Gedankengut so lange gefüttert, bis es für sie normal ist und sie aufhören zu hinterfragen, was sie da eigentlich tun. Etwas, was auch heute nach wie vor ein brandaktuelles Thema ist.

Diese Entwicklung stellt Boyne durch die Figur des Pierrot Fischer dar. Zu Beginn des Buches ist Pierrot sieben Jahre alt und fern von Judenhass und Nazis aufgewachsen. Er lebt in Paris und ist mit dem jüdischen Jungen Anshel befreundet, der im selben Haus wohnt. Da Anshel taub ist, verständigen sich die beiden mit Gebärdensprache, Pierrots kleiner Hund D’Artagnan macht das Gespann komplett.

Von einem Tag auf den anderen ändert sich Pierrots Leben, als auch noch seine Mutter stirbt. Er kommt zunächst in ein Waisenhaus, wo er von einem älteren und kräftigeren Jungen regelmäßig gemobbt wird. Klein und schmächtig wie er ist, hat er dem nicht viel entgegenzusetzen. Pierrot bleibt allerdings nicht lange, denn seine deutschstämmige Tante Beatrix holt ihn zu sich auf den Berghof. Den Berghof auf dem Obersalzberg, den Adolf Hitler immer wieder für seinen Urlaub aufsucht – und es bleibt nicht aus, dass Pierrot, nun Pieter genannt, immer mehr dem Einfluss von Hitler unterliegt …

Inhaltlich ist “Der Junge auf dem Berg” ein Buch, das schon aufgrund seiner Thematik gute Chancen hat, eine gewisse Zeitlosigkeit zu erreichen. Zwei Aussagen sind mir in diesem Zusammenhang ganz besonders gut in Erinnerung geblieben. Boyne legt beispielsweise Hitler folgenden Satz in den Mund:

“That is why we are here, all of us. To make Germany great again.”
56%

Ein anderer Satz gegen Ende zeigt das ebenso deutlich, wo Pieter Antwort auf einen Brief bekommt:

“You did what any patriot would have done, she wrote, and Pieter read the letter in astonishment, realizing that time might move on, but the ideas of some people never would.”
94%

Trotzdem gab es beim Lesen einige Punkte, die mich ein wenig gestört haben.

Da ist einmal der Aufbau der Handlung. Anfangs nimmt sich Boyne viel Zeit, damit der Leser Sympathie für Pieter entwickelt. Die Freundschaft zu Anshel, sein gutes Herz, der Verlust seiner Mutter, seine Reise nach Orléans ins Waisenhaus – das nimmt fast die erste Hälfte des gesamten Buchs ein.

In der zweiten Hälfte jedoch zieht Boyne das Tempo Stück für Stück an, bis der Leser am Ende eigentlich nur noch Ausschnitte von Pieters Leben auf dem Obersalzberg miterlebt. Dies fand ich schon etwas schade, denn auf diese Weise war seine Entwicklung zum jungen Nazi für mich oft nicht so richtig greifbar. Bei einigen Szenen fragte ich mich mehrmals, wie es sein kann, dass Pieter so ganz und gar aufhört, menschlich zu sein …

Darüber hinaus halte ich die deutsche Altersempfehlung “ab 12 Jahren” für etwas bedenklich, denn “Der Junge auf dem Berg” arbeitet an vielen Stellen nur mit Anspielungen, dezenten Hinweisen, wo ich mir nicht sicher bin, ob man in dem Alter wirklich versteht, was Boyne eigentlich meint. Ich für meinen Teil habe jedenfalls erst mit 14 das erste Mal im Geschichteunterricht gelernt, welche Gräuel Adolf Hitler zu verantworten hatte …

Das Ende erschien mir im Kontext leider ebenfalls nicht glaubwürdig. Um nicht zu viel zu verraten, werde ich jetzt nicht mehr dazusagen, aber diese letzte Entwicklung kam für meinen Geschmack einfach zu rasch. Sie ist zwar sicher dem Charakter des Jugendbuchs geschuldet, persönlich hätte ich aber ein “erwachseneres” Ende vorgezogen, das sich auch durch diverse Dialoge mit Hitler angeboten hätte …

Was mir außerdem nicht gefallen hat, waren einige (fehlerhafte) Details. Selbstverständlich trüben sie nicht den Gesamteindruck, aber sie hinterlassen einen etwas schalen Geschmack auf meiner (Leser)Zunge … Ein Buch wird beispielsweise falsch zitiert, in Frankreich werden Juden mit dem deutschen Wort “Juden” beschimpft (1936 hätte es doch noch “Juif” heißen müssen?), Truthahn wird zum Weihnachtsessen am Berghof serviert?

Wie das in der deutschen Ausgabe umgesetzt bzw. ob das korrigiert wurde, kann ich nicht beurteilen, aber mir ist aufgefallen, dass der Pierrots Name im Deutschen geändert wurde. Aus Fischer wurde Weber, und aus Pieter Peter. Gängige Praxis, wie ich mir sagen habe lassen, aber verstanden habe ich es trotzdem nicht, weil sich mir die Gründe dafür nicht erschließen.

Mein Fazit:

“Der Junge auf dem Berg” ist aufgrund des Themas ein gutes und wichtiges Buch, das aber in meinen Augen in der Umsetzung einige Schwächen aufweist. Das macht in Summe für mich 3,5 Sterne, die ich in Ermangelung eines Halbe-Sterne-Systems mit etwas Bauchweh auf vier Sterne aufrunde.

  • ★★★★
  • E-Book
  • 226 Seiten
  • RHCP Digital
  • 978-1448196821
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Rezension Joyce Summer – Madeiragrab

Mit Joyce Summer verbindet mich schon seit Beginn meines Buchbloggerlebens die Liebe zu ihren Krimis. Mit ihrem Erstling “Mord auf der Levada” bin ich nach Madeira gereist, mit dem Nachfolger “Malteser Morde” nach Malta.

Mit “Madeiragrab” geht es nun wieder zurück nach Madeira, wobei Comissário Avila (der in “Mord auf der Levada” nur eine Nebenrolle hatte) nun selbst mit seinem Team ermitteln darf. “Madeiragrab” ist dabei als Auftakt zu einer Serie um den sympathischen Ermittler gedacht.

Zum Inhalt:

Fernando Avila, seines Zeichens Comissário bei der örtlichen Polizei auf Madeira, ermittelt wieder. Dieses Mal geht es um einen alten Mann und eine junge Galeristin, die kurz hintereinander tot aufgefunden werden. Gibt es eine Verbindung zwischen den Toten? Reicht der Mord in die Vergangenheit zurück?

Avila ist gefordert, denn eigentlich steht seine Frau Leticia kurz vor der Niederkunft ihres ersten gemeinsamen Kindes … Hin und her gerissen zwischen der Sorge um seine Frau und seiner Arbeit, folgt Avila schon bald mit seinem tatkräftigen Team verschiedenen Spuren, die unter anderem in die High Society von Madeira führen.

Meine Meinung:

Nachdem ich Fernando Avila und seine Frau Leticia bereits in “Mord auf der Levada” etwas näher kennenlernen durfte, fühlten sich die ersten Seiten fast ein wenig wie ein Nach-Hause-Kommen an. Anfangs vermisste ich noch ein wenig die etwas überdrehte Pauline, aber schon bald nahmen mich die Erlebnisse auf Madeira ganz und gar gefangen.

Es setzte sogar eine gewisse Sogwirkung ein, es fiel mir vor allem morgens wirklich schwer, den Reader zur Seite zu legen und mich den Aufgaben des Tages zu widmen. Die kurzen Kapitel trugen das Ihre dazu bei, dass ich mir immer wieder dachte, ein Kapitel geht noch. Auf der einen Seite die Ermittlungen, die vielen Verdächtigen, auf der anderen Seite die Beschreibungen des Lebens auf der Insel – das ließ sehr schnell (wieder einmal) eine Sehnsucht entstehen, auf Madeira Urlaub zu machen.

Im Vergleich zu “Mord auf der Levada” bekommen wir hier deutlich mehr Einblick in das Leben von Avila, seinen Kollegen und seiner Frau bzw. seinen Freunden. Besonders Leticia ist mir dieses Mal sehr ans Herz gewachsen, aber auch der Straßenkehrer Carlos konnte mit seiner Art Sympathiepunkte bei mir sammeln.

Ich empfehle übrigens, diesen Roman nicht mit leerem Magen zu lesen. Da der Comissário gutes Essen und Trinken liebt, kommt es immer wieder vor, dass einheimische Gerichte genannt werden, die einem wirklich das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Auch wenn für meinen Geschmack Bica (portugiesische Espressovariation) und Galao (portugiesischer Milchkaffee) vor allem gegen Ende recht auftauchten (Avila ist wirklich ein Kaffeejunkie, scheint mir), tat es der Lesefreude keinen Abbruch.

Als einzigen kleinen Wermutstropfen empfand ich dieses Mal die Art, wie sich die Handlung entwickelt. Die Schwenks in die Vergangenheit, die ich auch bereits in den beiden früheren Büchern mochte, verrieten dieses Mal fast schon zu früh, wo das Motiv des Täters liegen könnte und wo er zu suchen wäre.

Das Ende kommt trotzdem mit einer kleinen Überraschung, die mir so sehr gut gefallen hat. Mehr ins Detail möchte ich jetzt gar nicht gehen, weil ich fürchte, dass dies sonst einen Spoiler darstellen könnte. Lasst euch einfach überraschen und lest selbst. Auf jeden Fall bin ich jetzt neugierig, wie es Avila und seinen Freunden weiter ergehen wird. Daher hoffe ich, dass diese ersten “Avila Mysteries” bald eine Fortsetzung erfahren werden.

Mein Fazit:

“Madeiragrab” ist ein gelungener Auftakt zu einer Krimi-Serie aus der Serie von Joyce Summer. Wer Regiokrimis liebt, die auf der Inselgruppe spielen, kann hier mit gutem Gewissen zugreifen und wird nicht enttäuscht werden!

  • ★★★★
  • E-Book
  • 334 Seiten
  • via tolino media
  • 978-3739392721
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