Rezension Heather Morris – Der Tätowierer von Auschwitz

Ich erinnere mich, dass ich schon zu Beginn dieses Jahres das erste Mal auf dieses Buch aufmerksam wurde, als es auf Englisch auf einem Blog (glaube ich) vorgestellt wurde. Das Thema fesselte mich sofort, denn Auschwitz ist nun mal nicht unbedingt ein Ort, den man mit dem Kennen und Lieben Lernen zweier Menschen verbindet.

Aus diesem Grund wanderte es einmal auf meine Merkliste, mit dem Hintergedanken es zu lesen, wenn es als Taschenbuch erscheinen würde … Umso überraschter war ich ehrlich gestanden, als ich es im August bereits auf Deutsch – und auch als Hörbuch –  entdeckte.

Der Klappentext:

1942 wurde Lale Sokolov nach Auschwitz deportiert. Seine Aufgabe war es, Häftlingsnummern auf die Unterarme seiner Mitgefangenen zu tätowieren, jene Nummern, die später zu den eindringlichsten Mahnungen gegen das Vergessen gehören würden. Er nutzte seine besondere Rolle und kämpfte gegen die Unmenschlichkeit des Lagers, vielen rettete er das Leben. Dann eines Tages tätowierte er den Arm eines jungen Mädchens – und verliebte sich auf den ersten Blick in Gita. Eine Liebesgeschichte begann, an deren Ende das Unglaubliche wahr werden sollte: Sie überlebten beide.

Eindringlich erzählt Heather Morris die bewegende, wahre Geschichte von Lale und Gita, die den Glauben an Mut, Liebe und Menschlichkeit nie verloren.

Meine Meinung:

Die Geschichte von Lale und Gita ist bemerkenswert, gar keine Frage – und ich sehe das Buch auch als einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen. Es gibt wohl nur ganz wenige Bücher, die von jemandem inspiriert sind, der das Grauen an diesem Ort erlebt und – vor allem – überlebt hat.

Trotzdem hatte ich beim Hören so meine Probleme: Das Eindringliche, das im Klappentext erwähnt wird, habe ich sehr oft einfach nicht spüren können. Der Erzählstil des Buches ist in meinen Augen fast zu sachlich gehalten, trotz der vielen Dialoge, die die Autorin eingefügt hat.

Aus diesem Grund habe ich mich immer wieder gefragt, was ich hier vor mir habe, ein Sachbuch, das Sequenzen eines Romans enthält, oder einen belletristischen Roman, der sich sehr strikt an die Erinnerungen Lales hält. Für mich ist hier irgendwie eine Mischung aus beidem herausgekommen …

Diese Sachlichkeit ist es auch, die mir den Zugang zeitweise sehr schwierig gemacht hat. Irgendwie hatte ich erwartet, mehr Gefühle zu durchleben, stattdessen gingen viele Szenen einfach an mir vorbei, obwohl sie eigentlich etwas in mir hätten auslösen müssen. Nicht einmal die aufkeimende Liebe zu Gita wurde auf diese Weise für mich transparent, irgendwie lernt Lale Gita kennen (soweit man in Auschwitz überhaupt von “Kennenlernen” sprechen kann) und ist dann ruckzuck in sie verliebt, obwohl er recht lange nur sehr wenig von ihr weiß.

Ich möchte aber nicht nur kritisieren, denn wenn Lales Erinnerungen korrekt sind, gab es auch kleine Funken von Menschlichkeit in Auschwitz. Menschen, die im Geheimen versucht haben, den Lagerinsassen zu helfen, und sie vielleicht nicht retten, aber ihnen zumindest das Leben in Form von geschmuggelten Lebensmitteln und Medikamenten leichter machen konnten.

Gerade diese kleinen Momente ließen mich dran bleiben, die Neugier, wer von den Nebenfiguren es denn schaffen würde. Ein Gefühl, das mich leider weniger mit den Hauptfiguren verbunden hat, da ich ja schon vor dem Lesen wusste, dass sie Auschwitz, seine Krankheiten und Foltern überleben würden …

Gut gefallen hat mir auch das Nachwort der Autorin, wo sie das Kennenlernen von Lale als altem Mann schildert. Hier merkt man ihr an, dass ihr Lales Leben wohl doch sehr nah gegangen sein muss, denn sie spricht von einer Lektion in Menschlichkeit … Wenige Worte nur, aber sie konnten mich mehr berühren als das Buch selbst (Obwohl die Geschichte natürlich notwendig ist, um zu verstehen, was die Autorin mit dem Nachwort sagen möchte).

Abgerundet wird das Hörbuch von einigen Anmerkungen, die das weitere Schicksal der beiden Liebenden schildern. Ein sehr passender Abschluss, den es hat mich durchaus interessiert, wie es Gita und Lale nach der Nazi-Zeit ergangen ist. Und damit einher geht auch ein Kompliment an den HörbucHHamburg Verlag, denn oft werden solche Dinge dem Hörbuch-Fan ja leider unterschlagen.

Mein Fazit:

Ich vergebe 4 Sterne aufgerundet, denn summa summarum hat “Der Tätowierer von Auschwitz” bei mir sehr gemischte Gefühle erzeugt. Ich maße mir nicht an zu urteilen, ob die Autorin diesen sachlichen Schreibstil absichtlich gewählt hat (woraus zumindest aus dem Nachwort zu schließen ist), aber so richtig nah ging mir das Buch tatsächlich erst durch das Nachwort …

  • ★★★★
  • Hörbuch
  • 439 Minuten
  • HörbucHHamburg
  • 978-3869524092
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(Kurz)Rezension Alex Beer – Die rote Frau

“Die rote Frau” ist nach “Der zweite Reiter” bereits das zweite Buch, das Alex Beer im historischen Wien kurz nach dem Ersten Weltkrieg ansiedelt. “Die rote Frau” baut dabei auf den Ereignissen aus dem ersten Buch auf, kann in meinen Augen aber auch noch ohne Vorwissen gelesen bzw. gehört werden.

Der Klappentext:

Wien, 1920: Während die Stadt immer noch mit den Folgen des Krieges zu kämpfen hat, wird August Emmerich endlich in die Abteilung “Leib und Leben” versetzt.

Doch während seine Kollegen dort den aufsehenerregenden Mordfall an dem beliebten Stadtrat Richard Fürst bearbeiten, müssen Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter den Babysitter für die berühmte Schauspielerin Rita Haidrich spielen, die um ihr Leben fürchtet. Dabei stoßen sie jedoch nicht nur auf eine ominöse Verbindung zu Fürst, sie kommen einem perfiden Mordkomplott auf die Spur, das bis in die höchsten Kreise reicht. Und Rita soll das nächste Opfer sein …

Vielstimmig und typisch wienerisch gelesen von Cornelius Obonya.

Meine Meinung:

Ich gestehe, ich habe eine Zeit lang gezögert, ob ich “Die rote Frau” wirklich hören wollte. Der Hinweis “gekürzt” lässt mich bei Büchern doch immer wieder zurückschrecken, vor allem bei denen, von denen ich mir einiges verspreche. Der Hinweis aus dem Klappentext – wienerisch gelesen – hat es aber mehr als wett gemacht. Cornelius Obonya hat es drauf!

Man merkt ihm an, dass er in diesem Bereich sowohl als Schauspieler als auch als Sprecher (In Österreich kennt man seine Stimme vor allem durch diverse Natur-Dokus, die er aus dem Off begleitet) sehr viel Erfahrung mitbringt. Eine ganze Menge unterschiedlicher Stimmlagen und Dialekte verkörperte er so überzeugend, wie ich es schon lange nicht mehr bei einem Sprecher gehört habe.

Dies machte es mir nicht schwer, mich von ihm ein weiteres Mal in das Wien der Nachkriegsjahre entführen zu lassen. “Die rote Frau” setzt dabei dort ein, wo wir August Emmerich und Ferdinand Winter in “Der zweite Reiter” verlassen haben: Sie sind in die Abteilung “Leib und Leben” gewechselt.

Doch die beiden haben es dabei nicht leicht, denn statt Fälle zu lösen, werden sie von ihren neuen Kollegen als Sekretärinnen missbraucht und als “Krüppelbrigade” bezeichnet. Emmerichs Starrsinn – und natürlich ein Mord – helfen ihm aber auch hier, sich gegen alle Widrigkeiten zu behaupten und auf eigene Faust verschiedenen Spuren zu folgen.

Ich weiß, ich habe es schon bei “Der zweite Reiter” geschrieben, aber ich wiederhole mich gern: Die Autorin versteht es auch in dieser Geschichte sehr geschickt, das Wien dieser Zeit in all seinen Facetten lebendig werden zu lassen. Wer bereits im ersten Teil die beiden Protagonisten lieben gelernt hat, wird sich freuen, denn Alex Beer erzählt ihre Leben unterhaltsam weiter, wenn ich auch an einigen Stellen das Gefühl hatte, dass Ferdinand Winter dieses Mal etwas zu kurz kam.

Den Krimi selbst fand ich an einigen Stellen ein wenig haarsträubend, auch die Auflösung kam für meinen Geschmack ein klein bisschen zu schnell und vor allem zu “phantastisch”. Wie schon bei Teil 1 lässt auch hier Alex Beer eine Kleinigkeit offen, weshalb es bestimmt interessant sein wird zu sehen, was sich die Autorin für die Zukunft der beiden Figuren ausdenken wird.

Mein Fazit:

Trotz einiger kleiner Schönheitsfehler spreche ich auch für die Fortsetzung gerne wieder eine Empfehlung für alle aus, die sowohl historische Krimis als auch den Wiener Schmäh mögen :). Und eine besonders lobende Erwähnung gibt es für diese tolle Lesung, die mich wirklich überraschen konnte!

  • ★★★★
  • Hörbuch
  • 479 Minuten
  • Random House Audio
  • 978-3837141313
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(Kurz)Rezension Ellen Sandberg – Die Vergessenen

Auf „Die Vergessenen“ von Ellen Sandberg wurde ich bereits vor einiger Zeit durch verschiedene Blogger aufmerksam. Da das Thema Euthanasie im dritten Reich auch in meinen Augen immer wieder zu kurz kommt, war ich froh, als ich entdeckte, dass es das Buch auch als Hörbuch (wenn auch gekürzt) gibt.

Der Klappentext:

Das Böse verjährt nie
Manolis Lefteris erhält 2013 den Auftrag, geheimnisvolle Akten in seinen Besitz zu bringen. Er ahnt nicht, dass er im Begriff ist, ein Verbrechen aufzudecken, das weit in der Vergangenheit liegt. Die Spur führt ihn zu Kathrin Mändler, die sich, als sie 1944 eine Stelle als Krankenschwester annimmt, zum ersten Mal in ihrem Leben nützlich fühlt. Als sie dem charismatischen Arzt Karl Landmann begegnet, merkt sie zu spät, worin seine Arbeit besteht und dass diese das Leben vieler Menschen bedroht – auch ihr eigenes.
Gelesen von Thomas M. Meinhardt.

Meine Meinung:

Ellen Sandberg gelingt es meiner Meinung nach hervorragend, die Vergangenheit (Kathrin als junges Mädchen in Winkelberg) mit der Gegenwart zu verknüpfen, wo sich Kathrins Nichte Vera daran macht, die Ereignisse von damals aus dem Dunkel des Vergessens und der Geheimnisse zu ziehen. Gleichzeitig arbeitet sie die Figur von Manolis Lefteris hinein, der zwar in Deutschland aufgewachsen, durch seinen griechischen Vater aber selbst in die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg hineingesogen worden ist.

Dieses Gespann ist es auch, was die Geschichte wirklich interessant macht, denn die Erinnerungen von Kathrin an 1944 nehmen einen weniger hohen Anteil in der Geschichte ein, als es zunächst den Anschein hat. Beide Protagonisten kommen im Verlauf der Geschichte in der Gegenwart an ihre Grenzen und müssen Entscheidungen treffen, wie sie mit dem umgehen, was sie erfahren.

Der Leser ist immer hautnah dabei, deswegen fiel es mir gegen Ende wirklich schwer, die beiden gehen zu lassen. Ein gewisses Gefühl blieb, dass es da noch mehr zu erzählen gibt, dass das Ende eigentlich erst ein Anfang ist.

Zum Hörbuch: Thomas Reinhardt liest das Hörbuch meiner Meinung nach sehr gut, die Kürzungen sind mir beim Hören nicht wirklich aufgefallen. Und bei einer Länge von gut zehn Stunden kann eigentlich auch nicht vieles gekürzt worden sein …

Mein Fazit:

Eine spannend inszenierte Geschichte, die in meinen Augen eigentlich nach einer Fortsetzung schreit, da in meinen Augen nicht alle offenen Fragen zufriedenstellend beantwortet wurden.

  • ★★★★
  • Hörbuch
  • 607 Minuten
  • Der Hörverlag
  • 978-3844527186
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Rezension Lauren Oliver – Wenn du stirbst …

Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie – das ist der vollständige Titel dieses Buches und gleichzeitig der erste Satz :). Persönlich bin ich ja kein Fan dieser überlangen Titel, aber neugierig machte mich die Geschichte bereits zu dem Zeitpunkt, als der Film zu dem Buch ins Kino kam.

Als ich das Buch bei uns in der Bücherei entdeckte, wollte ich mir eigentlich die Print-Ausgabe ausleihen, aber das gebundene Buch war dummerweise in einem eher beklagenswerten Zustand … Daher wurde es dann doch das (gekürzte) Hörbuch.

Zum Inhalt:

Samantha Kingston gehört zur angesagten Clique auf ihrer High School. Zusammen mit ihren Freundinnen fiebert sie dem ersten Mal mit ihrem Freund entgegen. Der 12. Februar fängt dabei an wie jeder andere Tag auch, sie geht zur Schule, fragt sich, wie viele Rosen sie wohl am (vorgezogenen) Valentinstag bekommen wird, geht am Abend auf eine Party von Kent, einem Schulfreund. Auf der Fahr nach Hause passiert es: Sie stirbt bei einem Autounfall – nur um am Morgen desselben Tages wieder aufzuwachen und denselben Tag noch einmal zu durchleben … Hat sie eine zweite Chance bekommen, ihr Leben zu retten?

Meine Meinung:

Anfangs dachte ich bei diesem Buch ja an eine Wiederholung des Stoffes aus “Und täglich grüßt das Murmeltier”. Die Idee, den Helden oder die Heldin einen Tag immer wieder durchleben zu lassen, wurde ja schon öfter aufgegriffen. Das Prinzip ist sich jedenfalls relativ ähnlich: Der Protagonist lernt immer mehr über sein Umfeld, lernt seine Mitmenschen näher kennen und verändert sich dadurch.

“Wenn du stirbst …” bildet hier nicht unbedingt eine Ausnahme. Sam gehört zwar zur Clique der beliebten Mädels, kommt aber selbst alles andere als sympathisch rüber. Sie hält ihr gesamtes Umfeld eher auf Distanz (auch ihre Familie), ist streckenweise sehr unfreundlich zu ihren Mitmenschen und eine typische Mitläuferin, was die “Chefin” der Clique – Lindsay – betrifft. Da Sam die meiste Zeit mit ihren drei Freundinnen verbringt, konnte ich mich gerade am Anfang lange nicht entscheiden, wen ich schlimmer fand – Sam oder Lindsay.

Einen großen Raum nimmt in der Geschichte das Thema Mobbing ein. Juliet, eine Mitschülerin, wird von den vieren regelmäßig verhöhnt und beschimpft, niemand traut sich, etwas zu sagen. Bei Kents Party am Abend eskaliert die Angelegenheit, als Juliet auftaucht und jedem der Mädchen “Miststück” an den Kopf wirft …

Im Verlauf der Geschichte versucht Sam, ihr Schicksal zu ändern und wird von Mal zu Mal verzweifelter, als sie feststellen muss, dass sie schon wieder am selben Tag aufwacht. Was tun? Mit diesem Hintergrund ist es bis zu einem gewissen Maß verständlich, dass sie eine Zeit lang eine “Mir ist alles egal”-Mentalität an den Tag legt, die sie einige befremdlichen Dinge tun lässt. Die Autorin lässt dabei allerdings nichts aus … Dies war für mich ein Punkt, wo ich ernsthaft überlegt habe, abzubrechen, weil es schon ans Absurde grenzte, was Sam auf einmal alles tut.

Trotzdem (oder Gott sei Dank?) habe ich aber weitergehört – und stellte wider Erwarten fest, dass es besser wurde. Ich konnte zwar nicht unbedingt nachempfinden, warum Sam doch noch ihr Gewissen entdeckte. Ich ertappte mich aber auf einmal dabei, mit ihr mitzufühlen, mit ihr mitzufiebern, ob es ihr nun gelingen würde, ihren Tod abzuwenden oder nicht. Manche Stellen ließen meine Augen sogar ein bisschen feucht werden …

Worauf es am Ende hinausläuft, ist bis zu einem gewissen Maß nicht gerade eine große Überraschung. Überrascht hat mich aber zumindest die Art und Weise, wie es geschieht. Ich verstehe durchaus, dass das Ende polarisiert, dass viele sich ein anderes Ende gewünscht haben. Aber ich fand es trotzdem zur Geschichte passend, auch wenn ich noch die eine oder andere Antwort auf einzelne Fragen gehabt hätte.

Das Hörbuch ist – wie bereits erwähnt – gekürzt, mir sind allerdings beim Hören keine wirklich gröberen Schnitzer aufgefallen, die immer wieder durch Kürzungen entstehen. Anna Thalbach kenne ich bereits seit der Zeit, wo sie mit ihrer Mutter Katharina “Die Nebel von Avalon” gelesen hat. Sie erzählt die Geschichte professionell (wenn auch ein Fehler bei der Aussprache eines Fremdworts drin war) und es machte Spaß, ihr zuzuhören.

Mein Fazit:

“Wenn du stirbst …” hat mir beim Hören ein gewaltiges Gefühlskarussell beschert. Wäre ich meinem Instinkt gefolgt, hätte ich wahrscheinlich abgebrochen, so aber wurde ich aber doch noch mit einem Ende belohnt, dass die Geschichte für mich herausgerissen und zu etwas Besonderem gemacht hat. Einen zusätzlichen Stern gibt es für die gut gemachte Lesung der Sprecherin.

  • ★★★★
  • Hörbuch
  • 447 Minuten
  • Silberfisch
  • 978-3867420716
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Rezension Ruth Ware – Im dunklen, dunklen Wald

Eigentlich war ich mir nicht sicher, ob mich dieses Buch wirklich interessiert. Aber dann kam die dunkle Lesenacht und im Vorfeld war so viel Begeisterung zu spüren, dass ich nicht widerstehen konnte, mich anzuschließen. Und da ich noch ein Guthaben für ein Hörbuch offen hatte, dachte ich mir, schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe :).

Zum Inhalt:

Nora ist 26, Schriftstellerin und hat zu ihren früheren Freundinnen aus der Schulzeit keinen Kontakt mehr. Umso mehr ist sie erstaunt, als eines Tages ein E-Mail eintrudelt, in dem sie zum Junggesellinnenabschied ihrer ehemaligen besten Freundin Clare aus Kindertagen eingeladen wird. Obwohl ihr unwohl bei dem Gedanken ist, sagt sie zu, das Wochenende mit ihr größtenteils fremden Leuten in einem einsamen Haus mitten im nordenglischen Wald zu verbringen … Eine Entscheidung, die sie schon bald bitter bereuen wird.

Meine Meinung:

Die ersten Kapitel dieses Romans habe ich wirklich sehr, sehr rasch durchgehört – nicht zuletzt dank der Stimme von Julia Nachtmann, der Sprecherin dieses Hörbuchs. Dieses eher tiefe und ruhige Timbre verleiht dem Hörbuch eine ganz eigene und für diese Geschichte sehr passende Stimmung. Obwohl am Anfang eigentlich nicht sehr viel passiert, schafft Nachtmann es, dass man schon bei dem E-Mail sich fragt, was wohl kommen wird, welcher Thrill einen erwarten wird.

Das erste Drittel dieses Buches fand ich wirklich großartig. Ruth Ware schildert hier das Treffen und Kennenlernen der unterschiedlichen Figuren und die erste Zeit in der Hütte im Wald miteinander. Besonders den Dialogen konnte ich hier sehr viel abgewinnen. Die gegenseitigen Antipathien treten schon sehr bald zutage, werden aber nur sehr subtil ausgeführt. Ein gutes Beispiel ist die Hauptfigur Nora, die zu Schulzeiten noch Lee genannt wurde. Obwohl sie mehrmals darum bietet, nicht mehr Lee genannt zu werden, wird dies gekonnt von den anderen ignoriert.

Leider konnte die Autorin das Niveau für mich nicht bis zum Ende des Buches halten. Für meinen Geschmack verliert sie sich vor allem im Mittelteil in vielen Details, die die Handlung eher schlecht als recht vorwärts bringen. Viele Andeutungen, wenig Konkretes, nur weitere Andeutungen. Dies war auch der Punkt, wo ich gemerkt habe, dass ich mit den Figuren nicht warm wurde … Wirklich jeder hatte etwas an sich, was sie oder ihn unsympathisch machte, auch die Hauptfigur Nora.

Mit der Zeit wurde meine Abneigung gegen sie sogar noch stärker, weil sie immer wieder jammerte, warum sie und jenes nicht tun wollte, aber nichts unternahm, die für sie unangenehme Situation zu verbessern. Ich hatte sogar den Eindruck, dass sie genau merkte, dass sie dabei von den anderen manipuliert wurde – und es bewusst geschehen ließ. Besonders gegen Ende merkte man das noch einmal sehr deutlich, wo ich ihr am liebsten zugerufen hätte: Tu es nicht, das ist ein Fehler! Und natürlich tut sie es trotzdem und reitet sich damit rein …

Das Buch hätte eigentlich alles, was es für einen zugegebenermaßen fast klassisch anmutenden Thriller braucht, aber die Autorin lotet in meinen Augen nicht aus, was die Geschichte hergeben würde. Vergleicht man die Entwicklung der Handlung mit einem fahrenden Auto, kommt es viel zu lange aus dem zweiten Gang nicht heraus, um dann erst im letzten Drittel recht abrupt in den vierten bzw. in den fünften Gang zu schalten. Die anfangs erwähnten Geheimnisse versprechen dabei außerdem mehr, als sie halten können.

Die Auflösung war für mich leider keine übermäßig große Überraschung … Wenn sogar ich (wo ich fast immer daneben liege, wer der Täter ist) eine Idee habe, was passiert sein dürfte, ist das kein Pluspunkt für den Krimi-Anteil der Geschichte. Zugute halten muss ich allerdings, dass ich der Geschichte trotz der Sprünge von Ort und Zeit gut beim Hören folgen konnte.

Mein Fazit:

“Im dunklen, dunklen Wald” ist für mich eine Geschichte, die stark angefangen hat, sich dann aber in meinen Augen zu vielen Details verloren hat. Zu viel Hin und Her, was nicht die Spannung fördert, sondern mich eher ungeduldig werden ließ … Den dritten Stern gibt’s für die großartige Lesung, die sich vor allem für dunkle Abend- und Nachtstunden im Herbst und Winter empfiehlt :).

  • ★★★★★
  • Hörbuch
  • 634 Minuten
  • Der Audio Verlag
  • 978-3862318315
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Rezension Sophie Jordan – Infernale

Ich muss sagen, Sophie Jordan und ich hatten keinen guten Start miteinander … Ihre Firelight-Trilogie und ich – das war nichts. Da habe ich nach dem ersten Teil schon aufgegeben, weil die Geschichte für mich einfach viel zu viel Potenzial verschenkt hatte. “Infernale” ist in dieser Hinsicht aber ganz anders 🙂 …

Hier hatte ich dafür das Problem, dass ich mich nicht entscheiden konnte, wie ich die Geschichte “angehen” wollte. Am Ende hatte ich jetzt das Hörbuch in der deutschen (und leider gekürzten) Fassung vor mir liegen, weil ausgeliehen, und das englische E-Book. Entschieden habe ich mich am Ende doch für das Hörbuch, während ich in das E-Book immer wieder hineingeblättert habe, um zu sehen, was ausgelassen wurde.

Zum Inhalt:

Davy ist ein ganz normales, 17jähriges Mädchen, das Träume, einen Freund und sehr viele romantische Vorstellungen von der Liebe hat. Dies wird von einem Moment auf den anderen zerstört, als sie erfährt, dass ihr Gentest positiv ist. Sie hat das sogenannte Homicidal Tendency Syndrome, kurz HTS, im Volksmund auch Mördergen genannt. Sie muss auf eine öffentliche High School wechseln, verliert den Kontakt zu ihren früheren Freunden und muss sich auf ein komplett neues Leben einstellen, das nichts mehr mit dem zu tun hat, was sie bisher gekannt hat …

Meine Meinung:

Schon als ich die ersten Rezensionen las, wurde ich neugierig. Der Plot klang ansprechend und definitiv nach etwas anderem, was derzeit so bei den Dystopien auf den Markt kommt … Schon mal vorab: Wann genau “Infernale” spielt, ist nicht erkennbar, aber die Vorstellung ist erschreckend realistisch, also vermute ich, es sind vielleicht 10 oder 15 Jahre in der Zukunft – nicht mehr.

Da es eine Dystopie ist, ist die Gesellschaftsentwicklung in den USA dementsprechend düster. Die Kriminalität nimmt überhand und die normale Bevölkerung ist dementsprechend eingeschüchtert und verängstigt. Die sogenannte Wainwright Agency übernimmt es, die Bewohner des Landes zu testen und festzustellen, ob sie HTS positiv oder negativ sind … Wer normal ist, hat nichts zu befürchten, aber wehe denjenigen, die positiv getestet werden!

Zu viel ins Detail will ich jetzt gar nicht gehen, da es einen Spoiler darstellen würde, aber mir wurde mehrmals übel. Gerade die kleinen Zwischenkapitel (die im Hörbuch leider gänzlich fehlen, aber viel über das aussagen, wie es in der Welt von Davy zugeht) drehten mir immer wieder den Magen um – und ich kann gut verstehen, warum manche Blogger das Szenario mit der Judenverfolgung im dritten Reich verglichen haben.

Selbst jetzt wirkt diese Welt noch immer nach, mache ich mir Gedanken darüber, ob wir es auch im echten Leben soweit kommen lassen würden … Für meinen Geschmack ist das leider ziemlich realistisch, auch wenn die Idee, dass ein solches Mördergen existiert, (hoffentlich?) wirklich in den Bereich der Fiktion gehört. Dass aber Menschen – von Hass, Angst und Verunsicherung getrieben – andere drangsalieren können, hat uns die Geschichte ja schon eindringlich bewiesen. Wobei ich der Meinung bin, dass man jeden Menschen dazu bringen kann, einen anderen zu töten – egal, ob er nun so ein Gen besitzt oder nicht. Es bedarf nur der richtigen Mechanismen dazu.

Kommen wir zu dem, was mir weniger gefallen hat: Die Heldin – wieder einmal. Ja, Davina ist ein Wunderkind und behütet aufgewachsen, ja, sie hat Vorurteile gegenüber HTS Trägern und muss damit erst einmal fertig werden, dass die Welt sich auf einmal um 180 Grad gedreht hat. Trotzdem ist dies keine Entschuldigung dafür, wie blauäugig sie durch manche Szenen stolpert – und das obwohl sie innerhalb des Buches mehr als einmal darauf aufmerksam gemacht wird, dass sie diese oder jene Dinge in ihrer Situation nicht tun sollte. Gerade gegen Ende gab es eine Szene, wo für mich als Leser nur allzu ersichtlich war, worauf es hinauslaufen würde – und sie denkt natürlich trotzdem, dass es jetzt bergauf geht und alles wieder besser wird. Oh Mann!

Auch dieses “Ja, alle anderen HTS Träger sind böse, gewaltig und gemein, nur ich nicht” nervte mich irgendwann zusehends. Hier war für mich einfach keine Weiterentwicklung des Charakters zu sehen, ganz im Gegenteil. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr wird Davy zu einem naiven und weinerlichen Mädchen, das nicht versteht, dass die Gesellschaft sie loswerden will … Bis zum Schluss habe ich nicht ganz verstanden, warum Sean, der Junge, in den sie sich verliebt, seinerseits Gefühle für sie entwickelt, wo er ihr doch permanent den A… retten muss. Beschützerinstinkt? Denn alles andere ergibt für mich nicht wirklich Sinn.

Das Ende der Geschichte ist relativ offen, aber nicht so ein deutlicher Cliffhanger wie in anderen Reihen, die derzeit am Markt sind. Teil 2 ist auf Englisch bereits letztes Jahr erschienen … Ob ich ihn lesen bzw. hören werde, habe ich aber noch nicht entschieden, da die Meinungen dazu auf vielen englischsprachigen Buchblogs eher negativ waren (Anscheinend nimmt die Handlung einen komplett neuen Verlauf, der mit dem ersten Teil nicht mehr viel zu tun hat). Mal sehen, vielleicht schaue ich mich nach einer englischen Leseprobe um und entscheide dann 😀 …

Jetzt noch einmal zum Hörbuch: Sprecherin Friederike Walke macht ihre Sache wirklich sehr gut. Die Art und Weise, wie sie in den knapp 6,5 Stunden Laufzeit den unterschiedlichen Charakteren Stimme und Gefühl verleiht, verdient großes Lob! Angst, Zorn und Panik – alles bringt sie in den Dialogen so gekonnt rüber, dass ich beim Hören einige Male sogar zusammengezuckt bin. Daher gibt es für die Hörbuchfassung definitiv einen Stern mehr – für die Kürzungen kann die Sprecherin ja schließlich nichts :).

Mein Fazit:

“Infernale” hat eine tolle, nachdenklich machende Story, leidet aber daran, dass die charakterliche Entwicklung der Heldin einfach nicht vorankommt. Die Sprecherin jedoch macht einen wirklich tollen Job, es macht wirklich Spaß, ihr zuzuhören!

  • ★★★★
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Rezension Annelie Wendeberg – Tiefer Fall

“Tiefer Fall” ist der zweite Teil einer Reihe von Krimis von Annelie Wendeberg, die im viktorianischen England des späten 19. Jahrhunderts spielen. Wendeberg verknüpft darin geschickt das Schicksal ihrer Protagonistin Anna Kronberg mit den Figuren von Arthur Conan Doyle – allen voran mit Sherlock Holmes. Teil 2 setzt nahtlos dort fort, wo Teil 1 endet – man muss aber “Teufelsgrinsen” nicht gelesen oder gehört haben, um in “Tiefer Fall” einzusteigen (meiner Meinung nach).

Zum Inhalt:

Anna Kronberg ist es zusammen mit Sherlock Holmes gelungen, den verbrecherischen “Club” auszuheben, der mit bakteriologischer Kriegsführung Geld und Macht erreichen wollte. Als Konsequenz muss sie jedoch ihre Tarnung als Dr. Anton Kronberg aufgeben und sich verstecken. Professor Moriarty gelingt es jedoch, sie aufzuspüren. Er erpresst sie für ihn zu arbeiten, um einen Pest-Erreger für einen kommenden Krieg zu kultivieren. Ein Katz- und Mausspiel beginnt, das Anna notgedrungen akzeptieren muss, um ihren Vater zu retten …

Meine Meinung:

Ich hatte im Vorfeld schon einige Meinungen gelesen, dass der zweite Teil im Verhältnis zum ersten nicht so gut sein sollte. Ich würde das so nicht stehenlassen, eher sagen, der zweite Teil ist anders. Anders als der erste Teil, der deutlich mehr Schwerpunkt auf die Handlung gelegt hat. Im Verhältnis ist der zweite Teil deutlich ruhiger und präsentiert uns sehr ausführlich den Erzfeind von Sherlock Holmes – James Moriarty.

Vielfach wurde auch kritisiert, dass hier Sherlock Holmes nur eine kleinere Rolle einnimmt, das stimmt auch, er ist hier eigentlich die meiste Zeit ein Nebencharakter, aber ich fand das nicht schlimm, sondern plausibel. Wenn Anna eine Gefangene von Moriarty ist, kann sie von Glück sprechen, dass sie überhaupt Gelegenheit bekommt, Kontakt zu Holmes aufzunehmen … Trotzdem hat er in meinen Augen eine tragende Rolle in diesem Roman, die man aber – da man ja mit Kronberg mitlebt und mitfiebert – erst so nach und nach enthüllt bekommt.

Die Nebenrolle von Holmes macht aber auch die Bühne frei für etwas, was mich an diesem Buch am meisten faszinierte – die Beziehung zwischen Kronberg und Moriarty. Beide stehen sich in nichts nach, wenn es darum geht, den anderen zu manipulieren. Als Leser merkt man relativ rasch, dass da aber noch mehr ist. Zwei Charaktere, die es gewohnt sind, sich zu nehmen, was sie wollen – wer wird am Ende wohl als Sieger daraus hervorgehen?

Im Gegensatz zu den klassischen Doyle-Romanen, wo Moriarty zwar als Erzfeind von Holmes eingeführt wird und dort leider relativ blaß bleibt, gibt Wendeberg Moriarty in “Tiefer Fall” sehr viel Raum. Das erlaubt einen genaueren Blick auf seinen Charakter und sein kriminelles Genie. Und obwohl man die längste Zeit seine Methoden und Ziele verabscheut, ist ab und zu auch Raum für Menschlichkeit bei ihm, weswegen man verstehen kann, warum Anna ihm zuerst geplant, dann bis zu einem gewissen Grad freiwillig entgegenkommt.

Ich kann gut verstehen, warum viele an diesem Roman kritisiert haben, dass Anna hier als ein komplett anderer Charakter im Vergleich zum ersten Teil beschrieben. Ich kann ihre Entwicklung aber gut nachvollziehen. Die permanente Furcht, Moriarty könnte ihrem Vater etwas antun, ihre Arbeit, die überall überwacht wird, die Psycho-Spielchen mit Moriarty – wer würde da nicht irgendwann einmal zermürbt werden? Das Stockholm-Syndrom gab es zwar zu jener Zeit noch nicht unter diesem Namen (vermute ich), es hat aber bestimmt schon damals genau solche Situationen gegeben.

Auch der Schluss hat mir sehr gut gefallen – einige Dinge werden dabei klarer, trotzdem bleibt noch einiges offen, was Raum für den nächsten Teil lässt, der im Oktober auf Deutsch erscheinen wird. Und wer sich übrigens schon bei Teil 1 gefragt hat, warum Watson nie über Anna geschrieben hat, bekommt gegen Ende die Antwort :).

Jetzt noch kurz zum Hörbuch: Esther Schweins liest schon wie bei Teil 1 gekonnt und routiniert und verleiht den unterschiedlichen Charakteren unterschiedliche Nuancen. Vor allem die Tonlage von Moriarty fand ich sehr gelungen, mit ihrer Stimme verleiht Schweins Moriarty noch mehr Charisma, das einen als Hörer zeitweise schon ein bisschen erschauern lässt … Verführung pur!

Für Fans von ungekürzten Hörbüchern ist die Fassung wahrscheinlich nichts, denn das Hörbuch hat eine Länge von 6 Stunden und 18 Minuten und trägt den Vermerk “gekürzt”. Ob und wieviel fehlt, kann ich aber nicht beurteilen, ich hatte nicht den Eindruck, dass hier wirklich viel gekürzt worden ist. Fehler oder abgehackt klingenden Passagen sind mir beim Hören nicht aufgefallen.

Mein Fazit:

Ein spannender, aber eher ruhig erzählter Krimi, der weniger Wert auf die Handlung als auf den Tiefgang legt. Das psychologische Katz- und Mausspiel zwischen Kronberg und Moriarty macht hier die Stärke des Romans aus.

  • ★★★★
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