Rezension Lize Spit – Und es schmilzt

“Und es schmilzt” fiel mir schon vor einer ganzen Weile wegen der unterschiedlichen – und zum Teil recht geheimnisvollen – Rezensionen auf. Als ich es dann in der Bücherei bei den Neuzugängen entdeckte, nahm ich es mit, um meine Neugier zu stillen.

Der Klappentext:

Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt.
Mit geschlossenen Augen hätte Eva damals den Weg zu Pims Bauernhof radeln können. Sie könnte es heute noch, obwohl sie viele Jahre nicht in Bovenmeer gewesen ist. Hier wurde sie zwischen Rapsfeldern und Pferdekoppeln erwachsen. Hier liegt auch die Wurzel all ihrer aufgestauten Traurigkeit.
Dreizehn Jahre nach dem Sommer, an den sie nie wieder zu denken wagte, kehrt Eva zurück in ihr Dorf – mit einem großen Eisblock im Kofferraum.

Meine Meinung:

Ich weiß nicht genau, ob ich mir dieses Buch ausgeliehen hätte, wenn ich mich im Vorfeld etwas mehr damit auseinandergesetzt hätte. Bei einem Punkt gebe ich aber meinen Mitrezensenten recht: Dieses Buch ist nach herkömmlichen Mustern schwierig zu beschreiben und zu bewerten. Und ich verstehe sofort, wenn man mir sagt, dass dieses Buch polarisiert.

Gerade der Schreibstil ist ein gutes Beispiel dafür, denn die einen finden ihn toll, die anderen – auf deren Seite ich mich hier leider auch stellen muss – finden ihn ausschweifend und langweilig.

Wobei ich “langweilig” tatsächlich erklären muss, denn eigentlich hätte er mir gefallen, wenn ich mich nicht irgendwann durch die schiere Menge an Text erschlagen gefühlt hätte. 100 Seiten weniger, gefühlte tausend Details weniger, die kaum oder wenig zur Geschichte beigetragen haben – und ich hätte die Geschichte wahrscheinlich als sehr viel intensiver empfunden.

In gewisser Weise muss ich aber anerkennen, dass er zur Geschichte passt, dieser Stil. Diese ausschweifenden Details geben auch hervorragend wieder, wie sehr sich die Ich-Erzählerin in ihrer Familie verloren gekommen sein muss, wie sehr sie sich von ihr distanziert hat, um zu überleben. Es ist also irgendwie nachvollziehbar, warum das Buch erzählt wird, wie es erzählt wird – und trotzdem sorgte genau diese Schreibweise dafür, dass es mich überhaupt nicht abholen konnte.

Wäre ich meinen üblichen Lesegewohnheiten treugeblieben, hätte ich es wahrscheinlich außerdem nach 100 Seiten zur Seite gelegt … Ein Teil von mir blieb allerdings neugierig, wollte wissen, wie es weitergeht, was an diesem Buch dran ist, dass es zum Teil so gelobt, zum Teil so verrissen wird. Also habe ich das Buch teils gelesen, teils überflogen, immer auf der Suche nach dem, was noch kommen sollte.

Was allerdings tatsächlich im Leben von Eva schiefgegangen ist, erfährt der Leser erst auf den letzten 100 Seiten (Was heißt, dass man sich 400 Seiten durch jede Menge Andeutungen und Ausschweifungen “arbeiten” muss). Interessanterweise drängte sich mir auf einmal der Gedanke an Patrick Süßkinds “Parfum” auf, ein Buch, das ja ebenfalls sehr oft wegen seiner Gewaltdarstellung thematisiert wurde.

Wie bei Süßkind sehe ich auch bei diesem Buch eine extrem distanzierte Darstellung der Gewalt, eine Gewalt, die ich deswegen zwar wahrgenommen habe, die mich gleichzeitig aber auch nicht berührt hat. Überhaupt bleibt alles irgendwie auf Distanz, auch für die Figuren konnte ich deswegen keine Sympathie, geschweige denn Empathie entwickeln. Etwas, was für mich sehr oft ein großer Minuspunkt ist.

Wie bereits aber zu Beginn gesagt, “Und es schmilzt” war für mich nicht so leicht zu bewerten. Es kommt für meinen Geschmack sehr viel darin vor, was ich nicht mag, aber es ist definitiv kein Buch, das man so schnell vergisst. Hier heißt es wohl wirklich: Selber lesen und eigene Meinung bilden!

Mein Fazit:

“Und es schmilzt” ist definitiv kein Buch, dass Sympathien aufbauen möchte. Der Schreibstil, die Figuren, deren Beziehungen zueinander – das alles wirkt wie ein kalter Winter, der nicht enden möchte. Wer sich darauf einlassen kann, wird das Buch mögen. Für mich war es genau darum aber sehr, sehr schwierig, einen Zugang zu dem Buch zu finden.

  • ★★★★★
  • Gebunden
  • 512 Seiten
  • S. Fischer
  • 978-3103972825
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(Kurz)Rezension Ellen Sandberg – Die Vergessenen

Auf „Die Vergessenen“ von Ellen Sandberg wurde ich bereits vor einiger Zeit durch verschiedene Blogger aufmerksam. Da das Thema Euthanasie im dritten Reich auch in meinen Augen immer wieder zu kurz kommt, war ich froh, als ich entdeckte, dass es das Buch auch als Hörbuch (wenn auch gekürzt) gibt.

Der Klappentext:

Das Böse verjährt nie
Manolis Lefteris erhält 2013 den Auftrag, geheimnisvolle Akten in seinen Besitz zu bringen. Er ahnt nicht, dass er im Begriff ist, ein Verbrechen aufzudecken, das weit in der Vergangenheit liegt. Die Spur führt ihn zu Kathrin Mändler, die sich, als sie 1944 eine Stelle als Krankenschwester annimmt, zum ersten Mal in ihrem Leben nützlich fühlt. Als sie dem charismatischen Arzt Karl Landmann begegnet, merkt sie zu spät, worin seine Arbeit besteht und dass diese das Leben vieler Menschen bedroht – auch ihr eigenes.
Gelesen von Thomas M. Meinhardt.

Meine Meinung:

Ellen Sandberg gelingt es meiner Meinung nach hervorragend, die Vergangenheit (Kathrin als junges Mädchen in Winkelberg) mit der Gegenwart zu verknüpfen, wo sich Kathrins Nichte Vera daran macht, die Ereignisse von damals aus dem Dunkel des Vergessens und der Geheimnisse zu ziehen. Gleichzeitig arbeitet sie die Figur von Manolis Lefteris hinein, der zwar in Deutschland aufgewachsen, durch seinen griechischen Vater aber selbst in die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg hineingesogen worden ist.

Dieses Gespann ist es auch, was die Geschichte wirklich interessant macht, denn die Erinnerungen von Kathrin an 1944 nehmen einen weniger hohen Anteil in der Geschichte ein, als es zunächst den Anschein hat. Beide Protagonisten kommen im Verlauf der Geschichte in der Gegenwart an ihre Grenzen und müssen Entscheidungen treffen, wie sie mit dem umgehen, was sie erfahren.

Der Leser ist immer hautnah dabei, deswegen fiel es mir gegen Ende wirklich schwer, die beiden gehen zu lassen. Ein gewisses Gefühl blieb, dass es da noch mehr zu erzählen gibt, dass das Ende eigentlich erst ein Anfang ist.

Zum Hörbuch: Thomas Reinhardt liest das Hörbuch meiner Meinung nach sehr gut, die Kürzungen sind mir beim Hören nicht wirklich aufgefallen. Und bei einer Länge von gut zehn Stunden kann eigentlich auch nicht vieles gekürzt worden sein …

Mein Fazit:

Eine spannend inszenierte Geschichte, die in meinen Augen eigentlich nach einer Fortsetzung schreit, da in meinen Augen nicht alle offenen Fragen zufriedenstellend beantwortet wurden.

  • ★★★★
  • Hörbuch
  • 607 Minuten
  • Der Hörverlag
  • 978-3844527186
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(Kurz)Rezension Michaela Grünig & Marc Girardelli – Abfahrt in den Tod

“Abfahrt in den Tod” ist das Debüt eines neuen Autorenteams, bestehend aus Michaela Grünig und Marc Girardelli. Letzterer dürfte vor allem den älteren Semestern unter uns bestimmt noch als sehr erfolgreicher Skifahrer bekannt sein 🙂 .

Der Klappentext:

Der erfolgreiche Abfahrtsläufer Marc Gassmann erlebt nach einer Verletzung die letzte gute Saison seiner Karriere. In seinem “Paradelauf” am Lauberhorn liegt er in Führung, der Sieg ist greifbar nah – bis eine Drohne genau hinter ihm auf die Piste stürzt. Zufall oder Mordanschlag? Mit Kantonspolizistin Andrea wird ausgerechnet seine Ex-Freundin mit der Aufklärung des Falls beauftragt. Harmonie? Fehlanzeige. Doch als sich ein weiterer Anschlag auf Marc ereignet, beginnt die gemeinsame Jagd nach einem mysteriösen Unbekannten …

Meine Meinung:

Das Buch startet unmittelbar mit einer sehr plastischen Beschreibung von Marc Gassmanns Rennen. Als Leser bekommt man damit ein sehr gutes Gefühl, wie es sein muss, im Starthäuschen zu stehen und sich in knapp fünf Minuten einen Berghang hinunterzuwerfen. Geschwindigkeiten bis zu 160 km/h sind schließlich kein Pappenstiel, nicht einmal, wenn man im Auto eine solche Geschwindigkeit hat …

Abfahrtsläufer sind moderne Gladiatoren. Wie im alten Rom ergötzten sich die Massen vor Ort und an den Bildschirmen an ihrem Wagemut und Können.
2%

Ich gebe zu, ich hätte das wohl nie so formuliert, aber ich denke, es ist bestimmt etwas Wahres daran. Ich bin zwar persönlich absolut kein Fan davon, mir Skirennen im TV anzugucken, aber neben Fußball ist der Skisport sehr, sehr präsent in den österreichischen Medien, man kommt da eigentlich kaum drum herum, ob es einem nun gefällt oder nicht.

Der Kriminalfall ist in meinen Augen jetzt nicht so herausragend, vor allem die Ermittlerin stellte sich zeitweise schon etwas naiv an. Aber das ist meiner Meinung auch nach nicht das, was dieses Buch interessant macht: Das Besondere ist der Blick hinter die Kulissen, den man normalerweise nicht bekommt. Wetten beispielsweise, knallharte Sponsoring-Verträge und Doping sind Dinge, die wohl eher hinter vorgehaltener Hand Thema sind – und selten ihren Weg an die Öffentlichkeit finden.

Mein Fazit:

“Abfahrt in den Tod” ist ein Krimi, der in meinen Augen vor allem von seinem Setting und weniger von seiner Handlung lebt. Wer sich darauf einlassen kann, wird aber auf jeden Fall gut unterhalten.

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 256 Seiten
  • Emons Verlag
  • 978-3740800512
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Rezension Ursula Poznanski & Arno Strobel – Invisible

Als 2016 “Anonym”, das zweite Buch aus der Feder von Ursula Poznanski und Arno Strobel, erschien, war ich Feuer und Flamme. Das Buch hatte ich am Stück innerhalb von sechs Stunden ausgelesen., so sehr fesselte es mich.

Dementsprechend war ich natürlich sehr gespannt auf die neue Geschichte, die eine Fortsetzung mit dem sehr genialen Ermittlerduo Nina Salomon und Daniel Buchholz versprach.

Zum Inhalt:

Innerhalb kurzer Zeit passieren in Hamburg eine ganze Menge an unterschiedlichen Morden. Einen gemeinsamen Nenner gibt es trotzdem, denn die Mörder stehen jedes Mal innerhalb kurzer Zeit fest.

Trotzdem ist nicht alles, wie es scheint, denn bald zeichnet sich ein Muster ab: Die Mörder fühlten sich von ihren Opfern in irgendeiner Form bedroht. Salomon und Buchholz beschließen, an der Sache dranzubleiben und nach den Hintergründen zu suchen – und bald zeigt sich, dass dies eine kluge Entscheidung war …

Meine Meinung:

Ich weiß, es ist eigentlich ein Fehler, an ein Buch hohe Erwartungen zu haben. Besonders wenn eine Lieblingsautorin mit im Spiel ist. Trotzdem freute ich mich darauf, dass es endlich wieder etwas Neues von den beiden Autoren geben würde und ließ mir das Buch zurücklegen. Kaum hatte ich es auch in Händen, begann ich auch schon …

Die Geschichte startet zügig und – wie man es schon von “Anonym” gewohnt ist – nicht zimperlich. Als ob die Mordserie aber nicht erschütternd genug wäre, kämpfen Salomon und Buchholz auch bald mit anderen Problemen, die Stimmung im Team ist schlecht, beim kleinsten Zwischenfall gibt es Streit.

Buchholz hat darüber hinaus auch noch privaten Stress, der ihn – den Pedanten – ein wenig aus dem Gleichgewicht bringt. Zumindest zwischen Nina und Daniel läuft es allerdings wie gewohnt: Als Leserin entlockten mir die kleinen Reibereien zwischen den beiden auch dieses Mal ein Lächeln, ich finde die beiden dadurch so richtig menschlich.

Im Vergleich zu “Anonym” brauchte ich dieses Mal etwas länger, um in die Geschichte hineinzufinden, sei es wegen der angespannten Stimmung im Ermittlerteam, sei es, weil ich nach etwa 100 Seiten den Eindruck hatte, dass die Geschichte ein wenig auf der Stelle trat, so ganz genau kann ich es gar nicht sagen.

Irgendwie begleitete mich einfach ein mulmiges Gefühl … Aus diesem Grund fiel es mir wohl dieses Mal auch nicht so schwer, nach 50, 60 Seiten das Buch wieder hinzulegen und mich anderen Dingen zu widmen.

Trotzdem habe ich natürlich weitergelesen, denn neugierig war ich schon. Und dies war eine gute Entscheidung, denn zu Beginn des letzten Drittels nimmt die Handlung an Fahrt auf und ich konnte endlich so in der Geschichte versinken, wie ich es von Anfang an wollte. Kurve erfolgreich gekratzt – das trifft es in diesem Fall für mich wohl am besten.

Besonders gut gefallen hat mir in diesem Buch auch die Idee, die dahinter steht. Ins Detail kann ich selbst verständlich jetzt nicht gehen (Das wäre ein böser Spoiler), aber wenn man sich damit auseinandersetzt, ergibt sich ein interessantes Gedankenspiel. Aufgrund der Thematik vermute ich, dass sie von Arno Strobel stammt.

Der Schreibstil ist flott und man kommt gut durch das Buch, auch wenn ich mich einige Male durch die Überlegung, wer von den beiden Ermittlern das neue Kapitel in der Ich-Form erzählt, kurz ausgebremst fühlte. Ob in diesem Fall das Hörbuch besser wäre, kann ich nur vermuten, aber zwei verschiedene Sprecher machen die Umstellung sicher einfacher.

Ein bisschen Kritik muss ich auch in Richtung des Antagonisten loswerden, dieser überzeugte mich dieses Mal nicht so ganz, obwohl ich hier ein kleine Überraschung erlebte, als ich herausfand, wer es war. Wie bereits bei “Anonym” gibt es auch hier einzelne Kapitel, die aus seiner Sicht geschrieben sind, die aber nicht unbedingt Aufschluss darüber geben, wer der Gegner sein könnte.

Das Finale lässt für mich keine Wünsche offen, ich konnte das Buch zufrieden zuklappen, obwohl einige kleine Handlungsfäden aus dem Privatleben der Ermittler offenbleiben. Es ist also zu vermuten, dass wir nicht das letzte Mal einen Fall zusammen mit den beiden Ermittlern lösen werden.

Mein Fazit:

Der neue Fall ist in meinen Augen nicht ganz so gut wie “Anonym” (Dieses Buch hat aber auch die Messlatte für mich sehr hoch gelegt), trotzdem hat es mir sehr viel Freude bereitet, Nina Salomon und Daniel Buchholz bei ihren neuen Ermittlungen zu begleiten. Sollte die Serie weitergehen, werde ich sicherlich wieder dabei sein.

  • ★★★★
  • Broschiert
  • 368 Seiten
  • Wunderlich
  • 978-3805200158
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Rezension Ray Celestin – Höllenjazz in New Orleans

Nach “Der zweite Reiter” ist dies gleich das zweite Buch, wo ich mich in das Jahr 1919 begebe, aber nicht nach Europa, sondern in die USA, genauer gesagt nach New Orleans. Ray Celestin nimmt den Leser mit in eine Stadt, die vom Jazz und vom ersten Weltkrieg geprägt ist, die aber auch kurz vor dem Beginn der Prohibition steht (die immerhin doch bis 1933 Bestand hatte).

Rassismus, und Diskriminierung sind an der Tagesordnung. Mitten in diesen Hexenkessel hinein setzt der Autor seine Figuren und scheut sich dabei auch nicht, auf wahre Begebenheiten zurückzugreifen.

Der Klappentext:

New Orleans, 1919: Der mysteriöse »Axeman-Mörder« versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Seine Waffe ist eine Axt, sein Markenzeichen Tarotkarten, die er bei seinen Opfern hinterlässt. Detective Michael Talbot ist mit dem Fall betraut und verzweifelt an der Wendigkeit des Killers. Der ehemalige Polizist Luca D’Andrea sucht ebenfalls nach dem Axeman – im Auftrag der Mafia. Und Ida, die Sekretärin der Pinkerton Detektivagentur, stolpert zufällig über einen Hinweis, der sie und ihren besten Freund Louis Armstrong mitten in den Fall hineinzieht. Als Michael, Luca, Ida und Louis der Identität des Axeman immer näherkommen, fordert der Killer die Bewohner von New Orleans heraus: Spielt Jazz – sonst komme ich, um euch zu holen.

Ray Celestin ist ein brillanter Debütroman gelungen, der sich in einer Mischung aus Fakten und Fiktion um eine der spannendsten und geheimnisvollsten Mordfälle der nordamerikanischen Geschichte rankt.

Meine Meinung:

Im Grunde verspricht der Klappentext eine Art Mischung aus Thriller und Krimi, denn Ermittler, Serienmörder, geheimnisvolle Hinweise – das sind alles Dinge, wie man aus einer solchen Geschichte kennt. Trotzdem hat Piper das nicht schlecht gelöst, indem der Verlag auf das Cover “Roman” geschrieben hat. Denn der Roman besitzt zwar alles, was man von einem Thriller kennt – und irgendwie ist es doch keiner. Warum? Weil Celestin trotz der Ermittlungen nicht unbedingt den Schwerpunkt der Geschichte auf das Herausfinden des Täters lenkt.

Im Gegenteil: Er beschreibt das Leben seiner drei Protagonisten sehr anschaulich, daher bekommt man als Leser sehr schnell ein Gefühl dafür, wie es gewesen sein muss, zu Beginn der Zwanziger Jahre in New Orleans zu leben. Die Konflikte zwischen den unterschiedlichen Ethnien sind allgegenwärtig und mitten in diesem Hexenkessel mischt auch noch Axeman mit. Er ist quasi der Katalysator, der dafür sorgt, dass Michael, Luca und Ida tun, was sie tun, aber er ist eigentlich eher eine Randfigur.

Was ich zu Beginn nicht wusste, war, dass Celestin hier auf wahre Tatsachen zurückgegriffen hat. Eine kurze Recherche bei Wikipedia zeigte mir allerdings recht schnell, dass der Autor einige Details sehr frei interpretiert hat, die Tarotkarten beispielsweise sind reine Erfindung, genauso auch wie die Beschreibung der Opfer. Trotzdem drängen sich recht schnell Parallelen zu Jack the Ripper und dem Zodiac-Killer auf, die ja ebenfalls Briefe geschrieben haben …

Der Brief des Axeman ist historisch, den der Autor gleich zu Beginn verwendet. Eine gute Entscheidung, denn das macht neugierig und auch die drei Hauptfiguren fand ich gut angelegt. Auch das bereits erwähnte Bild von New Orleans zeichnet der Autor sehr anschaulich, keine Frage. Nur darüber hinaus tritt das Krimi-Element irgendwie nach einer gewissen Zeit in den Hintergrund. Man begleitet zwar alle drei bei ihren Nachforschungen, trotzdem hat man nicht das Gefühl, sie wirklich aktiv beim Zusammentragen von Informationen zu begleiten.

Was sich mir beispielsweise gar nicht erschlossen hat, ist die Nebenfigur von Louis Armstrong. Die Eckdaten seines Lebens sind vermute ich richtig dargestellt (vorausgesetzt es stimmt, was ich gelesen habe), allerdings trägt er eigentlich nicht wirklich zu der Geschichte bei, ist nicht viel mehr als ein freundlicher und liebenswerter Begleiter von Ida. Hier konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Celestin ihn nur verwendet hat, um einige Leser mehr anzusprechen, weil bekannter Name. Gebraucht hätte es seine Figur eigentlich nicht.

Das Finale schließlich ist für meinen Geschmack fast etwas zu gewollt. Der Autor serviert uns einen Täter (der in Wirklichkeit genau wie der Ripper und der Zodiac auch nie gefunden wurde), vermutlich, um den Erwartungen der Leser zu entsprechen. Trotzdem war es durchaus spannend zu lesen und in gewisser Weise auch nachvollziehbar.

Mein Fazit:

“Höllenjazz in New Orleans” ist für mich irgendwie durchwachsen, anders kann ich es nicht ausdrücken. Es gab einiges, was mir gefallen hat, aber auch einiges, was ich nicht so gut gelöst fand. Potenzial ist in meinen Augen aber vorhanden, lassen wir uns daher überraschen, was der Autor in Zukunft abliefern wird.

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 512 Seiten
  • Piper
  • 978-3492990035
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Rezension Alex Beer – Der zweite Reiter

“Der zweite Reiter” ist ein Klassiker für ein Buch, das mir zwar bereit durch einige Rezensionen unterkam, das ich aber trotzdem erst durch unser Krimi-Festival “Fine Crime” so wirklich wahrnahm. Zwar bekam die Autorin nur sechs Minuten Zeit, ihr Buch vorzustellen, aber das Setting machte mich trotz der kurzen Zeit sofort neugierig.

Zum Inhalt:

Die Zeit ist 1919, der Schauplatz der Geschichte Wien. Der Erste Weltkrieg ist verloren, Österreich-Ungarn endgültig untergegangen. Wien ist von Armut und Hunger geprägt. Trotzdem lebt und arbeitet Rayonsinspektor August Emmerich hier, versucht Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten. An seiner Seite sein neuer und unerfahrener Assistent Ferdinand Winter. Zusammen werden sie in eine Reihe von Todesfällen verwickelt, die alles andere als einfache Selbstmorde  sind …

Meine Meinung:

Ich sage es gleich einmal vorab: Wer sich für historische Krimis begeistern kann, kann mit diesem Buch nicht viel falsch machen! Die Autorin versteht es meisterhaft, das Wien dieser Zeit einzufangen, das so unmittelbar nach dem Krieg wirklich schlimm gewesen sein muss … Kaum Lebensmittel, kaum Arbeit, Wucherpreise, Armut, wohin das Auge blickt. Dazwischen die wenigen, die es geschafft haben, von der Situation zu profitieren: Schleichhändler (also Schmuggler), Zuhälter, Kriegsgewinnler.

An diesem von sozialen Spannungen geprägten Ort lernen wir August Emmerich kennen, einen Polizisten, der eigentlich einen Schleichhändler dingfest machen soll, aber davon träumt, in die Abteilung “Leib und Leben” zu wechseln und Morde aufzuklären. Um seinem Vorgesetzten Ergebnisse zu liefern, lässt er schon mal Fünfe gerade sein – anfangs sehr zum Verdruss seines jungen Assistenten, der den Krieg nur als Beamter erlebt hat und noch sehr grün hinter den Ohren ist.

Emmerich ist auf seine Weise sehr geradlinig, er hat eine ganz eigene Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit, die ihn mir gleich zu Beginn sehr sympathisch machte. Bei Winter, seinem Assistenten, brauchte ich etwas länger, um ihn zu mögen, aber letztendlich weiß er, wem seine Loyalität gehört und hat trotz seiner Unerfahrenheit einige Ideen, die den beiden bei ihren Ermittlungen helfen.

Die dritte Hauptfigur ist – wenn man das so sagen kann – die Stadt Wien und ihre Bewohner selbst. Neben der sehr bildhaften Sprache verwendet Beer auch immer wieder vereinzelt wienerische Ausdrücke, die die Dialoge noch lebendiger machen. Leser, die des Wienerischen aber nicht mächtig sind, müssen keine Angst haben, die Bedeutung der Wörter erschließt sich ohne Probleme aus dem Kontext.

Ganz ohne Probleme kommt aber auch hier das Privatleben des Ermittlers nicht aus, denn Emmerich muss mit der Situation fertigwerden, dass der Ehemann seiner Lebensgefährtin – obwohl für tot erklärt – auf einmal wieder quicklebendig vor der Tür steht. Dies ist nicht neu (Die Frau will natürlich als gute Christin bei ihrem Ehemann bleiben, obwohl sie ihn mittlerweile nicht mehr liebt), ist aber nachvollziehbar.

Das Finale selbst ist spannend und interessant erzählt, die Karten werden für die Protagonisten zumindest zum Teil neugemischt und ich bin gespannt, wie die Autorin dies in “Die rote Frau” weiterspinnen wird, der im Mai erscheinen wird.

Mein Fazit:

Alex Beer versteht es, das Wien kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zu beschreiben und einen interssanten Krimi zu erzählen, dessen Helden sich ganz bewusst zwischen Gut und Böse bewegen. Für Fans von historischen Krimis ein Muss!

  • ★★★★
  • Gebunden
  • 384 Seiten
  • Limes
  • 978-3809026754
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Rezension Ferdinand von Schirach – Verbrechen

Ferdinand von Schirach kann sich rühmen, einen eigenen Eintrag in der Wikipedia zu haben – und nicht mal einen so kurzen. Das ist aber nicht der Grund, warum wir, die #bbfliest Runde, uns nach dem letzten Buch für etwas ganz anderes entschieden haben.

Schirach ist Strafverteidiger und als solcher hat er schon viele Menschen, Schicksale und Geschichten kennengelernt. “Verbrechen” ist sein erstes Buch aus dem Jahr 2009, aber nicht sein letztes.

Der Klappentext:

Ein angesehener, freundlicher Herr, Doktor der Medizin, erschlägt nach 40 Ehejahren seine Frau mit einer Axt. Er zerlegt sie förmlich, bevor er schließlich die Polizei informiert. Sein Geständnis ist ebenso außergewöhnlich wie seine Strafe.

Ein Mann raubt eine Bank aus, und so unglaublich das klingt: Er hat seine Gründe. Gegen jede Wahrscheinlichkeit wird er von der deutschen Justiz an Leib und Seele gerettet. Eine junge Frau tötet ihren Bruder. Aus Liebe. Lauter unglaubliche Geschichten, doch sie sind wahr.

Meine Meinung:

In meinen Augen gibt der Klappentext nur unzureichend wieder, was den Leser in diesem Buch erwartet. Denn die elf Geschichten sind so unterschiedlich wie das Leben selbst. Bereits die erste Geschichte stellt eine interessante Frage, denn beurteilt man ausschließlich nach der Tat, ist der freundliche Herr so schuldig wie nur irgendetwas.

Folgt man allerdings der Lebensgeschichte des Herrn, beginnt man, die Tat mit anderen Augen zu sehen, sogar etwas wie Sympathie zu empfinden. Die Frage nach Schuld und Unschuld ist nicht immer so eindeutig, wie man annehmen möchte, das führt dieses Buch sehr eindrücklich vor Augen.

Die Verbrechen, die Schirach schildert, umfassen ebenfalls die gesamte Bandbreite des menschlichen Lebens, denn ein Verbrechen muss nicht zwangsläufig mit einem Toten enden genauso wenig wie mit einem Schuldigen, der bestraft werden kann.

Das wahre Leben schreibt Geschichten, die sich oft nicht einmal der ausgebuffteste Krimi- oder Thriller-Autor ausdenken kann, und ist gerade deswegen umso grausamer, wenn man weiß, dass die beschriebenen Gräueltaten so wirklich passiert sind. Das Wissen darum, was Menschen einander antun können, führt uns Schirach an einigen Stellen sehr ausdrucksvoll vor Augen – was mich beim Lesen einige Mal schlucken ließ.

Dabei hat der Autor einen eher sachlichen Schreibstil, umreißt kurz und bündig den Werdegang der Menschen, der sie zu dem werden ließ, was sie zu dem Zeitpunkt sind, wo der Autor sie in seiner Funktion als Strafverteidiger kennenlernt. Die einfache und eher knapp gehaltene Sprache entspricht dem, was ich mir von einem Menschen in diesem Beruf vorstelle, trotzdem hätte ich mir an der einen oder anderen Stelle gewünscht, noch mehr Details zu erfahren. Viele Dingen blieben – bewusst oder unbewusst – an der Oberfläche.

Trotzdem halte ich dieses Buch für eine interessante Möglichkeit, über den Tellerrand des eigenen Lebens zu blicken. Was Menschen bewegt, Dinge zu tun, wird meist von den Medien verschwiegen, Schirach dagegen widmet sich meiner Meinung nach genau diesen Dingen, um zu zeigen, dass die Frage nach Schuld, Schuldfähigkeit und entsprechender Strafe nicht immer ein Schwarzweiß ist.

Mein Fazit:

Ferdinand von Schirach geht in “Verbrechen” mit seinen Geschichten sehr schön darauf ein, dass das Leben nicht immer so leicht in Schablonen zu pressen ist, wie wir das gern tun. Auch wenn ich an manchen Stellen gern mehr erfahren hätte, wird dieses Buch sich ganz bestimmt in mein Gedächtnis einbrennen, da es viele spannende Fragen über das Menschsein stellt.

  • ★★★★
  • Hardcover
  • 208 Seiten
  • Piper
  • 978-3492053624
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