Rezension Andreas Eschbach – NSA

Bereits das Cover zu Andreas Eschbachs neuem Roman machte mich sofort neugierig. Das prominent platzierte Auge mit dem in Fraktur gesetzten Titel darunter – da konnte ich einfach nicht anders, als mir das Buch genauer anzusehen.

Und auch der Klappentext lies in mir alle Sirenen aufheulen, endlich mal wieder ein Buch, das so ganz genau vom Thema her meine Kragenweite ist <3 <3. Leider ist das Genre “Alternate History” bei uns ja leider kaum vertreten, dabei finde ich es so unheimlich spannend zu sehen, wie Geschichte sich hätte entwickeln können, wenn nur eine Sache anders passiert wäre …

Für diejenigen unter euch, die das Buch noch lesen wollen: Es ist eine Rezension mit gewissen Spoilern, also aufpassen!

Der Klappentext:

Weimar 1942: Die Programmiererin Helene arbeitet im Nationalen Sicherheits-Amt und entwickelt dort Programme, mit deren Hilfe alle Bürger des Reichs überwacht werdenErst als die Liebe ihres Lebens Fahnenflucht begeht und untertauchen muss, regen sich Zweifel in ihr. Mit ihren Versuchen, ihm zu helfen, gerät sie nicht nur in Konflikt mit dem Regime, sondern wird auch in die Machtspiele ihres Vorgesetzten Lettke verwickelt, der die perfekte Überwachungstechnik des Staates für ganz eigene Zwecke benutzt und dabei zunehmend jede Grenze überschreitet …
Was wäre, wenn es im Dritten Reich schon Computer gegeben hätte, das Internet, E-Mails, Mobiltelefone und soziale Medien – und deren totale Überwachung?

Meine Meinung:

Da ich mich dieses Jahr aufgrund der #widerdasVergessen Challenge vermehrt dem Thema “Drittes Reich” widme, ist es nicht ausgeblieben, dass ich mir genau diese Frage, die hier im Klappentext angerissen wird, bereits mehrmals gestellt habe … Was wäre, wenn die Technologie von heute sich mit der Geschichte von damals vermischen würde? Andreas Eschbach widmet sich der Frage auf diese Antwort ziemlich ausführlich, aber das Buch braucht die Seitenzahl tatsächlich, um sich in seiner ganzen Bandbreite zu entfalten.

Dabei geht Eschbach einen sehr interessanten Weg, denn er steigt in seine Geschichte im Jahr 1942 ein, in das Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg, so wir wie ihn kennen, an einem Wendepunkt gestanden hat. Stalingrad ist bekannt dafür, dass die deutsche Armee nicht so unbesiegbar, wie es zunächst den Anschein hatte.

Aber was wäre, wenn die Komputer-Technologie (Ich schreibe das Wort übrigens jetzt absichtlich mit K, denn der ganze Roman kennt so gut wie keine Anglizismen, dafür aber jede Menge deutsche Ausdrücke, die anstelle von Handy, E-Mail, Cloud-Speicher etc. verwendet werden) bereits schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts angefangen hätte sich zu entwickeln? Was wäre, wenn es ein Weltnetz bereits schon vor 1939 gegeben hätte?

Ich kann hier gar nicht anders, als meinen Hut zu ziehen, denn Eschbach verwebt die tatsächliche Geschichte mit seiner eigenen Version so geschickt, dass einem als unbedarftem Leser wahrscheinlich gar nicht alles auffällt. Hier und da tauchen Personen auf, die es wirklich gegeben hat (sowohl auf Seiten der Nazis als auch auf Seiten der Opfer), gerade die bekannten Namen sagen einem selbstverständlich etwas. Aber wo die Grenze zwischen erfundenen und echten Figuren zu ziehen ist, muss ich wohl noch einmal in Ruhe nachrecherchieren.

Auch den Aufbau des Buchs halte ich für sehr gelungen, denn Eschbach steigt mehr oder weniger mit einem Knalleffekt in sein Buch ein, einem Ereignis, das einem bereits nach den ersten Seiten ein Schaudern über den Rücken jagt. Danach gibt es einen großen Schwenk in die 30er Jahre, wo Eschbach den Leser Hitlers Aufstieg an die Macht durch die Augen seiner zwei Protagonisten Helene Bodenkamp und Eugen Lettke sehen lässt.

Helene und Eugen sind dabei sehr konträr: Helene selbst ist eher der Typ graue Maus, aber sehr intelligent, die nach und nach anfängt, ihr Leben selbst zu bestimmen (soweit das Regime es zulässt), während Eugen einen ziemlich miesen Charakter hat, der nur auf seinen Vorteil und auf sich selbst bedacht ist.

Trotzdem braucht es in meinen Augen diese beiden Figuren gleichermaßen, um mitzuerleben, wie das Regime nach und nach seine unheilvolle Macht entfesselt. In einem Land, wo es kein Bargeld mehr gibt, jede finanzielle Transaktion, jeder Anruf, jede Position eines “tragbaren Telephons”, jede Gesundheitsakte in den Datensilos des Staates bzw. der NSA gespeichert ist, gibt es keine Privatsphäre mehr. Bereits der Buchauftakt zeigt anschaulich, wie Big Data – das Verknüpfen von Informationen – dazu missbraucht wird, um Personen aufzustöbern, die von den Nazis nicht gefunden werden wollen.

Und dabei bleibt es nicht, der Autor gönnt dem Leser eigentlich nur kurze Verschnaufpausen, bis er weitere technische Entwicklungen – und damit weiteres Grauen – aus dem Ärmel zieht. Entwicklungen, die auch in der heutigen Zeit kontroversiell diskutiert werden und die häufig Gegenstand von dystopischen Romanen sind (Mehr verrate ich jetzt absichtlich nicht, sonst wäre es doch ein zu starker Spoiler).

Alles Dinge, die mich auch zu dem Schluss kommen haben lassen, dass Eschbach bewusst eine Parallele zur Gegenwart zieht. Ganz bewusst darauf hinweist, was heute passieren kann (und wird), wenn rechte Gesinnungen an die Macht kommen und über diese Mengen an Daten, die bereits existieren, nach Belieben verfügen können. Jeder, aber auch wirklich jeder hat irgendein Geheimnis, mit dem er sehr einfach erpressbar wird …

Je weiter das Buch fortschreitet, desto intensiver wird in meinen Augen diese Erfahrung. Es fühlt sich an wie ein Auto, das langsam anrollt und immer schneller wird, und wo man mitfahren muss, ob man will oder nicht, obwohl man sich fragt, ob man es überleben wird …

Es reißt einen beim Lesen in einen sehr heftigen Strudel aus Gefühlen, das Buch ist grausam, verstörend, gewaltig – und gerade deswegen so verdammt gut! Denn Eschbach schont den Leser nicht, führt ihn kompromisslos bis ans Ende der Geschichte. Ein Ende, das mich mit so vielen widersprüchlichen Gefühlen zurückgelassen hat, dass ich erst mal gar nicht anders konnte, als eine Pause bis zum nächsten Buch einzulegen, um dieses Szenario zu verdauen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich fünf Sterne Empfehlungen nicht sehr häufig ausspreche und noch viel seltener das Prädikat “Highlight” vergebe, aber dieses Buch verdient es. Gewiss, es ist Unterhaltung, aber die Botschaft ist eindeutig: “NSA” ist eine eindringliche Warnung davor, was passieren kann, wenn Daten, die wir bewusst oder unbewusst zur Verfügung gestellt haben, gegen uns verwendet werden …

Mein Fazit:

“NSA” ist vordergründig ein Gedankenspiel, aber gleichzeitig auch eines, was unter den gegebenen politischen Umständen erschreckend realistisch ist. Dieses Buch weckt jede Menge Emotionen beim Lesen, es wühlt auf, es verstört – aber gerade deswegen ist es wertvoll! Daher absolute und uneingeschränkte Leseempfehlung!!

  • ★★★★★
  • Gebunden
  • 796 Seiten
  • Bastei Lübbe
  • 978-3785726259
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Rezension Sebastian Fitzek – Das Joshua-Profil

Der Sebastian Fitzek und ich – wer mich kennt, weiß, dass ich zu Deutschlands bekanntestem Thrillerautor ein recht ambivalentes Verhältnis habe. Manche seiner Bücher mochte ich, seine allerersten fand ich vor zehn Jahren noch sehr genial und manche habe ich bis heute nicht fertig gelesen …

Nachdem ich allerdings die Verfilmung von “Das Joshua-Profil” gesehen hatte (und nur mäßig gelungen fand), wollte ich dann doch wissen, wie gut das Buch im Vergleich zum Film abschneidet.

Der Klappentext:

Der erfolglose Schriftsteller Max ist ein gesetzestreuer Bürger. Anders als sein Bruder Cosmo, der in der Sicherheitsverwahrung einer psychiatrischen Anstalt sitzt, hat Max sich noch niemals im Leben etwas zuschulden kommen lassen.

Doch in wenigen Tagen wird er eines der entsetzlichsten Verbrechen begehen, zu denen ein Mensch überhaupt fähig ist. Nur, dass er heute noch nichts davon weiß … im Gegensatz zu denen, die ihn töten wollen, bevor es zu spät ist.

Meine Meinung:

Bedingt durch den Film wusste ich natürlich bereits, worauf der Klappentext anspielt, aber ich schätze, das wird nicht jedem so gegangen sein, als das Buch seinerzeit erschien. Es scheint sich allerdings ein gewisses Schema durch die Veröffentlichungen zu ziehen, denn die action-lastigeren Geschichten finden sich eher bei Bastei Lübbe als die Psychothriller.

Denn wie bei “Noah” zieht Fitzek auch hier das Tempo bereits nach kurzer Zeit an und man rast nur so durch den Roman. Max Rhode wird als mäßig erfolgreicher Schriftsteller eingeführt, der mit Ehefrau Kim ein zehnjähriges Pflegekind namens Jola hat. Die Geschichte beginnt mit einem Anruf, als Max gerade mit seiner Tochter unterwegs ist. Dieser lotst ihn zu einem sterbenden Mann, der ihm eine rätselhafte Botschaft zukommen lässt: “Joshua hat dich auserwählt”.

Von nun an überschlagen sich die Ereignisse. Denn wer ist Joshua? Und was will er von Max und seiner Familie? Während Max herauszufinden versucht, was eigentlich los und wer Joshua ist, verschwindet Jola aus Max’ Auto spurlos. Dem nicht genug, versucht auf einmal jemand sehr hartnäckig, Max dazu zu bringen, den Kopf zu verlieren …

Man sieht, der Roman hat eigentlich alles, um zu einem wirklich spannenden Thriller zu werden. Trotzdem konnte mich das Buch nicht so sehr einfangen, wie ich es eigentlich erwartet hatte. Ich weiß nicht genau, ob das damit zusammenhing, dass ich schon wusste, welche Themen Sebastian Fitzek in dieser Geschichte verarbeiten würde oder mit den Figuren selbst, mit denen ich nicht so recht warm wurde.

Gerade Max als Hauptfigur war für mich oft überhaupt nicht greifbar, Tochter Jola dagegen handelte für meinen Geschmack an vielen Stellen viel zu erwachsen, auch wenn sie anfangs als sehr intelligent geschildert wurde. Selbst Erwachsene würden da wohl bei vielen der Ereignisse, die sie durchleben musste, in Panik geraten, denke ich.

Gut gefallen dagegen haben mir die Nebenfiguren. Max’ Bruder Cosmo ist zwar pädophil, man merkt ihm aber an, dass er selbst damit nicht glücklich ist … Und auch Max’ Freund, den Anwalt Christoph Marx (genannt Toffi),  fand ich in seiner direkten und manchmal etwas schnoddrigen Art sehr sympathisch.

Die Themen, die Fitzek in seinem Buch anschneidet, sind auch drei Jahre nach Erscheinen des Buchs aktueller denn je, denn den Begriff “Predictive Policing” kenne ich auch erst seit kurzer Zeit. Was sich im ersten Moment wie an die SF-Geschichte (und den Film) “Minority Report” angelehnt anhört, ist alles andere als erfunden. Fakt ist: Der Schritt ist nur noch sehr klein, bis das Szenario aus Fitzeks Roman wohl wahr werden dürfte.

Das Ende stellt vermutlich gerade für IT-Fremde noch einmal eine gewisse Überraschung dar. Ich dagegen hatte aber schon die ganze Zeit das Gefühl, dass da noch etwas Bestimmtes kommen würde (was, werde ich jetzt nicht verraten, sorry, aber sonst Spoilergefahr) – und so war es dann auch. So gesehen war für mich das Finale etwas durchwachsen, aber ich darf in dem Fall mit meinem technischen Vorwissen nicht auf andere Leser schließen, auf die die Auflösung wohl anders gewirkt haben dürfte.

Mein Fazit:

Wer temporeicher Action-Thriller mag, kann mit “Das Joshua-Profil” sicher nicht viel falsch machen. Die Themen, die Fitzek verarbeitet hat, sind aktuell und lassen den durchschnittlichen Leser bestimmt nachdenklich zurück. Ich für mich hatte allerdings Probleme, mit den Figuren warm zu werden, fand sie an vielen Stellen nicht greifbar. Daher 3,5 Sterne, die ich der Einfachheit halber auf vier aufrunde.

  • ★★★★
  • E-Book
  • 428 Seiten
  • Bastei Lübbe
  • 978-3-7325-1271-3
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Rezension Ursula Poznanski & Arno Strobel – Invisible

Als 2016 “Anonym”, das zweite Buch aus der Feder von Ursula Poznanski und Arno Strobel, erschien, war ich Feuer und Flamme. Das Buch hatte ich am Stück innerhalb von sechs Stunden ausgelesen., so sehr fesselte es mich.

Dementsprechend war ich natürlich sehr gespannt auf die neue Geschichte, die eine Fortsetzung mit dem sehr genialen Ermittlerduo Nina Salomon und Daniel Buchholz versprach.

Zum Inhalt:

Innerhalb kurzer Zeit passieren in Hamburg eine ganze Menge an unterschiedlichen Morden. Einen gemeinsamen Nenner gibt es trotzdem, denn die Mörder stehen jedes Mal innerhalb kurzer Zeit fest.

Trotzdem ist nicht alles, wie es scheint, denn bald zeichnet sich ein Muster ab: Die Mörder fühlten sich von ihren Opfern in irgendeiner Form bedroht. Salomon und Buchholz beschließen, an der Sache dranzubleiben und nach den Hintergründen zu suchen – und bald zeigt sich, dass dies eine kluge Entscheidung war …

Meine Meinung:

Ich weiß, es ist eigentlich ein Fehler, an ein Buch hohe Erwartungen zu haben. Besonders wenn eine Lieblingsautorin mit im Spiel ist. Trotzdem freute ich mich darauf, dass es endlich wieder etwas Neues von den beiden Autoren geben würde und ließ mir das Buch zurücklegen. Kaum hatte ich es auch in Händen, begann ich auch schon …

Die Geschichte startet zügig und – wie man es schon von “Anonym” gewohnt ist – nicht zimperlich. Als ob die Mordserie aber nicht erschütternd genug wäre, kämpfen Salomon und Buchholz auch bald mit anderen Problemen, die Stimmung im Team ist schlecht, beim kleinsten Zwischenfall gibt es Streit.

Buchholz hat darüber hinaus auch noch privaten Stress, der ihn – den Pedanten – ein wenig aus dem Gleichgewicht bringt. Zumindest zwischen Nina und Daniel läuft es allerdings wie gewohnt: Als Leserin entlockten mir die kleinen Reibereien zwischen den beiden auch dieses Mal ein Lächeln, ich finde die beiden dadurch so richtig menschlich.

Im Vergleich zu “Anonym” brauchte ich dieses Mal etwas länger, um in die Geschichte hineinzufinden, sei es wegen der angespannten Stimmung im Ermittlerteam, sei es, weil ich nach etwa 100 Seiten den Eindruck hatte, dass die Geschichte ein wenig auf der Stelle trat, so ganz genau kann ich es gar nicht sagen.

Irgendwie begleitete mich einfach ein mulmiges Gefühl … Aus diesem Grund fiel es mir wohl dieses Mal auch nicht so schwer, nach 50, 60 Seiten das Buch wieder hinzulegen und mich anderen Dingen zu widmen.

Trotzdem habe ich natürlich weitergelesen, denn neugierig war ich schon. Und dies war eine gute Entscheidung, denn zu Beginn des letzten Drittels nimmt die Handlung an Fahrt auf und ich konnte endlich so in der Geschichte versinken, wie ich es von Anfang an wollte. Kurve erfolgreich gekratzt – das trifft es in diesem Fall für mich wohl am besten.

Besonders gut gefallen hat mir in diesem Buch auch die Idee, die dahinter steht. Ins Detail kann ich selbst verständlich jetzt nicht gehen (Das wäre ein böser Spoiler), aber wenn man sich damit auseinandersetzt, ergibt sich ein interessantes Gedankenspiel. Aufgrund der Thematik vermute ich, dass sie von Arno Strobel stammt.

Der Schreibstil ist flott und man kommt gut durch das Buch, auch wenn ich mich einige Male durch die Überlegung, wer von den beiden Ermittlern das neue Kapitel in der Ich-Form erzählt, kurz ausgebremst fühlte. Ob in diesem Fall das Hörbuch besser wäre, kann ich nur vermuten, aber zwei verschiedene Sprecher machen die Umstellung sicher einfacher.

Ein bisschen Kritik muss ich auch in Richtung des Antagonisten loswerden, dieser überzeugte mich dieses Mal nicht so ganz, obwohl ich hier ein kleine Überraschung erlebte, als ich herausfand, wer es war. Wie bereits bei “Anonym” gibt es auch hier einzelne Kapitel, die aus seiner Sicht geschrieben sind, die aber nicht unbedingt Aufschluss darüber geben, wer der Gegner sein könnte.

Das Finale lässt für mich keine Wünsche offen, ich konnte das Buch zufrieden zuklappen, obwohl einige kleine Handlungsfäden aus dem Privatleben der Ermittler offenbleiben. Es ist also zu vermuten, dass wir nicht das letzte Mal einen Fall zusammen mit den beiden Ermittlern lösen werden.

Mein Fazit:

Der neue Fall ist in meinen Augen nicht ganz so gut wie “Anonym” (Dieses Buch hat aber auch die Messlatte für mich sehr hoch gelegt), trotzdem hat es mir sehr viel Freude bereitet, Nina Salomon und Daniel Buchholz bei ihren neuen Ermittlungen zu begleiten. Sollte die Serie weitergehen, werde ich sicherlich wieder dabei sein.

  • ★★★★
  • Broschiert
  • 368 Seiten
  • Wunderlich
  • 978-3805200158
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Rezension Ray Celestin – Höllenjazz in New Orleans

Nach “Der zweite Reiter” ist dies gleich das zweite Buch, wo ich mich in das Jahr 1919 begebe, aber nicht nach Europa, sondern in die USA, genauer gesagt nach New Orleans. Ray Celestin nimmt den Leser mit in eine Stadt, die vom Jazz und vom ersten Weltkrieg geprägt ist, die aber auch kurz vor dem Beginn der Prohibition steht (die immerhin doch bis 1933 Bestand hatte).

Rassismus, und Diskriminierung sind an der Tagesordnung. Mitten in diesen Hexenkessel hinein setzt der Autor seine Figuren und scheut sich dabei auch nicht, auf wahre Begebenheiten zurückzugreifen.

Der Klappentext:

New Orleans, 1919: Der mysteriöse »Axeman-Mörder« versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Seine Waffe ist eine Axt, sein Markenzeichen Tarotkarten, die er bei seinen Opfern hinterlässt. Detective Michael Talbot ist mit dem Fall betraut und verzweifelt an der Wendigkeit des Killers. Der ehemalige Polizist Luca D’Andrea sucht ebenfalls nach dem Axeman – im Auftrag der Mafia. Und Ida, die Sekretärin der Pinkerton Detektivagentur, stolpert zufällig über einen Hinweis, der sie und ihren besten Freund Louis Armstrong mitten in den Fall hineinzieht. Als Michael, Luca, Ida und Louis der Identität des Axeman immer näherkommen, fordert der Killer die Bewohner von New Orleans heraus: Spielt Jazz – sonst komme ich, um euch zu holen.

Ray Celestin ist ein brillanter Debütroman gelungen, der sich in einer Mischung aus Fakten und Fiktion um eine der spannendsten und geheimnisvollsten Mordfälle der nordamerikanischen Geschichte rankt.

Meine Meinung:

Im Grunde verspricht der Klappentext eine Art Mischung aus Thriller und Krimi, denn Ermittler, Serienmörder, geheimnisvolle Hinweise – das sind alles Dinge, wie man aus einer solchen Geschichte kennt. Trotzdem hat Piper das nicht schlecht gelöst, indem der Verlag auf das Cover “Roman” geschrieben hat. Denn der Roman besitzt zwar alles, was man von einem Thriller kennt – und irgendwie ist es doch keiner. Warum? Weil Celestin trotz der Ermittlungen nicht unbedingt den Schwerpunkt der Geschichte auf das Herausfinden des Täters lenkt.

Im Gegenteil: Er beschreibt das Leben seiner drei Protagonisten sehr anschaulich, daher bekommt man als Leser sehr schnell ein Gefühl dafür, wie es gewesen sein muss, zu Beginn der Zwanziger Jahre in New Orleans zu leben. Die Konflikte zwischen den unterschiedlichen Ethnien sind allgegenwärtig und mitten in diesem Hexenkessel mischt auch noch Axeman mit. Er ist quasi der Katalysator, der dafür sorgt, dass Michael, Luca und Ida tun, was sie tun, aber er ist eigentlich eher eine Randfigur.

Was ich zu Beginn nicht wusste, war, dass Celestin hier auf wahre Tatsachen zurückgegriffen hat. Eine kurze Recherche bei Wikipedia zeigte mir allerdings recht schnell, dass der Autor einige Details sehr frei interpretiert hat, die Tarotkarten beispielsweise sind reine Erfindung, genauso auch wie die Beschreibung der Opfer. Trotzdem drängen sich recht schnell Parallelen zu Jack the Ripper und dem Zodiac-Killer auf, die ja ebenfalls Briefe geschrieben haben …

Der Brief des Axeman ist historisch, den der Autor gleich zu Beginn verwendet. Eine gute Entscheidung, denn das macht neugierig und auch die drei Hauptfiguren fand ich gut angelegt. Auch das bereits erwähnte Bild von New Orleans zeichnet der Autor sehr anschaulich, keine Frage. Nur darüber hinaus tritt das Krimi-Element irgendwie nach einer gewissen Zeit in den Hintergrund. Man begleitet zwar alle drei bei ihren Nachforschungen, trotzdem hat man nicht das Gefühl, sie wirklich aktiv beim Zusammentragen von Informationen zu begleiten.

Was sich mir beispielsweise gar nicht erschlossen hat, ist die Nebenfigur von Louis Armstrong. Die Eckdaten seines Lebens sind vermute ich richtig dargestellt (vorausgesetzt es stimmt, was ich gelesen habe), allerdings trägt er eigentlich nicht wirklich zu der Geschichte bei, ist nicht viel mehr als ein freundlicher und liebenswerter Begleiter von Ida. Hier konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Celestin ihn nur verwendet hat, um einige Leser mehr anzusprechen, weil bekannter Name. Gebraucht hätte es seine Figur eigentlich nicht.

Das Finale schließlich ist für meinen Geschmack fast etwas zu gewollt. Der Autor serviert uns einen Täter (der in Wirklichkeit genau wie der Ripper und der Zodiac auch nie gefunden wurde), vermutlich, um den Erwartungen der Leser zu entsprechen. Trotzdem war es durchaus spannend zu lesen und in gewisser Weise auch nachvollziehbar.

Mein Fazit:

“Höllenjazz in New Orleans” ist für mich irgendwie durchwachsen, anders kann ich es nicht ausdrücken. Es gab einiges, was mir gefallen hat, aber auch einiges, was ich nicht so gut gelöst fand. Potenzial ist in meinen Augen aber vorhanden, lassen wir uns daher überraschen, was der Autor in Zukunft abliefern wird.

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 512 Seiten
  • Piper
  • 978-3492990035
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Rezension Daniel Cole – Hangman

“Hangman“ ist nach “Ragdoll” der zweite Roman aus der “William Fawkes”-Reihe von Daniel Cole. Auch wenn der Autor selbst im Nachwort darauf hinweist, dass man “Ragdoll” nicht unbedingt kennen muss, um “Hangman” zu lesen, halte ich es doch für sinnvoll, wenn man die vorangegangenen Ereignisse kennt. Man findet meiner Meinung nach einfach schneller in die Geschichte um die neue Hauptfigur Emily Baxter hinein …

Zum Inhalt:

Emily Baxter ist nach den Ereignissen aus “Ragdoll” zum Detective Chief Inspector befördert worden. Viel Zeit bleibt jedoch nicht, es zu genießen: Es gilt, eine neue Mordserie in London und New York aufzuklären, die irgendwie mit den Toten des “Ragdoll”-Mörders in Zusammenhang zu stehen scheint. Zusammen mit den FBI Agents Curtis und Rouche macht sich Baxter an einen Wettlauf gegen die Zeit …

Meine Meinung:

Ich gestehe, mir war anfangs gar nicht bewusst, dass innerhalb so kurzer Zeit bereits die Fortsetzung zu “Ragdoll” verfügbar sein würde. Wer meine Rezi zu “Ragdoll” gelesen hat, wird wissen, dass ich vom ersten Teil nicht so besonders angetan war, das Ende ließ allerdings einiges offen, weswegen es mich doch reizte, Teil zwei wenigstens eine Chance zu geben.

Um es kurz und bündig zu sagen: Teil zwei konnte für mich das Versprechen auf eine interessante und spannende Fortsetzung nicht einlösen. Die Idee einer Rückblende gleich am Anfang verwirrte mich mehr, als gut war. Das Einzige, was ich ihr entnehmen konnte, war, dass eine der neuen Figuren wohl offensichtlich die kommenden Ereignisse nicht überleben würde …

Dieser Gedanke ließ mich auch beim weiteren Lesen nicht los und nahm damit bereits einen gewissen Anteil der Spannung weg, dieses Gefühl zu wissen, dass einer der Beteiligten nicht überleben wird, war mir beim Lesen eher unangenehm.

Womit ich ebenfalls so meine Probleme hatte, war die Entwicklung der Handlung. In meinen Augen stolpern die drei Ermittler mehr oder weniger durch die Geschichte, gefühlt alle paar Leseminuten taucht eine neue Leiche auf, der Spruch „Leichen pflasterten ihren Weg“ nimmt nach und nach immer mehr Kontur an … Der Einzige, der wirklich klassische Ermittlungsarbeit leistet, ist – wie schon in Teil 1 – Edmunds.

Edmunds ist in meinen Augen auch die einzige Figur, für die ich hier so etwas wie Sympathie entwickeln konnte. Alle anderen Figuren blieben für mich beim Lesen eher blaß und ohne Tiefgang, leider auch die Hauptfigur Emily. Daniel Cole ist sich bei ihr durchaus treu geblieben, denn ich erinnere ich mich, dass ich mich schon in Teil 1 nicht unbedingt für sie erwärmen konnte, auch wenn sie ein sehr taffer Charakter ist.

In Verbindung mit dem sehr langwierigen Handlungsauftakt spielte ich daher tatsächlich nach einiger Zeit mit dem Gedanken, das Buch abzubrechen. Spannung entsteht für mich eben nicht dadurch, alle paar Seiten neue, zum Teil recht grausam zugerichtete Leichen zu präsentieren …

Die in meinen Augen kaum stattfindende Ermittlungsarbeit ist es auch, die dazu führt, dass die Verdächtigen in der zweiten Hälfte meiner Meinung wie Seifenblasen aufploppten, auf einmal da und dann auch wieder weg. Der Showdown am Ende hätte durchaus spannend sein können – tja, wenn die bereits erwähnte Rückblende am Anfang nicht gewesen wäre …

Der Schreibstil ist im Vergleich zu Teil 1 leider nicht besser geworden, eher im Gegenteil. Viel zu oft hatte ich das Gefühl, der Autor hat unter Druck gearbeitet, möglichst schnell eine Fortsetzung abzuliefern, um an den Erfolg von “Ragdoll” anzuknüpfen. Herausgekommen sind dabei zeitweise sehr hölzerne Dialoge und einseitige Beschreibungen, die es mir zeitweise sehr einfach machten, einzelne Teile der Handlung zu überfliegen, um schneller zu einem Ende zu kommen.

Mein Fazit:

“Hangman” wirkt auf mich wie ein zu rasch hingeworfener Roman, um den Erfolg von “Ragdoll” würdig fortführen zu können. Die Schwächen des Autors kommen dadurch leider aber noch deutlicher zum Vorschein, als es bereits bei Teil 1 der Fall war.

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 480 Seiten
  • Ullstein
  • 978-3548289212
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Rezension Daniel Cole – Ragdoll

Das Cover ist ein echter Hingucker, kann man nicht anders sagen. Daher verwundert es nicht, dass ich sicher schon vor einem Monat oder länger das erste Mal auf das Buch aufmerksam wurde … Anfangs war ich aber noch unsicher, ob ich es wirklich lesen sollte. Bis ich die erste begeisterte Rezension von Janna auf KeJas-Blogbuch dazu entdeckte und mir dachte, okay, das Buch bekommt eine Chance :).

Zum Inhalt:

William Oliver Layton-Fawkes, kurz Wolf, arbeitet bei der Polizei in London. Nach seiner Suspendierung wegen eines früheren Falls kehrt der umstrittene Detective nach einer längeren Pause in den aktiven Dienst zurück. Aber der Neustart wird von einer grausigen Entdeckung überschattet: Eine “Ragdoll” wird gefunden, eine Leiche, die aus sechs verschiedenen Leichenteilen zusammen genäht ist. Und der Killer ist noch nicht fertig, eine Liste mit weiteren Personen taucht auf, die sterben sollen. Der letzte Name darauf: Wolf selbst …

Meine Meinung:

Ich gebe zu, ich war zu Beginn ein kleines bisschen skeptisch, was mich hier erwarten würde. Nicht jeder Thriller ist nach meinem Geschmack – vor allem stehe ich nicht auf die extrem blutigen Exemplare. Wer hier ähnlich wie ich gestrickt ist, den kann ich aber beruhigen. Ich wage sogar zu behaupten, dass sich der Roman außer bei den Schilderungen der Morde bzw. der Tötungsarten eher bei einem Krimi als bei einem Thriller bewegt.

Denn nach dem Auffinden der Ragdoll geht es erst einmal darum, die Ermittlungen aufzunehmen und weitere Details herauszufinden. Der Autor legt hier von Anfang an die Latte ziemlich hoch, zieht das Tempo ziemlich an. Gerade in den ersten Kapiteln überschlagen sich die Ereignisse erst einmal, ehe der Autor einen (kleinen) Gang zurückschaltet. Was die Spannung angeht, kann man sich meiner Meinung nach als Krimi- und Thriller-Fan nicht beklagen.

Der Schreibstil ist angenehm und flüssig, die 480 Seiten haben sich daher innerhalb kürzester Zeit gut lesen lassen. Ein klein wenig ungewöhnlich ist der Humor, die der Autor einfließen hat lassen. Ich musste zwar nicht sehr häufig laut lachen, aber zumindest mehrere Male schmunzeln. Aber warum auch nicht? Es muss ja in Verbindung mit den Ermittlern nicht immer bierernst, gefährlich und geheimnisvoll zugehen.

Kommen wir zu den Dingen, die mich in diesem Buch weniger angesprochen haben. Ganz oben auf dieser Liste befindet sich die Charakterisierung der einzelnen Figuren. Ich habe ja persönlich nichts gegen Stereotypen, weil sie mir vor allem am Anfang dabei helfen, eine Figur einzuordnen, aber hier übertreibt es der Autor für meinen Geschmack etwas.

Der ewig schlecht gelaunte Cop, der Einzelgänger, der sich an keine Regeln hält, der Neue im Team, der sich erst bewähren muss und der ewig herumschreiende Chef – das hatten wir in der einen oder anderen Form schon einmal. Schön wäre hier gewesen, wenn der Autor den Figuren eine gewisse Entwicklung mitgegeben hätte. So nervten mich gegen Ende bestimmte Wiederholungen bei der Beschreibung nur noch …

An verschiedenen Stellen der Handlungen konnte ich auch nicht anders, als innezuhalten und zu hinterfragen, warum bestimmte Dinge so geschahen, wie sie geschahen. Ohne zu spoilern hier ins Detail zu gehen, fällt etwas schwer, aber manche Entwicklungen habe ich einfach nicht verstanden. Ein Teil von mir hätte hier permanent Lust gehabt, Wolf und seinem Team zuzurufen “Macht das doch anders, um dem Killer ein Schnippchen zu schlagen”.

Darüber hinaus habe ich den Fehler gemacht, das Lesetempo im letzten Drittel zu sehr anzuziehen. Nach einer abschließenden Diskussion auf Twitter stellte ich nämlich fest, dass ich bestimmte Details, die für die Auflösung wichtig waren, beim ersten Lesen zwar bemerkt, aber nicht richtig wahrgenommen hatte. Erst beim zweiten Lesen konnte ich verschiedene Puzzle-Teile zuordnen, die den Schluss im Nachhinein etwas runder erscheinen ließen. Geblieben ist aber mein Gefühl, dass das Finale für meinen Geschmack etwas zu überhastet stattfand.

Trotz dieser Kritikpunkte hat mir dieser erste Roman aus einer bereits angekündigten Reihe durchaus gefallen. Das Ende macht auf jeden Fall neugierig, wie es weitergehen wird. Und ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass der Autor in den Folgebänden die Schwächen dieses ersten Bandes ausmerzen wird.

Mein Fazit:

“Ragdoll” ist das Debüt des britischen Autors Daniel Cole, das durchaus rasant und spannend geschrieben ist, an manchen Stellen in meinen Augen aber noch Schwächen bei den Figuren und dem Handlungsaufbau aufweist. Das Ende macht allerdings neugierig auf die geplanten Nachfolge-Bände.

  • ★★★★★
  • Klappenbroschur
  • 480 Seiten
  • Ullstein
  • 978-3548289199
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Rezension Luca D’Andrea – Der Tod so kalt

Ich glaube, auf Instagram fiel mir dieses Buch das erste Mal auf. Oder war es Twitter? Wie auch immer: An dem Namen “Bletterbachschlucht” bin ich hängen geblieben, weil ich selbst vor ein paar Jahren schon dort war – und diese Schlucht ist beeindruckend! Wenn man sich für die Bergwelt, Gesteine bzw. Geologie interessiert, ist es eigentlich schon fast ein Pflichtbesuch! Aber okay, ich schweife ab … Zurück zum Buch :).

Zum Inhalt:

Jeremiah Salinger, verheiratet mit einer Südtirolerin, kommt mit seiner kleinen Familie in den kleinen Ort Siebenhoch, der ganz in der Nähe der Bletterbachschlucht liegt. Durch Zufall erfährt er, dass dort 1985 drei junge Menschen gewaltsam zu Tode gekommen sind. Wer dafür verantwortlich ist, ist ungeklärt.

Als Dokumentarfilmer, der selbst mit einem Trauma auf einem Gletscher fertig werden muss, wird Jeremiah neugierig und beginnt Nachforschungen anzustellen. Obwohl ihm besonders von den Dörflern Widerstand erwächst, verbeißt sich Jeremiah in die Ereignisse und kommt so der Wahrheit immer näher und näher …

Meine Meinung:

Anfangs war ich ehrlich gestanden etwas verwirrt, aber das legte sich relativ schnell. Denn der Autor lässt sich Zeit, die Geschichte zu erzählen. Aus diesem Grund erfährt der Leser erst einmal die Vorgeschichte, die zu dem Aufenthalt in Siebenhoch führt. Jeremiah, sein Freund Mike und ihre Arbeit als Dokumentarfilmer werden vorgestellt. Nach und nach haben sie damit Erfolg. Bei einer Filmpräsentation lernt Jeremiah seine spätere Frau Annelise kennen und bekommt mit ihr eine Tochter namens Clara.

Als sie auf die Idee kommen, die Arbeit der Bergretter in Südtirol zu einer Dokumentarserie zu machen, geschieht ein Unglück, aus dem allein Jeremiah als Überlebender hervorgeht. Bei ihm wird in Folge PTBS (Post-Traumatische Belastungsstörung) diagnostiziert und er erhält einige Psychopharmaka verschrieben, die er allerdings nicht nimmt. Einige Zeit später reist er mit seiner Familie in den Heimatort seiner Frau, weil er ihr versprochen hat, sich ein Jahr eine Auszeit zu nehmen.

Anfangs ist er depressiv, lediglich seine Tochter ist ein Lichtblick in seinem Leben und er macht mit ihr verschiedene Ausflüge, unter anderem auch in die Bletterbachschlucht. Zufällig wird er dann Ohrenzeuge eines Gesprächs, in dem der Ausdruck “Bletterbachschlucht-Massaker” fällt – und er wird neugierig. Sein Schwiegervater erzählt ihm erste Details, die ihn dazu bringen, das Thema noch hartnäckiger zu verfolgen.

Da er ahnt, dass dies zu Auseinandersetzungen mit seiner Frau führen wird, hält er dies zunächst einmal geheim. Nach und nach spitzen sich die Ereignisse allerdings zu, sodass Jeremiah mehr als einmal zusammengeschlagen wird und auch einer Ehekrise nicht aus dem Weg gehen kann …

Diese Entwicklungen sorgen dafür, dass die Spannung bei diesem Roman erst nach und nach entsteht. Verschiedene Dörfler und ihre Rolle in der Geschichte werden langsam vorgestellt, sodass man als Leser keine Probleme hat zu folgen. Trotzdem habe ich an manchen Stellen den einen oder anderen Namen verwechselt, weil es eine Weile gebraucht hat, bis ich jedem der Toten die Verwandten, Freunde etc. zuweisen konnte.

Was Jeremiah die Arbeit erschwert, ist, dass die Dorfbewohner – besonders die Angehhörigen und Freunde – zum Teil nach der langen Zeit bis zu einem gewissen Maß ebenfalls traumatisiert sind. Jeder hat einen anderen Weg gefunden, damit umzugehen. Dies sorgt dafür, dass trotz des Widerstands doch immer wieder einige Leute mit Salinger sprechen, obwohl er eigentlich als Fremder gilt, als “Zuagroasta”, der nicht viel mehr über den Touristen steht.

Die Sprache des Romans ist einfach, aber fesselnd. Und der Autor versteht es, das Schicksal und die Gegend recht düster zu zeichnen, da ein Großteil der Geschichte in Schnee und Eis bzw. im Winter spielt. Jedes Kapitel ist noch einmal unterteilt in kleinere Abschnitte, die durchnummeriert sind und die manchmal nur wenige Sätze ausmachen, die kleine Teaser auf das Kommende darstellen. Auch aus diesem Grund entwickelt das Buch trotz der familiären Exkurse mit Frau und Tochter eine gewisse Sogwirkung, der man sich spätestens nach dem ersten Drittel nur mehr schwer entziehen kann.

Einen ersten Höhepunkt erreicht die Geschichte etwa 80 Seiten vor dem Ende, sodass ich mich kurz gefragt habe, was denn da jetzt noch kommen sollte. Der Autor beweist damit allerdings recht eindrucksvoll, dass nicht unbedingt wahr sein muss, was sich als Wahrheit darstellt. Und auch wenn gegen Ende mit dem Autor ein wenig die Phantasie durchgegangen ist, liest sich das Buch trotzdem sehr spannend und ich hatte die fast 500 Seiten innerhalb von zwei Tagen an einem Wochenende durch :).

Mein Fazit:

Auch wenn das Buch die eine oder andere Schwäche aufweist, konnte es mich die meiste Zeit fesseln. Wer sich mit dem Setting in den Bergen und der düsteren Stimmung anfreunden kann, kann mit dem Buch eigentlich nicht viel falsch machen (Ähnlichkeiten zum Film “Das finstere Tal” haben sich bei mir gleich an mehren Stellen aufgedrängt). Auch wenn das Ende ein wenig abgedreht daher kommt, empfehle ich das Buch gerne weiter.

  • ★★★★
  • Klappenbroschur
  • 480 Seiten
  • DVA Verlag
  • 978-3421047595
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