Rezension Colleen Oakes – The Black Coats

Colleen Oakes - The Black CoatsWie ihr (vielleicht) wisst, lese ich ab und zu auch auf Englisch Bücher. Einerseits macht es mir Spaß und ich kann etwas für mein Englisch-Verständnis tun, andererseits sind die englischen E-Book-Ausgaben oft auch preislich leistbarer.

Besonders häufig schleichen sich da die englischen Original-Ausgaben zu Jugendbüchern bei mir ein, die gerade in der deutschen Übersetzung auf den Markt gekommen sind. “The Black Coats” machte mich vor allem wegen seiner eher ungewöhnlichen Thematik neugierig. Frauen, die einen Geheimbund gründen, um Männer zu bestrafen, die ein Unrecht an Frauen begangen haben? Da konnte ich einfach nicht Nein sagen.

Sollte euch doch die deutsche Ausgabe mehr zusagen: Sie ist unter dem Namen “Black Coats” (ohne das “The”) Ende August bei Gulliver in der Verlagsgruppe Beltz erschienen.

Zum Inhalt:

Thea Soloman ist ein eher introvertiertes Mädchen, das sich in der Schule von den anderen abkapselt. Die Trauer um ihre ermordete Cousine macht es ihr schwer, mit der Vergangenheit abzuschließen. Da bekommt sie eines Tages eine Einladung einer geheimnisvollen Verbindung: Die “Black Coats” sind ein nur aus Frauen bestehender Geheimbund, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, gewalttätigen Männern eine Lektion zu erteilen. Anfangs ist Thea mit vollem Eifer bei der Sache, aber nach und nach schleichen sich erste Zweifel ein, denn Selbstjustiz ist nicht immer die richtige Antwort – und welche Ziele verfolgen die “Black Coats” wirklich?

Meine Meinung:

Ich gebe zu, ich habe etwas gebraucht, um in diese Geschichte reinzukommen. Aber nicht wegen der Sprache, sondern wegen der Hauptfigur Thea. Die Autorin schildert sie anfangs als eher zurückhaltenden Menschen, der sich lieber in sein Schneckenhaus verkriecht und der sich schwer tut, auf andere Menschen zuzugehen.

Mit diesem Wissen hatte ich einige Probleme, sie mir als so spontan vorzustellen, dass sie – ohne das zu hinterfragen – einfach so einer Einladung zu einem Geheimbund ähnlich einer Schnitzeljagd kreuz und quer durch die Gegend folgt, bei der sie unter Zeit Hinweise finden muss. Dazu stürzt sie sich unter anderem in einen Brunnen mit komplett verdrecktem Wasser, der ihr das Kennenlernen ihres Love Interests Drew beschert.

Ja, richtig gelesen, denn auch dieses Buch kommt nicht ohne Liebesgeschichte aus, obwohl diese nicht sehr viel zur weiteren Handlung beiträgt. Eher im Gegenteil, denn irgendwann fragt man sich doch, warum Drew eigentlich mit einem Mädchen zusammen sein möchte, dass ihn permanent stehen lässt und ganz offensichtlich Geheimnisse vor ihm hat.

Denn die unscheinbare Thea mausert sich bei den “Black Coats” ziemlich bald zur Anführerin ihrer kleinen Gruppe Mädchen, die ziemlich unterschiedliche Fähigkeiten mitbringen. Als Team erhalten sie erste Aufgaben, im Englischen “Balancings” genannt, die die Bestrafung eines Mannes nach sich ziehen.

Dieser Teil der Geschichte machte für mich ehrlich gestanden den meisten Reiz an diesem Buch aus, denn die Mädchen sind tough und als Team ziemlich gut aufeinander eingespielt, weshalb sie ihre “Balancings” erfolgreich erledigen. Wer es noch kennt: Mehr als einmal ließen mich diese Aktionen an die Serie bzw. die Filme “Drei Engel für Charlie” denken, wo die Frauen sehr erfolgreich ihre oft männlichen Zielobjekte austricksen, um ihre Ziele zu erreichen.

Erste Zweifel kommen Thea und ihren Freundinnen allerdings erst, als es darum geht, gewalttätige Männer ihrerseits mit Gewalt zu bestrafen. Und wer ist die Gruppe Frauen, die es offensichtlich auf den Vater von Drew abgesehen hat? Hier liegt vieles im Dunkeln, weshalb sich die zweite Hälfte des Buchs deutlich mehr dorthin verlagert, die Geheimnisse, die die “Black Coats” umgeben, ans Tageslicht zu bringen.

Gerade hier schwächelt das Buch meiner Meinung nach allerdings am meisten, denn die Auflösung fand ich letztlich einfach nur unbefriedigend. Bei der ganzen Geheimnistuerei anfangs hatte ich mir da einfach mehr erwartet, muss ich sagen. Da wäre deutlich mehr drin gewesen als das, was die Autorin uns da serviert.

In Summe bleibt daher leider nur ein ziemlich durchwachsener Eindruck, der durch einige offensichtliche Schnitzer beim Lektorat bzw. Korrektorat noch verstärkt wird. Beispielsweise wird eine Adresse auf zwei verschiedene Arten geschrieben, Buchstaben bei Namen werden vertauscht und einiges mehr – dies lässt darauf schließen, dass nicht sehr viel Sorgfalt beim Korrektur-Lesen an den Tag gelegt worden ist.

Abschließend möchte ich noch ein paar Worte zur deutschen Leseprobe verlieren, die mich ehrlich gestanden ziemlich erschreckt hat: Nicht nur taucht derselbe Adressfehler wie in der englischen Ausgabe auf, es werden unter anderem auch “Ballet Flats” (also Ballerinas) einfach mit “Balletschuhe” übersetzt. Ich bin ja keine professionelle Übersetzerin, aber wenn selbst mir solche Dinge auffallen, ist so etwas einfach nur peinlich und wirft kein gutes Licht auf die Qualität der Übersetzung …

Mein Fazit:

“The Black Coats” ist ein Jugendthriller, der durchaus mit einer spannenden Idee aufwarten kann. Bei der Umsetzung sehe ich allerdings einige gravierende Mängel, die ein ordentliches Lektorat vermutlich hätte ausmerzen können.

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 400 Seiten
  • HarperTeen
  • B079DR5C1W
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Rezension Dennis Lehane – Shutter Island

Dennis Lehane - Shutter IslandIch gebe zu, ich wusste lange Zeit nicht, dass der Film “Shutter Island” aus dem Jahr 2009 in Wirklichkeit ein Buch war, das sechs Jahre vor dem Film erschienen ist. Der Film selbst beeindruckte mich seinerzeit vor allem durch seine tolle Besetzung und durch seine Umsetzung des Themas.

Gott sei Dank wusste ich allerdings nicht mehr sehr viel über den Inhalt, denn ansonsten neige ich dazu, permament Film und Buch zu vergleichen. So konnte ich mich beim Lesen ganz auf das Buch konzentrieren. Trotzdem konnte ich natürlich nicht umhin, nach dem Lesen mir dann nochmal den Film anzusehen – und der wartete dann tatsächlich am Ende noch mit einer Überraschung auf. Aber dazu später mehr …

Der Klappentext:

Die US-Marshals Daniels und Aule sollen im Fall einer Kindsmörderin ermitteln, die von der Gefängnisinsel Shutter Island geflohen ist. Als sie dort ankommen, erhalten sie verschlüsselte Botschaften, die sie immer tiefer in den düsteren Bau und die Machenschaften der Ärzte führen. Nichts ist so, wie es scheint. Dennis Lehanes raffiniert komponiertes Meisterwerk um Wahn und Angst in neuer Übersetzung.

Meine Meinung:

Ich habe nach dem Lesen ein wenig bei Goodreads gestöbert, wie meist, wenn mich interessiert, was andere Leute zu einem Buch zu sagen haben, das ich selbst gelesen habe. Spannend fand ich hier, dass vor allem eingefleischte Lehane-Fans von diesem Buch nicht so begeistert waren. Begründet wurde das oft mit seinem Schreibstil bzw. mit der fehlenden Beschreibung des Settings und den nicht existierenden Charakterisierung der Figuren.

Diese Kritikpunkte kann ich für mich persönlich durchaus nachvollziehen. Ich hatte aus diesem Grund anfangs wirklich einige Probleme, in die Geschichte hineinzukommen. Angesiedelt ist das Buch ja in den 50er Jahren, diese sehr dürftigen Beschreibungen ließen mich zwischendurch allerdings immer wieder darauf vergessen, wenn nicht wenigstens die Dialoge gewesen wären.

Die Dialoge sind in meinen Augen auch das, was die Stärke dieses Buchs für mich ausmacht. Da ich ein ausgemacht schlechtes Gedächtnis für Namen und Figuren habe, haben mir oft die Dialoge weitergeholfen, um beim Einstieg nicht komplett den Faden zu verlieren. Gleichzeitig blinzelt da auch der offensichtlich recht eigenwillige Humor des Autors durch, den man schon mögen muss. Mir hat er allerdings gut gefallen und er half mir auch, mich dann doch noch in das Buch hineinzufinden.

Dennis Lehane versteht es außerdem meisterhaft, jede Menge Rätsel dem Leser vor die Füße zu werfen und sich keinen Deut darum zu scheren, sie aufzulösen. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, aber meine Neugier stachelt sowas meistens an. Da nehme ich dann schon die eine oder andere Ungereimtheit in Kauf, einfach um herauszufinden, worum es eigentlich geht.

Irgendwann erreichte ich außerdem den Punkt, wo mir der Gedanke kam, ob der Autor nicht absichtlich so wenig ins Detail geht, ob es nicht viel mehr seine Absicht ist, dem Leser vieles vorzuenthalten, damit er selbst seine Phantasie bemühen muss. So in der Art wie moderne Kunst, dessen Aussage sich ja oft nicht erschließt. Dies ließ viel Raum für Spekulationen und deswegen war ich umso mehr gespannt auf das Ende, das dann auch mit einem echten Knalleffekt aufwarten konnte.

Welch eine geniale Idee! Ich hatte zwar vom Film her noch in Erinnerung, dass da etwas war zum Schluss, wusste aber nicht mehr was. Ich will jetzt hier absichtlich nicht zu viel verraten, weil es sonst vermutlich in fast jeder Hinsicht ein Spoiler ist. Aber dieses Ende regt auf jeden Fall zum Nachdenken an, es lässt weiteren Spielraum zu Interpretationen zu, auf die man anfangs ganz bestimmt nicht gekommen wäre.

Mein Fazit:

“Shutter Island” ist in vielen Dingen etwas gewöhnungsbedürftig, vor allem was den Schreibstil und die Beschreibungen von Setting und Figuren angeht. Die Dialoge, die dunkle und geheimnisvolle Atmosphäre und nicht zuletzt das Ende machen dieses Buch aber zu etwas, was auf seine Art aus dem Thriller-Angebot herausragt. 3,5 Sterne, die ich gerne auf 4 aufrunde.

Zum Film:

Normalerweise schreibe ich in meinen Rezensionen eigentlich selten etwas zu den Verfilmungen der Bücher, die ich lese. Buch ist schließlich Buch, Film ist Film. Trotzdem möchte ich dieses Mal ausnahmsweise noch etwas extra zum Film sagen.

Dass der Autor des Buchs Executive Producer des Films ist, hat der Verfilmung gut getan. Denn die Handlung hält sich bis auf einige kleine Details sehr genau an das Buch – mit dem Unterschied, dass der Film mir zwangsläufig das Eintauchen in die Zeit natürlich leichter gemacht hat. Und verständlicherweise gleichen die Schauspieler aus, was mir im Buch bei den Figuren gefehlt hat. Auch wenn ich kein ausgemachter Leonardo diCaprio-Fan bin, spielt er Teddy Daniels sehr, sehr gut, aber auch Ben Kingsley und Max von Sydow in den Rollen der Ärzte Cawley und Naehring haben mir gefallen.

Am spannendsten fand ich allerdings das Ende, denn Teddy sagt im Film einen Satz mehr als im Buch. Dieser eine Satz hat es aber in sich, denn er gibt der Gesamtsituation am Ende noch einmal eine ganz neue Bedeutung, die mir zwangsläufig ohne das Lesen des Buchs nie aufgefallen wäre. Daher: Am besten zuerst das Buch lesen und dann den Film gucken!

  • ★★★★
  • E-Book
  • 432 Seiten
  • Diogenes
  • 978-3257607055
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Rezension Andreas Gruber – Todesmal

Mit “Todesmal” legt Andreas Gruber nun bereits den fünften Band der Reihe vor, mit der er bestimmt die meisten Fans unter den Thriller-Lesern gewonnen hat. Nicht zuletzt hat er das den meiner Meinung nach wirklich genialen Hauptfiguren zu verdanken: Maarten S. Sneijder und Sabine Nemez, die sich in der Vergangenheit in Grubers Büchern zu einem sehr interessanten Ermittlerduo zusammengerauft haben.

Wer die Vorgeschichte der beiden nicht kennt, wird mit diesem Band aber weniger Probleme haben, in die Geschichte einzusteigen, als wie beispielsweise beim Vorgänger “Todesreigen”. Trotzdem empfehle ich, die Bücher der Reihe nach zu lesen. Es macht nämlich definitiv mehr Spaß zu wissen, wie sich die Beziehung der beiden entwickelt hat.

Der Klappentext:

Eine geheimnisvolle Nonne betritt das BKA-Gebäude in Wiesbaden und kündigt an, in den nächsten 7 Tagen 7 Morde zu begehen. Über alles Weitere will sie nur mit dem Profiler Maarten S. Sneijder sprechen. Doch der hat gerade gekündigt, und so befragt Sneijders Kollegin Sabine Nemez die Nonne. Aber die schweigt beharrlich – und der erste Mord passiert. Jetzt hat sie auch Sneijders Aufmerksamkeit. Und während die Nonne in U-Haft sitzt, werden Sneijder und Nemez Opfer eines raffinierten Plans, der gnadenlos ein Menschleben nach dem anderen fordert und dessen Ursprung in einer grausamen, dunklen Vergangenheit liegt …

Meine Meinung:

Auch wenn ich hier am Blog nicht alle Bücher von Andreas Gruber rezensiert habe, kann ich mittlerweile doch behaupten, zumindest die meisten von ihm gelesen zu haben. “Rachewinter” letztes Jahr und “Todesreigen” davor konnten mich allerdings nicht ganz so begeistern wie Grubers frühere Bücher. Deswegen habe ich bei “Todesmal” meine Erwartungen ziemlich zurückgeschraubt, war aber trotzdem neugierig, was sich Andreas für unseren Lieblingsgrantscherm (Meint im Österreichischen einen grantigen Menschen, einen Griesgram) ausgedacht hat.

Und was soll ich sagen? Dieses Mal stimmt es einfach wieder. Es ist fast wie ein Puzzle mit seinen Tausenden von Teilen, wo man das Gefühl hat, es sitzt alles am richtigen Platz. Angefangen gleich beim Auftakt, bei dem wir Zeuge einer verbalen Auseinandersetzung zwischen Sneijder und seinem neuen BKA-Chef Dirk van Nistelrooy werden, an dessen Ende Sneijder genervt den Dienst quittiert.

Diese erste Szene nimmt gleich mal vorweg, worauf sich der Leser in dem gesamten Buch freuen kann: auf den für Thriller eigentlich ungewohnten, sarkastischen und teilweise schwarzen Humor, der einen das ganze Buch hindurch begleiten wird. Und auch wenn die Morde (denn bei dem ersten bleibt es selbstverständlich nicht) grubertypisch sehr grausam, aber auch phantasievoll umgesetzt werden, ist es genau dieser Humor, der der ganzen Geschichte ein wenig die Düsternis nimmt.

Um dem beginnenden Wettlauf gegen die Zeit zu begegnen, stellt Sneijder – wohl zum ersten Mal überhaupt – ein Team aus sehr unterschiedlichen Ermittlerkollegen und Helfern zusammen, mit denen er versucht, den mutmaßlichen Opfern das Leben zu retten. Aus dieser Situation heraus ergeben sich jede Menge gut geschriebener Dialoge, bei denen ich schon mal lachen musste, obwohl die Ergebnisse der Ermittlungen von Tag zu Tag zu scheußlicher werden.

Wie man es bereits von Gruber kennt, gibt es auch dieses Mal kurze Schwenks in die Vergangenheit, anhand derer man sich nach und nach zusammenreimen kann, was der Hintergrund der Mordserie ist und weshalb die Nonne beim BKA erscheint und gezielt nach Maarten S. Snejder verlangt. Das ist für meinen Geschmack auch ein klitzekleines Kritikpünktchen, ich wäre eigentlich gerne noch eine Weile länger im Dunkeln herumgetappt, aber dem insgesamt positiven Eindruck tut das keinen Abbruch.

Für alle Sneijder-Fans habe ich außerdem eine gute Nachricht: Ihr werdet in “Todesmal” wieder voll auf eure Kosten kommen! Seine Arroganz, seine Schrullen, seine “umgängliche” Art, mit der auf alle gesellschaftlichen Konventionen pfeift, all das beschreibt Gruber einfach perfekt, ohne dass es übertrieben und unglaubwürdig wirkt. Dazwischen blinzeln aber auch immer wieder seine menschlichen Seiten durch, meist dann, wenn man es nicht unbedingt von ihm erwartet.

Und um das jetzt noch einmal zusammenzufassen: Wenn ihr eine rasanten, in sich stimmigen Thriller lesen wollt, der außerdem mit jeder Menge Humor aufwarten kann, dann ab mit euch in die Buchhandlung eurer Wahl. Denn mit Todesmal könnt ihr meiner Meinung nach absolut nichts falsch machen!

Mein Fazit:

Mit “Todesmal” besinnt sich Gruber wieder auf das, was er am besten kann: Eine spannende Geschichte mit skurilen Hauptfiguren zu erzählen, wo aber auch der Humor nicht zu kurzkommt. Daher sage ich: Lest es, wenn ihr Thriller liebt!

  • ★★★★★
  • Klappenbroschur
  • 592 Seiten
  • Goldmann
  • 978-3442486564
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Rezension Ursula Poznanski – Erebos 2

Man kann es nicht anders sagen: Seit bekannt wurde, dass es eine Fortsetzung zu “Erebos” geben würde, habe ich angefangen, dem Erscheinungstermin des Buchs entgegen zu fiebern. Und die allerletzten Tage waren wohl meine ganz persönliche Folter …

Trotzdem habe ich versucht, meine Erwartungen an dieses Buch herunter zu schrauben, denn ich stelle es mir alles andere als leicht vor, als Autorin an ein Buch anzuknüpfen, dass so viele Fans hat wie “Erebos”.

Der Klappentext:

EREBOS IST ZURÜCK …UND HAT DAZUGELERNT
Als Nick auf seinem Smartphone ein vertrautes Icon in Gestalt eines roten E entdeckt, glaubt er zuerst an einen Zufall. Aber dann wird ihm klar: Erebos hat ihn wiedergefunden …
Der sechzehnjährige Derek hingegen ist nur kurz misstrauisch, als das rote E auf seinem Handy aufleuchtet. Zu spät begreift er, dass er selbst zu einer Spielfigur geworden ist. Und es um viel mehr geht, als er sich je hätte vorstellen können …

Meine Meinung:

Es fasziniert mich mittlerweile zunehmends, wie unterschiedlich Ursulas Bücher ausfallen. Während “Vanitas” schon ziemlich lange brauchte, ehe die Geschichte Tempo aufnahm, verliert die Autorin hier keine Zeit, denn Nick findet bereits im ersten Kapitel das rote E des Spiels auf seinem Handy wieder – und wie er bald lernen muss, ist das Löschen der App nicht unbedingt eine gute Idee.

Derek dagegen hat keine Vorgeschichte mit Erebos, ist deswegen unvoreingenommener, was das Spiel angeht. Er wundert sich zwar, warum es ihn ausgewählt hat, das ist aber auch schon alles. Mit seinem Charakter dürfen wir beim Lesen wieder in die Welt des Spiels eintauchen, so wie wir es bereits in Teil 1 durften.

Trotzdem geht die Autorin hier neue Wege, das wird schon bald klar, da es nun zwei Hauptfiguren gibt, deren Weg durch das Spiel bestimmt wird. Und während Nick versucht, mit Hilfe seiner alten Freunde Erebos loszuwerden, begleitet der Leser Derek schon bald bei seinen ersten Aufträgen im realen Leben. Denn genau wie in Teil 1 verfolgt das Spiel auch hier ein ganz bestimmtes Ziel, das sehr lange im Dunkeln bleibt. Zwar gibt es Hinweise, aber ich tappte trotz allem recht lange im Dunkeln.

Wirklich großartig fand ich in diesem zweiten Teil die Atmosphäre, die der Terror des Spiels gerade bei Nick auslöst. Es ist eine Sache zu wissen, dass wir mit unseren Smartphones unsere ganz persönliche kleine Wanze und ein Ortungsgerät herumtragen, eine ganz andere, wenn man zum Beispiel sieht, wie das Spiel damit umgeht, wenn Nick nur versucht, mit jemandem darüber zu sprechen. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie oft ich versucht war, alle digitalen Geräte einfach zu nehmen und in den nächstbesten Mülleimer zu werfen …

Was dagegen wohl ein wenig zu kurz kam, sind die Szenen in der Spielwelt selbst. Der Fokus liegt dieses Mal ganz klar auf den Dingen, die sowohl Nick als auch Derek im realen Leben für das Spiel tun müssen. Aber gerade dieses Geheimnisvolle fesselte mich bereits nach kurzer Zeit wieder so sehr, dass es mir schwer fiel, das Buch zur Seite zu legen. So viele Geheimnisse, so viele Rätsel, so viele Fragen …

Für die Fans der ersten Stunde hat Ursula außerdem jede Menge Anspielungen und Überraschungen eingebaut, es lohnt sich also durchaus, Teil 1 vor Teil 2 zu lesen, einfach um alles richtig einordnen zu können. Ich schätze, man kann Teil 2 auch für sich lesen, aber es ist in meinen Augen nur der halbe Spaß.

Die Auflösung am Ende stellte zumindest für mich doch eine gewisse Überraschung dar, aber das Thema finde ich gut gewählt, auch wenn es in letzter Zeit relativ wenig Schlagzeilen gemacht hat. Das Motiv, Erebos wieder zu reaktivieren, überzeugte mich jedoch nicht so ganz. Zwar ist es nachvollziehbar, aber es blieb die Frage, ob man es nicht auch ohne den Terror bei den Spielern hätte erreichen können.

Schön fand ich aber, dass die Autorin uns hier ein “runderes” Ende serviert als noch mit “Erebos 1”. Es wurden sogar noch Fragen aus Teil 1 beantwortet, mit denen ich so gar nicht gerechnet hatte. Zu sehr möchte ich jetzt nicht ins Detail gehen, aber wer Teil 1 gelesen hat, wird wissen, was ich meine.

Somit kann ich sagen: “Erebos 2” hat alles, was ein guter Jugendbuch-Thriller benötigt, wenn auch mit ein paar kleinen Schönheitsfehlern. Das macht für mich 4,5 Sterne, die ich aber gerne aufrunde.

Mein Fazit:

Die Mischung aus Jugendbuch, Thriller und dem wohl intelligentesten Computerspiel, was die Buchwelt zu bieten hat, konnte mich auch in Teil 2 begeistern, auch wenn es aus verschiedenen Gründen nicht ganz an das Original heranreicht.

  • ★★★★★
  • Hardcover
  • 512 Seiten
  • Loewe
  • 978-3743200494
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Rezension Ivar Leon Menger – Ghostbox. Staffel 1

Ivar Leon Menger hat sich offensichtlich mit Hörspielen wie der “Monster 1983”-Serie bereits erfolgreich eine treue Fangemeinde geschaffen, das beweisen die vielen begeisterten Rezensionen, die ich auf verschiedenen Plattformen im Internet gefunden habe.

“Ghostbox” war allerdings jetzt das erste Hörspiel aus seiner Feder, dessen Klappentext mich so richtig neugierig machen konnte. Der Phantastik-Fan in mir konnte gar nicht anders, als da mal hineinzuhören 🙂 …

Der Klappentext:

Schon seit Wochen ist Lena Gruenwald auf der Suche nach der perfekten Story, um endlich als Redakteurin beim Berliner Tagesspiegel übernommen zu werden. Dabei wird die junge Journalismus-Praktikantin von einem Thema ganz besonders angezogen: dem Jenseits. Auch auf Lenas privatem Youtube-Kanal dreht sich alles nur um Geister, Ouija-Boards oder Tarotkarten. Doch eines Tages kommt die Dreiundzwanzigjährige dem Tod näher, als sie geahnt hätte – beginnend mit einer unerwarteten Nachricht aus Heidelberg: Ihr Bruder, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, hat sich aus unerklärlichen Gründen das Leben genommen.

Widerwillig reist Lena in die romantische Touristenstadt am Neckar, um seinen Nachlass zu regeln. Dabei stößt sie auf ein dunkles Geheimnis – eine revolutionäre, hochgeheime Forschung an der Uniklinik Heidelberg, an der auch ihr Bruder mitgearbeitet hat. Um die Hintergründe seines Selbstmords besser zu verstehen, begibt sich Lena auf eine gefährliche Recherche-Reise, bei der sie nicht nur ihren Verstand zu verlieren droht, sondern auch ihr Leben …

Meine Meinung:

“Ghostbox. Staffel 1” stellte für mich das erste Hörspiel von Ivar Leon Menger dar – aber es wird sicher nicht das letzte sein! Selten habe ich so ein hochwertiges Hörspiel wie dieses gehört. Hier stimmt eigentlich alles: Der Plot, die Besetzung mit vielen bekannten Sprechern der deutschen Hörbuchszene und die Qualität selbst.

Es dauert zwar ein wenig, bis die Handlung in Gang kommt (eine gute Stunde sollte man dem Hörspiel schon Zeit geben), aber danach ist es nicht schwierig, sich in dieser Mischung aus Science, Science Fiction, Mystery, Thriller und Horror zu verlieren, wenn man diese Genres liebt. Zu viel möchte ich eigentlich gar nicht verraten, weil es sonst massiv den Spaß verdirbt.

Es spricht aber wohl für das Hörspiel, wenn ich sage, dass ich die gut 10,5 Stunden in knapp zwei Tagen, sprich einem Wochenende mehr oder weniger “erledigt” habe. Ich kann nur sagen: Absolute Sogwirkung, wenn man erst einmal angefixt ist! Da fiel es manchmal echt schwer, zwischendurch für gewisse menschliche Bedürfnisse auf die Pausetaste zu drücken 🙂 . Perfektes Kino für die Ohren!

Auch der Humor kommt nicht zu kurz, denn – okay, kleiner Spoiler – Sebastian Fitzek hat eine Gastrolle als Radiosprecher. Zwar nicht sehr groß, aber er nimmt sich dabei gleich einmal selbst auf die Schippe, sehr genial! Habe jedenfalls sehr schmunzeln müssen, als ich diese Stelle erreicht hatte.

Einen einzigen Wermutstropfen habe ich für mich persönlich entdeckt, denn für meinen Geschmack hätte die Auflösung, wer in diesem Verwirrspiel die Fäden zieht, ruhig erst etwas später kommen dürfen. Dadurch verliert das Hörspiel in meinen Augen etwa 2,5 Stunden vor Ende etwas, aber das Finale lässt einen dafür noch einmal richtig mitzittern …

Das Ende ist für meinen Geschmack gelungen: Auch wenn das Hörspiel den Untertitel “Staffel o1” trägt, ist es rund und stimmig, auch wenn es ganz klein wenig offen ausfällt. Ergo: Es ist schon eine Fortsetzung drin, aber man beendet das Hörspiel nicht mit dem nagenden Gefühl, dass da noch was kommen muss.

Mein Fazit:

Wer gut gemachte Hörspiele liebt und sich gern mit Genres wie Phantastik, Science Fiction oder Horror beschäftigt, kann hier mit gutem Gewissen zugreifen!

  • ★★★★★
  • Hörspiel
  • 630 Minuten
  • Audible Studios
  • B07M5M2KCR
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Rezension Ursula Poznanski – Vanitas

“Vanitas. Schwarz wie die Erde” ist das jüngste Buch aus der Feder von Erfolgsautorin Ursula Poznanski. Nach den letzten vier Kaspary-Wenninger-Büchern betritt allerdings nun eine ganz neue Protagonistin die Bühne, um die Leser- bzw. Hörerherzen zu erobern.

Eine, von der wir nicht einmal wissen, wie sie wirklich heißt. Denn Carolin, wie sie sich zur Zeit der Handlung nennt, hat offensichtlich in der Vergangenheit unter einem anderen Namen gelebt …

Der Klappentext:

Auf dem Wiener Zentralfriedhof ist die Blumenhändlerin Carolin ein so gewohnter Anblick, dass sie beinahe unsichtbar ist. Ebenso wie die Botschaften, die sie mit ihren Auftraggebern austauscht, verschlüsselt in der Sprache der Blumen – denn ihre größte Angst ist es, gefunden zu werden. Noch vor einem Jahr war Carolins Name ein anderer; damals war sie als Polizeispitzel einer der brutalsten Banden des organisierten Verbrechens auf der Spur. Kaum jemand weiß, dass sie ihren letzten Einsatz überlebt hat. Doch dann erhält sie einen Blumengruß, der sie zu einem neuen Fall nach München ruft – und der sie fürchten lässt, dass sie ihren eigenen Tod bald ein zweites Mal erleben könnte…

Meine Meinung:

Ehe es losgeht, die obligatorische Warnung: Diese Rezi kann Spuren von Spoilern enthalten! 😉

Da ich aktuell fast lieber höre als lese (Es lässt sich einfach besser mit meinem aktuellen Lebens- bzw- Lernrhythmus vereinbaren), habe ich mir nach “Thalamus” auch “Vanitas” als Hörbuch geholt. Und auch wenn mich der Klappentext jetzt nicht unbedingt sofort abholen konnte, dachte ich mir, eine neue Poznanski bedeutet endlich wieder ein neues Buch einer Lieblingsautorin.

“Vanitas” ist für mich allerdings der Beweis dafür, dass es manchmal auch mit den Büchern der Lieblingsautoren nicht so recht klappen will. Dabei hätte das Buch eigentlich alles, was es braucht, um eine tolle Geschichte zu erzählen. Eine Protagonistin, die in ihrer Vergangenheit offensichtlich etwas Schreckliches erlebt hat (wie man so nach und nach durch diverse Andeutungen erfährt), einen Krimi, wo es jede Menge Verdächtige gibt und einen wunderbaren Schreibstil, der es mir ermöglicht hat, die Geschichte relativ zügig durchzuhören.

Warum habe ich dann dieses Mal nicht so richtig in die Geschichte gefunden?  Ich vermute, es ist das, was ich vor allem bei Poznanskis Jugendbüchern so schätze – ein Geheimnis, wo man recht lange im Dunkeln tappt, worum es eigentlich geht. Diese Rätselspannung, dieses Mitfiebern wollte sich dieses Mal einfach nicht ergeben. Immer wieder tauchte der eine oder andere Spannungsmoment auf, nur um im nächsten Augenblick wieder zu verpuffen und im Geplänkel bzw. in einem Dialog mit einer der verdächtigen Figuren unterzugehen.

Apropos Figuren: Es ist selten, wenn ich das sage, aber ich habe es bei diesem Buch bis zum Schluss nicht geschafft, die männlichen Protagonisten, die alle irgendwie Dreck am Stecken haben, auseinanderzuhalten. Sie waren für mich einfach zu wenig greifbar, um sie dauerhaft verlässlich in mein Gedächtnis beim Hören einzuordnen.

Carolin selbst ist durchaus interessant angelegt, allerdings sind auch mir die Unstimmigkeiten aufgefallen, die bereits von anderen Bloggern bemängelt wurden. Eine Frau, die sich anfangs vor lauter Angst privat nicht mehr aus dem Haus traut und dann später in ihrem neuen “Job” immer wieder rausgeht, um Recherchen anzustellen? Wo waren da die Panikattacken, mit denen Carolin zu Beginn zu kämpfen hatte. Darüber hinaus konnte ich viele ihrer Entscheidungen einfach nicht nachvollziehen, denn wenn ich mich verstecken wollte, entscheide ich mich doch nicht dafür, als Gast auf eine Gala zu gehen, wo es vor Presse und Reportern nur so wimmelt?

Luise Helm als Sprecherin kannte ich bisher für Ursula Poznanskis Bücher noch nicht, aber sie macht ihre Sache gut, auch wenn noch Potenzial nach oben vorhanden ist (Ein klein wenig lebendiger hätte sie meiner Meinung nach die Figuren sprechen lassen können). Der sächsische Akzent für eine der Figuren war allerdings wirklich ein nettes Goodie, das hat mich einige Male zum Lächeln gebracht.

Lange Zeit habe ich geschwankt, ob ich drei oder vier Sterne vergeben soll (Ich runde ja in der Regel auf), aber das Finale hat es dann in meinen Augen reingerissen. Es tut mir leid, das schreiben zu müssen, aber das war für mich wie “Gas geben und dann den Motor abwürgen”, die Spannung war von einem Moment auf den anderen für mich komplett gestorben. Möglich, dass das damit zusammenhängt, dass “Vanitas” als Auftakt zu einer Reihe bezeichnet wird, aber ich kann mir im Moment nicht vorstellen, dass wir die verdächtige Familie aus diesem Buch im zweiten Teil wiedersehen werden, dafür gab es einfach zu viele Anspielungen auf Carolins Vorleben …

Alles in allem ist dieses Buch für mich ein etwas durchwachsener Start in eine neue Reihe, aber Carolin halte ich grundsätzlich für eine durchaus interessante Figur, die man noch ausbauen kann. Da ich außerdem weiß, wozu die Autorin in der Lage ist, bin ich geneigt abzuwarten, was der nächste Band bringen wird.

Mein Fazit:

Eigentlich tut es mir in der Seele weh, einem Buch von Ursula Poznanski “nur” drei Sterne zu geben, aber vier erscheinen mir hier einfach zuviel. Dafür gab es für mich dieses Mal leider zu wenig Spannung, zu viele Längen und Wiederholungen beim Plot und eine Hauptfigur, die für mich nicht immer stimmig war …

  • ★★★★★
  • Hörbuch
  • 695 Minuten
  • Argon Verlag
  • B07MXB1T21
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Rezension Andreas Eschbach – NSA

Bereits das Cover zu Andreas Eschbachs neuem Roman machte mich sofort neugierig. Das prominent platzierte Auge mit dem in Fraktur gesetzten Titel darunter – da konnte ich einfach nicht anders, als mir das Buch genauer anzusehen.

Und auch der Klappentext lies in mir alle Sirenen aufheulen, endlich mal wieder ein Buch, das so ganz genau vom Thema her meine Kragenweite ist <3 <3. Leider ist das Genre “Alternate History” bei uns ja leider kaum vertreten, dabei finde ich es so unheimlich spannend zu sehen, wie Geschichte sich hätte entwickeln können, wenn nur eine Sache anders passiert wäre …

Für diejenigen unter euch, die das Buch noch lesen wollen: Es ist eine Rezension mit gewissen Spoilern, also aufpassen!

Der Klappentext:

Weimar 1942: Die Programmiererin Helene arbeitet im Nationalen Sicherheits-Amt und entwickelt dort Programme, mit deren Hilfe alle Bürger des Reichs überwacht werdenErst als die Liebe ihres Lebens Fahnenflucht begeht und untertauchen muss, regen sich Zweifel in ihr. Mit ihren Versuchen, ihm zu helfen, gerät sie nicht nur in Konflikt mit dem Regime, sondern wird auch in die Machtspiele ihres Vorgesetzten Lettke verwickelt, der die perfekte Überwachungstechnik des Staates für ganz eigene Zwecke benutzt und dabei zunehmend jede Grenze überschreitet …
Was wäre, wenn es im Dritten Reich schon Computer gegeben hätte, das Internet, E-Mails, Mobiltelefone und soziale Medien – und deren totale Überwachung?

Meine Meinung:

Da ich mich dieses Jahr aufgrund der #widerdasVergessen Challenge vermehrt dem Thema “Drittes Reich” widme, ist es nicht ausgeblieben, dass ich mir genau diese Frage, die hier im Klappentext angerissen wird, bereits mehrmals gestellt habe … Was wäre, wenn die Technologie von heute sich mit der Geschichte von damals vermischen würde? Andreas Eschbach widmet sich der Frage auf diese Antwort ziemlich ausführlich, aber das Buch braucht die Seitenzahl tatsächlich, um sich in seiner ganzen Bandbreite zu entfalten.

Dabei geht Eschbach einen sehr interessanten Weg, denn er steigt in seine Geschichte im Jahr 1942 ein, in das Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg, so wir wie ihn kennen, an einem Wendepunkt gestanden hat. Stalingrad ist bekannt dafür, dass die deutsche Armee nicht so unbesiegbar, wie es zunächst den Anschein hatte.

Aber was wäre, wenn die Komputer-Technologie (Ich schreibe das Wort übrigens jetzt absichtlich mit K, denn der ganze Roman kennt so gut wie keine Anglizismen, dafür aber jede Menge deutsche Ausdrücke, die anstelle von Handy, E-Mail, Cloud-Speicher etc. verwendet werden) bereits schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts angefangen hätte sich zu entwickeln? Was wäre, wenn es ein Weltnetz bereits schon vor 1939 gegeben hätte?

Ich kann hier gar nicht anders, als meinen Hut zu ziehen, denn Eschbach verwebt die tatsächliche Geschichte mit seiner eigenen Version so geschickt, dass einem als unbedarftem Leser wahrscheinlich gar nicht alles auffällt. Hier und da tauchen Personen auf, die es wirklich gegeben hat (sowohl auf Seiten der Nazis als auch auf Seiten der Opfer), gerade die bekannten Namen sagen einem selbstverständlich etwas. Aber wo die Grenze zwischen erfundenen und echten Figuren zu ziehen ist, muss ich wohl noch einmal in Ruhe nachrecherchieren.

Auch den Aufbau des Buchs halte ich für sehr gelungen, denn Eschbach steigt mehr oder weniger mit einem Knalleffekt in sein Buch ein, einem Ereignis, das einem bereits nach den ersten Seiten ein Schaudern über den Rücken jagt. Danach gibt es einen großen Schwenk in die 30er Jahre, wo Eschbach den Leser Hitlers Aufstieg an die Macht durch die Augen seiner zwei Protagonisten Helene Bodenkamp und Eugen Lettke sehen lässt.

Helene und Eugen sind dabei sehr konträr: Helene selbst ist eher der Typ graue Maus, aber sehr intelligent, die nach und nach anfängt, ihr Leben selbst zu bestimmen (soweit das Regime es zulässt), während Eugen einen ziemlich miesen Charakter hat, der nur auf seinen Vorteil und auf sich selbst bedacht ist.

Trotzdem braucht es in meinen Augen diese beiden Figuren gleichermaßen, um mitzuerleben, wie das Regime nach und nach seine unheilvolle Macht entfesselt. In einem Land, wo es kein Bargeld mehr gibt, jede finanzielle Transaktion, jeder Anruf, jede Position eines “tragbaren Telephons”, jede Gesundheitsakte in den Datensilos des Staates bzw. der NSA gespeichert ist, gibt es keine Privatsphäre mehr. Bereits der Buchauftakt zeigt anschaulich, wie Big Data – das Verknüpfen von Informationen – dazu missbraucht wird, um Personen aufzustöbern, die von den Nazis nicht gefunden werden wollen.

Und dabei bleibt es nicht, der Autor gönnt dem Leser eigentlich nur kurze Verschnaufpausen, bis er weitere technische Entwicklungen – und damit weiteres Grauen – aus dem Ärmel zieht. Entwicklungen, die auch in der heutigen Zeit kontroversiell diskutiert werden und die häufig Gegenstand von dystopischen Romanen sind (Mehr verrate ich jetzt absichtlich nicht, sonst wäre es doch ein zu starker Spoiler).

Alles Dinge, die mich auch zu dem Schluss kommen haben lassen, dass Eschbach bewusst eine Parallele zur Gegenwart zieht. Ganz bewusst darauf hinweist, was heute passieren kann (und wird), wenn rechte Gesinnungen an die Macht kommen und über diese Mengen an Daten, die bereits existieren, nach Belieben verfügen können. Jeder, aber auch wirklich jeder hat irgendein Geheimnis, mit dem er sehr einfach erpressbar wird …

Je weiter das Buch fortschreitet, desto intensiver wird in meinen Augen diese Erfahrung. Es fühlt sich an wie ein Auto, das langsam anrollt und immer schneller wird, und wo man mitfahren muss, ob man will oder nicht, obwohl man sich fragt, ob man es überleben wird …

Es reißt einen beim Lesen in einen sehr heftigen Strudel aus Gefühlen, das Buch ist grausam, verstörend, gewaltig – und gerade deswegen so verdammt gut! Denn Eschbach schont den Leser nicht, führt ihn kompromisslos bis ans Ende der Geschichte. Ein Ende, das mich mit so vielen widersprüchlichen Gefühlen zurückgelassen hat, dass ich erst mal gar nicht anders konnte, als eine Pause bis zum nächsten Buch einzulegen, um dieses Szenario zu verdauen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich fünf Sterne Empfehlungen nicht sehr häufig ausspreche und noch viel seltener das Prädikat “Highlight” vergebe, aber dieses Buch verdient es. Gewiss, es ist Unterhaltung, aber die Botschaft ist eindeutig: “NSA” ist eine eindringliche Warnung davor, was passieren kann, wenn Daten, die wir bewusst oder unbewusst zur Verfügung gestellt haben, gegen uns verwendet werden …

Mein Fazit:

“NSA” ist vordergründig ein Gedankenspiel, aber gleichzeitig auch eines, was unter den gegebenen politischen Umständen erschreckend realistisch ist. Dieses Buch weckt jede Menge Emotionen beim Lesen, es wühlt auf, es verstört – aber gerade deswegen ist es wertvoll! Daher absolute und uneingeschränkte Leseempfehlung!!

  • ★★★★★
  • Gebunden
  • 796 Seiten
  • Bastei Lübbe
  • 978-3785726259
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