Rezension Colleen Oakes – The Black Coats

Colleen Oakes - The Black CoatsWie ihr (vielleicht) wisst, lese ich ab und zu auch auf Englisch Bücher. Einerseits macht es mir Spaß und ich kann etwas für mein Englisch-Verständnis tun, andererseits sind die englischen E-Book-Ausgaben oft auch preislich leistbarer.

Besonders häufig schleichen sich da die englischen Original-Ausgaben zu Jugendbüchern bei mir ein, die gerade in der deutschen Übersetzung auf den Markt gekommen sind. “The Black Coats” machte mich vor allem wegen seiner eher ungewöhnlichen Thematik neugierig. Frauen, die einen Geheimbund gründen, um Männer zu bestrafen, die ein Unrecht an Frauen begangen haben? Da konnte ich einfach nicht Nein sagen.

Sollte euch doch die deutsche Ausgabe mehr zusagen: Sie ist unter dem Namen “Black Coats” (ohne das “The”) Ende August bei Gulliver in der Verlagsgruppe Beltz erschienen.

Zum Inhalt:

Thea Soloman ist ein eher introvertiertes Mädchen, das sich in der Schule von den anderen abkapselt. Die Trauer um ihre ermordete Cousine macht es ihr schwer, mit der Vergangenheit abzuschließen. Da bekommt sie eines Tages eine Einladung einer geheimnisvollen Verbindung: Die “Black Coats” sind ein nur aus Frauen bestehender Geheimbund, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, gewalttätigen Männern eine Lektion zu erteilen. Anfangs ist Thea mit vollem Eifer bei der Sache, aber nach und nach schleichen sich erste Zweifel ein, denn Selbstjustiz ist nicht immer die richtige Antwort – und welche Ziele verfolgen die “Black Coats” wirklich?

Meine Meinung:

Ich gebe zu, ich habe etwas gebraucht, um in diese Geschichte reinzukommen. Aber nicht wegen der Sprache, sondern wegen der Hauptfigur Thea. Die Autorin schildert sie anfangs als eher zurückhaltenden Menschen, der sich lieber in sein Schneckenhaus verkriecht und der sich schwer tut, auf andere Menschen zuzugehen.

Mit diesem Wissen hatte ich einige Probleme, sie mir als so spontan vorzustellen, dass sie – ohne das zu hinterfragen – einfach so einer Einladung zu einem Geheimbund ähnlich einer Schnitzeljagd kreuz und quer durch die Gegend folgt, bei der sie unter Zeit Hinweise finden muss. Dazu stürzt sie sich unter anderem in einen Brunnen mit komplett verdrecktem Wasser, der ihr das Kennenlernen ihres Love Interests Drew beschert.

Ja, richtig gelesen, denn auch dieses Buch kommt nicht ohne Liebesgeschichte aus, obwohl diese nicht sehr viel zur weiteren Handlung beiträgt. Eher im Gegenteil, denn irgendwann fragt man sich doch, warum Drew eigentlich mit einem Mädchen zusammen sein möchte, dass ihn permanent stehen lässt und ganz offensichtlich Geheimnisse vor ihm hat.

Denn die unscheinbare Thea mausert sich bei den “Black Coats” ziemlich bald zur Anführerin ihrer kleinen Gruppe Mädchen, die ziemlich unterschiedliche Fähigkeiten mitbringen. Als Team erhalten sie erste Aufgaben, im Englischen “Balancings” genannt, die die Bestrafung eines Mannes nach sich ziehen.

Dieser Teil der Geschichte machte für mich ehrlich gestanden den meisten Reiz an diesem Buch aus, denn die Mädchen sind tough und als Team ziemlich gut aufeinander eingespielt, weshalb sie ihre “Balancings” erfolgreich erledigen. Wer es noch kennt: Mehr als einmal ließen mich diese Aktionen an die Serie bzw. die Filme “Drei Engel für Charlie” denken, wo die Frauen sehr erfolgreich ihre oft männlichen Zielobjekte austricksen, um ihre Ziele zu erreichen.

Erste Zweifel kommen Thea und ihren Freundinnen allerdings erst, als es darum geht, gewalttätige Männer ihrerseits mit Gewalt zu bestrafen. Und wer ist die Gruppe Frauen, die es offensichtlich auf den Vater von Drew abgesehen hat? Hier liegt vieles im Dunkeln, weshalb sich die zweite Hälfte des Buchs deutlich mehr dorthin verlagert, die Geheimnisse, die die “Black Coats” umgeben, ans Tageslicht zu bringen.

Gerade hier schwächelt das Buch meiner Meinung nach allerdings am meisten, denn die Auflösung fand ich letztlich einfach nur unbefriedigend. Bei der ganzen Geheimnistuerei anfangs hatte ich mir da einfach mehr erwartet, muss ich sagen. Da wäre deutlich mehr drin gewesen als das, was die Autorin uns da serviert.

In Summe bleibt daher leider nur ein ziemlich durchwachsener Eindruck, der durch einige offensichtliche Schnitzer beim Lektorat bzw. Korrektorat noch verstärkt wird. Beispielsweise wird eine Adresse auf zwei verschiedene Arten geschrieben, Buchstaben bei Namen werden vertauscht und einiges mehr – dies lässt darauf schließen, dass nicht sehr viel Sorgfalt beim Korrektur-Lesen an den Tag gelegt worden ist.

Abschließend möchte ich noch ein paar Worte zur deutschen Leseprobe verlieren, die mich ehrlich gestanden ziemlich erschreckt hat: Nicht nur taucht derselbe Adressfehler wie in der englischen Ausgabe auf, es werden unter anderem auch “Ballet Flats” (also Ballerinas) einfach mit “Balletschuhe” übersetzt. Ich bin ja keine professionelle Übersetzerin, aber wenn selbst mir solche Dinge auffallen, ist so etwas einfach nur peinlich und wirft kein gutes Licht auf die Qualität der Übersetzung …

Mein Fazit:

“The Black Coats” ist ein Jugendthriller, der durchaus mit einer spannenden Idee aufwarten kann. Bei der Umsetzung sehe ich allerdings einige gravierende Mängel, die ein ordentliches Lektorat vermutlich hätte ausmerzen können.

  • ★★★★★
  • E-Book
  • 400 Seiten
  • HarperTeen
  • B079DR5C1W
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Rezension Dennis Lehane – Shutter Island

Dennis Lehane - Shutter IslandIch gebe zu, ich wusste lange Zeit nicht, dass der Film “Shutter Island” aus dem Jahr 2009 in Wirklichkeit ein Buch war, das sechs Jahre vor dem Film erschienen ist. Der Film selbst beeindruckte mich seinerzeit vor allem durch seine tolle Besetzung und durch seine Umsetzung des Themas.

Gott sei Dank wusste ich allerdings nicht mehr sehr viel über den Inhalt, denn ansonsten neige ich dazu, permament Film und Buch zu vergleichen. So konnte ich mich beim Lesen ganz auf das Buch konzentrieren. Trotzdem konnte ich natürlich nicht umhin, nach dem Lesen mir dann nochmal den Film anzusehen – und der wartete dann tatsächlich am Ende noch mit einer Überraschung auf. Aber dazu später mehr …

Der Klappentext:

Die US-Marshals Daniels und Aule sollen im Fall einer Kindsmörderin ermitteln, die von der Gefängnisinsel Shutter Island geflohen ist. Als sie dort ankommen, erhalten sie verschlüsselte Botschaften, die sie immer tiefer in den düsteren Bau und die Machenschaften der Ärzte führen. Nichts ist so, wie es scheint. Dennis Lehanes raffiniert komponiertes Meisterwerk um Wahn und Angst in neuer Übersetzung.

Meine Meinung:

Ich habe nach dem Lesen ein wenig bei Goodreads gestöbert, wie meist, wenn mich interessiert, was andere Leute zu einem Buch zu sagen haben, das ich selbst gelesen habe. Spannend fand ich hier, dass vor allem eingefleischte Lehane-Fans von diesem Buch nicht so begeistert waren. Begründet wurde das oft mit seinem Schreibstil bzw. mit der fehlenden Beschreibung des Settings und den nicht existierenden Charakterisierung der Figuren.

Diese Kritikpunkte kann ich für mich persönlich durchaus nachvollziehen. Ich hatte aus diesem Grund anfangs wirklich einige Probleme, in die Geschichte hineinzukommen. Angesiedelt ist das Buch ja in den 50er Jahren, diese sehr dürftigen Beschreibungen ließen mich zwischendurch allerdings immer wieder darauf vergessen, wenn nicht wenigstens die Dialoge gewesen wären.

Die Dialoge sind in meinen Augen auch das, was die Stärke dieses Buchs für mich ausmacht. Da ich ein ausgemacht schlechtes Gedächtnis für Namen und Figuren habe, haben mir oft die Dialoge weitergeholfen, um beim Einstieg nicht komplett den Faden zu verlieren. Gleichzeitig blinzelt da auch der offensichtlich recht eigenwillige Humor des Autors durch, den man schon mögen muss. Mir hat er allerdings gut gefallen und er half mir auch, mich dann doch noch in das Buch hineinzufinden.

Dennis Lehane versteht es außerdem meisterhaft, jede Menge Rätsel dem Leser vor die Füße zu werfen und sich keinen Deut darum zu scheren, sie aufzulösen. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, aber meine Neugier stachelt sowas meistens an. Da nehme ich dann schon die eine oder andere Ungereimtheit in Kauf, einfach um herauszufinden, worum es eigentlich geht.

Irgendwann erreichte ich außerdem den Punkt, wo mir der Gedanke kam, ob der Autor nicht absichtlich so wenig ins Detail geht, ob es nicht viel mehr seine Absicht ist, dem Leser vieles vorzuenthalten, damit er selbst seine Phantasie bemühen muss. So in der Art wie moderne Kunst, dessen Aussage sich ja oft nicht erschließt. Dies ließ viel Raum für Spekulationen und deswegen war ich umso mehr gespannt auf das Ende, das dann auch mit einem echten Knalleffekt aufwarten konnte.

Welch eine geniale Idee! Ich hatte zwar vom Film her noch in Erinnerung, dass da etwas war zum Schluss, wusste aber nicht mehr was. Ich will jetzt hier absichtlich nicht zu viel verraten, weil es sonst vermutlich in fast jeder Hinsicht ein Spoiler ist. Aber dieses Ende regt auf jeden Fall zum Nachdenken an, es lässt weiteren Spielraum zu Interpretationen zu, auf die man anfangs ganz bestimmt nicht gekommen wäre.

Mein Fazit:

“Shutter Island” ist in vielen Dingen etwas gewöhnungsbedürftig, vor allem was den Schreibstil und die Beschreibungen von Setting und Figuren angeht. Die Dialoge, die dunkle und geheimnisvolle Atmosphäre und nicht zuletzt das Ende machen dieses Buch aber zu etwas, was auf seine Art aus dem Thriller-Angebot herausragt. 3,5 Sterne, die ich gerne auf 4 aufrunde.

Zum Film:

Normalerweise schreibe ich in meinen Rezensionen eigentlich selten etwas zu den Verfilmungen der Bücher, die ich lese. Buch ist schließlich Buch, Film ist Film. Trotzdem möchte ich dieses Mal ausnahmsweise noch etwas extra zum Film sagen.

Dass der Autor des Buchs Executive Producer des Films ist, hat der Verfilmung gut getan. Denn die Handlung hält sich bis auf einige kleine Details sehr genau an das Buch – mit dem Unterschied, dass der Film mir zwangsläufig das Eintauchen in die Zeit natürlich leichter gemacht hat. Und verständlicherweise gleichen die Schauspieler aus, was mir im Buch bei den Figuren gefehlt hat. Auch wenn ich kein ausgemachter Leonardo diCaprio-Fan bin, spielt er Teddy Daniels sehr, sehr gut, aber auch Ben Kingsley und Max von Sydow in den Rollen der Ärzte Cawley und Naehring haben mir gefallen.

Am spannendsten fand ich allerdings das Ende, denn Teddy sagt im Film einen Satz mehr als im Buch. Dieser eine Satz hat es aber in sich, denn er gibt der Gesamtsituation am Ende noch einmal eine ganz neue Bedeutung, die mir zwangsläufig ohne das Lesen des Buchs nie aufgefallen wäre. Daher: Am besten zuerst das Buch lesen und dann den Film gucken!

  • ★★★★
  • E-Book
  • 432 Seiten
  • Diogenes
  • 978-3257607055
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Tops & Flops / 3Q.2019

Kinder, die Zeit vergeht. Anders kann man es net ausdrücken. Jetzt hat der Herbst und damit das neue Semester an der FH auch schon wieder angefangen – und der Alltagsstress hat mich wieder. Wollen wir mal hoffen und beten, dass das neue Semester nicht ganz so grausam mir die Zeit fürs Blog wegstehlen wird wie das letzte …

Einen kleinen Rückblick auf die vergangenen drei Monate kann ich euch aber trotzdem heute spendieren, gerade der Sommer hat ja wieder einige interessante Bücher hervorgebracht. Der Juli war zwar wegen der letzten Prüfungen lesetechnisch eher schwach, dafür waren der der August und der September umso besser.

Tops & Flops

In diesen drei Monaten habe ich insgesamt 25 Bücher und Hörbücher verschlungen, wobei alleine der August mir einen neuen Rekord beschert hat. Nicht was die Lesezahl angeht, aber zumindest bei den Bewertungen.

Ihr wisst ja vielleicht, dass ich ziemlich kritisch bin und fünf Sterne eher selten vergebe. Deswegen ist es für mich tatsächlich etwas Besonderes, wenn ich mal sagen kann, dass ich in diesem Monat tatsächlich gleich VIER Büchern diese Sternezahl verpasst habe :).

Top des Quartals

Da ist es natürlich besonders schwer gefallen, aus dieser Menge das beste Buch auszusuchen, das könnt ihr euch vorstellen. Vor allem zwischen “Erebos 2” und “Todesmal” ist mir die Entscheidung wirklich schwergefallen, aber am Ende hatte doch Andreas Gruber die Nase vorne.

“Todesmal” ist ja schon der fünfte Band aus der “Todes”-Reihe, und auch wenn mich der vierte Teil  “Todesreigen” nicht so ganz begeistern konnte, hatte dieses Buch jetzt alles, um mir ein paar spannende und unterhaltsame Lesestunden zu bescheren.

Da ich im Sommer wieder etwas mehr Zeit zum Rezensieren hatte, habe ich hier meine Meinung zu dem Buch etwas ausführlicher niedergeschrieben. Das Buch ist in meinen Augen definitiv für die Fans, denn Gruber lässt hier einige Figuren wieder auftauchen, die bereits in den früheren Romanen aufgetaucht sind. Man kann das Buch zwar auch ohne Vorkenntnisse lesen, aber in meinen Augen entgehen einem hier viele unterhaltsame Details.

Wer intelligent konstruierte Thriller mit einer ziemlich schrägen Hauptfigur mag und auch Humor in einem Thriller nicht am falschen Platz findet, kann hier auf jeden Fall mit gutem Gewissen zugreifen!

Flop des Quartals

Den Flop des Quartals stellt dieses Mal für mich ein Hörbuch, auf das ich eigentlich wegen seines Settings schon sehr gespannt war. “Der Mann, der nicht mitspielt” ist zweifelsohne ein sehr gut recherchierter, historischer Krimi, das will ich gar nicht in Abrede stellen. In Kombination mit der für meinen Geschmack eher eintönigen Lesung von Uve Teschner hatte ich allerdings so meine Probleme mit diesem Hörbuch.

Der Auftakt gefiel mir noch sehr gut, denn ich liebe es, immer wieder mal nachzusehen, welche Figuren erfunden und welche wirklich existiert haben. Dieses Miteinander zwischen den Schauspielern, den Studiobossen und anderen schillernden Figuren jener Zeit mit dem fiktiven Hardy Engel hat der Autor zweifelsohne sehr toll hinbekommen.

Als zusätzlichen Pluspunkt sehe ich außerdem das Flair der 1920er, das hat der Autor ebenfalls sehr gut einfangen können. Wo es für mich allerdings leider immer mehr gehapert hat, ist die Handlung. Diese versandete für mich nämlich zusehends in unzähligen Dialogen, die zwar für sich durchaus interessant waren, aber für mich die Geschichte nicht vorwärts brachten. Ich war daher zwischendurch schon kurz davor, einfach abzubrechen, wenn mich die Neugier auf das Ende dann nicht doch hätte durchhalten lassen.

Die Auflösung konnte mich schlussendlich wieder ein klein wenig versöhnen, denn auch diese war durchaus geschickt gemacht. Trotzdem blieb für mich das Gefühl, dass man aus dieser Geschichte mit etwas mehr Action noch mehr hätte herausholen können. So habe ich mich leider viel zu lange recht gepflegt gelangweilt, ehe wieder etwas für mich Interessantes passiert ist …

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Rezension Jo Machedanz – Fleischmaler

machedanz-fleischmalerWenn man es genau nimmt, ist das erste Mal, dass ich auf dieses Buch aufmerksam wurde, einer Rezension zu verdanken, die Gabi vom Laberladen veröffentlicht hat.

Der Titel lässt zwar darauf schließen, dass es hier um eine recht blutige Geschichte geht, aber dem ist nicht so. Wer oder was der “Fleischmaler” ist, wird im Buch nämlich erklärt – und es hat absolut nichts mit dem zu tun, woran man beim ersten Lesen denkt.

Zum Inhalt:

In Berlin passiert ein Mord, das Opfer ist dem Ermittlerteam rund um Hauptkommissar Jürgen Grossmann zunächst unbekannt. Gleichzeitig gibt die gehörlose Kira Timm, genannt Kiki, eine Vermisstenanzeige bezüglich ihrer Freundin und WG-Mitbewohnerin Lena auf. In einem ziemlich heruntergekommenen Haus lebt außerdem der Aussteiger Paul, der sich mit einem Thriller einen Namen machen will. Und nicht zuletzt reist der amerikanische Privatdetektiv Adam Peppercorn im Auftrag eines zwielichtigen Mannes nach Berlin, um Akt-Gemälde aus der Nazi-Zeit aufzuspüren und zu erwerben.

Meine Meinung:

Vier unterschiedliche Menschen, vier unterschiedliche Leben und vier unterschiedliche Erzählebenen, die auf den ersten Blick kaum bis gar nichts miteinander zu tun haben. Dass dem nicht so ist, wird schon bald klar, als Kiki – von der Polizei ignoriert – beginnt, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Als begnadete Sprayerin macht sie nämlich auf ihre Art und Weise auf die vermisste Lena aufmerksam.

Dies setzt gleich mehrere Dinge in Gang, Dinge, die einem als Leser nicht gleich klar werden. Überhaupt ist “Fleischmaler” kein Buch, durch das man mal so eben durchrauschen kann. Die verschiedenen Personen werden nach und nach vorgestellt und es braucht etwas Zeit, bis man sich hier reingefunden hat, wer wer ist und wer welche Ziele verfolgt.

Den Einstieg in das Buch fand ich entsprechend ein klein wenig holprig, aber gerade die Ermittlungen von Adam Peppercorn hatten es mir von Anfang an angetan. Denn die Kunstszene der Nazi-Zeit ist nicht unbedingt etwas, womit ich mich bisher sehr ausführlich beschäftigt habe. Der Autor schafft es aber gekonnt, dass ich mich zu keiner Zeit von den Informationen zu diesem doch recht komplexen Thema überfahren gefühlt habe. Ganz im Gegenteil, denn nach dem Ende des Buchs war ich neugierig genug, ein wenig eigene Recherchen anzustellen.

Nach und nach hat mich die Geschichte daher immer mehr hineingezogen und ich habe gemerkt, dass es mir schwer gefallen ist, das Buch zur Seite zu legen. Ich wollte einfach wissen, wohin das Ganze führen würde, denn bei der ersten Leiche bleibt es nicht. Was ist so geheim, dass jemand wortwörtlich über Leichen geht, um zu verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt?

Gut finde ich in diesem Zusammenhang auch, wie die unterschiedlichen Handlungsebenen einander berühren bzw. ineinander aufgehen. Das ist alles sehr geschickt gemacht, auch wenn ich aus Spoiler-Gründen jetzt nicht näher darauf eingehen werde. In Verbindung mit den ungewöhnlichen Figuren hat es aber durchaus Spaß gemacht, dieser etwas komplexeren Geschichte zu folgen.

Ein wenig Kritik muss ich aber auch loswerden: Viele Nebenfiguren bekommen Namen, obwohl das für den Fortgang der Geschichte nicht notwendig ist, beispielsweise eine Kellnerin oder eine Zeugin, die die Polizei verhört. Das ist schön und gut, trägt aber nicht viel bei zum Verständnis. Gerade am Anfang, wo ich mich erst einmal in die Geschichte hineinfinden musste, verwirrte mich das ehrlich gestanden ein wenig.

Darüber hinaus verrät der Original-Klappentext für meinen Geschmack fast zu viel. Deswegen habe ich versucht, für diese Rezension eine eigene Inhaltsangabe zu schreiben, die weniger Informationen preisgibt. Mag sein, dass das für manche nicht störend ist, ich gehöre allerdings zu der Gruppe Leser, die nicht so viel vom Inhalt wissen wollen, das erste Viertel der Handlung anzuteasern reicht mir zum Beispiel völlig aus. Der ursprüngliche Klappentext spoilert aber bis weit in die Mitte des Buchs hinein …

Was mir ebenfalls aufgefallen ist: Offensichtlich mag der Autor Action-Szenen nicht so besonders. Hier hätte ich es nämlich besser gefunden, wenn diese nicht aus der Perspektive eines Zuschauers bzw. einer dritten Person geschrieben worden wären, sondern aus der Sicht der betroffenen Person selbst. Das hätte die Spannung sicherlich noch erhöht, so bremst es das beginnende Tempo gerade auf dem Weg ins Finale immer wieder etwas aus.

Das Motiv für die Verbrechen, das das Finale schlussendlich zutage fördert, ist mir persönlich außerdem ein bisschen zu schwach, als dass es rechtfertigen würde, dass so viele Menschen sterben müssen. Auch die Erklärung dafür, die der Drahtzieher im Hintergrund liefert, konnte ich nicht so ganz nachvollziehen.

Nichtsdestotrotz hat es Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen, da es mich schon aufgrund seiner Komplexität, seiner ungewöhnlichen Figuren und seines interessanten Themas fesseln konnte. Der Autor lässt in seinem Nachwort zwar offen, ob und wann es eine Fortsetzung geben wird, aber ich würde mich freuen, einen zweiten Teil mit diesen Protagonisten in naher Zukunft lesen zu dürfen.

Mein Fazit:

“Fleischmaler” ist ein Krimi, mit dem der Autor neue, ungewöhnlliche Wege geht. Eine intelligent aufgebaute Handlung, ungewöhnliche Protagonisten und das kunstgeschichtliche Thema haben dafür gesorgt, dass ich dieses Buch trotz gewisser Schwächen gerne gelesen habe. 3,5 Sterne, die ich daher auf 4 Sterne aufrunde.

  • ★★★★
  • Taschenbuch
  • 314 Seiten
  • Eigenverlag
  • 978-3982099613
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Rezension Margaret Atwood – Die Zeuginnen

Margaret Atwood: Die ZeuginnenIch gebe zu, ich habe den Hype und die Geheimhaltung, der rund um “Die Zeuginnen”, das “langerwartete Sequel” zu “Der Report der Magd” erst mitbekommen, als das Buch erschienen ist.

Erst dann habe ich das erste Mal mir die Mühe gemacht, mir einen Überblick darüber zu verschaffen, was alles in den Medien zu diesem Buch geschrieben worden ist. Und das war eine ganze Menge, die letztlich wie immer nur einem einzigen Zweck gedient hat – nämlich die Erwartungen in die Höhe zu schrauben.

Die Entstehung der Serie habe ich zugegebenermaßen mit einer gewissen Skepsis verfolgt, ich bin mittlerweile kein großer Fan mehr davon, wenn erfolgreiche Bücher um jeden Preis verfilmt werden müssen, weil die Verfilmungen fast immer hinter den Büchern zurückbleiben.

Trotzdem habe ich mir die erste Staffel vor einer Weile angesehen und musste am Ende einräumen, dass die Serie das Buch bzw. dessen Botschaft hervorragend ergänzt, wenn nicht sogar erweitert. Allerdings verspürte ich zu dem damaligen Zeitpunkt nicht das Bedürfnis, nach der ersten Staffel weiterzuschauen, da ich das offene Ende vom “Report” eigentlich nicht ruinieren wollte …

Der Klappentext:

“Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht.” – Als am Ende vom Report der Magd die Tür des Lieferwagens und damit auch die Tür von Desfreds “Report” zuschlug, blieb ihr Schicksal für die Leser und Hörer ungewiss. Was erwartete sie: Freiheit? Gefängnis? Der Tod? Das Warten hat ein Ende! Mit “Die Zeuginnen” nimmt Margaret Atwood den Faden der Erzählung fünfzehn Jahre später wieder auf, in Form dreier explosiver Zeugenaussagen von drei Erzählerinnen aus dem totalitären Schreckensstaat Gilead.

Meine Meinung:

Der deutsche Klappentext beginnt tatsächlich mit dem letzten Satz aus dem Report, dem Satz, der offenließ, wie es um das Schicksal der Magd bestellt war. Dieser Satz suggeriert allerdings auch, dass man in der Lage ist, dem neuen Buch problemlos zu folgen, auch wenn man nur den “Report der Magd” als Buch kennt. Was – wie ich erst nach dem Hören festgestellt habe – eigentlich nicht den Tatsachen entspricht.

Denn um das unmissverständlich klarzusellen: In “Die Zeuginnen” geht es um einiges, das man als Fan der Serie kennt, als reiner Buchleser jedoch nicht, da das neue Buch auf vieles eingeht, was erst in der zweiten Staffel der Serie erzählt wird.

Aus diesem Grund ist man als reiner Leser bzw. Hörer gezwungen, sich vor allem am Anfang einiges zusammen zu reimen. Auch wird nicht sofort klar, wer die drei unterschiedlichen Personen sind, die in diesem Buch mehr oder weniger ihre Lebensgeschichte aus der Ich-Perspektive schildern.

Die Sprecherinnen für das Hörbuch wurden übrigens meiner Meinung nach in diesem Kontext nicht gut gewählt, da vor allem die beiden Sprecherinnen für die jungen Erzählerinnen fast zu ähnlich klingen. Da beim Wechsel der Perspektive außerdem nie der Name der Person fällt, der nun erzählt, habe ich mir mit der Zeit eine kleine Eselsbrücke gebaut, da das A aus dem einen Zeugenbericht auch gleichzeitig dem Anfangsbuchstaben des Names einer der Erzählerinnen entspricht. Damit wurde es leichter, der Geschichte zu folgen.

Der bereits erwähnte Perspektivenwechsel führt allerdings nach und nach doch zu einer gewissen Neugier, wie es weiter geht. Denn die Autorin versteht es recht geschickt, gerade bei interessanten Passagen zum nächsten Zeugenbericht überzugehen: Da ist einmal das Mädchen, das in Gilead aufwächst, kaum mehr Erinnerungen an seine (leibliche) Mutter hat, stattdessen mit einem Märchen groß wird, wie seine aktuelle Mutter es den bösen Hexen entrissen hat.

Dann gibt es ein weiteres Mädchen, das Gilead nur aus der Schule kennt, weil es in Kanada bei Pflegeeltern aufwächst. Und quasi dazwischengestreut den wohl interessantesten Anteil der Geschichte, nämlich den einer älteren Frau, die das grauenerregende System in Gilead bewusst mitträgt und damit am Leben erhält. Die Namen möchte ich jetzt bewusst nicht nennen, aber wer die Serie kennt, kann sich vermutlich sowieso zusammenreimen, um wen es geht.

Die erste Hälfte des Buchs baut damit gezielt eine gewisse Spannung auf, die allerdings in der zweiten Hälfte für meinen Geschmack recht lieblos aufgelöst wurde. Da geht auf einmal vieles zu glatt und zu einfach, gerade unter dem Gesichtspunkt, dass sich eine der drei Protagonistinnen wirklich sehr, sehr dumm verhält. In einem Gilead, das wir in “Der Report” erlebt haben, hätte sie vermutlich nicht mal einen Tag in Freiheit überlebt.

Was mir gegen Ende außerdem auch ein wenig sauer aufgestoßen ist, ist die Tatsache, dass eigentlich zu viele Fragen beantwortet wurden. Offene Fragen, offene Beziehungen, fast alles löst sich am Schluss in gewisses Happy End-Wohlgefallen auf, das vor allem der Original-Geschichte irgendwie unwürdig ist.

War “Der Report” in der Tradition der großen dystopischen Romane noch gesellschaftskritisch wie kaum ein anderes Buch in den 1980er Jahren, ist “Die Zeuginnen” in meinen Augen eher ein nett gemeinter Versuch, die angefangenen Geschichten (sowohl im Buch als auch in der Serie) zu einem lieben, netten und freundlichen Ende zusammenzuführen.

Aus diesem Grund ist “Die Zeuginnen” zwar nett zu lesen (bzw. zu hören), reicht aber lange nicht heran an das, was die Autorin seinerzeit mit “Der Report” geschaffen hat. Ich persönlich sehe es eher als eine Verbeugung der Autorin vor den vielen Fans der Geschichte, die vor allem durch die Serie entstanden sind. Daher: Man kann das Buch lesen, muss aber nicht.

Mein Fazit:

“Die Zeuginnen” ist ein nettes (Hör)Buch, das durchaus einige interessante Perspektiven zu Gilead ergänzt, die bisher in dieser Form nicht so bekannt waren. In Summe reicht es allerdings nicht an das Original aus den 1980ern heran, da vor allem das Ende für meinen Geschmack zu sehr eine Verbeugung vor den Fans darstellt.

  • ★★★★★
  • Hörbuch
  • 788 Minuten
  • HörbucHHamburg
  • 978-3869524337
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Rezension Andreas Gruber – Todesmal

Mit “Todesmal” legt Andreas Gruber nun bereits den fünften Band der Reihe vor, mit der er bestimmt die meisten Fans unter den Thriller-Lesern gewonnen hat. Nicht zuletzt hat er das den meiner Meinung nach wirklich genialen Hauptfiguren zu verdanken: Maarten S. Sneijder und Sabine Nemez, die sich in der Vergangenheit in Grubers Büchern zu einem sehr interessanten Ermittlerduo zusammengerauft haben.

Wer die Vorgeschichte der beiden nicht kennt, wird mit diesem Band aber weniger Probleme haben, in die Geschichte einzusteigen, als wie beispielsweise beim Vorgänger “Todesreigen”. Trotzdem empfehle ich, die Bücher der Reihe nach zu lesen. Es macht nämlich definitiv mehr Spaß zu wissen, wie sich die Beziehung der beiden entwickelt hat.

Der Klappentext:

Eine geheimnisvolle Nonne betritt das BKA-Gebäude in Wiesbaden und kündigt an, in den nächsten 7 Tagen 7 Morde zu begehen. Über alles Weitere will sie nur mit dem Profiler Maarten S. Sneijder sprechen. Doch der hat gerade gekündigt, und so befragt Sneijders Kollegin Sabine Nemez die Nonne. Aber die schweigt beharrlich – und der erste Mord passiert. Jetzt hat sie auch Sneijders Aufmerksamkeit. Und während die Nonne in U-Haft sitzt, werden Sneijder und Nemez Opfer eines raffinierten Plans, der gnadenlos ein Menschleben nach dem anderen fordert und dessen Ursprung in einer grausamen, dunklen Vergangenheit liegt …

Meine Meinung:

Auch wenn ich hier am Blog nicht alle Bücher von Andreas Gruber rezensiert habe, kann ich mittlerweile doch behaupten, zumindest die meisten von ihm gelesen zu haben. “Rachewinter” letztes Jahr und “Todesreigen” davor konnten mich allerdings nicht ganz so begeistern wie Grubers frühere Bücher. Deswegen habe ich bei “Todesmal” meine Erwartungen ziemlich zurückgeschraubt, war aber trotzdem neugierig, was sich Andreas für unseren Lieblingsgrantscherm (Meint im Österreichischen einen grantigen Menschen, einen Griesgram) ausgedacht hat.

Und was soll ich sagen? Dieses Mal stimmt es einfach wieder. Es ist fast wie ein Puzzle mit seinen Tausenden von Teilen, wo man das Gefühl hat, es sitzt alles am richtigen Platz. Angefangen gleich beim Auftakt, bei dem wir Zeuge einer verbalen Auseinandersetzung zwischen Sneijder und seinem neuen BKA-Chef Dirk van Nistelrooy werden, an dessen Ende Sneijder genervt den Dienst quittiert.

Diese erste Szene nimmt gleich mal vorweg, worauf sich der Leser in dem gesamten Buch freuen kann: auf den für Thriller eigentlich ungewohnten, sarkastischen und teilweise schwarzen Humor, der einen das ganze Buch hindurch begleiten wird. Und auch wenn die Morde (denn bei dem ersten bleibt es selbstverständlich nicht) grubertypisch sehr grausam, aber auch phantasievoll umgesetzt werden, ist es genau dieser Humor, der der ganzen Geschichte ein wenig die Düsternis nimmt.

Um dem beginnenden Wettlauf gegen die Zeit zu begegnen, stellt Sneijder – wohl zum ersten Mal überhaupt – ein Team aus sehr unterschiedlichen Ermittlerkollegen und Helfern zusammen, mit denen er versucht, den mutmaßlichen Opfern das Leben zu retten. Aus dieser Situation heraus ergeben sich jede Menge gut geschriebener Dialoge, bei denen ich schon mal lachen musste, obwohl die Ergebnisse der Ermittlungen von Tag zu Tag zu scheußlicher werden.

Wie man es bereits von Gruber kennt, gibt es auch dieses Mal kurze Schwenks in die Vergangenheit, anhand derer man sich nach und nach zusammenreimen kann, was der Hintergrund der Mordserie ist und weshalb die Nonne beim BKA erscheint und gezielt nach Maarten S. Snejder verlangt. Das ist für meinen Geschmack auch ein klitzekleines Kritikpünktchen, ich wäre eigentlich gerne noch eine Weile länger im Dunkeln herumgetappt, aber dem insgesamt positiven Eindruck tut das keinen Abbruch.

Für alle Sneijder-Fans habe ich außerdem eine gute Nachricht: Ihr werdet in “Todesmal” wieder voll auf eure Kosten kommen! Seine Arroganz, seine Schrullen, seine “umgängliche” Art, mit der auf alle gesellschaftlichen Konventionen pfeift, all das beschreibt Gruber einfach perfekt, ohne dass es übertrieben und unglaubwürdig wirkt. Dazwischen blinzeln aber auch immer wieder seine menschlichen Seiten durch, meist dann, wenn man es nicht unbedingt von ihm erwartet.

Und um das jetzt noch einmal zusammenzufassen: Wenn ihr eine rasanten, in sich stimmigen Thriller lesen wollt, der außerdem mit jeder Menge Humor aufwarten kann, dann ab mit euch in die Buchhandlung eurer Wahl. Denn mit Todesmal könnt ihr meiner Meinung nach absolut nichts falsch machen!

Mein Fazit:

Mit “Todesmal” besinnt sich Gruber wieder auf das, was er am besten kann: Eine spannende Geschichte mit skurilen Hauptfiguren zu erzählen, wo aber auch der Humor nicht zu kurzkommt. Daher sage ich: Lest es, wenn ihr Thriller liebt!

  • ★★★★★
  • Klappenbroschur
  • 592 Seiten
  • Goldmann
  • 978-3442486564
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Rezension Ursula Poznanski – Erebos 2

Man kann es nicht anders sagen: Seit bekannt wurde, dass es eine Fortsetzung zu “Erebos” geben würde, habe ich angefangen, dem Erscheinungstermin des Buchs entgegen zu fiebern. Und die allerletzten Tage waren wohl meine ganz persönliche Folter …

Trotzdem habe ich versucht, meine Erwartungen an dieses Buch herunter zu schrauben, denn ich stelle es mir alles andere als leicht vor, als Autorin an ein Buch anzuknüpfen, dass so viele Fans hat wie “Erebos”.

Der Klappentext:

EREBOS IST ZURÜCK …UND HAT DAZUGELERNT
Als Nick auf seinem Smartphone ein vertrautes Icon in Gestalt eines roten E entdeckt, glaubt er zuerst an einen Zufall. Aber dann wird ihm klar: Erebos hat ihn wiedergefunden …
Der sechzehnjährige Derek hingegen ist nur kurz misstrauisch, als das rote E auf seinem Handy aufleuchtet. Zu spät begreift er, dass er selbst zu einer Spielfigur geworden ist. Und es um viel mehr geht, als er sich je hätte vorstellen können …

Meine Meinung:

Es fasziniert mich mittlerweile zunehmends, wie unterschiedlich Ursulas Bücher ausfallen. Während “Vanitas” schon ziemlich lange brauchte, ehe die Geschichte Tempo aufnahm, verliert die Autorin hier keine Zeit, denn Nick findet bereits im ersten Kapitel das rote E des Spiels auf seinem Handy wieder – und wie er bald lernen muss, ist das Löschen der App nicht unbedingt eine gute Idee.

Derek dagegen hat keine Vorgeschichte mit Erebos, ist deswegen unvoreingenommener, was das Spiel angeht. Er wundert sich zwar, warum es ihn ausgewählt hat, das ist aber auch schon alles. Mit seinem Charakter dürfen wir beim Lesen wieder in die Welt des Spiels eintauchen, so wie wir es bereits in Teil 1 durften.

Trotzdem geht die Autorin hier neue Wege, das wird schon bald klar, da es nun zwei Hauptfiguren gibt, deren Weg durch das Spiel bestimmt wird. Und während Nick versucht, mit Hilfe seiner alten Freunde Erebos loszuwerden, begleitet der Leser Derek schon bald bei seinen ersten Aufträgen im realen Leben. Denn genau wie in Teil 1 verfolgt das Spiel auch hier ein ganz bestimmtes Ziel, das sehr lange im Dunkeln bleibt. Zwar gibt es Hinweise, aber ich tappte trotz allem recht lange im Dunkeln.

Wirklich großartig fand ich in diesem zweiten Teil die Atmosphäre, die der Terror des Spiels gerade bei Nick auslöst. Es ist eine Sache zu wissen, dass wir mit unseren Smartphones unsere ganz persönliche kleine Wanze und ein Ortungsgerät herumtragen, eine ganz andere, wenn man zum Beispiel sieht, wie das Spiel damit umgeht, wenn Nick nur versucht, mit jemandem darüber zu sprechen. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie oft ich versucht war, alle digitalen Geräte einfach zu nehmen und in den nächstbesten Mülleimer zu werfen …

Was dagegen wohl ein wenig zu kurz kam, sind die Szenen in der Spielwelt selbst. Der Fokus liegt dieses Mal ganz klar auf den Dingen, die sowohl Nick als auch Derek im realen Leben für das Spiel tun müssen. Aber gerade dieses Geheimnisvolle fesselte mich bereits nach kurzer Zeit wieder so sehr, dass es mir schwer fiel, das Buch zur Seite zu legen. So viele Geheimnisse, so viele Rätsel, so viele Fragen …

Für die Fans der ersten Stunde hat Ursula außerdem jede Menge Anspielungen und Überraschungen eingebaut, es lohnt sich also durchaus, Teil 1 vor Teil 2 zu lesen, einfach um alles richtig einordnen zu können. Ich schätze, man kann Teil 2 auch für sich lesen, aber es ist in meinen Augen nur der halbe Spaß.

Die Auflösung am Ende stellte zumindest für mich doch eine gewisse Überraschung dar, aber das Thema finde ich gut gewählt, auch wenn es in letzter Zeit relativ wenig Schlagzeilen gemacht hat. Das Motiv, Erebos wieder zu reaktivieren, überzeugte mich jedoch nicht so ganz. Zwar ist es nachvollziehbar, aber es blieb die Frage, ob man es nicht auch ohne den Terror bei den Spielern hätte erreichen können.

Schön fand ich aber, dass die Autorin uns hier ein “runderes” Ende serviert als noch mit “Erebos 1”. Es wurden sogar noch Fragen aus Teil 1 beantwortet, mit denen ich so gar nicht gerechnet hatte. Zu sehr möchte ich jetzt nicht ins Detail gehen, aber wer Teil 1 gelesen hat, wird wissen, was ich meine.

Somit kann ich sagen: “Erebos 2” hat alles, was ein guter Jugendbuch-Thriller benötigt, wenn auch mit ein paar kleinen Schönheitsfehlern. Das macht für mich 4,5 Sterne, die ich aber gerne aufrunde.

Mein Fazit:

Die Mischung aus Jugendbuch, Thriller und dem wohl intelligentesten Computerspiel, was die Buchwelt zu bieten hat, konnte mich auch in Teil 2 begeistern, auch wenn es aus verschiedenen Gründen nicht ganz an das Original heranreicht.

  • ★★★★★
  • Hardcover
  • 512 Seiten
  • Loewe
  • 978-3743200494
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